Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

US-Eintritt in den Ersten Weltkrieg Feldzug der Friedliebenden

US-Eintritt in den Ersten Weltkrieg: Feldzug der Friedliebenden Fotos
Corbis

"Recht ist kostbarer als Frieden" - mit diesen Worten schickte US-Präsident Wilson 1917 amerikanische Truppen auf das große europäische Schlachtfeld. Sie brachten die Wende im Ersten Weltkrieg. Dauerhaft bändigen konnte Wilson Deutschland trotzdem nicht. Von

Schon in den späten August-Tagen 1914, der Krieg in Europa ist gerade ausgebrochen, beginnt ein Mann darüber nachzudenken, was danach kommen soll. Wie könnte ein Frieden aussehen, der Kriege zukünftig verhindert? Eine neue Ordnung schwebt ihm vor, die diese Europäer in der Zukunft davon abhalten soll, übereinander herzufallen, wie sie es in regelmäßigen Abständen immer wieder tun.

Der Mann sitzt im Weißen Haus, er ist der Präsident und heißt Woodrow Wilson, er ist der Typus des moralisch inspirierten Intellektuellen. In der Machtpolitik der konkurrierenden Nationalstaaten sieht er das Grundübel der Zeit. Hätten sich die Deutschen, Österreicher, Russen und Briten auf Konsultationen in den Krisentagen 1913 oder 1914 eingelassen, wären sie zur Abrüstung bereit gewesen, so sagt es der Präsident seinem Vertrauten Edward House, dann wäre der Krieg wegen eines Attentates in Sarajevo, an der Peripherie des alten Europa, gar nicht erst ausgebrochen.

Der Akademiker Wilson ist eher zufällig ins Weiße Haus geraten. Viele Jahre seines Lebens hat er an Universitäten verbracht, seit 1890 als Professor für Rechtswissenschaft und Nationalökonomie in Princeton, damals schon ein Juwel gehobener Ausbildung für die Elite des Landes. Dann, 1910, wechselt er überraschend in die Politik, lässt sich zum Gouverneur des kleinen Bundesstaates New Jersey wählen.

Rasch wird er erstaunlich populär, wenn auch weniger unter den Demokraten, seiner Partei, als im Volk. Und er hätte wohl kaum Chancen gehabt, 1913 Präsident zu werden, hätten die Republikaner sich nicht den Luxus der Spaltung geleistet und zwei Kandidaten aufgestellt. Wilson, der Denker, ist mit schwachen 42 Prozent der lachende Dritte.

Doch Wilson ist nicht einfach der idealistische Friedenstheoretiker, für den ihn manche halten. Auch für ihn kann der Quantensprung aus dem Zyklus der Gewalt nur unter dem Patronat der Vereinigten Staaten von Amerika stattfinden. Auch er zweifelt nicht daran, dass die Geschichte Amerika zur ersten Weltmacht machen will.

Mit diesem erhabenen Selbstverständnis von der historischen Aufgabe seines Landes beobachtet Woodrow Wilson, wie sich der Krieg drüben in Europa zur beispiellosen Großmetzelei auswächst. Lange predigt er Neutralität, vor allem deshalb, weil die große Masse der Amerikaner weder Lust noch Neigung verspürt, ihre Kinder in den Krieg jenseits des Atlantiks zu schicken. Die Europäer, diese Haltung ist 1914 populär in den USA, sollen sich gegenseitig umbringen, wenn sie wollen. Was geht das Amerika an?

So redet auch der Präsident öffentlich davon, dass er gar nicht daran denke, Soldaten an die Front in Frankreich oder Russland zu schicken. Noch 1916 wird er mit dem Slogan wieder gewählt: "He kept us out of war!" - "Er hat uns aus dem Krieg herausgehalten!"

Aber was heißt, andererseits, Neutralität für so ein großes, wichtiges Land wie Amerika?


Interaktive Karte: Der Frontverlauf im Ersten Weltkrieg

Wie selbstverständlich unterstützt die Regierung Wilson ab Herbst 1914 Großbritannien, das auf Kredite und Hilfslieferungen von Munition und Waffen über Industriegüter bis hin zu Lebensmitteln umso mehr angewiesen ist, je länger der Krieg dauert. Und so ist die amerikanische Neutralität ziemlich relativ zu verstehen, denn sie schließt das großangelegte Engagement für eine Kriegspartei ein.

