Erster Weltkrieg "Geiseln in den Rücken geschossen"

Spurensuche in der Familiengeschichte: Jahrzehntelang wusste Helge Dittmann nicht, was sein Vater als Frontsoldat und Pilot im Ersten Weltkrieg erlebt hatte. Dann entdeckte er auf dem Dachboden seines Elternhauses Hunderte Fotos - und Augenzeugenberichte über Greueltaten.

www.Flieger-Album.de

Das Geheimnis lag jahrzehntelang versteckt auf dem Dachboden. In einer knorrigen Kommode, die niemand weiter beachtete. Es war ja nur ein altmodisches Möbelstück, irgendwann abgestellt und später vergessen.

Dann kam der Januar 2003, und Helge Dittmann entschied sich beim Herumstöbern auf dem Speicher seines Elternhauses in Bonn, die drei Schubladen der alten Kommode doch einmal gründlicher durchzusehen. Und dort lagen sie: 15 Fotoalben mit über 800 Bildern, zahlreiche Dokumente und ein Tagebuch seines 1896 geborenen Vaters Werner Dittmann aus den Jahren 1914 bis 1918 - aus dem Ersten Weltkrieg. Dem Sohn war schnell klar, dass er einen außergewöhnlichen Fund in Händen hielt: bislang unbekannte Amateurfotos und Notizen vom Fronteinsatz, dazu verschiedene Orden und Urkunden. "Es kam mir vor wie eine Reise in die Vergangenheit", sagt Helge Dittmann.

"Es war ganz furchtbar"

Sein Vater Werner Dittmann war nicht irgendwer. Als Bankrat der Landeszentralbank Nordrhein-Westfalen war der gebürtige Kösliner in der frühen BRD bis zu seinem Tod 1975 eine lokale Größe. Doch was er in seiner Jugend erlebt hatte, wussten selbst seine nächsten Angehörigen bis vor fünf Jahren nicht - bis der Dachbodenfund seines Sohnes Licht ins Dunkel brachte. Den Beginn des großen Krieges erlebte Werner Dittmann demnach als einfacher Gefreiter an der Front in Belgien und Frankreich, wo er im Spätsommer und Herbst 1914 an Gefechten in St. Quentin, an der Marne und in Ypern teilnahm. Im Mai 1915 zum Leutnant befördert, kämpfte er dann einige Wochen lang an der Ostfront in Polen. Während dieser frühen Jahre fotografierte er den Kriegsalltag und führte regelmäßig Tagebuch, notierte mal in groben Zügen, mal akribisch wo er kämpfte, was er sah, was er aß, wo er schlief und wen er sterben sah.

Dabei scheute er nicht davor zurück, auch Ereignisse zu schildern, die aus heutiger Sicht als Kriegsverbrechen bezeichnet werden, auch wenn man sie damals in einem anderen Licht sah. So beschreibt Dittmann, wie seine Kompanie am 20. und 21. August 1914 reagierte, als sie beim Vormarsch auf das belgische Örtchen Tamines von Einwohnern beschossen wurde (leicht gekürzt):

"Nachmittags um 4 Uhr bringt ein Radfahrer des Regimentstabes folgenden Befehl: Die 6. Kompanie hat den Übergang über die Sambre in der Stadt Tamines zu besetzen und zu halten. Wir betreten mit weit vorgeschobener Spitze das Städtchen, in dem wir noch so viel Entsetzliches erleben sollten. Eine Patrouille nimmt die Familie des Bürgermeisters, den Lehrer und den Apotheker als Geiseln gefangen und bringt diese in den Schutz der Kompanie.

