"Estonia"-Schiffsunglück Die Verschwundenen von Utö

Mehr als 850 Menschen ertranken 1994 beim Untergang der Ostseefähre "Estonia". Über die mysteriöse Katastrophe rätseln Experten bis heute - und noch immer hält sich das Gerücht von einem Bombenanschlag.

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In Estlands Hauptstadt Tallin war es noch dunkel am Morgen des 28. Septembers 1994, als Sirje Piht morgens um halb sechs Uhr ans Telefon ging. "Ist dein Mann zu Hause?", fragte ein Freund am anderen Ende der Leitung. "Nein, ist er nicht", antwortete sie. "Mach das Radio an", kam es aus dem Hörer zurück, "ich rufe gleich wieder an."

Im Radio erfuhr Sirje Piht vom größten Schiffsunglück der europäischen Nachkriegsgeschichte: 200 Kilometer westlich von ihrer Wohnung, mitten in der Ostsee, war in der Nacht zuvor die Fähre "SM Estonia" untergegangen. 989 Menschen waren auf dem Weg vom estnischen Tallin nach Stockholm gewesen, nur 137 überlebten die Katastrophe - darunter sollte auch Sirje Pihts Ehemann Avo sein, der zweite Kapitän des Schiffs. Trotzdem kehrte der erfahrene Seemann nie zu seiner Frau zurück. Sein Verschwinden war nur eines der vielen Mysterien rund um das Unglück.

Mafia-Heroin im Autodeck?

Das Unglück hatte seinen Anfang genommen, als im "Estonia"-Nightclub gerade die Tanzgruppe "Pantera" ihre zweite Show des Abends aufführte. Während die jungen Frauen zu Popmusik hüpften, prügelte der erste Kapitän Arvo Andresson die 24.000 PS starken Dieselmotoren der Fähre auf Hochtouren - bei Windstärke neun, mitten in einem ausgewachsenen Sturm.

Bald schüttelten fünf Meter hohe Wellen das 155 Meter lange Schiff so sehr durch, dass eine der "Pantera"-Tänzerinnen mehrfach ins Schlagzeug torkelte. Dann erschütterte plötzlich ein Krachen die Fähre, und alles ging rasend schnell: Das Schiff kippte nach rechts, in die unteren Decks brach die aufgewühlte Ostsee ein, und um 1.21 Uhr setzte Kapitän Andresson einen Funkspruch ab: "Wir haben schwere Schlagseite", sagte der 40-Jährige, "ich glaube 20, 30 Grad." Pause. Dann gab der "Estonia"-Funker noch die Position durch: 59 Grad, 22 Minuten Nord und 21 Grad, 48 Minuten Ost. Funkstille. Um 1.53 Uhr verschwand die Fähre vom Radar der zur Hilfe eilenden Schiffe.

Der genaue Hergang des Unglücks ist bis heute nicht aufgeklärt. Unstrittig ist aber: Das Schiff sank innerhalb einer halben Stunde. Zuvor war die 55 Tonnen schwere Bugklappe, die auf hoher See die Zufahrt zu den Autodecks verschließen soll, knapp 35 Kilometer südlich der finnischen Insel Utö abgebrochen.

Aber lässt sich die Katastrophe allein damit erklären? Meldungen über illegale Waffenlieferungen im Schiffsbauch, Löcher im Wrack der Fähre und angebliche Geheimdienstverwicklungen regen bis heute zu Spekulationen an.

Umso erstaunlicher war das 1997 veröffentlichte Ergebnis der Havariekommission, die im Auftrag der Regierungen Schwedens, Estlands und Finnlands die Katastrophe untersucht hatte. Demnach war die Verriegelung der Bugklappe zu schwach gewesen, der Schuldige also ausgemacht: die Meyer-Werft im niedersächsischen Papenburg, die das Schiff 1980 gebaut hatte. "Das hätte der 'Estonia' schon auf ihrer Jungfernfahrt passieren können", behauptete Kommissionschef Uno Laur. Warum aber sank die angeblich schludrig konzipierte "SM Estonia" dann erst nach 14 Jahren im Dauereinsatz?

Die Liste der Erklärungsansätze für dieses Rätsel ist lang. So zitierten russische und estnische Zeitungen 1996 aus einem mysteriösen "Felix-Report", angeblich verfasst von Veteranen des sowjetischen Geheimdienstes KGB, Kapitän Andresson habe in der Unglücksnacht eigenmächtig die Bugklappe geöffnet, um Heroin der estnischen Mafia vor dem Zugriff des alarmierten Zolls im Meer zu versenken. So soll Andresson die Katastrophe ausgelöst haben, die er selbst nicht überlebte.

