Erziehung im "Dritten Reich" Ein Pimpf in Berlin

Erziehung im "Dritten Reich": Ein Pimpf in Berlin Fotos
Karl Burkhof

Als Neunjähriger schlug er schon Scheiben jüdischer Geschäfte ein: Karl Burkhof gehört zu der Generation, die als Kinder nichts anderes kannten als antisemitische NS-Propaganda und die Verherrlichung von Krieg. Selbst seine Eltern wagten es nicht, dem fanatischen Hitler-Jungen zu widersprechen - erst ein Onkel brachte ihn zum Nachdenken.

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Als neunjähriger Berliner Junge wurde ich freiwillig in das "Jungvolk" aufgenommen. Meine Mutter kaufte mir im "Braunen Laden" die Uniform. Das waren die Geschäfte, in denen Uniformen und Zubehör für alle NS-Organisationen verkauft wurden, ebenso Orden und Ehrenzeichen, Zelte, Tornister und Kochgeschirre, aber auch Fanfaren und Schalmeien und das Buch "Mein Kampf", vom "Führer" verfasst.

Zu meiner Sommerausstattung gehörte ein braunes Hemd mit rechter Schulterklappe und schwarzem Halstuch mit einem braunen Lederknoten, dazu eine kurze schwarze Kordhose mit einem schwarzen Lederkoppel, dem Schulterriemen und dem ersehnten Fahrtenmesser, mit der eingravierten Inschrift "Blut und Ehre". Auf dem linken Ärmel nähte mir meine Mutter ein kleines Stoff-Dreieck, mit dem Namen Berlin. Auf der linken Hemdentasche steckte ich das rautenförmige HJ- Abzeichen.

Wenn ich durch die Straßen schritt, war ich stolz, einen Offizier mit erhobenem Arm zu grüßen, und oft wurde mein Hitlergruß lässig erwidert. Wir wurden zu Film-Premieren eingeladen, bei denen die Darsteller sich nach Ende des Films auf der Bühne persönlich vor dem Publikum verbeugten und von uns, dem Jungvolk und der Hitler-Jugend, minutenlang umjubelt wurden. Dann erlebten wir im Kino Stefan Mario (der später Selbstmord beging), Heinrich George und Werner Kraus in "Jud Süß" und lernten, dass uns die Juden, "Plutokraten" genannt, seit Jahrhunderten ausraubten.

Beweisen, wozu ein Hitler-Junge fähig ist

So entstand in unseren Kinderherzen der Hass auf die Juden und die "bolschewistischen Untermenschen", die uns in einer Ausstellung "Der Untermensch" im Berliner Schloss erschauern lie?en. Ich war erst neun, als ich eines Nachts, es war die Nacht vom 9. zum 10. November 1938, die später als "Reichskristallnacht" in die Geschichte eingehen sollte, zusammen mit SA-Gruppen durch die Straßen Berlins zog und die Fenster der jüdischen Geschäfte einschlug. Natürlich hatte ich meine Pimpfen-Uniform an und konnte zum ersten Mal beweisen, wozu ein kleiner Hitler-Junge fähig war.

Wenn die Schaufenster in Scherben zerbarsten, freute sich mein Herz. Ein anderes Mal erlebte ich mit meiner Mutter, wie ein Lastwagen mit Männern, Frauen und Kindern beladen wurde, die man aus ihren Wohnungen herausgeholt hatte. Ich blieb stehen, um zuzusehen. Meine Mutter zog mich mit sich fort. "Das sind Juden", sagte sie leise und ich antwortete laut, "Na und, die haben es doch verdient!" Dass sie alle einmal vergast würden, wusste ich damals noch nicht.

Zu ihrem 70. Geburtstag wurde meine Oma mit dem Mutterkreuz ausgezeichnet. Für ihre fünf Kinder erhielt sie das Ehrenkeuz der Mutter in Bronze, das ihr im Rahmen unserer häuslichen Geburtstagsfeier von einem "Parteibonzen", wie die anderen heimlich sagten, um den Hals gelegt wurde. Ich war sehr stolz auf meine Großmutter. Sobald der Mann in brauner Uniform wieder aus der Tür war, legte sie das Ehrenkreuz in ein Schubfach und legte es auch nie wieder um.