Im Ersten wie im Zweiten Weltkrieg ist Großbritannien der Freund Amerikas und Deutschland der Feind. Amerika steht Anfang des 20. Jahrhunderts in scharfer Konkurrenz zum Kaiserreich. Dass sie einander ähneln, in ihrer Dynamik wie in ihrem Selbstverständnis, erschwert das Verhältnis noch. Beide sind junge Nationen. Die eine Nation, Amerika, durchlitt einen Bürgerkrieg, damit ein schlagkräftiger Einheitsstaat entstehen konnte. Die andere, Deutschland, zog in drei Kriege, ehe sie zum Nationalstaat wurde.

Beide Länder sind auch dabei, sich durch Bevölkerungswachstum stark zu verändern. In der neuen Phase des Kapitalismus seit 1870 blühen sie kraftvoll auf und pumpen sich mit nationalem Selbstbewusstsein auf.

Deutschland und Amerika verwandeln sich auch parallel in Militärmächte. Dazu treiben sie seit der Jahrhundertwende den Aufbau einer imposanten Flotte mit viel Getöse voran. Der Prophet für die Marine als entscheidender militärischer Gattung für jede Weltmacht, der überall gelesen wird und zum Klassiker aufsteigt, ist der US-Marinestratege Alfred Mahan: Dominanz zur See, schreibt Mahan, ist Voraussetzung für Weltherrschaft.

Als der Krieg im August 1914 ausbricht, hat Amerika wichtige Grundlagen für seinen Aufstieg gelegt. Es hat Spanien aus Kuba und von den Philippinen verdrängt, beherrscht die Karibik, stellt gerade den Panama-Kanal fertig und besitzt in Ostasien Anlaufstellen für seine Flotte. Amerika hat beherzigt, wozu Mahan riet. In Deutschland ist Alfred von Tirpitz, der später zum Großadmiral aufsteigt, der Prophet der Flottenrüstung, er ist der deutsche Mahan und findet in Kaiser Wilhelm II. einen marktschreierischen Schüler.

Allerdings sehen weder Mahan noch Tirpitz voraus, welche Logik der Weltkrieg entfaltet. Beide erwarten, dass die Schlachtflotte mit ihren Linienschiffen und schweren Kreuzern über die Herrschaft auf See entscheiden wird, aber die mit nationaler Selbstbeweihräucherung vom Stapel gelassenen Riesenschiffe liegen alsbald nutzlos in den Häfen.

Die entscheidende Waffe, das sind die kleinen U-Boote mit maximal 50 Meter Tauchtiefe, die bis zu 16 Stunden unter Wasser fahren können. Sie entdecken die Handelsschiffe, machen ihre Torpedos scharf und bringen sich in eine möglichst gute Schussposition.

Die optimale geostrategische Lage besitzt Großbritannien und nutzt sie zur Seeblockade. Nach der Londoner Seerechtsdeklaration von 1909 ist sie völkerrechtswidrig, aber der historisch neue U-Boot-Krieg sprengt die traditionelle Prisenordnung, wonach U-Boote das Banngut feindlicher und neutraler Schiffe nur unter genau definierten Umständen beschlagnahmen dürfen. Darüber hinaus müssen sie die Sicherheit der Besatzung für den Fall garantieren, dass sie die Schiffe versenken wollen.

Die britische Blockade ist ungemein wirksam, sie unterbricht jeglichen Überseehandel mit den Mittelmächten. Deutschland hat gehofft, dass der Handel im Krieg weiter über die Niederlande abgewickelt werden kann, aber daraus wird nichts. Die Versorgung im Reich wird umso schlechter, je länger der Krieg dauert.

Am 4. Februar 1915 verschärft Deutschland den Seekrieg deshalb noch. Die Reichsleitung legt einen Sperrgürtel um die britischen Inseln und verkündet, von jetzt an würden deutsche U-Boote jedes feindliche Handelsschiff und jeden feindlichen Passagierdampfer ohne Vorwarnung angreifen und versenken. Es sei der Beginn "maritimen Terrors", schreibt die Kölner Historikerin Ragnhild Fiebig-von-Hase über den "Anfang vom Ende des Krieges". Deutschland rechtfertigt sich mit der britischen Seekriegsführung.

Was sich der Kaiser unter dem Einfluss von Tirpitz davon erhofft, liegt auf der Hand: "Die Marinestrategen rechneten damit, dass die Unterbindung der überseeischen Einfuhren das von Getreide- und Rohstoffimporten abhängige Großbritannien mit Versorgungsproblemen so großen Ausmaßes konfrontieren würde, dass es schon innerhalb von sechs Wochen zum Einlenken gezwungen sein und um Frieden bitten werde", schreibt Fiebig-von-Hase.