Das merkwürdige Verhalten der zuständigen Behörden gab dieser und ähnlichen Theorien Nahrung: Seltsam war etwa, dass die Untersuchungskommission alle Winkel des Schiffs mit Kameras untersuchen ließ - nur das Autodeck nicht, wo das Wasser zuerst einbrach. Und warum orderte die schwedische Regierung einen 65 Millionen Mark teuren Betonsarkophag für das Schiff mitsamt der darin eingeschlossenen Leichen, obwohl deren Bergung kaum ein Zehntel des Geldes gekostet hätte?

Acht Überlebende waren plötzlich weg

Weil man dann die mutmaßlichen, unter Duldung der Behörden aufs Schiff geschmuggelten Waffen gefunden hätte? Oder wegen anderer Ungereimtheiten: Das estnische Transportministerium hatte etwa am Unglückstag erklärt, Kapitän Avo Piht gehöre zu den 43 geretteten Crewmitgliedern, die zur finnischen Insel Utö gebracht wurden. Finnische und estnische Fernsehsender zeigten später die Überlebendenliste mit Pihts Namen darauf; Augenzeugen berichteten, den 39-Jährigen beim Verteilen von Schwimmwesten auf dem Schiffsdeck und in einer der Rettungsinseln gesehen zu haben; ein befreundeter Kapitän rief Pihts Familie an und versicherte, ihn auf Fernsehbildern aus Finnland erkannt zu haben. Doch dann verlor sich Pihts Spur - ebenso wie die von sieben weiteren Überlebenden, die plötzlich nicht mehr aufzufinden waren.

Dabei hatte der schwedische Ministerpräsident nach dem Unglück schnelle Aufklärung versprochen: "Das Schiff und die Leichen sollen so bald wie möglich geborgen werden", hatte Carl Bildt in die TV-Kameras gesagt. Doch die "Estonia" liegt bis heute in 80 Metern Tiefe auf dem Grund der Ostsee, und nicht nur das: Statt das Wrack zu bergen, stellten die Regierungen Schwedens, Finnlands und Estlands alle Tauchgänge dorthin unter Strafe. Hatten sie etwas zu verbergen?

Davon gehen die Anhänger einer Theorie aus, die auf Untersuchungen deutscher Experten zurückgeht. Das Team um den Seerechtler Peter Holtappels untersuchte zwischen 1997 und 1999 im Auftrag der Meyer-Werft das Unglück - mit dem Ergebnis, dass die schlampig gewartete Bugklappe ausgeleiert war. Lecks in der Schiffsspitze seien zudem nur notdürftig mit Matratzen und Decken gestopft worden. Die erschreckendste Erkenntnis war demnach jedoch: Der Untergang der "Estonia" war das wohl größte Verbrechen der Seefahrtsgeschichte.

Denn laut dem Bericht gab es drei Explosionen an Bord des Schiffes, bevor die Ostsee es verschlang. Dazu passten auch die Berichte eines Jahre später zum Wrack getauchten TV-Teams, das von Löchern im Schiffsbug berichtete. Schließlich kamen zwei Forschungsinstitute Ende 2000 unabhängig voneinander zu dem Ergebnis: Eine Explosion hatte die "Estonia" kentern lassen.

Ein Lenkmanöver beschleunigte das Desaster

Nun schaltete sich die Hamburger Staatsanwaltschaft ein, zuständig für unklare Fälle auf hoher See. Unter dem Aktenzeichen 7101 UJs 33/01 ermittelte sie wegen des Verdachts, ein Terroranschlag habe die "Estonia" in einen gigantischen Sarg verwandelt. Im Herbst 2002 stellten die Ermittler das Verfahren jedoch wieder ein, und zwar wegen einer Studie, die der SPIEGEL in Auftrag gegeben hatte. Demnach waren die vermeintlichen Hinweise auf Detonationen im Schiff lediglich Rückstände einer Rostschutzbehandlung. Die Explosionstheorie war implodiert.

Mehr als 13 Jahre sollten vergehen, bis eine schlüssige Erklärung für die Katastrophe gefunden war. Experten der Hamburgischen Schiffbau-Versuchsanstalt und der Technischen Universität Hamburg-Harburg simulierten von 2006 bis 2007 den Untergang des Schiffes. Ihr Ergebnis: Die Bugklappe hatte sich in jener Septembernacht gelöst, weil die "Estonia" viel zu schnell durch die stürmische Ostsee gefahren war. Ein panisches Lenkmanöver während der Katastrophe hatte das Kentern sogar noch beschleunigt.

Trotzdem: Alle Fragen waren noch immer nicht beantwortet, es blieb das Rätsel um verschwundene Überlebende wie Kapitän Avo Piht. Pihts Ehefrau Sirje hatte sich schon früh mit ihrer Version der Wahrheit arrangiert. Im November 1996 lud sie Verwandte und Freunde ein, schenkte Sekt aus und reichte Schnittchen. Es wurde gelacht, die Gäste waren in bester Partystimmung. Nur eine Freundin des verschwundenen Seemanns wandte sich zögerlich an Sirje Piht: Ob es nicht seltsam wäre, den Geburtstag eines Mannes zu feiern, von dem keiner wisse, ob er überhaupt noch lebe. Die mutmaßliche Witwe winkte ab: Irgendwo würde ihr verschollener Gatte Avo gewiss leben. Und wahrscheinlich würde auch er gerade auf den Beginn seines 43. Lebensjahres anstoßen.

