Erster Weltkrieg Letzte Hoffnung Himmelfahrtskommando

Angetrieben von einem besessenen General stürmte das deutsche Heer im Juli 1918 ein letztes Mal in Richtung Paris. Die Schlacht an der Marne bescherte den Deutschen eine blutige Niederlage - und besiegelte den Untergang des Kaiserreichs.

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Einmal noch Paris sehen - General Erich Ludendorff war wie besessen von dieser Idee. Ende Mai 1918 hatte es fast geklappt, als deutsche Truppen den als uneinnehmbar geltenden Höhenzug Chemin de Dames nördlich von Reims gestürmt und sich noch einmal bis auf 80 Kilometer an die französische Hauptstadt herangekämpft hatten. Ein Teilerfolg, der den Ersten Generalquartiermeister und Stellvertreter des Feldmarschalls Paul von Hindenburgs in der Obersten Heeresleitung Mitte Juli 1918 zu einem erneuten Vorstoß in Richtung Paris verführte.

Diesmal jedoch waren die Ausgangsbedingungen schlecht. Die Deutschen waren durch die vorangegangene Offensive stark geschwächt - von März bis Juli 1918 hatte das Westheer rund eine Million Soldaten verloren. Im Sommer 1918 befiel zudem die aggressive Spanische Grippe die deutschen Soldaten, im Juni waren nahezu eine halbe Million infiziert. Oft endete die Krankheit tödlich. Die Truppenstärke schmolz dahin: Allein im Bereich der Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht betrugen nur die krankheitsbedingten Ausfälle im Mai und Juni durchschnittlich nicht weniger als tausend Mann pro Tag.

"Wir hauen ein Loch hinein - das Weitere findet sich"

Pferde, Kriegsgerät und Nahrung - alles war knapp. Die überhaupt noch einsatzfähigen Soldaten waren ausgehungert, für sie waren die wenigen Essensvorräte wichtiger als der Gedanke an Kaiser und Vaterland. Demoralisiert wurden die deutschen Truppen zudem von der Tatsache, dass sie sich seit März 1918 einem weiteren, neuen Gegner gegenübersahen: Amerika.

Mit fast zwei Millionen Soldaten eilten die Vereinigten Staaten der Entente, dem Bündnis Frankreich-Großbritannien-Russland, zur Hilfe. Die US-Truppen waren dabei nicht nur ausgeruht und kampfesmutig, sie waren auch deutlich besser ausgerüstet. Vor allem konnten sie sich auf eine neuartige Waffe verlassen, die ihnen einen großen Vorteil gegenüber den Deutschen verschaffte: den Panzer.

Doch Ludendorff wollte es, ungeachtet der schlechten Vorzeichen, noch einmal wissen. Getreu seiner "Büffelstrategie" ("Wir hauen ein Loch hinein. Das Weitere findet sich") zog der mächtige preußische General alle ihm zur Verfügung stehenden Truppen zusammen, um eine fünfte, finale Offensive gegen die Franzosen zu wagen. Reims sollte in einer Zangenbewegung genommen, die Marne in Richtung Süden überquert und so der Weg nach Paris geebnet werden. Am 15. Juli war es soweit.

Trommelfeuer aus 3000 Geschützen

"Eine Stunde nach Mitternacht vermischt sich mit dem Poltern des heranziehenden Gewitters ein anderes Wetterleuchten. Ein glitzerndes Streufeuer läuft über die deutsche Front beiderseits Dormans. Aus 3000 Geschützen brüllt das Trommelfeuer", beschrieb der rechtsnationale Autor Werner Beumelburg den Beginn des letzten deutschen Angriffs. Über die Marne - koste es, was es wolle, lautete die ausgegebene Losung. Unter gegnerischem Artilleriefeuer wuchteten die Deutschen ihre Pontons durch die Dunkelheit in Richtung Fluss. "Das ganze Marnetal brüllt. Es stinkt von Pulverschwaden und süßlichem Gasgeruch", so Beumelburg. Trotz großer Verluste erreichten die Deutschen die Marne. Die ersten Pontons setzten über, provisorische Brücken entstanden.

