Erstes Rundfunkkonzert Deutschland entdeckt den Dudelfunk

Musikbeschallung rund um die Uhr, Konzertübertragungen in sauberster Qualität - was heute fest zum Alltag gehört, war 1920 für die meisten Deutschen noch unvorstellbar. Doch ein paar Rundfunk-Frickler aus Brandenburg sorgten mit einem Weihnachtskonzert dafür, dass der Hörfunk in allen Haushalten populär wurde.

Förderverein Sender Königswusterhausen

Von Lena Wendte


Eine leicht zerkratzte Schwarzweiß-Aufnahme zeigt fünf Angestellte der Deutschen Reichspost. Sie haben sich in der Hauptfunkstelle Königs Wusterhausen versammelt, um zu musizieren - mit Klarinette und Harmonium, Streichinstrumenten und Klavier. Es ist der 22. Dezember 1920, kurz vor Weihnachten, auf dem Programm stehen klassische Festtagslieder. Die Musiker lächeln steif oder blicken todernst. In der Mitte sitzt ein Mann mit kerzengeradem Rücken, er hält eine verkabelte Geige in der Hand, an die eine Art Mikrofon geklemmt ist. Gleich erklingen die ersten Töne von "Stille Nacht, heilige Nacht" - und obwohl kein Publikum im Raum versammelt ist, erreicht das Stück zahlreiche Zuhörer.

Das kleine Kammerkonzert der Königs Wusterhausener war die Geburtsstunde des Dudelfunks in Deutschland: der Anfang von Dauerbeschallung in Haus und Auto, Arbeitsplatz und Flugzeug - eine Revolution in der Geschichte des Rundfunks. Im Kaiserreich aber hatte sich das noch niemand vorstellen können, denn die Qualität der Übertragung war schlecht: Es rauschte und knatterte, sobald die Empfangsgeräte überhaupt ein Signal bekamen - das noch junge Medium galt als völlig ungeeignet für Musikübertragungen.

Halluzinationen im Schützengraben

Nicht so in den USA: Dort hatte man schon früher erfolgreich versucht, Musik über den Rundfunk an den Hörer zu bringen. 1906 erklang zum ersten Mal das Largo von Georg Friedrich Händel über einen Langwellensender, 1920 nahm der radiobegeisterte Marineoffizier Frank Conrad in Pittsburgh den ersten kommerziellen Rundfunksender in Betrieb. Er übertrug die Wahlergebnisse der Präsidentschaftswahlen und spielte in den Pausen Musik.

Deutschland aber war noch nicht so weit. Europäische Staaten hatten lange versucht, wichtige Erfindungen in der Radiotechnik voreinander geheim zu halten. Unter Kaiser Wilhelm II. versuchte das Reich, den Verzug auszugleichen. Was nicht sofort gelang: Die Anlagen in Königs Wusterhausen waren zwar bereits 1911 als Militärfunkstationen geplant worden und dienten im Ersten Weltkrieg der militärischen Kommunikation- allerdings noch immer auf Grundlage des Morsealphabets.

Der Funktechniker Hans Bredow wagte schließlich 1917 erste Versuche, Sprache und Musik zu übertragen. Das misslang allerdings gründlich. Die Soldaten in den Schützengräben glaubten, sie hätten Halluzinationen, als plötzlich Geigengequietsche die Funkfrequenzen störte. Es habe den strikten Befehl gegeben, "diesen Unfug zu unterbinden", erinnerte sich später ein Mitarbeiter Bredows.

Telegramm aus Sarajewo

Nach dem Krieg übernahm die staatliche Deutsche Reichspost die Hoheit über das Funkwesen, auch die Sendemasten in Brandenburg. Hans Bredow, der Elektrotechnik studiert hatte und seit Jahren mit Funksendern experimentierte, übernahm die Leitung. Der Funkerberg in Königs Wusterhausen glich bald einem Spinnennetz aus Kabelmasten. Die sollten fortan Börsennachrichten im Telegrammstil senden, an 76 Empfangsstellen des Unternehmens. Die Post plante, Informationen aus der Wirtschaft an Zeitungen zu verkaufen - "ein altmodischer Newsletter war geboren", so Rainer Suckow, der sich heute als Vorsitzender des Fördervereins Sender Königs Wusterhausen um die historische Anlage nahe Berlin kümmert.

Doch ein einfacher Nachrichtendienst reichte Bredow nicht, er hatte andere Visionen. Auf einer Veranstaltung in Berlin 1919 wagte er einen wegweisenden Vorstoß: Er forderte "Rundfunk für jedermann", eine "Art gesprochene Zeitung". Der Forscher sah die gewaltige kulturelle Veränderung, die der Hörfunk mit sich bringen würde - und wurde ausgelacht. An einen Unterhaltungswert des Rundfunks glaubte niemand.

Bis zu jenem denkwürdigen Tag im Dezember 1920. Die Brandenburger Mannschaft um Bredow hatte den ganzen Sommer über mit Röhrensendern experimentiert. Immer wieder hatten sich die musikalischen Postbeamten getroffen, mit Bögen aus Pferdehaar über Cello und Geige gestrichen, die Tasten des Harmoniums angeschlagen und gehofft, dass ein paar halbwegs saubere Töne aus den Empfangsgeräten dringen würden. Als schließlich die ersten Takte von "Stille Nacht, heilige Nacht" erklangen, sorgten sie für Furore bei Hörern in ganz Europa: Telegramme aus Luxemburg, Skandinavien, Holland und England trafen in Königs Wusterhausen ein. Sarajewo meldete: "Ihr heutiges Telefoniekonzert war ausgezeichnet, ebenso der Gesangsvortrag. Ihre Hahnes." Kiel sandte folgende Grüße: "Musik tiptop. Heute Abend ein Hoch auf Euer Spezielles - Frohes Fest!"

"Achtung! Achtung! Hier Sendestelle Berlin"

Die Hörfunkwelle war in Gang gesetzt, doch nach dem Ersten Weltkrieg war das Lauschen von Radiowellen für Privatleute von den Alliierten untersagt. Die staatliche Post hatte das Monopol für die Errichtung von Empfangsanlagen inne und wehrte sich auch noch gegen privaten Hörgenuss. 1922 sandte sie erstmals einen Fachmann in die USA, der die fortschrittliche Funkindustrie dort erkunden sollte. Er fürchtete ein "wilde Entwicklung", die außer Kontrolle geraten könnte. Ein Jahr später hoben die Alliierten das Verbot auf - da hatten sich in deutschen Hinterzimmern schon kleine Radioklubs gebildet.

Am 29. Oktober 1923 war es schließlich soweit. Mit den Worten "Achtung! Achtung! Hier Sendestelle Berlin - Vox-Haus - Welle 400. Wir bringen die kurze Mitteilung, dass die Berliner Sendestelle Vox-Haus mit dem Unterhaltungsrundfunk beginnt", startete die erste offizielle Radiosendung in der Potsdamer Straße in Berlin. Kurz danach gab es in Deutschland bereits rund 1500 Hörer, die ihr Gerät angemeldet hatten - der Hörfunk-Boom war nicht mehr zu stoppen.



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