Erster Weltkrieg Exzess um Mitternacht

Alles deutete auf einen Heldentod hin: Vier Tage nach der deutschen Kriegserklärung von 1914 erschütterte das Kaiserreich die Nachricht vom ersten gefallenen General - Karl Ulrich von Bülow, Bruder des Ex-Kanzlers. Doch die Rekonstruktion der Ereignisse entlarvte einen Mythos.

Peter Winzen

Von Peter Winzen


Am 7. August 1914 erreichte Bernhard Fürst von Bülow die tragische Nachricht: Der gerade erst beginnende Weltkrieg hatte bereits ein Opfer aus seiner eigenen Familie gefordert. Als erster deutscher General sei Karl Ulrich von Bülow, sein jüngerer Bruder, nahe Lüttich gefallen. Der Fürst bemühte sich um Haltung: "Wir verlieren viel an meinem lieben Bruder, der mir seit seiner Jugend besonders nahe stand", schrieb er an einen kondolierenden Gelehrten. "Aber daß er als erster deutscher General in diesem Kriege fiel, erfüllt mich mit Stolz, und wir klagen nicht."

Diese tröstende Interpretation fiel zwei Wochen später jäh in sich zusammen. Bis zu diesem Tag, so betonte Fürst von Bülow, habe er angenommen, sein Bruder sei "entweder von Franctireurs (Heckenschützen, Anm. d. R.) oder von belgischen regulären Truppen, oder vielleicht auch von einem preußischen Posten aus Versehen erschossen worden". Dann aber erhielt er einen Brief von Hauptmann Herwarth von Bitterfeld - die eigentliche "Schreckensbotschaft". Der Generalstabsoffizier der neunten Kavalleriedivision teilte ihm mit, "daß mein Bruder Karl sich erschossen habe!"

Selbstmord! Der ehemalige Reichskanzler war sichtlich mitgenommen. "Noch nie", so berichtete ein langjähriger Vertrauter, habe er den Fürsten "so unter der Wucht eines Ereignisses gesehen" wie bei dieser Gelegenheit. Bernhard selbst ließ den Kaiser wissen: "Ich stehe (…) vor einem Rätsel. Nichts in dem Charakter meines Bruders, seinen Anschauungen, seiner Erziehung, seinem bisherigen Leben erklären ein so schreckliches Ende."

Doch ganz so ahnungslos, wie er vorgab, scheint der Fürst nicht gewesen zu sein.

Düstere Vorahnung

Denn Bernhard kannte seinen Bruder Karl Ulrich, dessen homosexuelle Neigungen in militärischen und publizistischen Kreisen bekannt waren, nur allzu gut. Er hatte ihm geholfen, eine erfolgreiche Offizierslaufbahn einzuschlagen, die Karl Ulrich schließlich in den Rang eines Militärattachés an die Wiener Botschaft brachte. Von hier aus diente er seinem Bruder zugleich als Informant über die Wiener Szene. Der dortige deutsche Botschafter war damals der enorm einflussreiche Kaiserintimus Philipp Graf zu Eulenburg, dem ausschweifende homosexuelle Aktivitäten nachgesagt wurden.

Karl Ulrich wäre gern länger in Wien geblieben, doch sein Bruder, damals noch Reichkanzler, sorgte 1907 für seine Versetzung ins Garde-Ulanen-Regiment nach Berlin. Das Vertrauen der militärischen Vorgesetzten in die soldatischen Fähigkeiten Karl Ulrichs allerdings dürfte nicht allzu groß gewesen sein, denn trotz Protektion brachte er es bis zum Vorabend des Ersten Weltkriegs lediglich zum Kommandeur der 3. Garde-Kavallerie-Brigade. Dafür war er als Flügeladjutant ein beliebter Gesprächspartner des Kaisers, der ihn mehrfach auf seinen Mittelmeerfahrten mitnahm.