Noch bot ihnen die Dunkelheit Schutz. Doch sobald der Tag anbrach, hatten die Deutschen keine Chance mehr. "Französische Jagdflieger stoßen mit spritzendem Maschinenfeuergewehr auf die Brückenbauer herab", beschrieb Beumelburg später die Schlacht, "Bombengeschwader nahen in großer Höhe. Das Wasser bäumt sich zu gewaltigen Fontänen." Schon am Abend des 15. Juli hatte sich der deutsche Angriff festgelaufen. Der Kampf war aussichtslos.

Das endgültige Desaster folgte drei Tage darauf. Bevor die Deutschen den Untergang erlebten, konnten sie seine Vorboten hören - als dumpfes Motorengeräusch auf der gegnerischen Seite. 400 Panzer standen an der Front zwischen der Aisne und Château-Thierry bereit, flankiert von 13 französischen und drei US-Divisionen. Am frühen Morgen des 18. Juli überquerten zwei französische Deserteure das Schlachtfeld und warnten die Deutschen vor der unmittelbar bevorstehenden Gegenattacke, die zwischen 5 und 6 Uhr beginnen werde.

Der Anfang vom Ende

Unter dem Befehl der Generäle Charles Mangin und Jean Marie Degoutte griff die alliierte Übermacht im Morgengrauen aus den Wäldern um Villers-Cotterêts an und drängte die Deutschen weit hinter die Marne zurück. "Der Feldzug von 1918 ist gescheitert. Was jetzt kommt, ist nur noch der Kampf um ein erträgliches Ende", resümierte Beumelburg. Am Tag der zweiten alliierten Angriffswelle besuchte der Kaiser die Oberste Heeresleitung, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Es war ein trauriges Bild - ein Bild der Niederlage. In dieser Nacht hatte Wilhelm II., so die Überlieferung, einen Traum: Gemeinsam mit allen Generälen hätten sich seine englischen und russischen Verwandten über den Verlierer lustig gemacht. Nur die kleine Königin von Norwegen sei noch freundlich zu ihm gewesen.

"Fern hinter den Bergen liegt abermals die Marne", konstatierte Beumelburg enttäuscht. Zum zweiten Mal in der Geschichte entschied sich an den Ufern dieses Flusses das Kriegsglück. Die erste Marneschlacht, bei der die Franzosen hier im September 1914 den deutschen Vorstoß auf Paris mit letzter Kraft gestoppt und den legendären "Schlieffen-Plan" durchkreuzt hatten, lag fast vier Jahre zurück.

Zum Schluss die Nerven verloren

Der französisch-amerikanische Gegenangriff Mitte Juli 1918 zerschlug die allerletzte Offensivkraft der Deutschen und läutete den Sieg der Alliierten ein. Von nun an behielten sie die Initiative - bis zum bitteren Ende des Krieges. Die zweite Schlacht an der Marne markierte auch den Untergang Ludendorffs. War der Erste Generalquartiermeister noch voll Optimismus in seine letzte Offensive gegangen, trieb ihn die Niederlage in die Verzweiflung. Er stritt sich mit Hindenburg, erhob peinliche Vorwürfe, gab wirre Anweisungen und wirkte fahrig, gereizt und ausgelaugt, wie Zeitzeugen berichteten.

Im August erlitt der "heimliche Diktator", wie der General auch genannt wurde, einen schweren Zusammenbruch und musste sich in die Behandlung eines Nervenarztes begeben. "Sie kennen Ludendorff nicht. Er ist nur groß in Zeiten des Erfolgs. Wenn es schlecht geht, verliert er die Nerven", hatte Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg einmal über seinen Widersacher Ludendorff gesagt. Er sollte sich nicht täuschen.

Am 28. September, jenem Tag, an dem ihm klar wurde, dass kein Weg an einem Waffenstillstand mehr vorbeiführen würde, tobte der General Zeitzeugenberichten zufolge so laut, dass seine Stabsoffiziere die Türen seines Amtszimmers schlossen, um zu verhindern, dass das Gebrüll nach außen drang. Doch alles Wüten half nichts, das Deutsche Reich hatte den Krieg verloren. Am Tag darauf forderte die Oberste Heeresleitung offiziell die Aufnahme von Waffenstillstandsverhandlungen.

