Erster Synthesizer 672 Tasten, 336 Regler, 200 Tonnen schwer

Es brauchte 30 Zugwaggons, wenn dieses Instrument bewegt werden sollte. Dafür konnte man den Sound per Musik-Flatrate übers Telefon bestellen - und das vor hundert Jahren. Mark Twain war so begeistert, dass er seinen Tod verschob.

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Wie hatten die das Orchester nur durch den Gully gekriegt? Neugierig spähten New Yorker Passanten an diesem Oktoberabend 1907 durch das Loch in die Dunkelheit. Nichts zu sehen. Und doch war es zu klar hören, zwischen Autohupen und Hufgetrappel der Kutschen im Lärm des Feierabendverkehrs auf dem Broadway: Irgendwo da unten im Abwasserkanal saßen Musiker. Und spielten Wagners "Lohengrin".

"Eine deutsche Band probt in der Kanalisation", vermutete ein Herr, "damit sie nicht wieder mit Ziegeln beworfen wird." Ein paar Leute schmissen Kleingeld hinunter. Immer mehr strömten herbei, die fremdartig klingenden Instrumente stimmten ein neues Stück an - "Kiss Me Good-Bye and Go, Jack". Eine Dame feixte: "Da hat sich wohl so ein sentimentaler Komponist, der keine Anerkennung kriegt, lebendig begraben."

Tatsächlich saßen die Musiker nicht im Muff des Abwassers, sondern in einem eleganten Salon 14 Blocks weiter. Und sie spielten auch keine klassischen Instrumente, sondern ein futuristisches Monstrum: 672 Tasten, 336 Schieberegler, ein Gewicht von rund 200 Tonnen - der erste elektrische Synthesizer. Das Telharmonium.

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Telharmonium: Mark Twains Lieblingssynthesizer

Für kurze Zeit stürzte es New York Anfang des 20. Jahrhunderts ins Synthesizer-Fieber und verzückte Prominente wie Mark Twain. Es gab ein Musik-Vertriebsmodell ähnlich dem von Spotify - nur 100 Jahre früher. Dann verschwand das Telharmonium spurlos. Nicht mal Tonaufnahmen blieben.

Physikstudent Thaddeus Cahill hatte 1893 eine Idee: Wie ein Luftstrom in Orgelpfeifen Töne erzeugt, müsste auch elektrischer Strom Membranen schwingen lassen können. Er träumte von einem Instrument, das wie ein ganzes Orchester klänge. Cahill reichte ein Patent einer Maschine für "elektrische Musik" mit "vollendeter musikalischer Expressivität" ein. Durch Überlagerung von Tönen könne sie jeden Klang erzeugen - "Synthesizing" nannte er das Verfahren".

Frühe Musik-Flatrate

Der Clou: Der Musiker könnte spielen und das Publikum per Kabel kilometerweit entfernt zuhören. Jahrzehnte vor Erfindung des Radios und moderner Lautsprecher klang das wie Science Fiction.

Nicht zufällig: Cahills Idee zeigt Parallelen zum Sci-Fi-Roman "Looking Backward: 2000-1887" von 1888, mit dem er später selbst warb. Darin erwacht ein Mann nach hundertjährigem Schlaf im Jahr 2000 und bewundert die Neuerungen der Zukunft. Etwa Musik-Abos für alle US-Bürger, per Telefon können sie rund um die Uhr Konzerte hören.

Das Telharmonium lief mit komplexer Technik: Schwere Tonräder rotierten in Metallschächten und schlossen Stromkreise mit der exakten Frequenz der von ihnen erzeugten Töne. Damit war für jeden einzelnen Ton - und jeden der leiser mitschwingenden Obertöne - ein solcher Metallmechanismus nötig. Obendrein waren kompakte Röhrenverstärker für das Ausgangssignal damals noch nicht erfunden. Eines war klar: Transportierbarkeit würde nicht die Stärke des Instruments werden.

Ein Koloss: Das Telharmonium

Ein Koloss: Das Telharmonium

Cahill baute 1900 in Washington einen kleinen Prototyp, um Investoren zu überzeugen. Das Mini-Telharmonium hatte einen Tonumfang von nur einer Oktave. Und wog nur 18 Tonnen.

Bei Tests schickte Cahill die Klänge per Kabel in einen Ballsaal und einen Klub. Dort wurden die Stromimpulse in Schall verwandelt mittels "vibrationsübersetzender Vorrichtungen", sprich: in Telefonhörer gestopfter Papptrichter.