Ungeachtet seiner Beförderung zum Generalmajor hatte sich Karl Ulrich bereits mit dem Gedanken getragen, das Militär zu verlassen - als ihn der Weltkriegsausbruch zwang, sich der Herausforderung als Patriot zu stellen. Am 31. Juli 1914 wurde Karl Ulrich von Bülow zum Kommandeur der in Münster/Westfalen stationierten neunten Kavalleriedivision ernannt. Die Berliner Extrablätter verkündeten an jenem Tag bereits den "allgemeinen Kriegszustand".

Voll düsterer Vorahnung schrieb Karl Ulrich an seinen Bruder Bernhard und dessen Frau: "Wenn wir uns im Leben nicht wiedersehen sollten, tausend Dank für alles Gute und Liebe, das Marie und Du mir im Leben erwiesen."

Verhängnisvoller Befehl

Am 3. August 1914, dem Tag der deutschen Kriegserklärung an Frankreich, stand Generalmajor Karl Ulrich von Bülow unweit der deutsch-belgischen Grenze auf dem Eifeler Truppenübungsplatz Elsenborn. In einer Ansprache mahnte er seine Truppen "zum Gottvertrauen und zur Königstreue". Am frühen Morgen des folgenden Tages erfolgte der Abmarsch der Division nach Belgien. Die von ihm befehligten Reitertruppen erreichten am Abend des 5. August das Dorf Lincé südöstlich von Lüttich, wo sich der Führungsstab im dortigen Schloss einquartierte.

Den friedlichen Einwohnern der 800-Seelen-Gemeinde stand eine dramatische Nacht bevor. Gegen Mitternacht hallten Gewehrschüsse durch den Ort, "Franzosen hier" brüllte kurz darauf hysterisch ein deutscher Offizier. In der Annahme, von belgischen Heckenschützen angegriffen worden zu sein, ordnete Bülow massives Gewehrfeuer an. Er befahl, das Dorf zu zerstören und alle männlichen Einwohner gefangen zu nehmen.

Während die Häuser von Lincé niederbrannten, rief er im Morgengrauen auf freiem Feld ein improvisiertes Kriegsgericht ein. Alle Beschuldigten, so der Befehl, seien nach dem Urteilsspruch umgehend zu erschießen. 23 männliche Einwohner im Alter zwischen 16 und 73 Jahren wurden daraufhin am frühen Vormittag des 6. August einzeln durch Genickschuss hingerichtet. Elf weitere Zivilisten, darunter drei Jugendliche und ein zehnjähriges Mädchen, waren bereits während der wilden nächtlichen Schießerei getötet worden.

Erkenntnis bei Tage

Die Lageanalyse am darauf folgenden Tag war ernüchternd: Die französische Armee befand sich zu diesem Zeitpunkt in mehr als 40 Kilometer Entfernung, Teile der belgischen Armee hatten sich in Lüttich verschanzt, kein einziger Franktireur - wenn es in der Gegend überhaupt welche gegeben hatte - war auf frischer Tat ertappt, Waffen waren bei den Hingerichteten nicht gefunden worden. Im Laufe des Tages beruhigte sich die Lage in Lincé. Die Vorkommnisse der Nacht erschienen nur noch wie ein böser Spuk.

Doch das Massaker und die sinnlose Verwüstung des Ortes Lincé waren real. Generalmajor Karl Ulrich von Bülow hatte seinen überwiegend rabiaten Offizieren völlig freie Hand gelassen und ließ jegliche Führungsqualitäten vermissen. Wie konnte es so weit kommen?

Vielleicht, weil er genau das Gegenteil hatte beweisen wollen. Womöglich hatte er versucht, seine homosexuelle Veranlagung zu kaschieren - durch besonders forsches und unnachsichtiges Auftreten in dieser undurchsichtigen Kriegssituation.

Seine tief religiöse Überzeugung stürzte ihn außerdem in einen weiteren Konflikt: Er hatte den Ortspfarrer Victor Demarteau begnadigt - und war dadurch mit seinen Stabsoffizieren aneinander geraten: Die sahen in dem Geistlichen den eigentlichen Rädelsführer der vermeintlichen Franktireurs.

Der Prüfung nicht standgehalten

Mit dem Eingeständnis seines Versagens als militärischer Befehlshaber kam der sensible General offenbar nicht mehr zurecht. Noch in der Nacht zum 7. August setzte er seinem Leben in der Nähe des Schlosses von Lincé ein Ende.