Stockholm statt Paris

Ende Oktober bäumt sich der reizbare Ludendorff ein letztes Mal auf, einem kleinen Kind gleich, das partout nicht verlieren möchte. Auf seine irrationale Forderung hin, die Kampfhandlungen doch wieder aufzunehmen, rief ihn der Kaiser am 25. Oktober zu sich ins Berliner Schloss Bellevue und nötigte ihn, seinen Rücktritt anzubieten. "Du wirst sehen, in vierzehn Tagen haben wir kein Kaiserreich und keinen Kaiser mehr", soll der entlassene General am Abend seines größten Debakels zu seiner Frau gesagt haben.

Ludendorff behielt recht - und zwar auf den Tag genau. Am 9. November 1918 dankte Wilhelm II. ab, Deutschland wurde Republik. Ludendorff floh vor den Revolutionären nach Schweden - weiter weg von Paris als jemals zuvor.



insgesamt 3 Beiträge
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Joerg Fiebelkorn, 15.07.2008
1.
Es ist sicherlich ein schwieriges Unterfangen, einen so komplexen Ablauf wie den des Ersten Weltkrieges in einem so kurzen Artikel darzustellen. Aber auch dabei sollten keine Fehler unterlaufen: Ludendorff war beim Angriff von 1914 im Westen noch nicht Generalquartiermeiser dort, er war 1914 noch GQM unter Hindenburg in Ostpreussen. Erst nach dem Sieg bei Tannenberg und dem Scheitern des Schlieffenplans rückte er auf. Auch waren die Panzer der Briten und Franzosen nicht die kriegsentscheidende Waffe, weil sie nicht nur technisch noch äusserst fehlerhaft waren - sie wurden auch falsch und in ungeeignetem Gelände eingesetzt. Bei Passchendaele wurde das besonders deutlich, die Deutschen hatten schnell verstanden, wie sie mit Artillerie und Flammenwerfern der Stahlkolosse bald Herr wurden. Für die künftigen Kriege weitaus bedeutsamer war die von General von Hutier entwickelte Durchbruchstaktik: Bis 1917 hatte man nach tagelanger Artillerievorbereitung sich darauf beschränkt, den nächsten feindlichen Graben , bzw. das Gelände, soweit die eigene eingegrabene Artillerie reichte, zu nehmen und den zu sichern. Hutier verkürzte die Zeit des Vorbereitungsfeuers und trieb die Angreifer voran, wobei die Artillerie so schnell wier möglich per Stellungswechsel den Angreifern folgte. Bei der letzten großen Offensive der Deutschen 1918 geland diese Taktik zunächst - mit unerwartet großen Geländegewinnen. Dann aber zeigte sich, dass die ausgehungerten und erschöpften deutschen Truppen sicht schlicht über die reichlich erbeuteten Lebensmittel (und Alkohol) hermachte, die innere Organisation so zwerbrach und so die Offensive zum Fiasko wurde.
Paul Ney, 16.07.2008
2.
Ich möchte einen Literaturhinweis zur Debatte beisteuern. Auch nach dem 1. Weltkrieg wurde unermeßlich viel analysiert & geschrieben, auch von den politischen & militärischen Hauptakteuren. Intensiv wurde Ludendorffs großes Erinnerungswerk diskutiert -- das hat der französische Marschall Foch erwidert; die deutsche Übersetzung erschien 1919: Marschall Foch "Zur Steuer der Wahrheit!" --- Kommentar zu Ludendorff: "Meine Kriegserinnerungen" --- Amtliche Urkunden des französischen Großen Hauptquartiers Mit 3 Generalstab- und einer Kurvenkarte --- Vorwort von Richard Gädke Oberst a. D. --- Verlag: Franz Helmrich, Berlin 1919 [[ Nachdruck (80 A5-Seiten): Faksimile-Verlag/Versand, Bremen 1983]] Es gibt noch ein interessantes Buch: Hamburger Kneipen-Protokolle der Geheimpolizei, vor dem 1. Weltkrieg (Auswahl); da haben sich die Agenten unauffällig unters Volk gemischt...
Carl Höcke, 16.07.2008
3.
Die Mittelmächte hatten mit Russland bzw. der Sowjetunion bereits 1917 einen Separatfrieden geschlossen (unterzeichnet 1918 (Brest-Litowsk). Daher waren zum Beginn des Kriegseintritts der Amerikaner die Russen bereits kein Gegner mehr - wie es hier ungenau dargestellt wird!
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