Erster Weltkrieg Letzter Veteran der Mittelmächte gestorben

Erster Weltkrieg: Letzter Veteran der Mittelmächte gestorben Fotos
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Im Alter von 107 Jahren ist Franz Künstler gestorben. Er war der älteste Deutsche und der letzte überlebende Veteran der mit Deutschland verbündeten Mittelmächte aus dem Ersten Weltkrieg. Von Hans Michael Kloth

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Anfang 2008 wurde Franz Künstler plötzlich eine Art Star - im reifen Alter von 107 Jahren. Fanpost aus aller Welt ging bei dem Greis aus dem baden-württembergischen Niederstetten ein, Autogrammwünsche und Interviewanfragen der Presse. Der langjährige Museumsführer nahm es gelassen, auch wenn er niemandem antwortete, der kein Rückporto beilegte.

Auslöser für die plötzliche Popularität des am 24. Juli 1900 Geborenen war der Tod eines anderen 107-Jährigen: Mit dem Ableben von Dr. Erich Kästner in einem Kölner Altersheim im Januar 2008 war Künstler offiziell zum ältesten lebenden Deutschen avanciert.

Doch das Interesse aus aller Welt hatte einen ganz anderen Grund: Künstler, so wurde durch die Nachrufe auf seinen Altersgenossen Kästner einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, war ebenfalls Veteran des Ersten Weltkriegs - und zwar der letzte bekannte Überlebende, der im Großen Krieg von 1914-18 auf Seiten der mit Deutschland verbündeten Mittelmächte gekämpft hatte.

Der letzte deutsche Veteran?

Am Dienstag, dem 27. Mai 2008, ist auch Franz Künstler in seiner Wahlheimat Niederstetten, wo er seit 1946 lebte, gestorben. War er "der letzte deutsche Veteran des ersten Weltkriegs", wie einige Agenturen schrieben? Der Fall ist komplizierter - und das dies so ist, liegt auch an den Folgen jenes Krieges, in den Künstler vor über 90 Jahren als 17-Jähriger hatte ziehen müssen.

Ethnisch war der gelernte Einzelhandelskaufmann Donauschwabe, Angehöriger der deutschen Minderheit der aus dem damals zum Königreich Ungarn gehörigen Städtchen Soost. Als er im März 1918 des Kaisers Rock anziehen musste, war es aber nicht der des preußisch deutschen Herrschers Wilhelm II., sondern den der k.u.k-Doppelmonarchie und ihres jungen Kaisers Karl I.

Insofern war Küstner nicht der letzte Weltkriegs-Veteran der deutschen Armee, sondern der österreichischen. Nach dem Zweiten Weltkrieg allerdings, in dem er kurze Zeit in der Ukraine als Kradmelder der Wehrmacht diente, musste er aus seiner ungarischen Heimat fliehen. 1946 ließ er sich 1946 im bundesdeutschen Südwesten nieder und nahm auch die deutsche Staatsbürgerschaft an - im weiteren Sinne war er also doch so etwas wie der letzte "deutsche" Weltkrieg-1-Veteran.

Kultstatus, ein Frühjahr lang

In jedem Fall war Künstler der letzte Überlebende, der im Weltkrieg von 1914/18 auf Seiten der Mittelmächte gekämpft hatte: Am 2. April war auch der letzte osmanische Veteran im Alter von 110 Jahren verstorben.

So war es wohl das Gefühl, bei Künstler noch aus erster Hand etwas über eine eigentlich schon längst untergegangene Epoche zu erfahren, die ihm bei Geschichtsinteressierten und besonders bei der großen Schar der vom Ersten Weltkrieg Faszinierten ein Frühjahr lang fast schon Kultstatus garantierte - einen eigenen Wikipedia-Eintrag inklusive.

Gerade junge Menschen waren fasziniert von den Erlebnissen des jungen Gefreiten im 5. k.u.k. Feldkanonen-Regiment an der italienischen Piave-Front, seiner Flucht zu Fuß nach Undine bei Kriegsende und weiter nach Wien - aber auch von seiner ethnischen Selbstverortung als Deutscher aus Südosteuropa.

Seit dem Tod seiner Frau Elisabeth, mit der er sechzig Jahre verheiratet gewesen war, im Jahre 1981, lebte Künstler allein und versorgte sich bis zuletzt selbst; zu seinen Geburtstagen lud er jeweils zwanzig Gäste - jedes Jahr andere. Mit der Kirche hielt es Künstler nicht so sehr. "Pfarrern und Ärzten glaube ich kein Wort", erzählte der jetzt Verstorbene noch vor wenigen Wochen der Zeitschrift "Cicero". 1918 habe er miterlebt, wie Feldgeistliche die Kanonen segneten und die Soldaten aufforderten, den Feind zu vernichten: "Wie kann ein Pfarrer so etwas sagen?" Den Medizinern schlug er ein Schnippchen, als er sich mit 100 am Darm operieren ließ. Künstlers Resümee: "Wenn ich 110 bin, kann mich der Teufel holen."

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