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Erster Weltkrieg Entscheidung an der Marne

Erster Weltkrieg: Entscheidung an der Marne Fotos

Die Schlacht tobte auf 400 Kilometern Länge, mit Taxis wurden Truppen an die Front gekarrt: Paris stand Anfang September 1914 vor dem Fall - als den angreifenden Deutschen der Rückzug befohlen wurde. Bis heute ist unklar, wie es zu der bizarren Order kam - die den Lauf der Geschichte änderte. Von

Schon in den ersten Wochen zeigte der große Krieg der europäischen Staaten seine Unmenschlichkeit. Frankreich, das von Anfang an mit aller Kraft kämpfte, erlebte den blutigsten Tag seiner Geschichte. Vom 20. bis 23. August 1914 verloren seine Armeen etwa 40.000 Mann an Toten, 27.000 davon am 22., einem Samstag. Die industriell erzeugten Waffen, vor allem die moderne Artillerie, kosteten entsetzliche Verluste. Im Osten, im österreichisch-ungarischen Galizien (heute in der Ukraine) trafen die Truppen Kaiser Franz Josephs auf russische Armeen. Dort wurden bereits in den ersten Wochen so viele Truppen vernichtet, dass Arthur von Bolfras, der Generaladjutant des Kaisers in Wien, kommentierte: "Mars ist sehr gefräßig geworden."

Die französische Armee begann den Krieg mit einer Offensive auf die damals deutschen Teile Lothringens. Die Angriffe scheiterten, vor allem bei Saarburg (Sarrebourg) und Mörchingen (Morhange) erlitten die Franzosen schwere Verluste. Bereits nach wenigen Tagen erstarrte die Front zwischen Mülhausen und Verdun. Doch die deutschen Armeen drangen über Belgien nach Nordfrankreich vor. Anfang September standen sie vor Paris, hatten die Marne überschritten und Reims eingenommen. Die Hauptstadt war bedroht, die Deutschen griffen nach dem Symbol von Frankreichs Macht, nach dem Kern seiner Industrieproduktion und dem Knotenpunkt seiner Verkehrswege.

Am 6. September ordnete Generalstabschef Joseph Joffre den Gegenangriff an. Im Befehl wies er seine Soldaten an, "das eingenommene Gelände zu halten, koste es was es wolle, und sich eher an Ort und Stelle töten zu lassen als weiter zurückzuweichen". Die Order löste einen gigantischen, noch nie erlebten Kampf aus, der sich über 400 Kilometer vom Elsaß bis Meaux unweit Paris über mehrere Tage ereignete. Es kam nicht zu einer Schlacht, sondern eine tobte neben der anderen, und die Oberkommandos beider Seiten hatten Schwierigkeiten, den Überblick zu erlangen.

Keine Nachricht von der Front

Joffre verstärkte seine Truppen vor Paris durch eine riesige Rochade mit der Eisenbahn, die Division um Division von Lothringen in den Westen brachte, wo die Entscheidung sich anbahnte. Im Gegensatz zum französischen Oberbefehlshaber war sein Gegenspieler Helmuth von Moltke weit ab von den Geschehnissen, Hunderte von Kilometern entfernt im deutschen Hauptquartier in Luxemburg. Dort erfuhr der preußische Kriegsminister Erich von Falkenhayn am Morgen des 9. September, es gebe keinerlei Nachrichten von der Front. Wie er berichtet, ging er daraufhin zu von Moltke, "weil mir das unglaublich erschien. Aber das Unglaubliche ist wahr. Moltke hat seit gestern früh nur eine Meldung von den Armeen 1-5."

Trotzdem schienen am 9. September die Dinge für die Deutschen gut zu stehen. Vor der französischen Hauptstadt, bei Nanteuil-le-Haudouin, hatten sie die feindlichen Linien durchbrochen - obwohl diese sogar mit Hilfe von Taxis verstärkt wurden, die Soldaten direkt an die Front fuhren. Weiter im Osten, am Rand der Champagne, hatten die Truppen Kaiser Wilhelms II. die Sümpfe von St-Gond passiert und La-Fère-Champenoise eingenommen. Sie hatten die Armee von General Ferdinand Foch zurückgedrängt, der gut vier Jahre später das deutsche Gesuch um Waffenstillstand entgegennehmen sollte. In der wohl gründlichsten Schilderung der Geschehnisse an der Marne aus französischer Sicht kam Henry Contamine zum Schluss: "Die Armee Foch war die einzige, die von den fünfzehn auf beiden Seiten aufgereihten besiegt war."

