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Ethnologische Tonaufnahmen Sprach-Testamente aus dem Gefangenenlager

Ethnologische Tonaufnahmen: Sprach-Testamente aus dem Gefangenenlager Fotos
Lautarchiv, Humboldt-Universität zu Berlin

Um ein "Stimmen-Museum der Völker" zu schaffen, führte ein Berliner Lehrer Zwangs-Tonaufzeichnungen von Insassen deutscher Kriegsgefangenenlager durch. So entstand ein ethisch höchst fragwürdiger Rassen-Katalog - der für die Forschung dennoch wertvoll ist. Von

Es klang wie eine Bestandsaufnahme aus einem Zoo - nur, dass hier nicht Tiere, sondern Menschen katalogisiert werden sollten: "In den Gefangenenlagern finden wir Proben der verschiedenen Rassen und Völker zum Kennenlernen bequemer nebeneinander gestellt", hieß es 1916 in einem Fotoband mit Porträtaufnahmen von Kriegsgefangenen. Er trug den Titel "Unsere Feinde - Charakterköpfe aus deutschen Kriegsgefangenenlagern".

Gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs hatte der Berliner Englischlehrer Wilhelm Doegen die Idee, den unfreiwilligen Aufenthalt inhaftierter feindlicher Soldaten auf deutschem Boden für Forschungszwecke zu nutzen. Deshalb bat er persönlich beim Kriegsministerium um die Erlaubnis zum Betreten der Gefangenenlager. Sein Ziel: mit den Tonaufnahmen von Militärs aus den französischen und britischen Kolonien und dem weitläufigen russischen Zarenreich ein "Stimmen-Museum der Völker" zu schaffen und letztlich alle Sprachen der Welt zu sammeln.

In den Lagern bot sich die Möglichkeit, Sprache und Gesang fremder Völker aufzuzeichnen, ohne dafür weite, aufwendige und gefährliche Überseereisen finanzieren zu müssen. Nachdem Doegen von den Militärs Zustimmung signalisiert worden war, nutzte er seine Kontakte zum Kultusministerium und reichte dort Vorschläge zur Einrichtung eines "Königlichen Preußischen Phonetischen Instituts" ein, um sein Vorhaben zu finanzieren.

Katalog heute längst vergessener Dialekte

Doegen hatte sich in den Vorkriegsjahren mit den ersten Sprachkursen auf Schallplatten einen Namen gemacht und war 1910 dafür auf der Brüsseler Weltausstellung ausgezeichnet worden. Auch diesmal hatte er Erfolg: Das Kriegsministerium ordnete an, dass die Mitglieder der von Doegen geplanten Kommission zur Völker- und Sprachforschung "'beliebig häufigen Zutritt' zu den deutschen Kriegsgefangenenlagern haben sollten, um dort phonographische und auch photografische Aufnahmen für ein wissenschaftliches Werk vorzunehmen." Ende 1915 gründete das Kultusministerium die "Königlich Preußische Phonographische Kommission". Der Gruppe gehörten Linguisten, Anthropologen sowie Sprach- und Musikforscher an.

Wilhelm Doegen selbst bereiste zahlreiche deutsche Kriegsgefangenenlager, um Textaufnahmen der Insassen anzufertigen. Die Lagerkommandanten stellten der Kommission dazu im Vorfeld Listen der im Lager vertretenen Sprachen bereit. Vor Ort bestimmte dann ein Forscher, welche Gefangenen aufgenommen werden sollten. Texte und Aufnahmesituationen wurden protokolliert, Sprache und Dialekte transkribiert. Vor der eigentlichen Aufzeichnung gab es mehrere Probeläufe, damit geschriebener und gesprochener Text möglichst genau übereinstimmten.

Vor dem Aufnahmetrichter mussten die Gefangenen anschließend ihren Text vortragen. Die Sprecher weitgehend unbekannter Sprachen sagten Zahlenreihen und festgelegte Wortgruppen, wie "Erde, Sonne, Mond, Stern, Himmel", aber auch "Butter, Bier, Kaffee, Tee, Schnaps" auf. Außerdem konnten sie Märchen und Anekdoten in ihrem Heimatidiom erzählen. Zum Teil nutzten die Internierten die Aufnahme auch, um mit verschlüsselten Botschaften gegen ihre Haftbedingungen zu protestieren.

Gaumenabdrücke und Röntgenaufnahmen

Europäer mussten jeweils die biblische Parabel vom verlorenen Sohn vorlesen, um die verschiedenen Dialekte ihrer Sprachen zu dokumentieren. Das Gleichnis diente als Standardtext, weil es eine hohe Dichte an Personalpronomen, Deklinationen und Konjugationen aller drei Zeitformen enthält. Auf diese Weise trug die Kommission 272 verschiedene Dialektversionen der Bibelgeschichte zusammen.

Die verwendete Aufnahmetechnik hatte sich erst wenige Jahrzehnte zuvor etabliert: Mit dem 1877 erfundenen Edison-Phonographen zeichnete man Gesänge der Kriegsgefangenen auf Wachswalzen auf. Sprachaufnahmen wurden dagegen mit der neueren Technik des 1887 erfundenen Grammophons auf Lautplatten festgehalten. Die Aufnahmekapazität lag je nach Gerät nur zwischen zwei und drei Minuten.