Die amerikanische Regierung lässt umgehend wissen, dass sie Deutschland für Schäden haftbar machen werde, sollten neutrale Schiffe untergehen. Der Fall lässt nicht lange auf sich warten. Am 7. Mai 1915 versenkt U-20 den britischen Passagierdampfer "Lusitania" vor der Südküste Irlands. 1198 Menschen kommen ums Leben, darunter 128 amerikanische Staatsbürger.

Noch ist Woodrow Wilson an einem Bruch mit dem Kaiserreich nicht gelegen, und so zügelt er seine Rhetorik. Er fordert Genugtuung. Tatsächlich gesteht Deutschland zu, es werde fortan Angriffe auf neutrale Schiffe unterlassen. Doch bald darauf erregt sich Amerika schon stärker über den maritimen Terror, diesmal hat U-20 den Dampfer "Arabic" am 19. August 1915 auf den Meeresgrund geschickt, 44 Menschen sterben, darunter drei Amerikaner. Wieder protestiert die Regierung Wilson, wieder gelobt die deutsche Regierung, Passagierschiffe würden künftig verschont.

So geht das dahin. Amerika schickt Protestnoten, Amerika echauffiert sich, die deutsche Marineführung verspricht Beschränkung, hält sich aber nicht daran. Am 24. März 1916 torpediert UB-29 die französische Passagierfähre "Sussex" im Ärmelkanal, mindestens 50 Tote, unter den Verletzten sind mehrere Amerikaner.

Das diplomatische Verhältnis zwischen Amerika und Deutschland ist bis zum Zerreißen angespannt. Aber auch im Verhältnis der USA zu Großbritannien kommt es jetzt zu Verstimmungen. Washington verübelt den Briten die Ausweitung der Seeblockade und stört sich an den Kriegszielen der Alliierten, zu denen die Kontrolle des Atlantikhandels gehört. Die US-Regierung warnt nun Banken und Investoren davor, weitere Kredite zu gewähren. Ohne neue Kredite aber kann Großbritannien den Krieg allenfalls drei Monate fortführen.

Allmählich rückt Amerika in den Mittelpunkt. Allmählich fällt Präsident Wilson die Rolle zu, die er für sich beansprucht: die des Vermittlers, des ehrlichen Maklers, der souverän und distanziert die europäischen Händel beobachtet und nach Auswegen aus dem Krieg sucht.

Es ist Deutschland, das im Sommer 1916 zuerst an den amerikanischen Präsidenten mit der Bitte um Vermittlung herantritt. Wilson zwingt das kredithungrige Großbritannien dazu, sich auf den diplomatischen Kanal zur Friedenssuche einzulassen. Am 18. Dezember 1916 fordert der Präsident die Kriegsgegner förmlich dazu auf, ihre Kriegsziele zu benennen, damit er prüfen kann, ob eine Friedensinitiative Aussicht auf Erfolg haben kann.

Widerstrebend kommen die Alliierten dem am 10. Januar 1917 nach. Großbritannien kann sich nicht leisten, Amerika zu verprellen. Frankreich verlangt Wiedergutmachung für erlittenes Unrecht, wozu die Rückgabe Elsass-Lothringens und auch Reparationen zählen. Die Alliierten fordern zudem das Recht der Völker auf Selbstbestimmung, was das Ende der Vielvölkerstaaten Österreich-Ungarn und des Osmanischen Reiches bedeutet.

Während Wilson Ausschau hält, ob die Zeit schon reif ist für seine neue internationale Ordnung, tobt im deutschen Kaiserreich der Machtkampf um die Führung des Krieges und seine Ziele.

Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg sucht die Annäherung an Amerika, aber er ist das schwächste Glied in der Befehlskette. Admiral Tirpitz tritt für den bedingungslosen U-Boot-Krieg ein, um Großbritannien in die Kapitulation zu zwingen und das Patt im kontinentalen Stellungskrieg aufzulösen. Die Oberste Heeresleitung wiederum unter Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff rät zunächst vom verschärften Seekrieg ab, weil dann Amerika in den Krieg eingreifen könnte, schwenkt aber Ende 1916 um. Auf den U-Booten ruht plötzlich wieder die Hoffnung der Deutschen, die Wende doch noch erzwingen zu können; dabei hatte sich diese Erwartung bisher keineswegs erfüllt.