In diesem Moment kam die Order zum Rückzug. Beunruhigt durch die Schwere der Kämpfe und die eigenen Verluste hatte von Moltke einen Generalstabsoffizier, Oberstleutnant Richard Hentsch, zu den Armeen im Brennpunkt geschickt, um die Lage zu klären. Die Mission führte zu einem der seltsamsten, zugleich entscheidendsten Befehle der Weltgeschichte. Die Truppen, die sich an vielen Punkten als Sieger fühlten, folgten der Anweisung zum Rückzug oft ungläubig, zum Teil erst nach mehrfachen Nachfragen.

Abbruch im entscheidenden Moment

Selbst eine Untersuchung, die noch während des Krieges durchgeführt wurde, konnte nicht klären, was genau sich ereignet hatte. Auch noch lange nach Kriegsende andauernde, zum Teil erbittert geführte Diskussionen konnten daran nichts ändern. Bis heute steht nicht einmal fest, wann genau und von wem der Befehl an die deutschen Armeen gefasst wurde, die erreichten Positionen zu räumen. Moltke ist 1916, Hentsch 1918 gestorben. Darüber hinaus verwickelten sich die Beteiligten in schwere Widersprüche.

Es ist sicher, dass der Generalstabsoffizier im Lauf des 8. September mehrere Armeen besuchte. Bei der 2. stellte er fest, dass zur benachbarten 1. Armee eine etwa 30 bis 40 Kilometer breite Lücke entstanden war. Entweder am Abend jenes Tages oder am darauf folgenden Morgen muss die Entscheidung gefallen sein. Sowohl die Rolle Hentschs als auch die des Chefs der 2. Armee Karl von Bülow bleibt dabei im Dunkel. Es gibt keine Protokolle der entscheidenden Besprechungen. Gewiss ist nur, dass Hentsch am späten Vormittag des 9. September auch den Rückzug der vor Paris stehenden 1. Armee durchsetzte, da deren Nachbararmee bereits begonnen habe, ihre Stellungen aufzugeben.

Der Befehl bedeutete, dass die deutsche Seite genau in jenem Moment die Schlacht abbrach, als sie ihrer Entscheidung zustrebte. Dabei bleibt ungewiss, ob der Befehl die Deutschen vor einem Desaster bewahrte oder einen Triumph verhinderte. In die Lücke waren Teile des britischen Expeditionskorps und französische Truppen eingedrungen, so dass eine Bedrohung im Rücken der deutschen Armeen möglich schien. Andererseits war nicht auszuschließen, dass die Deutschen sich behauptet hätten - dann wäre aus der Lücke eine Falle geworden. Ob die deutschen Armeen auseinandergerissen oder im Gegenteil die alliierten Truppen zwischen ihnen zerrieben worden wären, wird sich niemals beantworten lassen. Jede Spekulation über den Ausgang der Marneschlacht ist müßig.

Dunkler Pessimismus

Gewiss ist hingegen, dass der Gesandte der Obersten Heeresleitung (OHL) kaum der Geeignete für seine Aufgabe war. Oberstleutnant Hentsch war Leiter der Nachrichtenabteilung des Generalstabs. Sein Chef von Moltke hatte ihm nur mündliche Anweisungen erteilt, so dass weder über seinen Auftrag noch die ihm übertragenen Kompetenzen Näheres bekannt ist. Die Verantwortung lag beim Oberbefehlshaber, der eine Entscheidung von derartiger Tragweite niemals hätte aus der Hand geben dürfen. Am Tag nach dem Rückzug stellte der Chef des kaiserlichen Militärkabinetts Moriz von Lyncker fest, sollte der Feldzug doch noch gewonnen werden, so wäre es "das Verdienst der Truppe, nicht aber des Generalstabs". Auch für ihn waren an jenem Tag die Schuldigen bereits ausgemacht, denn die Führung habe nicht gut gearbeitet, und man könne "jetzt wohl ohne Widerspruch behaupten, die Zügel schleiften am Boden".

Der Generalstabschef litt in den Tagen vor der Entscheidung unter übergroßer Anspannung und dunkelstem Pessimismus. Am 8. September hatte von Moltke in einem Brief an seine Frau geschrieben: "Die schreckliche Spannung dieser Tage, das Ausbleiben von Nachrichten von den weit entfernten Armeen, das Bewußtsein dessen, was auf dem Spiel steht, geht fast über menschliche Kraft. - Die furchtbare Schwierigkeit unserer Lage steht oft wie eine schwarze Wand vor mir, die undurchdringlich scheint." Damit fasste er entscheidende Gründe für die deutsche Niederlage zusammen: Die Heeresleitung war nicht in der Lage, sich auf schnellstem Wege Nachrichten zu beschaffen und Befehle zu übermitteln. Das deutsche Heer blieb an den entscheidenden Tagen ohne Koordinierung, ja ohne Führung. Der Stabschef der 1. Armee Hermann von Kuhl berichtete: "Vom 5. bis 9. September schwieg die O.H.L."

