Erster Weltkrieg Das Lächeln der Henker

Feldpostgrüße von der Hinrichtung: Morde an Zivilisten waren im Ersten Weltkrieg gang und gäbe, doch bis heute sind diese Verbrechen ein Tabu. Dabei gab es Tausende Augenzeugen - Soldaten überlieferten unzählige Fotos von den Gräueltaten.

R. Minzloff

Von Anton Holzer


"Mein Krieg hat heute begonnen", notierte der Oberbefehlshaber der k. u. k. Truppen am Balkan, General Oskar Potiorek, am 12. August 1914 in sein privates Tagebuch. An diesem Tag überschritten die Soldaten die Grenzflüsse Save und Drina und drangen in nordserbisches Gebiet ein. Das Städtchen ?abac, rund 70 Kilometer westlich von Belgrad gelegen, wurde noch am selben Tag erobert. Der Tag darauf stand für Potiorek unter keinem guten Stern. Er wollte ein Streichholz anzünden, die ganze Streichholzschachtel fing Feuer, der General erlitt Brandwunden. Ein merkwürdiges Zeichen im historischen Rückblick: Am Tag, nachdem die ersten Schüsse des Ersten Weltkrieges fielen, verletzt sich der Oberbefehlshaber mit einem brennenden Zündholz. Es sollte seine einzige Kriegsverletzung bleiben.

In ?abac wie in vielen anderen serbischen Orten begann, kaum war die Stadt besetzt, ein wilder Verwüstungszug. Zahlreiche Wohnungen wurden ausgeraubt und demoliert, Schaufenster zerstört, die Wände der Häuser mit Fäkalien beschmiert. Die Bewohner der Stadt, die noch nicht geflüchtet waren, wurden in der Kirche und im Hotel "Europa" zusammengetrieben. Immer wieder wurden sie geschlagen, viele Frauen, berichtete die damals 20-jährige Zorka Gai?, seien vergewaltigt worden.

Und schließlich kam der 17. August 1914. An diesem Tag wurden die Zivilisten auf den kleinen Platz vor der Kirche gebracht. Plötzlich ging es ganz schnell. Soldaten marschierten auf, zahlreiche Schüsse fielen. Johann von Wettstein, ein k. u. k. Offizier, der die Szene wenige Minuten später sah, berichtete: "Im Garten der Kirche sah ich einen großen Haufen Leichen, circa 80 Stück." ?abac ist ein Beispiel für viele. Massenhinrichtungen und Massaker gab es in den ersten Kriegstagen in zahlreichen nordserbischen Orten. Die Bewohner wurden zu Tode geprügelt, erschlagen, gehängt, erstochen, verstümmelt oder lebend verbrannt. Häufig waren die Gewalttäter betrunken. Immer aber handelte es sich um Übergriffe, die nicht im Getümmel des Gefechts, sondern planmäßig und auf höheren Befehl hin erfolgten. Zahlreiche dieser Hinrichtungen hielten Soldaten und Offiziere im Foto fest - zur "Erinnerung".

Der vergessene Krieg

Eine solche Aufnahme, entstanden im Juni 1916 an der Ostfront in Galizien, zeigt einen aus einem Balken gezimmerten Galgen. Dahinter steht ein großes Holzfass. Der Mann, der soeben hingerichtet wurde, ist in einen dunklen, vorne offenen Mantel gehüllt. Er trägt eine ärmliche Hose aus gestreiftem Tuch, die um die Hüfte mit einer Schnur zusammengebunden ist. Die Beine sind ihm mit einem Strick gefesselt. Sein Hut liegt auf dem Boden. Die kleine Holztreppe, über die er den Galgen besteigen musste, ist schon zur Seite geräumt. Neben dem Toten steht ein Soldat, der ihn mit der Hand berührt. Hinter dem Galgen drängen sich Zuschauer, zahlreiche Soldaten und wohl auch etliche Bewohner des Ortes. Beim Hingerichteten handelt es sich - in der Sprache der Propaganda - um einen "russischen Spion", wie die Beschriftung des Fotos besagt.