Ein Reporter staunte, wie das Instrument "mit absoluter Klangtreue den Klang von Bögen auf den Saiten, den glockenklaren Ton der Blechbläser [...] oder die außerordentlichen Töne einer Orgel" nachahmte. Physiker Lord Kelvin sprach von "einer der größten Leistungen, die je einem menschlichen Hirn entsprangen". Der reiche Abenteurer Oscar T. Crosby finanzierte Cahill eine Werkstatt in Holyoke (Massachusetts), groß genug für ein richtiges Telharmonium.

Plüschsaal für den Synthesizer

Zehn Schalttafeln mit 2000 Schaltern. 145 Wechselstromgeneratoren mit jeweils bis zu 15.000 Watt. Eine 18 Meter lange 200-Tonnen-Maschine, so massiv, dass sie auf 46 Zentimeter dicken Stahlträgern stand. Nein, die Männer, die das Instrument im Sommer 1906 in der Werkstatt abholten, hatten keinen leichten Job.

Der erste elektrische Synthesizer funktionierte im Grunde wie ein E-Werk - und hatte ähnliche Ausmaße: In mehr als 30 Frachtwaggons schaffte Cahill das Telharmonium nach New York. Mitten im Theaterdistrikt Rialto bezog es ein Haus an der Ecke 39. Straße und Broadway: die "Telharmonic Hall".

Innen wirkte der Saal fast wie ein tropischer Kolonialherren-Klub. Zwischen Farnen, Schlingpflanzen und römischen Säulen konnten 275 Zuhörer auf Armsesseln und Rattanstühlen Platz nehmen - oder auf einem kreisrunden Divan in der Raummitte.

Plüschiges Konzert-Ambiente

Plüschiges Konzert-Ambiente

"Nur zufällig", so ein Prospekt, "bemerkt man die Musik [...]. Der erste Eindruck ist, dass sie vom Keyboard kommt. Bei genauerer Betrachtung stellt man hingegen fest, dass sie nicht von dort, sondern aus der Blumenampel mit Farnen und Kletterpflanzen kommt; aus der Mitte des Divans; aus dem Hydrangea-Busch, oder aus den zwei Deko-Urnen." Überall waren Lautsprecher.

Der Telharmonist saß zwischen Riesenfarnen in einer Nische. Dort betätigte er die imposante Steuerkonsole, deren Kabelwirrwarr im Boden verschwand. Ins Kellergewölbe, das der Synthesizer komplett ausfüllte, groß wie der Maschinenraum eines Schiffes.

Schnell war der Andrang so groß, dass täglich vier Vorstellungen liefen, Eintritt: 50 Cent. Sie dienten als Werbung für das Hauptgeschäft - Musik-Abos.

"Ich muss sofort meinen Tod verschieben"

Cahill schloss einen Deal mit der New Yorker Telefongesellschaft und legte Kabel durch die Stadt. 25 Cent pro Stunde kostete die "Musik aus dem Hahn" auf vier Kanälen: Klassik, geistliche Musik, Oper, Populärmusik. Ein fünfter mit "Schlafmusik" war geplant.

Die ersten Kunden waren Edelrestaurants. Im Waldorf-Astoria, dem Plaza und dem Café Martin säuselten Telharmoniumklänge. Ein gutes Geschäft für die Läden, die zuvor Musiker bezahlen mussten. Selbst Kirchen buchten den Dienst, um sich Organisten zu sparen. Sogar Parks und Piers wollte Cahill bald beschallen. Sein Unternehmen brüstete sich, durch sie könnten endlich auch jene Musik genießen, "die sich diesen Service [...] bisher nicht leisten konnten".

Tatsächlich holten vor allem reiche New Yorker sich diesen Luxus in ihre Wohnungen. Der erste war Mark Twain. "Jedes Mal, wenn ich von einem neuen Wunder wie diesem höre", schwärmte der Schriftsteller, "muss ich sofort meinen Tod verschieben. Ich kann auf keinen Fall diese Welt verlassen, ehe ich es nicht wieder und wieder gehört habe." Das Telharmonium werde "für die menschliche Spezies ein größerer Wohltäter werden als das Telefon oder der Telegraf". Zu seiner Beerdigung, fantasierte Twain, könnten mit dem Instrument verbundene Straßenlaternen einen Trauermarsch spielen.