Morgens um 1 Uhr, als alles schon im tiefen Schlaf liegt, höre ich plötzlich marschierende Truppen auf der Straße und überzeuge mich, dass es unser Regiment (1. Bataillon) ist, welches anscheinend Tamines nächtlich besetzen soll. Kaum ist die Barrikade von der Brücke entfernt und eine Kompanie in die Straße jenseits einmarschiert, als auch schon eine tolle Schießerei beginnt. Mit dem Gesang 'Es braust ein Ruf wie Donnerhall' dringen unsere tapferen Leute, die zum ersten Mal mit dem Feind in Fühlung kommen, in den Straßen vor, in denen aus allen Häusern Soldaten und leider auch Zivilisten auf die Vordringenden feuern. Auch aus den oberen Stockwerken diesseits des Flusses, die wir genauestens auf Soldaten untersucht hatten, beginnen die Anwohner zu schießen.

Nun erscheint der Regimentskommandeur Oberstleutnant von Rognes. Auf seinen Befehl werden die männlichen Geiseln sofort die Treppe heruntergeworfen und durch Schüsse in den Rücken getötet. Die Weiber und Kinder klettern über die Leichen ihrer Angehörigen hinweg und suchen das Weite. Meine Gruppe bekommt Befehl, die Häuser ringsum anzuzünden, um die schießenden Zivilisten auszuräuchern. Ich persönlich stecke die Leinwand des Kinos an. Dazu schlagen von den Hügeln andauernd Gewehrkugeln in die Straßen ein. Es war ganz furchtbar."

Mit Leichen übersäte Felder

An anderer Stelle beschreibt Dittmann "Schützengräben, die von Toten angefüllt" sind und einen MG-Schützen, dem durch einen Granattreffer "aus der Brust ein über faustgroßes Stück Fleisch" gerissen wird. Gleichzeitig berichtet er von der guten Kameradschaft, von Gefechtspausen und immer wieder vom täglichen Kampf um etwas zu essen. Untergründig lässt sich aus seinen Schilderungen herauslesen, wie die anfängliche Kriegsbegeisterung, die Tausende von deutschen Soldaten in einen kollektiven Rausch getrieben hatte, nach und nach der Ernüchterung weicht. An manchen Tagen sind die Einträge so kurz gefasst, dass sie das sprachlose Entsetzen des Frontsoldaten offenbaren - so etwa am 8. Mai 1915 in Polen: "Wir nehmen nach scharfen Märschen an mit Leichen besäten Feldern vorüber Quartier in Klimkowka."

Warum Dittmann seine Notizen Anfang Juli 1915 abbrach, bleibt im Dunkeln. Unmittelbarer Anlass dürfte eine Kriegsverletzung gewesen sein. Eine russische Kugel durchschlug seinen linken Unterarm und blieb erst an der Kamera hängen, die der Hobbyfotograf stets am Koppel trug. Wichtiger könnte ein anderer Grund gewesen sein: Nach einer kurzen Genesungspause und einem erneuten Einsatz in Frankreich wurde Dittmann nach Köln versetzt, wo er in der Kaiserlichen Flugschule auf dem Flugplatz Butzweilerhof eine Ausbildung zum Kampfpiloten absolvierte - und dann auf Geheimmissionen geschickt wurde.

Butzweilerhof war nicht irgendeine Luftbasis, sondern der Stützpunkt, auf dem einige der bekanntesten Weltkriegspiloten im wahrsten Sinne ihren Aufstieg begannen - und mit dem später Tausende von Deutschen den Heldenweg eines ihrer größten Idole verbanden: Dort absolvierte auch Manfred von Richthofen, erfolgreichster Jagdflieger des Ersten Weltkriegs und später als "Roter Baron" verherrlicht, seine ersten Flugstunden. Ob Dittmann das Flieger-Ass jemals traf und was ihn selbst zum Kampfpiloten prädestinierte, ist bislang unklar. Nur wenige Soldaten schafften den Sprung vom Frontkämpfer des Heeres zur prestigeträchtigen, aber anspruchsvollen Luftflotte.