Tausende Zivilisten wurden während des Ersten Weltkrieges hingerichtet, ein Großteil davon am Galgen. Die Gewalttaten waren nicht das Ergebnis "spontaner" Exzesse, sondern richteten sich gezielt gegen nichtdeutsche Bevölkerungsgruppen, aber auch gegen "verdächtige" Zivilisten im Hinterland. Die Militärbehörden gingen brutal und rücksichtslos gegen jene Teile der Bevölkerung vor, denen kollektiv "russophile" Neigungen, "Spionage" und "Kollaboration" mit dem Feind unterstellt wurden. Dies betraf vor allem die sogenannten Ruthenen (Ukrainer), Polen, Serben, Montenegriner, Bosnier, aber auch Juden, Tschechen und Italiener. Die "Strafaktionen" und Repressalien gegenüber der Zivilbevölkerung nahmen derart drastische Ausmaße an, dass von einem systematischen Krieg gegen die Zivilbevölkerung gesprochen werden kann. Wie viele zivile Opfer dieser Krieg forderte, ist bis heute nicht bekannt. Zeitgenössische Berichte sprechen allein für die k. u. k. Monarchie von bis zu 36.000, die in den ersten Kriegsmonaten am Galgen starben.

Diese Gewalttaten, die sich im Schatten und im Hinterland der Ost- und Südostfront abspielten, sind heute in Vergessenheit geraten. In der offiziellen Erinnerung an den Ersten Weltkrieg kommen meist weder Täter noch die Opfer dieser Ereignisse vor. Warum?

Tausende Augenzeugen

Auffallend ist zunächst: Die schriftlichen Spuren der Gewaltakte, die sich in den deutschen und österreichischen Militärarchiven finden, sind verstreut und relativ dürftig. Die Militärführung, die das brutale Vorgehen auch gegen die eigene Zivilbevölkerung anleitete und unterstützte, versuchte zu verhindern, dass die Gewalttaten einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurden. Unterstützt wurde sie in diesem Punkt von konservativen und reaktionären politischen Bewegungen der Nachkriegszeit, die die Aufklärungsarbeit hintertrieben und boykottierten.

Zur Verdrängung trugen aber auch linke und sozialdemokratische Gruppierungen bei, insofern sie zwar Untersuchungen dieser Ereignisse eingefordert hatten, sich aber schließlich mit den höchst bescheidenen Ergebnissen zufrieden gaben. Die Tausende von Soldaten und Zivilisten, die zu Augenzeugen dieser Gewalttaten wurden, schwiegen nach dem Krieg. Und schließlich war die offizielle Geschichtsschreibung mehrheitlich an einer heroischen Schlachten- und Heldengeschichte, nicht aber an der Erforschung der düsteren Seiten des Krieges interessiert.

Dabei fanden die Hinrichtungen, die nach dem Ende des Krieges so schnell in Vergessenheit gerieten, keineswegs im Geheimen statt, sondern stets weithin sichtbar auf Dorfstraßen und öffentlichen Plätzen. Nicht selten wurde die einheimische Bevölkerung aufgefordert, zum Schauplatz der Hinrichtung zu kommen. Sie sollte sehen, wie die Männer und Frauen, die des "Verrats" und der "Spionage" verdächtigt wurden, öffentlich an den Pranger gestellt wurden. Oft ließ man die Leichen tagelang an den Galgen, Bäumen oder Straßenlaternen hängen - zur Abschreckung und zum Beweis für die wilde Entschlossenheit des Militärs, gegen Verdächtige mit äußerster Rücksichtslosigkeit vorzugehen. Die Tötungen waren so zahlreich, dass sich in den Tagebuchaufzeichnungen von Soldaten und Offizieren immer wieder Hinweise auf die Allgegenwart des Galgens finden.

Hinrichtung als erregendes Schauspiel

Die Aufnahmen, die während der Hinrichtungen entstanden, stammen überwiegend von Soldaten, die den Szenen als Schaulustige beiwohnten. Sie hatten keinerlei Scheu, die Gewalttaten in privaten Knipserbildern festzuhalten. Anders als im Zweiten Weltkrieg gab es im Ersten Weltkrieg - zumindest in den ersten beiden Jahren - kein offizielles Fotografierverbot, das den Soldaten solche "Erinnerungsbilder" untersagt hätte.

