Erster Weltkrieg Der Untergang des Ostasiengeschwaders

Erster Weltkrieg: Der Untergang des Ostasiengeschwaders Fotos

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges erwischte das deutsche Kreuzergeschwader im Pazifik völlig unerwartet. Gegen die feindliche Übermacht hatte Vizeadmiral Graf von Spee kaum eine Chance - der Kommandeur entschied sich für die Schlacht. Von Jürgen Ritter

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August 1914: Die beiden Großen Kreuzer des deutschen kaiserlichen Ostasiengeschwaders, die "SMS Gneisenau" und das Flaggschiff "SMS Scharnhorst" waren gerade in den Marianen unterwegs, einer Inselgruppe Mikronesiens in deutschem Kolonialbesitz, als der Erste Weltkrieg ausbrach. Japan und England hatten eine Seeblockade über das deutsche Pachtgebiet Kiautschou in China verhängt - den beiden Schiffen wurde damit die Rückkehr zu ihrem Hafen und ihrer gut ausgebauten Versorgungsstation Tsingtau unmöglich. Der Kommandeur des Geschwaders, Vizeadmiral Maximilian Graf von Spee, zog seine weit verstreuten Schiffe auf der Insel Pagan zusammen. Was sollte er tun? Wie konnte er den enormen Bedarf seiner Kriegsschiffe an Nachschub, vor allem an Kohle und Proviant sichern?

Von Spee entschied sich, einen Kreuzerkrieg zu führen. Sein Ziel: feindliche Handelsschiffe kapern und anschließend versenken. Kohle war die wichtigste Beute. Ohne sie konnte sich die Flotte nicht bewegen. Die Schwierigkeit: Das Geschwader musste dazu die deutsch beherrschten Gewässer verlassen und ständig auf der Hut sein, nicht von der übermächtigen britischen Flotte aufgespürt zu werden. Daher gab der Kommandeur den Befehl, nach Südamerika auszuweichen. Bei den neutralen Staaten vor Ort hoffte er, seine Flotte besser versorgen zu können. Außerdem plante er wohl auch einen späteren Durchbruchversuch Richtung Heimat. Über Samoa, Tahiti, die Osterinseln und nach Kap Hoorn erreichte das Geschwader schließlich die Ostküste Südamerikas.

Der Kleine Kreuzer "Emden" blieb im Pazifik zurück. Er sollte den Handelskrieg eigenständig fortführen und feindliche Kräfte ablenken. Das deutsche Geschwader bestand inzwischen aus den Großen Kreuzern "Gneisenau" und "Scharnhorst" und den Kleinen Kreuzern "Nürnberg", "Leipzig" und "Dresden". Am 1. November 1914 verzeichnete das Ostasiengeschwader einen Achtungserfolg. Vor Coronel an der chilenischen Küste versenkte es ohne eigene Verluste die britischen Panzerkreuzer "Monmouth" und "Good Hope", was in Deutschland als großer Sieg gefeiert wurde. Doch das war übertrieben, denn die feindlichen Panzerkreuzer waren veraltet und deutlich unterlegen. Immerhin verloren die Briten damit aber ihren Ruf, "unbesiegbar" zu sein.

Seeschlacht vor den Falkland-Inseln

Die euphorische Stimmung hielt nicht lange an. Am 8. Dezember 1914 war Graf von Spee entschlossen, Port Stanley anzugreifen, er wollte sich mit Munition versorgen. Von Spee fuhr geradewegs in die Höhle des Löwen: Bei den Falkland-Inseln hatten die Briten eine große Armada zusammengezogen, die ihm und seinen Schiffen an Feuerkraft und Geschwindigkeit weit überlegen war. Die zwei Schlachtkreuzer "Invincible" und "Inflexible" sowie die Panzerkreuzer "Kent", "Carnavon", "Cornwall" und weitere Kriegsschiffe waren auf das deutsche Geschwader angesetzt.

Nachdem die "Nürnberg" und die "Gneisenau" die zwei Schlachtkreuzer gesichtet hatten, versuchte das deutsche Geschwader, nach Osten zu entkommen. Erfolglos. Von Spee entließ daraufhin die Kleinen Kreuzer, um wenigstens diese zu retten. Er selbst drehte gemeinsam mit der "Gneisenau" direkt auf den Gegner zu.

Das Gefecht dauerte schon beinahe drei Stunden, die "Scharnhorst" hatte viele schwere Treffer einstecken müssen und lag bereits bis zu den vorderen Kasematten im Wasser, da hielt sie noch einmal auf den Gegner zu: Von Spee wollte eine günstige Schussposition für die Torpedos. Als der vordere Turm den letzten Schuss abgefeuert hatte, ragte das Vorschiff nur noch einen Meter aus dem Wasser. Um 16.17 Uhr ging das Flaggschiff "SMS Scharnhorst" unter. Die Briten versenkten das gesamte Geschwader. Über 2000 deutsche Seeleute, unter ihnen Vizeadmiral Graf von Spee, kamen ums Leben - nur 214 überlebten.