Ein erstaunliches Wagnis zudem, da Deutschland gerade aus gutem Grund die Annäherung an Amerika gesucht hat. "Unter dem Eindruck der misslungenen Verdun-Offensive war die Bereitschaft gefährlich gewachsen, ,à la baisse' zu spekulieren und alles auf die eine noch ungeprüfte Karte des uneingeschränkten U-Boot-Krieges zu setzen", schreibt Fiebig-von-Hase. Am 9. Januar 1917 verkündet Kaiser Wilhelm II., dass der maritime Terror ab dem 1. Februar wieder aufgenommen werden soll.

Ungläubig und tief enttäuscht nimmt Präsident Wilson die deutsche Ankündigung über den totalen U-Boot-Krieg zur Kenntnis. Er hat für bare Münze genommen, dass Deutschland ihn um Vermittlung ersucht, er hat sich auch nicht von seinen Beratern überzeugen lassen, die darin nur eine Finte oder allenfalls ein Intermezzo sahen und es für unvermeidlich hielten, dass Amerika Krieg führen muss, um den Krieg zu entscheiden. Er gibt jetzt die Illusion auf, er könne zwischen den Kriegsgegnern vermitteln. Sein Stolz ist verletzt, er hat Deutschland stets bewundert.

Doch immer noch tut sich Wilson schwer, die Konsequenzen zu ziehen. Am 3. Februar 1917 bricht Amerika zwar die diplomatischen Beziehungen mit dem deutschen Kaiserreich ab. Aber dann wartet der Präsident ab, ob Deutschland mit dem bedingungslosen U-Boot-Krieg wirklich ernst macht.

Aus seiner Sicht liegt noch immer kein hinreichender Grund vor, dass Amerika die Neutralität aufgibt. Es ist so ähnlich wie im Zweiten Weltkrieg, als Franklin Roosevelt auch einerseits den Krieg vorbereitet, aber andererseits, zur Verzweiflung Großbritanniens, zögert und abwartet, bis der absolute Kriegsgrund endlich da ist. Mit Pearl Harbor ist die Zimmermann-Depesche nicht zu vergleichen, aber sie gibt 1917 den Ausschlag für Amerikas Eintritt in den Krieg.

Arthur Zimmermann ist Staatssekretär im Auswärtigen Amt in Berlin. Er schreibt an den mexikanischen Präsidenten Venustiano Carranza und unterbreitet ihm das Angebot, Deutschland werde sein Land, sofern es Amerika den Krieg erklären sollte, dabei unterstützen, "dass Mexiko in Texas, Neu-Mexiko, Arizona früher verlorenes Gebiet zurückerobert". Der britische Geheimdienst fängt das verschlüsselte Telegramm ab und spielt es der US-Regierung zu. Die Wirkung ist wie gewünscht: ungeheure Empörung, Aufruhr, Racheschreie. Der Krieg mit Mexiko um diese Gebiete liegt gerade 70 Jahre zurück.

Jetzt handelt Wilson. Am 2. April hält der US-Präsident im Kongress eine denkwürdige Rede, in der er pathetisch zur Verteidigung der Freiheit und zur Teilnahme am Kreuzzug der Demokratien gegen aggressive Autokratien aufruft. Am 6. April erklärt Amerika der Entente den Krieg: "Es ist schrecklich, dieses große friedliebende Volk in einen Krieg zu führen. Doch Recht ist kostbarer als Frieden", sagt Woodrow Wilson.

Im Mai 1917 führt Amerika die Wehrpflicht für alle Männer zwischen 21 und 30 Jahren ein, 4,75 Millionen werden schließlich eingezogen. Mehr als 2 Millionen US-Soldaten kommen dann in Europa zum Einsatz und verstärken die erschöpften Briten. Dabei sind auch 350.000 Schwarze, die meisten leisten, streng separiert von den weißen Kameraden, Arbeitseinsatz hinter der Front.

Langsam, aber sicher wendet sich der Krieg. Mittlerweile haben die Alliierten eine Strategie gegen den totalen U-Boot-Krieg der Deutschen gefunden. Die amerikanische Flotte fasst jetzt ihre Handelsschiffe zu Geleitzügen zusammen und schützt sie mit Kriegsschiffen. Im Sommer 1917 ist nicht mehr zu leugnen, weder in Berlin noch in Wien, dass U-Boote diesen Krieg nicht gewinnen. Zugleich hat die amerikanische Kriegserklärung die Moral und die Ressourcen der Alliierten gestärkt.