Während das Ablichten von Hinrichtungen am Galgen weit verbreitet war, hatten die Schaulustigen bei Erschießungen offenbar weit größere Scheu, ihre Kamera zu zücken. Es sind nur sehr wenige Bilder solcher Szenen überliefert. Die Zuschauer unterschieden also sehr genau zwischen den unterschiedlichen Todesarten. In ihren Bildern erinnerten sie sich offenbar lieber an Szenen, die den Charakter einer legalen Strafprozedur aufwiesen.

Die meisten Aufnahmen entstanden während der ersten Kriegsmonate, als Hinrichtungen besonders häufig waren und sich innerhalb der Truppen eine regelrechte Spionagehysterie breit machte. Die Fotografen sahen die Massenhinrichtungen offenbar nicht als Akt der brutalen, völkerrechtswidrigen Kriegsführung, sondern vor allem als erregendes Schauspiel, das sich vom oft düsteren Alltag an der Front abhob und das es wert war, für später festgehalten zu werden.

Begehrte Fotos

Es gab große Nachfrage nach den Bildern. Sie wurden für Freunde und Soldaten vervielfältigt. Manche dieser Fotografien wurden in Kriegsalben geklebt. Und so findet sich inmitten eines Albums, das die Soldaten an der Front zeigt, auch unvermittelt das Foto einer Hinrichtung. Die meisten der Bilder aber sind in loser Form überliefert, ohne Hinweis auf den Fotografen. Gelegentlich gelangten die Aufnahmen auch in die Hände der gegnerischen Truppen: Sie wurden toten oder gefangenen Soldaten abgenommen oder wechselten im Gepäck der Deserteure die Frontlinie. Auch diese Bilder wurden - als anklagende Dokumente der Grausamkeit des Kriegsgegners - vervielfältigt, manche von ihnen noch während des Krieges veröffentlicht.

Die meisten Aufnahmen stammen von privaten Knipsern, von Soldaten und Offizieren also, die mit einer eigenen Kamera ausgerüstet waren. Unter den Fotografen waren aber auch Kriegsfotografen, die in offiziellem Auftrag arbeiteten. Einige der Fotos wurden sogar als Feldpostkarten vervielfältigt und über die offiziellen Verkaufsstellen der Armee vertrieben. Die meisten allerdings wurden im privaten Umfeld weitergereicht. In zeitgenössischen Zeitungen erschienen derartige Bilder hingegen selten, ab 1915/16 praktisch gar nicht mehr.

90 Jahre nach dem Ende des Krieges zeigen diese Bilder dem Betrachter zwar nur einen Teil der Realität, denn sie wurden praktisch immer aus der Perspektive der Täter aufgenommen. Dennoch sind sie wichtig. In den Aufnahmen erhalten einige der Opfer zum ersten Mal ein Gesicht (wenn auch meist keinen Namen). Wir sollten uns mit diesen Bildern beschäftigen, denn die Männer, die sich als Henker und als Schaulustige unter dem Galgen versammelt haben, waren keine Fremden. Es waren unsere Groß- und Urgroßväter.

Der Autor Anton Holzer ist Herausgeber der Zeitschrift "Fotogeschichte". Er arbeitet als freiberuflicher Fotohistoriker, Publizist und Ausstellungskurator in Wien.

Zum Weiterlesen:

Anton Holzer: "Das Lächeln der Henker. Der unbekannte Krieg gegen die Zivilbevölkerung 1914-1918", Primus Verlag, Darmstadt, 2. Auflage 2014.