Zusätzlich wurden alle Sprecher und Sänger fotografiert und ihre Daten auf einem Personalbogen erfasst. Doegens Bruder Alfred, ein Zahnarzt, fertigte gelegentlich auch Gaumenabdrücke an, um die Zungenstellung bei Lauten zu dokumentieren. Hinzu kamen in Einzelfällen Röntgenaufnahmen des Kehlkopfes und Gipsabformungen von Gesichtern einiger Gefangener.

"Kultururkunden" für die Ewigkeit

In rund 30 der über 100 deutschen Kriegsgefangenenlager wurden von den Forschern insgesamt 215 Sprachen und zahlreiche Dialekte aufgezeichnet. Trotz ihres problematischen Entstehungshintergrunds sind diese Aufnahmen heute von hohem kulturhistorischen und wissenschaftlichen Wert: stellen sie doch oft das erste Tondokument einer Sprache dar und sind, so die Kulturwissenschaftlerin Britta Lange, "akustische Testamente" zum Teil schon erloschener Kulturen. Zugleich müssen sie aber nach Lange zu den "sensiblen Sammlungen" gerechnet werden, weil ihre menschlichen "Objekte" auch nach "rassischen" Kriterien ausgewählt wurden.

Die Aufgenommenen selbst befanden sich in einer Zwangssituation, über die es in dem eingangs erwähnten Fotoband ebenso beschönigend wie herablassend hieß: "Es ist niemand zu der photographischen Aufnahme irgendwie gezwungen worden. Ganz allgemein empfanden es die Gefangenen vielmehr als eine Bevorzugung, von dem deutschen Offizier photographiert zu werden." Gleichzeitig erging aber eine amtliche Zensuranweisung an die deutsche Presse, über die Arbeit der Kommission nicht zu berichten.

Die letzte Aufnahme der Phonographischen Kommission in einem Gefangenenlager entstand im Dezember 1918, mehr als einen Monat nach Kriegsende. Auf der Platte ist Kedi Bangura aus Guinea zu hören - und ein unbekannter Souffleur, der dem Analphabeten seinen Text zuflüstert. Zwei Jahre später wurde die Kommission aufgelöst. Die Aufnahmen wurden in die neu geschaffene Lautabteilung an der Preußischen Staatsbibliothek überführt. Hier setzte Doegen seine Arbeit fort, indem er etwa die Stimme eines Sioux-Häuptlings bei dessen Besuch in Berlin aufzeichnete und sich der Aufnahme von Tierstimmen widmete.

1925 rühmte sich Doegen in seinem Buch "Unter fremden Völkern. Eine neue Völkerkunde", er habe "Kultururkunden" geschaffen, "die die Jahrtausende überdauern" würden. Doch zunächst einmal kümmerte er sich ganz pragmatisch darum, mit seinen problematischen Aufnahmen Geld zu verdienen: In den Zwanzigerjahren stellte er sie in einer kostenpflichtigen Vortragsreihe mit dem Titel "Stimmen der Völker" vor. In den Dreißigerjahren vertrieb er sie sogar kommerziell - als Sprachlernplatten.

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1. Und heute ...
Heinz H., 16.09.2015
Kann man die irgendwo noch anhören? Wäre toll, wenn die im Internet verfügbar wären.
2.
Tomas Freitag, 16.09.2015
Wissen Sie, was ich problematisch und ethnisch höchst fragwürdig finde: Dass Engländer und Franzosen für ihren Krieg so viele Angehörige anderer Völker und Kulturen zu den Waffen zwangen und bluten und sterben ließen!
3.
Tobias Müller, 16.09.2015
Wo jetzt der rassistische Einschlag der Aufnahmen sein soll erschließt sich nicht aus dem Text. Der eingesetzte Zwang ist jedenfalls in Kriegsgefangenschaft nichts Ungewöhnliches. Würde ja auch dem Wesen einer Gefangenschaft zuwider laufen...
4. Sensationslüsternde Überschrift
Klaus Mnatrid, 16.09.2015
Es scheint niemand bei den Aufnahmen zu Schaden gekommen oder in herbwürdigender Wwiese behandelt worden zu sein. Die in der Überschift behaupteten Zwangs-Tonaufzeichnungen, werden in dem Artikel weder behauptet oder bestätigt. Die Feststellung, dass es unterschiedliche Rassen gibt, ist noch lange kein Rassismus. Wobei Dialekt nachweislich nichts mit Rasse, sondern allein mit dem Umfeld zu tun hat. Ein Europäer, der in China unter Chinesen aufgewachsen ist, würde deren Dialekt sprechen, umgekehrt würde ein Aborigine, der in Bayern unter Bayern aufgewachsen ist, den dortigen Dialekt sprechen.
5. Meine Güte
Raphael Heinrich, 16.09.2015
was ist denn nun "höchst fragwürdig" daran, dass der Mann unter Kriegsgefangenen Stimmen gesammelt hat? Wo ist da der "problematische Hintergrund"?
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