Erstes KZ in Sachsen Wie ein Schloss zum Zuchthaus wurde

Erstes KZ in Sachsen: Wie ein Schloss zum Zuchthaus wurde Fotos
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Das sächsische Sanssoucis war romantisch - und berüchtigt: 1933 wurde der Adelssitz Hainewalde für einige Monate zum Schutzhaftlager der Nazis. Mit brutalsten Mitteln sollten hier vor allem Kommunisten und Sozialdemokraten "umerzogen" werden - doch das ging schief. Von

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Um die 100.000 Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter verschwanden in den ersten Wochen nach der Machtübernahme durch die Nazis in "wilden" Lagern der SA. Der berüchtigte SA-Sturmbann III-102 aus Dresden hatte ausgerechnet im romantischen Schloss Hainewalde, dem so genannten sächsischen Sanssoucis, sein Hauptquartier bezogen. Von hier aus organisierten die braunen Parteisoldaten in der Oberlausitz eine regelrechte Jagd auf politische Gegner und jeden, der irgendwie "unangenehm auffiel".

Am 26. März 1933 wurde der ehemalige Adelssitz der Herren von Kyau, mittlerweile wegen totaler Verschuldung der Familie in Besitz der Gemeinde Großschönau, von der SA bezogen und als erstes Schutzhaftlager in Sachsen in Betrieb genommen. Am 27. und 28. März wurden Strohsäcke, Schlafdecken, Waschschüsseln, Eimer und 35 Gummiknüppel angeliefert. Am Tag darauf trafen bereits die ersten Transporte mit politischen Häftlingen ein. Manche Verhaftete band man mit Stricken zwischen zwei Fahrräder und hetzte sie auf diese Weise nach Hainewalde.

"Umerziehung" mit Knüppeln

Dort angekommen, wurden sie vom "Schlossgeist" Sturmbannführer Mittag empfangen. Er begrüßte sie mit den Worten: "Aus Euch wollen wir anständige Menschen machen!". Anschließend ging es durch ein Spalier von SA-Männern über den Vorhof des Schlosses und die riesige Freitreppe hinauf bis zur Balustrade. Mit Ochsenziemern und Gummiknüppeln prügelte die SA dabei auf die Verhafteten ein.

Die älteren Schutzhäftlinge waren im zweiten Stock in einem Saal mit etwa 150 Mann untergebracht, die Jüngeren kamen in den dritten und vierten Stock. Sie wurden bewusst von den älteren Gefangenen getrennt. Die Nazis hofften, die Jugendlichen im nationalsozialistischen Geiste umerziehen zu können - doch das ging bis auf wenige Ausnahmen schief.

Tagsüber mussten die Häftlinge auf den Feldern des Rittergutes schuften. Sie wurden wie Zugtiere vor die Pflüge und Eggen gespannt. Andere Häftlinge arbeiten beim Holzhackkommando oder hatten Latrinendienst. Die Übrigen mussten im Irrgarten des Schlosses regelmäßig strafexerzieren. Dabei wurden sie über Gräben, Planken und Drahthindernisse gejagt. Besonders schwer misshandelte Häftlinge brachte die SA in den Schlosskeller. Dort wurden sie so lange isoliert, bis die schlimmsten Wunden vernarbt waren. Das Krankenrevier war hauptsächlich mit so genannten SA-Sanitätern besetzt. Als Ärzte standen ihnen Dr. Steiner aus Oybin und Dr. Schubert aus Hainewalde zur Verfügung. Ins Krankenrevier kamen nur Schutzhäftlinge, bei denen die medizinische Pflege nach Misshandlungen unverzichtbar war.

"Den Zwecken der großdeutschen Bewegung"

Auch Axel Eggebrecht, der bekannte Journalist und Schriftsteller, wurde für einige Monate im Schloss Hainewalde inhaftiert. Eggebrecht war von 1920 bis 1925 Mitglied der KPD, das genügte den neuen Machthabern nach dem Reichstagsbrand als Haftgrund. Die Gefangenen hatten in der Regel keine Straftaten begangen, wurde auch nie einem Richter vorgeführt. Die Schutzhaft sei eine reine "Verwaltungsmaßnahme", wurde von Seiten der Machthaber versichert.

Um die breite Öffentlichkeit über den wahren Charakter des Schutzhaftlagers zu täuschen, schrieb die Oberlausitzer Tageszeitung in ihrer Ausgabe Nummer 147 von 1933: "An den Hängen des herrlichen Mandautales im Lausitzer Dorf Hainewalde erhebt sich das schöne turmgekrönte Schloss, ein Zeuge alter Zeit, errichtet von dem alteingesessenen Adelsgeschlecht derer von Kanitz, deren Name in den Analen Sächsischer Geschichte für alle Zeiten eingetragen ist. Heute schmückt den Mittelbau des Schlosses an der Vorderfront das Symbol des neuen nationalsozialistischen Staates. Lustig weht auf den Zinnen die Fahne des Nationalsozialismus. Das Schloss dient den Zwecken der großdeutschen Bewegung und ihrer Stärkung. Es bildet das Schutzhaftlager der Oberlausitz für bis zu 400 politisch unzuverlässige Personen. Erst beim näher kommen merkt der Beschauer als äußeres Zeichen des Lagers hohe Drahtzäune, deren Eingänge von SA-Posten bewacht sind."

Der Dresdner SA-Sturm, der von Mitte April bis Mai in Hainewalde wütete, war eine selbst für damalige Zeiten besonders miese Schlägertruppe. Geführt wurde der wilde Haufen von Sturmführer Jirka. In der eigenen Sturmbannfahne war ungeschminkt das Motto "Mord- und Rollkommando" eingestickt. Jirka war ein heruntergekommener Intellektueller, der ständig unter Alkohol stand. Seine besondere Brutalität wurde trotz aller Verschleierungsversuche bekannt und es kam zu einer Untersuchung über die Vorgänge in Hainewalde. Als Ergebnis dieser Untersuchung wurde der Dresdner Sturmbann Mitte Mai abgezogen und durch die Zittauer SA ersetzt. Bis auf den Mannschaftswechsel sollte sich allerdings nicht viel ändern.

Am 10. August 1933 wurde das KZ Hainewalde aufgelöst - aus organisatorischen Gründen. Man legte größere KZ an. Nach dem Krieg wurden die Verbrechen von Hainewalde vor der Großen Strafkammer des Landgerichts Bautzen geahndet. Doch nicht alle Verantwortlichen konnten gefasst werden. Die Staatsanwaltschaft hatte außer den 39 Verurteilten noch 71 weitere Täter festgestellt. Davon waren 31 geflüchtet oder unbekannt verzogen, 13 konnten bis heute nicht ermittelt werden.

Mehr über die Zeit nach dem Reichstagsbrand in der Oberlausitz lesen Sie unter

www.mahnung-gegen-rechts.de

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