New York war 1907 im Telharmonium-Fieber. Landesweit wollte Cahill ein Netz von "Telharmonic Halls" aufbauen. Doch das System hatte Schwächen: Die Handhabung des Instruments, das allein 67 Lautstärkeknöpfe hatte, war ein Albtraum. Es musste mindestens zu zweit bedient werden.

Wer braucht schon Radio?

Statt der üblichen Piano-Klaviatur mit zwölf Tasten pro Oktave hatte Cahill zwei Keyboards mit 36 Tasten pro Oktave eingebaut, abwechselnd schwarz und weiß. 153 Tasten erzeugten gar keine Töne - sie waren vorsorglich eingebaut für die künftige Erweiterung . Zudem verstimmte das Telharmonium sich ständig und wurde immer leiser, je mehr Töne man anschlug.

Eine Herausforderung für die Musiker. Allerdings hatten sie durch vier tägliche Vorstellungen kaum noch Zeit zum Üben. Die Qualität der Konzerte sank - und damit die Besucherzahlen.

Das zweite große Problem: Ahnungslose New Yorker hörten bei Telefonaten plötzlich Synthesizer-Musik im Hintergrund. Denn das Telharmonium-Signal übertrug sich auf benachbarte Kabel. Wegen Beschwerden kündigte die Telefongesellschaft den Vertrag.

Cahill engagierte Lee De Forest, Pionier der Radiotechnologie. Er sollte Telharmonium-Musik per Funk senden. Das funktionierte auch - nur empfing man neben Musik nun auch Morsezeichen einer nahen Navy-Basis. Schlimmer noch: Soldaten hörten bei Funksprüchen klassische Musik und reagierten recht humorfrei.

Den Vertrag mit De Forest schlug Cahill aus - die sonderbare Radiotechnologie würde sich wohl nie durchsetzen. Eine fatale Fehleinschätzung.

Leider ein Millionengrab

Cahill senkte die Preise. Er setzte auf PR-Stunts wie musizierende Straßenbahnwaggons und Telharmonium-Musik aus einem Broadway-Gully. Er ließ Strom durch die Finger von Zuhörern fließen und Klänge scheinbar aus dem Körper eines Künstlers ertönen. Nichts half.

Nach einem Konzert im Februar 1908 war die Telharmonic Hall einfach zu, Rechnungen blieben unbezahlt, Briefe unbeantwortet. Im Juni 1908 durchsuchte ein Polizist das Haus - es war verlassen, Cahill nach Holyoke geflüchtet. Sein Experiment schien am Ende. Mehr als eine Million Dollar hatten Entwicklung und Vermarktung des Instruments gekostet, das nun keiner wollte.

Cahill und seine Erfindung
Bildagentur für Kunst, Kultur und Geschichte / Musikinstrumenten-Museum, Staatliches Institut für Musikforschung, SPK

Cahill und seine Erfindung

Selbst jetzt wollte er nicht aufgeben: Er raffte 300.000 Dollar zusammen, um ein drittes, raffinierteres Telharmonium zu bauen - sein ganzes Vermögen. Doch als er damit 1911 nach New York zurückkehrte, war der Glanz alter Tage verflogen: Nur noch ein schäbiges Haus in der West 56th Street konnte Cahill sich leisten. Mit seinem Bruder Arthur verlegte er Kabel zur Carnegie Hall und zum Broadway.

Endlich, am 23. Februar 1912, fand die Premiere statt, in einem kleinen Konzertraum im fünften Stock der Carnegie Hall. Die Presse nahm kaum Notiz. Das Instrument, hieß es in einer Kritik, könne klanglich nicht mal ein kleines Orchester ersetzen.

Spätes Erbe

Kein Comeback also, stattdessen 1914 der Bankrott. Die Idee, irgendwer würde für Musik per Telefon zahlen, schien absurd - spätestens als sich in den Zwanzigerjahren das Radio durchsetzte.

Als Thaddeus Cahill am 12. April 1934 starb, war sein Name ebenso unbekannt wie das Telharmonium. Jahre bemühte sich Arthur Cahill, einen Käufer für das letzte unverschrottete Exemplar zu finden, den Prototypen. Vergebens. Soweit es rekonstruierbar ist, wurde das Instrument nach Arthurs Tod wohl einem Schrotthändler übergeben, zusammen mit einer Kiste. Darin war die Asche von Thaddeus.