Ebenso wie das Versagen der deutschen Führung und der unerwartete Widerstand der Franzosen trug das Eingreifen Russlands einen großen Teil zur dramatischen Wende an der Marne bei. Bereits drei Wochen nach Kriegsausbruch waren zwei Armeen des Zaren in Ostpreußen eingefallen. Um die Provinz zu retten, hatte Moltke zwei Armeekorps dorthin gesandt. Sie sollten Anfang September fehlen, als vor Paris die Entscheidung fiel.

Moltkes wild zitternde Finger

Eine Reihe von Berichten deutet darauf hin, dass der Chef der Obersten Heeresleitung während jener Septembertage eine schwere persönliche Krise durchlebte, ja unter der Last der Verantwortung zusammenbrach. Am Tag nach der Entscheidung versuchte Moltke etwas auf der Karte zu zeigen, was ihm kaum gelang, da seine Finger wild zitterten, und er versuchte Befehle auszusprechen, die seine Umgebung nur schwer verstand. Contamine urteilte in seinem Buch zur Marneschlacht, der deutsche Generalstabschef habe nicht nur den Überblick verloren, sondern sogar begonnen, Angriffe des angeschlagenen Gegners an verschiedenen Punkten zu sehen - was als "vollständig eingebildet" anzusehen war.

Moltke hatte selbst gezweifelt, ob er der Verantwortung gewachsen sei und das Amt Anfang des Jahres 1906 nur angetreten, weil Wilhelm II. darauf bestand. Der Generalstabschef erscheint wie eine Figur in antiken Tragödien. Er selbst hatte seit Monaten und Jahren mit Nachdruck den Krieg verlangt und ihn zugleich als Katastrophe vorausgesehen, die alle Staaten treffen und Europa auf Jahrzehnte schädigen werde.

Die Niederlage wurde von der deutschen Führung nie eingestanden, trotz schwerer Auswirkungen auf die Lage des eigenen Landes. Denn es stand bereits fest, dass der gesamte Kriegsplan der Militärs gescheitert war. Der Sieg über Frankreich, der nach sechs Wochen errungen werden sollte, um dann den Krieg im Osten zu gewinnen, blieb unerreichbar. Es folgte ein jahrelanger Zermürbungskrieg, an dessen Ende das Deutsche Reich geschlagen und ruiniert, fast ganz Europa zu Tode erschöpft war.

Zum Weiterlesen

Dieter Hoffmann "Der Sprung ins Dunkle oder wie der 1. Weltkrieg entfesselt wurde", Militzke-Verlag, Leipzig

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insgesamt 4 Beiträge
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1.
Horst Paulsteiner, 07.09.2009
Photo 8/19: Das Bild zeigt anscheinend den Stahlhelm Modell 1916, dieser kam aber erst ab 1916 zum Einsatz, zuvor waren neben der Pickelhaube nur Provisorien wie der Gaede-Helm im Einsatz. Der gezeigte Soldat kann demnach nicht in der ersten Marne-Schlacht 1914 gefallen sein.
2.
Frank Hübner, 07.09.2009
Das Bild des skelletierten deutschen Landsern kann nicht von der 1914-Marneschlacht sein. Er trägt einen 1916 eingeführten Stahlhelm und eine Ledermaske (Gasmaske) in Tragedose. Das Bild dürfte 1917-1918 aufgenommen sein, der arme Mann kann frühestens Herbst 1916 gefallen sein.
3.
Bodo von Bitz, 07.09.2009
Wenn man den letzten Nebensatz des Vorspanns liest " -- die den Lauf der Geschichte änderte.", weiß man, daß man nicht weiterlesen muß. Oder habe ich etwas versäumt? Ist die Geschichte seit September 1914 nicht so verlaufen, wie sie verlaufen ist? So ein dummes Geschwätz hat in einer solchen Story nichtser als nichts verloren.
4.
Uwe Nägele, 09.09.2009
Es gab schon mal schlechtere Artikel zum Thema 1.Weltkrieg. Der Verfasser hat Recht, beide Seiten zu beleuchten, das tut dem Artikel gut. Spannend war es damals auf jeden Fall, das kam auch rüber. Es haben nicht nur Geschichtsprofessoren das Recht, Artikel über Weltkriege, etc. zu schreiben.
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