Mehr zum Thema


insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Thomas Kluth, 09.10.2008
1.
Hallo Herr Holzer, zum dem insgesamt qualitativ sehr gutem Artikel, hätte ich eine kleine Anmerkung, die den Absatz über die "Schaulustigen" betrifft: Zitat: "Während das Ablichten von Hinrichtungen am Galgen weit verbreitet war, hatten die Schaulustigen bei Erschießungen offenbar weit größere Scheu, ihre Kamera zu zücken. Es sind nur sehr wenige Bilder solcher Szenen überliefert. Die Zuschauer unterschieden also sehr genau zwischen den unterschiedlichen Todesarten. In ihren Bildern erinnerten sie sich offenbar lieber an Szenen, die den Charakter einer legalen Strafprozedur aufwiesen." Ich glaube ( = nicht wissen ) das es nur deshalb so wenige Bilder von Erschiessungen gab (+gibt), weil die Kameratechnik der damaligen Zeit noch gar nicht so weit war. Ein Mann vor einem Erschiessungskommando, ist kein wirklicher Beweis, ein am Boden liegender Mann vor einem Erschiessungskommando auch nicht, denn das Foto könnte ja gestellt sein. Man müßte schon im Moment des Adrückens, bzw. des fallenden Delinquenten (oder dem Moment des "Rauch aus den Gewehrläufen aufsteigens" ) treffen um ein ActionBild zu erzielen, das man in Soldatenkreisen herumzeigt. Und das war halt sehr schwierig. Naturgemäß lassen sich auch Erschießungskommandos auch nicht einfach "bei der Arbeit" zusehen, zumal dies meist Aktionen sind, die nur wenig "erzieherischen" Effekt bei der einzuschüchternden Bevölkerung hätten, da ein schneller Tod eintritt. Richtig ist aber auch ihre Anmerkung, das es bei Erschiessungen viel mehr Willkür gibt, und das sie besser zu vertuschen sind. Insgesamt finde ich es sehr gut, das ein solches Thema überhaupt aufgegriffen wird und der allgemeinen "Schlachten & Helden" Histrorie entgegen gehalten wird. Gruß aus Solingen Thomas Kluth
Zarah Boldt, 09.10.2008
2.
Sehr interessantes Thema, toll geschriebener Artikel! Sorry, aber es wird im Text eigentlich gar nicht richtig gesagt, wer die Täter sind, bzw. um welche Armee es sich hier handeln soll?! Schließlich waren im 1. Weltkrieg mehrere Länder militärisch involviert :-] Weit unten im Text fängt man eher an zu ahnen, dass es sich wohl um deutsche Truppen handelt. Und was bedeuten um Himmelswillen "k. u. k."?! Etwa "kaiserlich und königlich"?! Viele Grüße, Zarah
Karl Bund, 09.10.2008
3.
Fände es im Rahmen des wirklichen Erkenntnisgewinns nur sinnvoll, wenn hier auch ein Artikel zum gleichen Thema, aber mit Fokus auf die Alliierten zu finden wäre. Denn was kann es schon bringen, Schandtaten national zu vereinnahmen? Das Böse ist immer und überall, und im Krieg allgemein anzutreffen. - Dieser Artikel zeigt leider wieder einmal, dass wir Deutsche blind auf einem Auge sind (vielleicht auch auf beiden...). Freundliche Grüße
Udo Brühe, 09.10.2008
4.
Das erste Bild zeigt deutsche Soldaten (erkennbar an der mit einem Überzug versehenen Pickelhaube des linken Soldaten), die meisten anderen zeigen östreichisch-ungarische Soldaten. K.u.K steht seit Ausgleich Österreichs mit dem Königreich Ungarn von 1867 für "kaiserlich und königlich". Der Kaiser von Österreich war in Personalunion auch König von Ungarn. Mich würde interessieren, ob in dem Buch auch Bilder von Gräueltaten der Franzosen, Russen, Briten und Italiener zu sehen sind?
Steffen Peleikis, 09.10.2008
5.
Die die Russen nur in Masuren und Galizien auf feindlichem Boden gekämpft haben (bis Dez. '14) und die Franzosen, Briten und Amerikaner garnicht (wenn ich mich recht entsinne..), dürften sich die Zahlen der Gräueltaten von Seiten der Entente zahlenmäßig in Grenzen gehalten haben. Sicher bin ich mir nicht, sind nur Vermutungen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.