"Hat dieser gemeine Verbrecher es endlich geschafft!"

Am 1. September 1939 schalteten wir früh am Morgen unseren "Volksempfänger" ein und hörten unseren "Führer": "Seit 4 Uhr 45 wird zurückgeschossen." Ich schrie vor lauter Freude: "Hurra, wir haben Krieg! Jetzt werden wir es den Juden und Polacken zeigen, wer in der Welt bestimmt." Meine Mutter begann zu weinen, und schluchzend hörte ich sie sagen "Hat es dieser gemeine Verbrecher endlich geschafft!". Dass sie mit dem "gemeinen Verbrecher" unseren geliebten Führer gemeint hatte, wäre mir im Traum nicht in den Sinn gekommen.

Dieser Ausruf blieb bis zum Ende des Krieges auch die einzige Bemerkung meiner Mutter dieser Art, und auch mein Vater sprach mit mir nicht über Krieg und Vaterland. Was hätte er auch sagen sollen. Ich wusste es besser! Er tat so, als hörte er mir zu, wenn ich vom Führer schwärmte, und ihm das erzählte, was ich in der Schule oder während des letzten Heimabends über Weltanschauung gelernt hatte. Er nickte nur mit dem Kopf, und ich glaubte, er würde mir selbstverständlich zustimmen. Zweifel kamen mir nicht in den Sinn. Etwa, dass er schon damals mit seinem Schweigen nur daran dachte, seine Familie nicht in Gefahr zu bringen.

Eines Tages marschierte ich mit unserem Jungstamm bis zum Wilhelmplatz, gegenüber der Neuen Reichskanzlei. Hier versammelten sich alle Pimpfe, die älteren Hitler-Jungen und die BDM-Mädchen. Eine Million Jungen und Mädchen aus der Reichshauptstadt. Aus den Lautsprechern ertönte die Stimme des Gebietsleiters: "Reichsjugendführer Baldur von Schirach, ich melde das Gebiet Berlin angetreten!" Heil! jubelten die Berliner Kinder. Wie glücklich ich war, als zehnjähriger Pimpf, mit dabei zu sein. Ein Freudentaumel hatte alle erfasst. Wir schrien uns die Kehlen heiser. Dann kam der große Augenblick, in mehreren offenen Mercedes-Karrossen trafen Korvettenkapitän Günther Prien und seine bärtige U-Boot-Mannschaft ein.

Angst, den Krieg zu verpassen

Um Mitternacht war ich wieder zuhause. Meine Eltern fragten mich, was denn los gewesen sei. Ich wusste es nicht so genau, um es meiner Muter zu erklären, aber ich war glücklich. Um mit dem Ritterkeuz mit Eichenlaub, Brillanten und Schwertern oder sogar dem Goldenen Eichenlaub dekoriert zu werden, war es mein größter Wunsch, zehn Jahre älter zu sein, um ebenso wie die Jagdflieger Mölders und Galland, der U-Boot-Kapitän Prien und der Stuka-Flieger und Panzerknacker Rudel als Held der Nation gefeiert zu werden.

Meine größte Angst war, dass der Krieg ohne mein Mitwirken zu Ende gehen würde. Täglich lauschten wir an unserem Volksempfänger und warteten darauf, dass das Programm mit der markanten Prelude von Franz Liszt und einer Sondermeldung unterbrochen würde. Mit meinen Eltern spazierte ich zu Pfingsten 1940 vom Berliner Stadtschloss über die Linden bis zum Brandenburger Tor. Abertausende von Menschen sahen neugierig auf kleine Schäden an den Wänden, wo in der Nacht zuvor die Engländer Brandbomben abgeworfen hatten.

