Erstes Maueropfer "Was hatte mein Bruder eigentlich verbrochen?"

Erstes Maueropfer: "Was hatte mein Bruder eigentlich verbrochen?" Fotos
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Günter Litfin war der erste, der an der Berliner Mauer sein Leben ließ, Tage bevor aus einer Stacheldrahtgrenze erst ein Bauwerk werden sollte. Bei einestages erinnert sich Jürgen Litfin an seinen Bruder - und dessen viel zu kurzes Leben, das von zwei Diktaturen zerstört wurde. Von

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In der DDR gab es einen Nachnamen, der besonders häufig auftauchte. Häufiger noch als Meier, Schulze, Lehmann: Niemand. Niemand hatte die Absicht, eine Mauer zu bauen. Niemand hatte die Absicht, ein Volk zu teilen. Niemand schoss auf die eigenen Landsleute. Niemand hetzte Familienmitglieder gegeneinander auf. Niemand wendete Methoden der Gestapo an.

Einer, der nicht den Namen Niemand trägt, erschießt am 24. August 1961 meinen Bruder. Herbert Plaul aus Halle ist Grenzsoldat und wird zum Mörder. Er trägt eine Uniform, die fast genau wie die Uniform der Wehrmacht aussieht. Im Spind des jungen Grenzsoldaten hängt ein Stahlhelm, den die Wehrmacht noch 1944 entwickelte.

Herbert Plaul schießt am 24. August gezielt und lässt sein Opfer jämmerlich ersaufen. Er hat den ersten Menschen an der Grenze erschossen, die später erst eine Mauer werden soll. Und durch ihn wissen Ost-Berliner: Hier schießen wieder Deutsche auf Deutsche. Das Oberste Gericht der DDR befindet sich 500 Meter vom Humboldthafen entfernt. Wo mein Bruder später ertrinken sollte.


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Das Urteil für den Mord lautete: 18 Monate Haft auf Bewährung. Wegen Totschlags im "minder schweren Fall". Minder schwer bedeutet: geringfügig, nicht der Rede wert. Der Mörder ist Teil einer Kette, die in der braunen Diktatur ihren Anfang hat und Teil eines Systems, das sich Unmenschlichkeit in den schmutzigen Farben des Sozialismus auf die Fahnen schrieb. Was hatte mein Bruder eigentlich verbrochen?

Günter wurde 1937 in Berlin-Lichtenberg geboren. Nicht allein, sondern als Zwilling. Sechs Jahre später stürzt der Zwillingsbruder mit seinem Roller. Mit einem Bluterguss wird er ins Krankenhaus eingeliefert. Dort glaubt der behandelnde Chefarzt, ein "Judenbalg" vor sich zu haben. Mit einer Überdosis Narkosemitteln bringt er ihn um. Dr. Niemand? Nein Dr. Deichgräber. Ein Arzt mit einem richtigen Namen.

Günter hat nie verwunden, dass ein Arzt seinen Zwillingsbruder ermordet hat. Trotzdem versucht er, ein normales Leben zu leben. Er arbeitet als Schneider. Zuerst in Weißensee, ab 1955 in einem Modeatelier am Zoo. In West-Berlin.

Der 13. August 1961 ist ein Sonntag. Günter weiß, dass er plötzlich arbeitslos ist, weil er einfach nicht mehr rüber kommt. Nach einigen Tagen hat er offenbar ein Areal gefunden, das ihm sicher erscheint. Hinter der Charité verläuft ein Kanal, dort liegt auch der Humboldthafen. Benannt nach zwei Brüdern, die den Menschen und die Natur in den Mittelpunkt ihrer Forschung stellten. In den Mittelpunkt stellten, nicht ins Visier nahmen.

Am Humboldthafen kann Günter keine Grenzsoldaten entdecken, und auf der Westseite sieht er eine Leiter. Am Abend des 24. kommt er nicht nach Hause. Am 25. führen mich Polizisten ab und verhören mich bis Mitternacht. Mir wird klar, dass wir schon lange im Visier der Stasi stehen müssen. Einer Organisation, die von einem Polizistenmörder geleitet wird, Erich Mielke.

Noch Tage zuvor redet Willy Brandt auf die Menschen ein: "Lasst euch nicht zu Lumpen machen! Zeigt menschliches Verhalten, wo immer es möglich ist. Und vor allem, schießt vor allem nicht auf Eure eigenen Landsleute!" Sie schießen. Am 31. August 1961 ist die Beerdigung. Und ich habe meinen Bruder bisher immer noch nicht gesehen. Liegt er überhaupt in dem Sarg, der in der kleinen Kapelle steht? Und wie sieht er aus? Ist dies alles vielleicht nur ein riesiger Irrtum?

Eine Stunde vor der offiziellen Trauerfeier halten zwei Freunde vor der Kapelle Wache. Mit einem Brecheisen öffne ich den Sarg. Nur ein Pflaster klebt an seinem Kinn. Ich lege Günter einen kleinen Strauß Blumen in die Hände und verspreche ihm: Ich finde heraus, wer dich ermordet hat.

Ich erspare Ihnen die Details meines eigenen Lebens. Stasi, Gefängnis, Ausbürgerung, wieder zurück. Ich glaube, man nennt so etwas Sippenhaft. Heute weiß ich, dass ein Kommunist aus dem Saarland den Bericht des Mörders gelesen und die Tat gebilligt hat: Erich Honecker. Die friedliebende und antifaschistische DDR war eine rote Diktatur. Sie hat sich nicht nur an den Uniformen und am Stahlhelm der braunen Diktatur orientiert, sondern auch an ihren Methoden.