Fürst von Bülow bemühte sich, die These vom Suizid seines Bruders zu widerlegen. Er stellte eigene Erkundungen an und erwirkte ein Gefälligkeitsgutachten eines befreundeten Mediziners. Doch was er letztlich vorbringen konnte, hielt einer kritischen Prüfung nicht stand.

Die Schlossbewohner hatten einen Schuss gehört und waren nach draußen geeilt, wo sie in einem nahe gelegenen Wäldchen Bülows "Leiche auf dem Rücken liegend" fanden, "in der Hand einen Revolver, in dem eine Patrone fehlte". Die Kugel war, so beschreibt ein Augenzeuge, "in den Kopf am linken Scheitelbein" eingedrungen und hatte "ihn an der rechten Schläfe in der Höhe des rechten Auges wieder verlassen. Der Einschuss war klein, der Ausschuss größer."

Zum Weiterlesen:

Peter Winzen: "Bernhard Fürst von Bülow. Weltmachtstratege ohne Fortune - Wegbereiter der großen Katastrophe", Muster-Schmidt Verlag, 2003, 186 Seiten.



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Christoph Winterer, 27.02.2011
1.
Normalerweise machen nur Frauen (gerne Übersetzerinnen von Krimis) diesen Fehler: "im Revolver fehlte eine Patron". Ei, dann fehlte sie halt! Beim Schuss ist sie jedenfalls nicht herausgefallen, das passiert nur bei einer (halbautomatischen) Pistole. Die Kugel, ja die kann fehlen.
Karlheinz Dreyer, 28.02.2011
2.
Wahrscheinlich fehlte tatsächlich eine Patrone, weil die Offizierswaffe in der Regel eine Pistole war. Jetzt haben sich schon zwei Korinthenkacker zu Wort gemeldet. Muß man denn immer so genau sein? Es geht doch nur um Geschichte...
Raeuber Tochter, 28.02.2011
3.
@ Christoph Winterer: Na, verbittert darüber, dass heutzutage Frauen alle möglichen Berufe ergreifen dürfen, z.B. auch Krimiübersetzerin? Und dass Waffenwissen heute einfach so wenig wert ist? Jaja, damals war schon vieles besser. Ein echter Mann wusste sicher über Revolver und andere Tötungsmaschinen bescheid...
Alfred Martin Bucher, 28.02.2011
4.
Na ja, so richtig klar stellen tun Sie den Sachverhalt ja auch nicht, oder? Bei einem Revolver fehlt das Projektil, die Hülse bleibt in der Trommel bis zum manuellen Auswurf mittels Ejektor. Dshalb hat Revolvermunition einen überstehenden Rand am Hülsenboden. Bei einer Pistole hingegen wird die Hülse durch den vom Rückstoss bedingten Ladevorgang ausgeworfen und zwar sowohl bei einer halbautomatischen wie auch bei einer automatischen Pistole. Hier steht der Hülsenboden nicht über um das seitliche Auswerfen zu ermöglichen. Zugegeben, ein bisschen viel Technik, aber wenn schon, denn schon...
michael helderlein, 28.02.2011
5.
Es ist leider Mode geworden, im Umgang mit historischen Figuren wild zu psychologisieren. Der Autor dieses ansonsten sehr lesenswerten Beitrages hat sich hinreißen lassen und dabei nicht nur ins Blaue hinein spekuliert, sondern auch noch seine eigene Vorstellungswelt offengelegt: Indem er mutmaßt, mit seinem rücksichtslosen und grausamen Vorgehen habe Bülow seine Homosexualität kaschieren wollen, unterstellt er ihm geradezu, seiner Neigungen wegen ein Defizit an Männlichkeit und Härte, zumindest aber diesbezügliche Selbstzweifel gehabt zu haben. Auch wenn sich der Autor in seinen Büchern oft mit der Liebe zwischen Männern befasst, sollten Ereignisse und Tatmotive nicht zwangsläufig damit in Übereinstimmung gebracht werden.
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