Und die "Emden"?

Matrosen in der Wüste

Der im Pazifik zurückgelassene Kleine Kreuzer "Emden" schrieb Seekriegsgeschichte. Sein Handelskrieg im Pazifik verlief außergewöhnlich erfolgreich, der Kreuzer band erhebliche feindliche Kräfte und lenkte von der Absetzung des Geschwaders nach Südamerika ab. Zur Tarnung war ein falscher Schornstein angebracht worden, um einen britischen Kreuzer der sogenannten Town-Klasse vorzutäuschen. Kommandant des deutschen Kreuzers war Kapitän zur See Karl Friedrich Max von Müller. Die "SMS Emden" hatte in kurzer Zeit 16 feindliche Handelsschiffe mit über 70.000 Bruttoregistertonnen vernichtet. Im indischen Madras schoss das Kriegschiff Öllager in Brand. Im Hafen von Penang, in British Malaya, fielen ihm der russische Kreuzer "Schemtschug" und der französische Torpedobootzerstörer "Mosquet" zum Opfer.

Im November 1914 ereilte auch den besten Kaper-Kreuzer des Kaisers das Schicksal. Auf den Kokosinseln sollte die Besatzung eine australische Funk- und Kabelstation zerstören. Zu diesem Zweck war ein Landungszug von 50 Mann unter Führung des 1. Offiziers Kapitänleutnant von Mücke an Land gegangen. Doch bevor die Deutschen die Funkstation erreichen konnten, hatten die Australier noch "SOS. Emden here" funken können. In kurzer Zeit war der australische Kreuzer "Sydney" zur Stelle und schoss die "Emden" kampfunfähig. Kommandant von Müller musste den Landungszug zurücklassen und setzte die "Emden" auf ein Riff, um seiner Mannschaft die Rettung zu ermöglichen.

Der Landungszug machte Schlagzeilen: Die auf der Insel zurückgelassenen Matrosen kaperten den vor Anker liegenden nur bedingt seetüchtigen britischen Schoner "Ayesha" und verschwanden im Indischen Ozean. Sie schafften es bis nach Padang in Niederländisch-Indonesien, wo sie einen Dampfer fanden, der sie an die Südküste Arabiens brachte. Von dort schlug sich von Mücke mit seiner Mannschaft zu Land und auf arabischen Daus entlang der Küste des Roten Meeres nach Norden durch. Sie bestanden mehrere Gefechte mit aufständischen Beduinen. Als "Karawane der Matrosen" durchquerten sie auf Kamelen die Wüste des Jemen, um zur Hedschasbahn zu gelangen, die sie weiter nach Istanbul bringen sollte. Alle, die diesen Trip überlebt hatten, kehrten wieder in die Heimat zurück. Hellmuth von Mücke machte diese Aktion zu einem der prominentesten deutschen Seeoffiziere, und er schrieb zwei Bücher über seine Kriegserlebnisse. Nach dem Zweiten Weltkrieg engagierte er sich gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik.

Versteckspiel in Patagonien

Vom Ostasiengeschwader hielt sich der Kleine Kreuzer "Dresden" am längsten, der über einen modernen Turbinenantrieb verfügte. Mehrfach schlich er sich unbemerkt an britischen Schiffen vorbei oder entkam dank seiner außergewöhnlichen Schnelligkeit von mehr als 24 Knoten. Das hohe Tempo kostete jedoch viel Brennstoff. Im chilenischen Hafen Punta Arenas sollten die Vorräte aufgefüllt werden, doch für eine Rückkehr in heimische Gewässer reichten sie nicht aus. Nach dem Tipp eines ortkundigen Deutschen ging das Schiff in einer der vielen noch unerschlossenen Buchten vor Patagonien unentdeckt vor Anker. Bis weit über Weihnachten hinaus wartete es in der Cumberlandbucht im Norden der chilenischen Insel Mas a Tierra, auch bekannt als Robinson-Crusoe-Insel, auf den angeforderten Nachschub. Der Erste Seelord Winston Churchill hatte inzwischen ein Kopfgeld auf die "Dresden" ausgesetzt.

Entdeckt wurde der Kreuzer im März 1915 nach einem Funkspruch in die Heimat. Oberleutnant zur See Canaris hatte vorher als Verhandlungsführer seines Kapitäns den Kommandanten der britischen Kriegsschiffe vergeblich auf die Seekriegsrechtsverletzung verwiesen und um Waffenruhe gebeten. Die "Dresden" verfügte kaum noch über Munition und Kohle. Ein Kampf war völlig aussichtslos. Doch die Briten griffen an. Der Kommandant befahl, das Schiff zu sprengen, damit es nicht in Feindeshand geriet. Die Matrosen, die den Angriff überlebten, wurden interniert. Nur wenigen gelang die Flucht, unter ihnen Canaris, der spätere Abwehrchef des "Dritten Reiches".

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