Geheime Luftaufnahmen

"Er hat mit uns nie darüber geredet", sagt sein Sohn Helge Dittmann. "Das Einzige, was er uns ausführlicher erzählt hat, war eine Anekdote: Nach einem Schnapsgelage flog er einmal waghalsig unter der Kölner Rheinbrücke hindurch, wofür ihn sein Ausbilder lobte, statt ihn zu tadeln. Alles andere muss ich mir aus den Fotos und Dokumenten zusammenreimen." Dieser Aufgabe hat sich der Sohn nun verschrieben. Mit großem Aufwand hat er die umfangreiche Website Fliegeralbum.de aufgebaut, auf der er die Fotos, Urkunden und Tagebuchaufzeichnungen seines Vaters der Öffentlichkeit zugänglich macht und so die Quellenlage zum Ersten Weltkrieg um viele kleine, aber spannende Mosaiksteinchen bereichert. Für einestages hat Dittmann die eindrucksvollsten Dokumente zusammengestellt und um weitere Fundstücke ergänzt.

"Wir wollen unsere Website zu einer zeitgeschichtlichen Dokumentation entwickeln", sagt Hobby-Historiker Dittmann. "Es geht uns nicht um Kriegsverherrlichung. Wir wollen nachfolgenden Generationen diesen aufgearbeiteten Nachlass als Informationsmaterial zur Verfügung stellen."

Spannend genug ist das Material. Es kann Schülern und Studenten, aber auch Fachhistorikern wertvolle Einblicke in das bewegte Schicksal eines Kriegsteilnehmers geben. Aus dem Ersten Weltkrieg sind viel weniger schriftliche Zeugnisse und Fotos erhalten als aus dem Zweiten. Zwar sind viele der Bilder, die Werner Dittmann auf Fliegerhorsten und bei Trainingsflügen machte, nicht spektakulär - vermutlich nahm er nie an einem echten Luftkampf teil. Doch die Aufnahmen dokumentieren ungefiltert den Kriegsalltag vor und hinter der Front, manche dürften zudem geografischen Wert haben. So machte Dittmann bei Aufklärungsflügen in Frankreich im Jahr 1917 gemeinsam mit einem Kameraden geheime Luftaufnahmen für die deutsche Luftwaffe. Darüber durfte er nicht sprechen und nicht schreiben - auch nicht in sein Tagebuch. Das könnte erklären, warum er seine Aufzeichnungen nicht fortsetzte.

Unklare Rolle in der Nazizeit

Oder waren es seine Aktivitäten in späteren Jahren, die ihn davon abhielten?

Nach Ende des Ersten Weltkriegs arbeitete Dittmann bei der Deutschen Reichsbank. Unklar bleibt seine genaue Rolle während des "Dritten Reiches": Zwar trat er im Mai 1937 in die NSDAP ein, war Angaben seines Sohnes zufolge aber eher eine "Karteileiche" und nicht an Verbrechen beteiligt. Formell bestätigt das seine Entnazifizierungsurkunde vom Februar 1949.

Allerdings amtierte Dittmann laut seinem Sohn im Zweiten Weltkrieg als Reichskreditkassenleiter im besetzten Belgien und in Russland - demzufolge wäre er indirekt mitverantwortlich für die rücksichtslose Ausbeutung der dortigen Bevölkerungen. Die Reichskreditkassen bezahlten die deutschen Soldaten in den besetzten Ländern entweder in der Landeswährung oder mit sogenannten Reichskreditkassenscheinen, die von den jeweiligen Nationalbanken eingelöst werden mussten. So zwang Nazideutschland die überfallenen Staaten, die aberwitzigen Kriegskosten auch noch selbst zu tragen.

Genauere Informationen zu Dittmanns Wirken in dieser Zeit gibt es bislang nicht. Aber vielleicht macht sein Sohn ja beim Stöbern auf dem Dachboden wieder einmal eine unverhoffte Entdeckung. Oder ein Leser dieses Textes weiß mehr und kann einen Hinweis geben.

