Kämpferin im Ersten Weltkrieg Ein Soldat namens Dorothy

Dem Tod sah sie mutig ins Auge, bei einem Verhör bekam sie einen Lachanfall: Dorothy Lawrence schlich sich im Ersten Weltkrieg an die Front, um zu kämpfen und als Journalistin über ihr Abenteuer zu berichten. In die Schlacht zog die selbsternannte Reporterin per Fahrrad und verkleidet als Mann.

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Nachts kamen die Ratten. Sie waren das Schlimmste für Dorothy. Allein in dem dunklen Wald versuchte die junge Frau, Schlaf zu finden. Knistern und Knarzen. Sie hatte gedacht, dass es zwischen den Bäumen sicher wäre. Hierhin war Dorothy vor den Polizisten geflohen. Vor jenen Männern, die ihren Traum ruinieren wollten. Doch sie musste durchhalten, sie war nur noch drei Kilometer von ihrem Ziel entfernt: der Front. Dem Krieg.

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Heft 3/2014
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Ihr Abenteuer begann rund 200 Kilometer entfernt und einige Wochen vorher - auf einem klapprigen Fahrrad. Für zwei Pfund hatte Dorothy Lawrence es in ihrer Heimatstadt London gekauft. Auf einer Fähre setzte sie nach Frankreich über und radelte hinein in das unbekannte Land, in dem gerade der Erste Weltkrieg tobte. Dorothy Lawrence sprach nur wenig Französisch, hatte fast kein Geld bei sich - dafür war sie voller Ehrgeiz und naiver Begeisterung: "Falls ich sterbe oder getötet werde - nun ja, dann sterbe ich, das ist alles."

Dass Lawrence es im Sommer 1915 überhaupt so weit schaffte - nach Frankreich, in diesen Wald bei der Westfront -, hätte kaum jemand für möglich gehalten. Wenige Wochen zuvor hatte sie Londoner Zeitungsredaktionen abgeklappert und nur Kopfschütteln geerntet. Eine kleine Frau mit schmaler Taille, breiter Hüfte und einem eigenwilligen Anliegen: Sie wollte als Kriegsreporterin an die Front. In einer Zeit, in der Frauen nicht wählen durften und vor allem Mutter, Gattin, Köchin zu sein hatten. Doch Lawrence wollte nicht an den Herd, sondern in den Krieg. Aus den Redaktionen erhielt sie immer die gleiche Antwort: "Blödsinn, selbstverständlich nicht." Doch das ließ sie nur noch entschlossener werden: "Ich werde herausfinden", notierte sie, "was ein gewöhnliches, englisches Mädchen ohne Zeugnis oder Geld schaffen kann. Ich werde sehen, was ich als Kriegsreporterin erreichen kann." In diesen Sätzen ist die Ursache für ihre Abenteuerlust begründet: Trotz. Und der Wunsch nach Anerkennung.

Auf 191 Seiten hat Lawrence später beschrieben, wie aus ihr der Soldat Denis Smith wurde. "Sappeur Dorothy Lawrence. Die einzige britische Soldatin. Late Royal Engineers, 51. Division. 179. Tunnelling Company, BEF" ist ein Abenteuerroman mit einer seltsam naiven Protagonistin: Sie nimmt den Tod scheinbar ohne Furcht in Kauf, beschreibt eine Begegnung mit Ratten aber als markerschütterndes Erlebnis. Und als sie, die Kriegsgefangene, von sechs Generälen verhört wird, nennt sie dies ein "gemütliches Beisammensein", bei dem sie immer wieder in Lachkrämpfe verfallen sei.

Eine Armee von Helfern für das "kleine Schulmädchen"

Ihre erste Station war das Städtchen Creil. "Überall Lachen", schreibt Lawrence über die französische Stadt. Und erwähnt nur nebenbei, dass weit entfernt die Gewehrsalven dröhnen. "Diese Männer ziehen in den Krieg wie die Briten in den Boxring." Der Weltkrieg als Abenteuerspielplatz. So wirkt das bei Lawrence. Sie reiste weiter nach Senlis, blieb zwei Nächte. Dann forderten französische Polizisten sie auf, die Stadt zu verlassen, umzukehren. "Ich hatte nicht die geringste Absicht, zu gehorchen", schreibt Lawrence. Sie trotzte. Und floh in den Wald.