Später warfen die Amis Minen ab und zerstörten mit einer Mine ganze Häuserblocks mit den Menschen, die darin lebten. Mit elf Jahren wurde ich Melder beim Luftschutz. Zu meiner Uniform als Hitlerjunge erhielt ich eine blaue Armbinde mit einem weißen "M" darauf, das Melder heißen sollte. Jede Nacht freuten wir uns, wenn die Sirenen zu heulen begannen. "Britisch-amerikanische Bomberverbände im Anflug auf die Reichshauptstadt", klang es aus dem Radio. Dann rannten wir in den Luftschutzbunker hinunter, unseren mit Sandsäcken verkleideten Kartoffelkeller. Ich spielte mit meinen Freunden "66", und wir waren traurig, wenn die Sirenen mit einem langgezogenen Ton zur Entwarnung aufheulten, und wir wieder ins Bett mussten.

Eine Büchse mit Flaksplittern

Wäre eine Bombe eingeschlagen, hätte ich durch den Flakgranatenhagel laufen müssen, um es zu melden. Es kam nicht dazu. Leider wie ich fand. Tagsüber sammelte ich mit meinen Freunden auf der Straße Flaksplitter. Ich hatte meine gesammelten Splitter in einer Blechbüchse aufbewahrt, und ich war äußerst zornig, als ich eines Abends nachhause kam und die Büchse mit den Splittern nicht mehr fand. Meine Mutter hatte sie einfach fortgeworfen.

Mein Onkel Heinz wurde Kriegsberichterstatter, flog über hundert Feindeinsätze, erhielt die Goldene Feindflugspange und neben dem Eisernen Kreuz 1. und 2. Klasse auch noch das Deutsche Kreuz in Gold. Auf seinem rechten Jacken- und Mantelärmel war ein breites Band angenäht mit der Aufschrift: "Kriegsberichterstatter der Luftwaffe." So war ich stolz, mit Onkel Heinz in Berlin auszugehen, er in seiner blaugrauen Offiziersuniform mit den verliehenen Orden auf der Jacke und ich als Pimpf daneben.

Die Sitzungen des Reichstages fanden, wenn überhaupt, nach dem Brand von Februar 1933 in der gegenüberliegenden Kroll-Oper statt. Hier erklärte Hitler in einer Reichstagssitzung am 11. Dezember1941 den Vereinigten Staaten von Amerika den Krieg. Die "Kettenhunde" hatten Onkel Heinz und mich einfach passieren lassen, als wären wir Abgeordnete. Nach der Kriegserklärung an die USA schrie ich zwar wie alle anderen Menschen im Saal "Sieg Heil!" Doch Onkel Heinz zwickte mich in den Arm und zeigte mir heimlich den Vogel. Ich wollte aufbegehren, doch mein Onkel gab mir flüsternd zu verstehen, ich solle warten, bis wir draußen wären.

"Ja, ja und noch mal ja!"

Die Kroll-Oper die gegen Ende des Krieges noch zerstört wurde, befand sich in der Nähe des Brandenburger Tors. Von dort brauchten wir eine knappe halbe Stunde, um zu Fuß nachhause zu gehen. Als wir außer Hörweite anderer Menschen waren, fragte mich Onkel Heinz, ob ich mir mal die Landkarte angesehen hätte und wüsste, wie groß die USA seien, dass sie über zweihundertzwanzig Millionen Einwohner hätten, mit einer unermesslichen Kriegsstärke und Wirtschaftskraft. "Der ist wahnsinnig" sagte Onkel Heinz und damit meinte er unseren Führer, "und alle anderen, die dort, gejubelt haben, sind es ebenso."

Ich sagte kein Wort darauf. Es war das erste Mal, dass jemand mit mir so gesprochen hatte. "Warte ab, es dauert nicht mehr lange." Doch es dauerte noch vier bittere Jahre. Ich ging zum letzten Mal in den Sportpalast, wo normalerweise die Sechs-Tage-Rennen stattfanden. Rund fünfzehntausend ältere SA-Männer, die an der Front nicht mehr taugten, kriegsverletzte Soldaten, Hitlerjungen, Flakhelfer, BDM-Mädchen mit dem Namen "Glaube und Schönheit", tobten vor Begeisterung, als unter den Klängen des Hohenfriedberger Marsches der Reichsminister für Volksaufklarung und Propaganda, Dr. Josef Goebbels in den Saal humpelte. Er rief: "Wollt Ihr den totalen Krieg?" Und wie aus einer einzigen Kehle kreischten wir alle zurück: "Ja!" Ja und noch mal - Ja!