Als im Sommer 1918 US-Divisionen geballt in die Kämpfe auf dem europäischen Kriegsschauplatz eingreifen, ohne dass die deutschen U-Boote die großen atlantischen Transportoperationen ernsthaft gefährden, "entpuppten sich auch in dieser Hinsicht die Versprechungen der kaiserlichen Militärberater als dilettantenhaftes Wunschdenken", beschreibt Fiebig-von-Hase die Wende.

Mit dem deprimierenden, verlustreichen Stellungskrieg auf dem Kontinent ist es jetzt vorbei. Gemeinsam mit den Alliierten bringen die US-Truppen die letzte deutsche Offensive zum Stehen. Unter General John Pershing reibt die Expeditionsarmee das deutsche Westheer auf. Am Ende sterben 116.000 amerikanische Soldaten in diesem europäischen Krieg, 204.000 sind verwundet.

Über den Umweg der Kriegsteilnahme wird Woodrow Wilson endlich zur Schlüsselfigur für den Frieden, wie er es sich gewünscht hat. Schon am 8. Januar 1918 hat er seinen Friedensplan in 14 Punkten vorgelegt, der nun als Grundlage für die Verhandlungen in Paris dient. Der zentrale Zweck besteht darin, "in der Zukunft Deutschlands Macht zum Bösen" einzuschränken, wie der Präsident sagt. Daher sollen Deutschland und seine Verbündeten sämtliche annektierten Gebiete zurückgeben: Belgien, Elsass-Lothringen, Serbien, Montenegro, darüber hinaus soll Polen als Staat seine Wiedergeburt erleben. Die Völker Österreich-Ungarns sollen "die freieste Gelegenheit zu autonomer Entwicklung" bekommen, das gilt auch für das Osmanische Reich.

Woodrow Wilson will aber auch ein großzügiger Sieger sein. Er tritt dafür ein, dass Deutschland dem Völkerbund, der als Krönung einer neuen internationalen Ordnung gegründet werden soll, angehören darf. "Die Aufnahme würde nicht nur gewährleisten, dass die Deutschen dem Postulat kollektiver Sicherheit folgen müssen, sondern ihnen auch den Zwang auferlegen, die Reform der internationalen Ordnung anzunehmen", schreibt Ross Kennedy in seinem Buch "The Will to Believe".

Typisch für Wilson ist das Pathos, mit dem er die Meinung vertritt, die Völkergemeinschaft sei imstande, Kriege von nun an hinter sich zu lassen, indem sie aggressive Nationalstaaten in eine internationale Ordnung einbindet und so eindämmt. Aber im Gegenteil legt der Frieden nach diesem Krieg die Saat für den nächsten.

Warum es so gekommen ist, dafür gibt es viele Gründe. "Im Felde ungeschlagen" sei das deutsche Heer, heißt es alsbald, und die nationale Rechte findet Widerhall für die Dolchstoßlegende, die sie fortan wie eine Monstranz vor sich her trägt - als wäre die Heimat, und damit sind auch Regierung und Kaiser gemeint, dem Heer in den Rücken gefallen. Zudem enthält der Versailler Vertrag allerlei Ungerechtigkeiten, die Reparationen, die die Alliierten den Deutschen auferlegen, sind astronomisch hoch.

Schwerer noch aber wiegt, dass Amerika, anders als Wilson es wollte, Europa wieder sich selbst überlässt. So bleibt der Völkerbund ein schwaches Gebilde und die neue internationale Ordnung ein Torso.

Was Woodrow Wilson seit August 1914 vorschwebte, wird erst sein Nachfolger Franklin Roosevelt verwirklichen. Durch den Zweiten Weltkrieg steigt Amerika endgültig zur Weltmacht auf und dämmt Deutschlands Macht zum Bösen dauerhaft ein. Jetzt erst entsteht eine internationale Ordnung, die Europa befriedet.

Raymond Aron, der französische Soziologe, hat einmal gesagt, das 20. Jahrhundert hätte auch das deutsche Jahrhundert werden können. Man könnte auch sagen: Deutschland erst hat in zwei Kriegen das 20. Jahrhundert zum amerikanischen gemacht.