Die Horrornacht war zu viel für die Abenteurerin. Sie wartete auf den Morgen, ließ den Kiefernwald hinter sich und fuhr nach Paris. Es war August 1915: Lawrence war frustriert. Aber ihr Ehrgeiz nicht gebrochen.

In Paris traf sie ihre ersten Helfer. Zehn britische Männer sollten es insgesamt werden, die dafür sorgten, dass Lawrence an der Front kämpfen konnte. In Anlehnung an die khakifarbenen Uniformen der britischen Soldaten nannte sie die Helfer ihre "kleine Armee von Khaki-Komplizen". Sie, die sich zu Beginn ihrer Reise als einfaches englisches Mädchen bezeichnete, inszeniert sich Wochen später als Befehlshaberin ihrer eigenen Mini-Armee.

Warum ihr die Männer geholfen haben? "Weil sie in mir eines ihrer kleinen Schulmädchen gesehen haben", schreibt Lawrence. Sie sprach die Soldaten an, die ihrer Meinung nach einsam aussahen. Ahnte, dass "schon allein der vertraute Klang der britischen Sprache in ihnen das Gefühl von Heimat auslösen würde". Eine Frau an der Front zu treffen, war schon extrem unwahrscheinlich. Aber dann auch noch eine Landsmännin? Lawrence muss eine Sensation gewesen sein.

Ihre ersten Helfer besorgten ihr eine Uniform. Zeigten ihr, wie ein Soldat marschiert. "Es macht uns nichts aus, dir zu helfen, Kleines", sagten die "Khaki-Komplizen". "Denn du wirst nie nah genug rankommen, um dich in Gefahr zu bringen." Sie irrten sich.

An der Front

Fünf Minuten dauerte es, dann waren ihre hüftlangen Haare raspelkurz. In ihrem Hotelzimmer in einem Vorort von Paris versteckte Lawrence ihre Brüste unter Bandagen und probierte ihre Uniform an. Beim Bürgermeister beantragte sie einen Passierschein nach Béthune: Dort hatten die Alliierten im Oktober 1914 die deutsche Armee gestoppt, und noch immer waren zahlreiche Soldaten der britischen Armee in der Stadt. Lawrence beschreibt den Bürgermeister in ihrem Buch als "liebes altes Ding", das glücklicherweise nicht gewusst habe, dass Béthune an der Front lag. Lawrence bekam ihren Passierschein.

Mit Hilfe ihrer Soldatenfreunde fälschte sie noch eine Erkennungsmarke aus braunem Leder, die sie fortan um den Hals trug. Darauf zu lesen ihre neue Identität: "Denis Smith. No. 175331. Erstes Leicester Regiment. Römisch-katholisch."

Als Lawrence ihr Ziel endlich erreicht hatte, merkte sie es erst gar nicht. Sie hatte eine falsche Abzweigung genommen und war statt in Béthune in der nahegelegenen Stadt Albert im Département Somme gelandet. Sie sah Kornfelder. Sie hörte Schüsse. Aber sie konnte nirgends Waffen und Geschütze entdecken. Oder irgendetwas anderes, das klar gemacht hätte: Hier ist die Frontlinie.

In Albert begann im Juli 1916 die Schlacht an der Somme. Mit mehr als einer Million Toten, Verwundeten, Vermissten gilt sie als größtes militärisches Desaster der britischen Geschichte. Schon ein Jahr zuvor wurde hier gekämpft. Und hier traf Lawrence auf den britischen Soldaten Tom Dunn. Er versteckte Lawrence in einem Schuppen, versorgte sie mit Essen. Und holte sie eines Nachts ab, als er den Zeitpunkt für richtig hielt. Die beiden schlichen in ihren Uniformen zu Dunns Einheit, mischten sich gemeinsam unter die Soldaten, begannen, mit ihnen zu marschieren.