Anmerkung der Redaktion: In der ursprünglichen Fassung des Textes hieß es, Werner Dittmanns Geburtsort sei Remscheid gewesen. Es war jedoch Köslin. Wir bitten um Entschuldigung.



insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Tobias Witschke, 10.03.2008
1.
Guten Tag, ganz offensichtlich war der Vater von Herrn Dittmann Zeitzeuge des 'massacre de tamines'. http://membres.lycos.fr/grandeguerre/index.html. Eines der Verbrechen der deutschen Truppen im südlichen Belgien im Sommer 1914. Obenstehend ein link, der dieses traumatische Erlebnis dokumentiert.
maik schaefer, 10.03.2008
2.
hallo, ganz offensichtlich hat dieser artikel dazu geführt, dass die homepage des herrn dittmann zusammengebrochen ist.... herr witschke, hat das deutsche militär für die eroberung der stadt tamines auch einen namen gefunden ? buddel
Mario Adac, 01.12.2009
3.
Hallo Herr Witschke, Das "Massacre de tamines" wurde laut Zeugen nicht von den deutschen Truppen begonnen, sondern von der belgischen Stadtbevölkerung, die sich hinter Ihren Zivilstatus versteckten und den deutschen Soldaten "in den Rücken" schoss. MfG Mario Kretschmer
Helge Dittmann, 23.07.2012
4.
Zu dem veröffentlichten Text folgende Anmerkungen von Helge Dittmann: Die Überschrift im Newsletter vom 11.03.08 ?Väter als Täter ? Geiseln in den Rücken geschossen? mit der anschließenden Nennung meines Namens im Untertext suggeriert, dass mein Vater dieses Kriegsverbrechen begangen habe und ich ihn als Täter nun entlarven wolle. Richtig ist jedoch: Er war zwar Augenzeuge der Gräueltaten, aber nicht selbst an der Erschießung der Geiseln beteiligt. Er hat eine Kinoleinwand angezündet, schlimm genug, aber er war kein Mord-?Täter?. Dies ist eine der wenigen Informationen, die ich persönlich von meinem Vater über seine schrecklichen Erlebnisse im 1. Weltkrieg erhielt. Warum keine weiteren Tagebücher meines Vaters vorhanden sind, mag auch daran liegen, dass sie in der Zwischenzeit verloren gegangen sind. Die Suggestivfrage ?Oder waren es seine Aktivitäten in späteren Jahren, die ihn davon abhielten?? und die Formulierung, die Rolle meines Vaters in der Nazizeit sei ?unklar?, unterstellen eine dubiose Rolle im 2. Weltkrieg. Dass er nicht an Verbrechen beteiligt gewesen sei, bestätige ?formell? seine Entnazifizierungsurkunde. Auch die Bemerkung, man wisse nicht, ob mein Vater Richthofen begegnet sei: eine Mutmaßung. Diese gesamten Schlussfolgerungen sind spekulativ. Unterhalb des 3. Absatzes des Artikels wurde ein Hinweis auf die Spiegel-Ausgabe mit dem Titelblatt ?Die Täter? samt Untertext ?Debatte um NS-Verbrechen. Die Täter ? warum so viele Deutsche zu Mördern wurden? platziert. Zumindest für eilige Leser drängt sich ein Zusammenhang auf. (wurde von Spiegel Online mittlerweile entfernt) Der Artikel enthält also diverse missverständliche Darstellungen und nicht durch Fakten belegte Spekulationen. Davon distanziere ich mich mit Nachdruck. Nebenbei: Meinen Vater hätte ich nicht als ?lokale Größe? bezeichnet. Und sein Geburtsort ist nicht Remscheid. (wurde von Spiegel Online mittlerweile korrigiert) Helge Dittmann
Joachim Elz-Fianda, 26.03.2013
5.
Unter der genannen homepage flieger-album.de findet sich mittlerweile ein Werbeportal. Es wäre schön, wenn eine aktualisierte WWW-Adresse veröffntlicht werden könnte.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.