Die Technologie der Cahills jedoch überlebte: In den Sechzigerjahren boomte ein elektrisches Instrument mit verblüffender Klangvielfalt. Wie das Telharmonium nutzte es rotierende Tonräder. Wie das Telharmonium erlaubte es Klangsynthese durch die Kombination von Obertönen.

In einem jedoch unterschied sich die Hammond-Orgel von ihrem Urvater: Mit 200 Kilogramm war sie ein echtes Leichtgewicht.

insgesamt 5 Beiträge
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Thomas S. Grotevent, 10.07.2017
1. In den 1920ern
.. wurde die Grundidee eines "Orchesters mit Tasten" ganz anders - und durchaus erfolgreich - umgesetzt. Nicht mir Tonrädern und Membranen, sondern mit richtigen Instrumenten, die vom Spieltisch der Orgel gespielt wurden. Dazu kamen zahlreiche Toneffekte vom Vogelzwitschern bis zur Dampflokomotove. Es war das zeitalter des Stummfilms. Der Stummfilm hate nicht nur keine Sprache, er hatte auch keine Geräusche. Ein ganzes Orchester nebst Toneffekt-Leuten wäre aber viel zu teuer gewesen. In der Hauptsache waren es zwei Firmen, die die Idee einer "Theaterorgel" aufgegriffen und umgesetzt haben: Wurlitzer mit der "Mighty Wurlitzer" Theaterorgel und Morton mit der "Wonder Morton". Von diesen Theaterorgeln sind noch einige wenige erhalten. Die vermutlich größte original erhaltene Theaterorgel, eine 5-manualige hybride "Mighty Wurlitzer" mit mehr als 5000 Orgelpfeifen, einem kompletten Orchester und Toneffekten ist in Privatbesitz von Jasper SanFillipo in den USA. Viele wurden aufwändig von Liebhabern restauriert - einfach mal bei Youtube nach "Theatrical Organ" suchen.
Peter Neidhart, 10.07.2017
2. Laurens Hammond
hat seine Orgel schon 1935 auf den Markt gebracht
Martin Hagenspiegel, 10.07.2017
3.
Außerordentlich interessant ist, welchen Aufwand der Mensch bereit ist, auf sich zu nehmen, nur für Musik aus einem Telefonhörer zu hören. Das Grammophon war bereits 1887 der Phonograph bereits 10 Jahre früher. Die Natur des Schalls war also bereits 30 Jahre bekannt und es gab nun auch elektrische Hörer und Lautsprecher. Daß man trotzdem bereit war, Millionen nur für ein neues Instrument aufzuwenden finde ich schon sehr skuril.
Olaf Nyksund, 10.07.2017
4. Wer redet hier vom Preis?
@ Martin Hagenspiegel: 1. Ad Phonograph, Grammophon & ff.: das Ganze nennt sich "technischer Fortschritt" und ist an sich eine feine Sache. 2. Das Novum am Telharmonium war nicht so die Musikwiedergabe, sondern das Entstehen und Formen des Klanges. Die Telefonübertragung, also Vertrieb mittels eines bereits vorhandenen Übertragungsweges, war mehr oder weniger "ferner liefen" und, so wie ich den Artikel verstanden habe, eher eine Akquisemethode für Investitionsgelder. 3. Der Preis für das immerhin erste und einzige Gerät seiner Art mag imposant sein. Aber wenn Sie beachten, was zum Beispiel noch in den 1980er ein Synclavier-System kostete, sieht die Sache vielleicht etwas anderes aus. (Tipp: es ging um Preise bis zu 500.000 US-Dollar – wohlgemerkt für ein industrielles Serienprodukt, wenn auch eher in Kleinserien gebaut). Was einige Jahre früher (und später erst recht…) für ein Moog Modular-System zu zahlen war, variiert zwar konzeptbedingt sehr stark, aber so zwischen einem Mercedes Pullman und einem vornehmen Einfamilienhaus in bester Lage mit Einliegerwohnung dürfte es sich schon bewegt haben. Diese Dinger waren einfach exorbitant teuer.
Marc Hültz, 11.07.2017
5. Preiswert
Verglichen mit einer einzigen alten Geige kriegt man hier immerhin 200 Tonnen Instrument für sein Geld und nicht nur ein Kilo.
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