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Seite 1
Helge Pfeiffer, 28.09.2014
1. Guter Artikel
Es wird nur leider verschwiegen, dass die Estonia regelmäßig Militärmaterial transportierte - ungewöhnlich für eine zivile Fähre? Zudem Estland eben noch Teil der ehemaligen Sowjetunion war. " Infolge dieser Anhaltspunkte wurden die Untersuchungen Ende 2004 offiziell wieder aufgenommen. Unter anderem räumte das schwedische Militär ein, dass militärische Transporte mit zivilen Fähren befördert worden seien." http://de.wikipedia.org/wiki/Estonia_(Schiff,_1980) Maßgeblich beteiligt an der Vertuschung ist Carl Bildt, nebenbei ganz zufällig neoliberale Ikone aller Russlandhasser und Totengräber der Neutralität Schwedens. Ob Anschlag, oder Unfall ... das wird man nie erfahren, aber es fällt schwer zu glauben, dass die Militärtransporte keine Rolle gespielt haben sollen. Warum baut man einen Sarkphag um das Schiff und schließt das Fahrzeugdeck von der Untersuchung aus.
Jens Lassen, 28.09.2014
2. Kein Wort bezgl. des Gutachters, der den geborgenen Bolzen der Bugklappe ins Meer fallen liess
Und was war mit dem Gutachter, der den geborgenen Bolzen der Bugklappe einfach wieder ins Meer werfen liess, weil sich angeblich keine Spuren daran fänden. Ist der nicht auch "plötzlich gestorben" ? .. Auch darüber hätte man hier berichten können ...
Walter Breymann, 28.09.2014
3. Etwas hat der Spiegel vergessen...
...Rückstände einer Rostschutzbehandlung geben ein völlig anderes Bild ab, als Detonationsspuren. Warum wird hier zwei unabhängigen Instituten, denen die Herkunft der Materialproben nicht bekannt, und die absolut sicher waren, dass es sich um Spuren einer Detonation handelte, die Fachkenntnis abgesprochen? Die letzte Untersuchung wurde vom Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung durchgeführt. Und nur diese eine Prüfung (Ergebnis: Rückstände einer Rostschutzbehandlung) wurde herangezogen, um das Verfahren einzustellen. Danach wurde die Unglücksstelle zum "No go" Gebiet erklärt und ist heute noch bewacht. Keiner darf dort tauchen, es könnten ja noch mehr Beweise an die Oberfläche kommen, die die Explosionstheorie stützen. Den Fall kann man auch gerne googlen, es sind nicht die einzigen Ungereimtheiten, die diesen Fall begleiten. Aber im Grunde ist es ja auch nichts Neues. Ungereimtheiten und Vertuschungen hatten wir ja gerade bei den zwei Flugzeugtragödien der Malaysia Airlines. Da muss man heutzutage kein "Verschwörungstheorethiker" mehr sein. Das sieh doch selbst der "Blinde mit dem Krückstock".
Günter Radys, 28.09.2014
4. wer
die Bilder der Taucher der Sprenglöcher gesehen hat, wird keine andere Version mehr glauben.
Barne Marighella, 28.09.2014
5. Einseitige Meinung in finnischen Medien
Interessant an den runden Jahrestagen des Unglücks ist die immer wieder unterschiedliche Berichterstattung in deutschen und finnischen Medien (z. B. dieser Tage in "Helsingin Sanomat"). Während zum Beispiel bei Spiegel-Online die ganzen Ungereimtheiten rund um das Unglück wenigstens berechtigterweise erwähnt werden, sin diese in den finnischen Medien schon seit über zehn Jahren kein Thema. Nach wie vor scheint es offene Fragen und Auffälligkeiten zu geben, die berechtigte Zweifel an der offiziellen Version des Untergangs zulassen. Während man sich in Deutschland dafür interessiert, wird dies in Finnland vollständig ausgeblendet bzw. als öffentlich geäußerte Meinung gar nicht zugelassen (so scheint es zumindest). Wenn die hier geschilderten Umstände zutreffen, dann könnte man sicherlich noch heute durch erneute Untersuchungen bzw. insbesondere Tauchgänge an die richtigen Orte des Schiffes endgültig Klarheit schaffen und damit auch Verschwörungstheoretikern den Argumentationsboden entziehen. Leider wurde es bisher nicht gemacht, obwohl alleine der derart unterschiedliche mediale Umgang mit dem Unglück in Deutschland und Finnland Fragen aufwirft. Bei kaum einem anderen Thema ist die Diskrepanz in der Berichterstattung derart groß. Interessant wäre es zu erfahren, wie in Schweden und Estland mit dem Thema umgegangen wird.
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