Im Sommer 1943 verstärkten die Amis und Tommys ihre Bombenangriffe auf deutsche Städte. Da unter diesen Umständen an einen geregelten Unterricht nicht mehr zu denken war, sammelte ich für das "NS-Winterhilfswerk". Die Leute auf der Straße spendeten gerne, und meine Sammelbüchse war stets voll. Im November '43 wurden wir in "sichere Gegenden" verschickt. "Wir danken unserem Führer", riefen wir aus den Fenstern des langen Zuges, der sich langsam schnaufend in Bewegung setzte, das Heer der weinenden Mütter auf dem Bahnsteig zurücklassend. Es war das letzte Mal, dass ich den Anhalter Bahnhof unzerstört sah.

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1.
G.F. Einofski, 25.01.2010
Als Zeitzeuge möchte ich einige Berichtigungen zu Ihrem Internetartikel von Karl Burkhof geben. Er behauptet mit 9 Jahren Pimpf geworden zu sein. Pimpf wurde man erst mit 10 Jahren. Auf dem schwarzen Dreieck am linken Ärmel der Uniform stand nicht Berlin sondern Ostberlin Auf dem rechten Arm waren die Rangabzeichen des Jungvolks aufgenäht. Hordenführer, Oberhordenführer, Jungenschaftsführer etc. Das Rautenabzeichen wurde nicht bei der HJ getragen sondern: vom Jungvolk (10 - 13 Jahre) auch bei den Jungmädels und dem BDM Bei der Winteruniform wurde das Rautenabzeichen an der schwarzen Mütze getragen. (Das wurde 1945 ganz schnell von allen abgetrennt) und die Mütze weitergetragen. Eine Schulterklappe ist OK, aber mit dem Aufdruck des Banns z.B S61 (für Neukölln) Ein Fahrtenmesser und Schulterriemen durften erst nach der "Pimpfenprobe getragen werden. Zur Sommeruniform gab es eine derbe dunkelgraue Stoffhose, erst später eine Manchesterhose. Die ersten Pimpfe, vor 1939 trugen schwarze Käppis (Schiffchen) später braune Käppis. Die Winteruniform bestand aus dunkelblauer Drilichbluse, langen Hosen, unten geschlossen. Dazu Stiefel, bei denen an den Solen Spitzen und Hacken mit Metallplättchen benagelt wurden. Das gab einen besonderen Klang. Dies zur Richtigstellung, nicht zur Verherrlichung. Einofski
2.
Karl-Heinz Kuhlmann, 29.11.2011
Auch ich möchte manches am Bericht über den neunjährigen Pimpfen anzweifeln, da ich auch mal PIMPF war. Da ist das Alter: 9? Fahrtenmesser mit 9? Gebietsdreick: auch OSTBERLIN ist falsch. Es muß heißen OST Berlin Also zweizeilig Sein Verhalten als "Randalierer bei der "Reichskristallnacht" ist wohl überzogen. scheint mir fragwürdig. Überhaupt spricht aus ihm zuviel "erwachsene" Erinnerung.
3.
Jens Habermann, 28.08.2013
Auch die genannte Uhrzeit des "Zurückschießens" ist falsch. Richtig müsste es lauten: "Seit 05:45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!" Dieser Satz stammt aus der Kriegserklärung Hitlers im Deutschen Reichstag.
4. Sportpalastrede war 1943
Wilfried Huthmacher, 12.06.2014
Der Artikel erweckt den Eindruck, als sei die Sportpalastrede nach dem Eintritt der USA in den Krieg 1941 gehalten worden. Tatsächlich fand diese aber 1943 statt. Vielleicht liegt es an den subjektiven Erinnerungen eines über 80jährigen an seine lang zurückliegende Kindheit.
5. Eindringlich und klar
Alfe Alfe, 12.06.2014
Allen offenbar vorhandenen Fehler(chen) zum Trotz finde ich den Artikel sehr eindringlich und sogar in weiten Teilen vom Text her kindgerecht als Lektüre für heute Neunjährige. Danke dafür.
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