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Mein Bruder war der erste Tote an der Grenze. Und er hätte der letzte sein müssen. Wie wir alle wissen, wurden es Tausende. Wie kann man, wie muss man mehr als 20 Jahre nach diesem System der Unterdrückung daran erinnern? Ich habe eine Möglichkeit gefunden. Auch wenn es paradox klingt: Im letzten Wachturm, der Berlin geblieben ist, habe ich eine Gedenkstätte eingerichtet. Für meinen Bruder, für mehr als hundert Opfer an der Berliner Mauer. Für alle in Deutschland. Diesen Turm würde es nach dem Willen eines bayerischen Bauunternehmers nicht mehr geben. Es gibt ihn aber noch. Auch den Gedenkstein für meinen Bruder gibt es wieder. Samt einer Rasenfläche von zwei Quadratmetern.

Der seit 21 Jahren nicht mehr geteilten Stadt Berlin fehlt allerdings das Geld, diese Rasenfläche zu pflegen. Ja, es ist traurige Realität. Erinnerung an staatlich sanktionierte Morde ist aus Sicht der Hinterbliebenen Privatsache. Offizielle Seiten beschränken sich meist auf Gedenktage wie den heutigen. Nein! Im Namen meines Bruders und der anderen Opfer darf Erinnerung keine Privatangelegenheit sein. Das Leben in Freiheit, welches wir heute alle genießen, haben auch die Opfer von Diktaturen ermöglicht. Sie zeigen, dass wir einer Gewaltherrschaft gegenüber nicht wehrlos sind und dass Freiheit eines der wertvollsten Güter ist, das wir besitzen.

Manchmal frage ich mich, wie es denn gekommen wäre, wenn nicht… Ich denke, Günter hätte in der Nähe des Ku’damms eine Karriere in der Modebranche gemacht. Und heute würden wir im Garten sitzen. Beim Bier. Um uns Enkel, die wir alten Männer beaufsichtigen dürfen, denen wir beim Spiel zusehen.

Die Mörder haben mehr zerstört als ein einziges Leben in einer Sekunde. Sie haben ganze Familiengeschichten in eine neue, ungewollte Richtung gedrängt. Ich hoffe inständig, dass Käthe Kollwitz dieses Mal Recht behält. Auf ihrem Plakat nach dem Ersten und vor dem Zweiten Weltkrieg stand: "Nie wieder".

Aufgezeichnet von Jens Kegel

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1.
Lothar Sawall 14.08.2011
Ich kann es als Westberliner diese Krokodielstränen nicht mehr ertragen, die Lügen von wegen in Bonn hätte keiner etwas davon gewußt, eine infame Lüge ich war zu der Zeit als Bundeswehrangehöriger auf Urlaub in Berlin und erhielt am 11. August die Aufforderung zu meienr Einheit zurück zu kehren. Und die armen Westdeutschen beim Wahlkampf in Niedersachsen nach dem Mauernau da hörte man von CDU Mitgliedern reißt doch Berlin ab und baut es in der Lüneburgerheide neu auf und bei der Bundeswehr die fast einhellige Meinung im Kasin was denn für Berlin krepieren, nein. Und dann da werden welche freigekauft und drei Tage später Üüberfallen sie das KadeWe.
2.
Kai-Uwe Henker 14.08.2011
Ich bib etwas verwirrt: Im Artikel steht "Auch den Gedenkstein für meinen Bruder gibt es wieder. Samt einer Rasenfläche von zwei Quadratmetern. " Zwei Quadratmeter?? Wirklich nur zwei Quadratmeter?
3.
M. Sebastian Richter 14.08.2011
Ich habe den Bericht gelesen. Danke für den Mut darüber zu schreiben. Den ersten Kommentar finde ich unpassend und provozierend.
4.
Frank Fischer 15.08.2011
Als erstes möchte ich mein Bedauern über den Verlust von zwei Brüdern zum Ausdruck bringen. Allerdings muss ich anmerken das der Artikel auf mich schon mit der falschen Überschrift anfängt. Weshalb er erschossen wurde? Er wollte illegal eine Grenze überqueren. Das wurde nicht nur an der deutsch-deutschen Grenze so gehandhabt sondern auch an vielen anderen Grenzen. Und dies immernoch. Desweitern finde ich den Artikel Hass erfüllt. Das wiederum finde ich für den Schreiber tragisch. Niemand sollte mit soviel Hass in sich durchs Leben gehen...
5.
Siegfried Wittenburg 15.08.2011
@ Frank Fischer: "Das wurde nicht nur an der deutsch-deutschen Grenze so gehandhabt sondern auch an vielen anderen Grenzen." Das ist als "Entschuldigung" nicht anzuerkennen. Die deutsch-deutsche Grenze wurde offiziell als "antifaschistischer Schutzwall" bezeichnet. Doch woher weiß ein Grenzer, dass der Flüchtende Faschist sein könnte, wenn er ihn abknallt, bevor dieser gefragt werden kann? Und überhaupt: Wenn es nach der Propaganda ein antifaschistischer "Schutzwall" hätte sein sollen, hätte die DDR ihre Grenze nach außen verteidigen müssen und nicht nach innen. Die Selbstschussanlagen waren auf die Menschen der DDR gerichtet. Das gesamte staatliche Konstrukt einschließlich der Grenze war eine infame Lüge auf Kosten der Menschen. "Niemand sollte mit soviel Hass in sich durchs Leben gehen..." Diesen Hass, der eine Ursache hat, können Sie aber nicht dem Autor anlasten. Nur eine Entschuldigung und eine Wiedergutmachung können diesen Hass wenigstens mildern.
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