Lawrence, die Kriegsgefangene

Zehn Tage und zehn Nächte hielt Lawrence es in den Schützengräben aus. Was genau sie in dieser Zeit tat, ob sie geschossen oder Leichen gesehen hat, schreibt sie nicht. Nur, dass sie die Minen nicht zünden konnte. "Mord sollte mein Gewissen nicht belasten." So habe sich herausgestellt, "dass ich kein redlicher Soldat war".

Nässe, Kälte, Hunger. Und der Gefechtslärm. Ununterbrochen donnerte es. Lawrence hatte Angst, dass sie bei einem Angriff der Deutschen oder durch einen Ohnmachtsanfall bewusstlos werden könnte. "Was passiert mit mir, mit meinen Helfern, wenn ich enttarnt werde?" Sie kam der unfreiwilligen Entblößung zuvor. Verbrannte all ihre Papiere, die einen Hinweis darauf hätten geben können, wie sie nach Albert gekommen war - und mit wessen Hilfe. Und gestand dem Vorgesetzten der Einheit alles.

Lawrence hoffte auf sein Schweigen. "Ich will das Regiment nicht verlassen. Ich weihe Sie nur in das Geheimnis ein, um meine Komplizen für den Fall zu schützen, dass ich verwundet oder krank werde." Aber ihr Vorgesetzter schwieg nicht. Lawrence wurde festgenommen. Als Kriegsgefangene abgeführt, wurde einmal, zweimal, neunmal verhört, stundenlang. So unglaublich war ihre Geschichte. Zwei Wochen musste sie in einem französischen Kloster verbringen. Dann wurde sie nach Großbritannien zurückgeschickt.

Trauriges Ende

Nach drei Monaten Abenteuer war Lawrence zurück in der Heimat. Aber ihre Geschichte konnte sie nicht veröffentlichen. Sie durfte nicht. "Ich gab dieses Versprechen ab. Und damit jede Chance, mit meinem Abenteuer bei einer Zeitung Geld zu verdienen", schrieb sie.

Erst nach Kriegsende kam ihr Buch auf den Markt. Die Beschreibung ihres merkwürdigen Abenteuers glich eher dem Tagebuch einer fantasiebegabten Teenagerin, als der Arbeit einer abgeklärten Journalistin. Und vermutlich wäre es komplett in Vergessenheit geraten - wenn da nicht der Hobby-Historiker Raphael Stipic wäre.

Vor rund 20 Jahren las der Brite zum ersten Mal etwas über die Tunnelgräber im Ersten Weltkrieg - und über eine Frau in der Einheit, die festgenommen wurde. Seitdem sucht Stipic in Archiven und Museen nach Informationen über Lawrence, wühlt sich durch Akten und alte Bücher.

Aber auch er weiß wenig über die Zeit nach Lawrences Rückkehr nach Großbritannien. Und das Wenige ist tragisch: 1925 hatte Lawrence offenbar einen kirchlichen Vormund, den sie der Vergewaltigung beschuldigte, sagt Stipic. Man glaubte ihr nicht. Schlimmer noch: Nachdem sie schon das Militär bloßgestellt hatte, galt sie nun auch als Schande für die Kirche. Lawrence wurde in eine Nervenklinik im Norden Londons eingewiesen. Dort starb sie 1964 im Alter von 76 Jahren. Auf dem Totenschein ist auch ihr Beruf vermerkt: "ehemalige Journalistin".



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Markus Preis, 15.01.2014
1.
Ich hoffe das nicht wieder nur, wie in Berichten zum 2.WWK, über Soldaten der Gegen-, der "guten" Seite berichtet wird. Also über Engländer, Franzosen und nicht zu vergessen die immer so heldenhaften US-Boys. Auch meine und Ihre und sehr viele unserer Urgroßväter haben gekämpft. Sie waren auch mutig, feige, wurden verwundet, haben auch getötet, haben auch Kameraden verloren. Und es waren nicht nur Juden an der Front die für das Reich gekämpft haben und dann verraten wurden. Ich gedenke hier aller deutschen Soldaten. Ihrese Mutes und ihrer Leidensfähigkeit.
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