Artikel bewerten
3.9 (31 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 18 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Martin Biberach, 27.01.2014
Also bitte, von "Deutschlands Macht zum Bösen" zu schreiben, ist normativ und derart unwissenschaftlich, dass es dem Fass den Boden ausschlägt. Unerwähnt bleibt auch, dass Großbritannien den Uboot-Krieg auch provozierte, beförderte der besagte Passagierdampfer Lusitania nämlich Munition und dergleichen und war dementsprechend wieder ein legitimes Angriffsziel. So einfach wie hier dargestellt, Deutschland = böse, war es nämlich mitnichten, sondern hoch kompliziert und da hat sich damals keiner mit Ruhm bekleckert!
2.
Max Hagn, 27.01.2014
Ein leider etwas größerer Schnitzer ist drin: Amerika hat sicher nicht der Entente den Krieg erklärt. Sondern den Mittelmächten ;-)
3.
Wolfgang Kellner, 27.01.2014
"Dauerhaft bändigen konnte Wilson Deutschland trotzdem nicht." Was für eine geschichtsverdrehende Aussage! Als ob es als einzige Konsequenz aus dem verheerenden Völkerschlachten darum hätte gehen müssen, Deutschland zu bändigen. Als hätte man nur Deutschland bändigen müssen... Was für ein Unsinn, und nicht alle anderen europäischen Großmächte genauso. Anstatt die Grundlage für einen dauerhaften Frieden zu schaffen, indem Wilson für einen gerechten Frieden gesorgt hätte, ließ er vor allem die Franzosen ungehindert das Versailler Diktat zimmern. Von seinen 14 Punkten wurde so gut wie nichts realisiert, statt dessen bildete sich der Keim für die kommende Katastrophe 20 Jahre später, und die Amerikaner flüchteten sich i.d. Isolationismus. Natürlich waren diese Hintergründe nicht allein verantwortlich für die weitere Entwicklung, aber sie waren mit ausschlaggebend.
4.
Hermann Reincke, 27.01.2014
Die Lusitiana war ein Hilfskreuzer, bewaffnet und mit Waffen beladen. Solche Schiffe wurden laut Seekriegsordnung als Kriegsteilnehmer definiert und durften versenkt werden. Es wird behauptet, dieses Schiff hätten die Engländer bewusst in das von deutschen U-Booten bevölkerte Seegebiet manövriert, um die USA zum Kriegseintritt zu bewegen. Hat funktioniert. Nachzulesen in http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-42787456.html
5.
D Brueckner, 27.01.2014
Was fuer eine abenteuerliche Interpretation - sowohl Wilsons als auch des gesamten Konflikts. Wilson ist mit dem Ticket 'We stay out of it' 1916 gewaehlt worden. Anders als im Artikel dargestellt, war es durchaus nicht klar, das die USA sich auf die Seite GB stellen wuerden. Zu gross waren die Unterschiede der demokratischen USA und des Imperialstaates GB. (Nebenbei gesagt, veranstalteten die USA Truppen in den Philippinen nach der Uebernahme von Spanien feine Massaker unter der Zivilbevoelkerung. Man spricht von midnestens 100000 Opfern.) Tatsaechlich bedurfte es 3 Jahre britischer Kriegs- und Zivilpropaganda (Wellington House, War Propaganda Bureau) um die Stimmung im Lande als auch der Politik (und Wilson) kippen zu lassen. Man erinnere sich nur an die Legende des 'Rape of poor Belgium'. Neutralisten und GB-Gegner im Senat wurden systematisch kalt gestellt. (Z.B. Robert La Follette) Anders als im Artikel dargestellt zog sich die USA eher frustriert 1919 zurueck, da ihnen die perfide Aufteilungspolitik Frankreichs und der anderen Maechte zuwider wurde. Die Idee eines gleichberechtigten Voelkerbundes Wilsons nahmen GB und F nur solange auf, bis Amerika in den Krieg einzog und solange sie die Vorherrschaft bekaemen. Auch hier erkannte Wilson seine Naiviatet und gab auf. Wilson bevorzugte einen Waffestillstand unter Gleichen, dies ware aber schon am 12. November Makulatur. Die Seeblockade, die uebrigens bis Versaeille 1919 fortbestand und gerade nach Kriegsende unzaehlige zivile Opfer durch Verhungern brachte, zwang Deutschland die Alleinschuld zu unterzeichnen. Versaille war am Schluss ein Bazar, an dem sich jeder versuchte zu bedienen. Selbst Japan bekam ein Stueck vom Kuchen fuer seine Allianz mit GB, naemlich Tschingtao. Das fuehrte wie wir alle wissen zu neuen imperalien Ambitionen in China. Die Welt wurde noch 1941 mit der Atlantic Charta dumm gemacht - einem Memorandum, das es nicht Wert war gedruckt zu werden.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH