Amerikas tragischer Astronaut Letzter!

Amerikas tragischer Astronaut: Letzter! Fotos
NASA

Er sollte der erste Mensch auf dem Mond sein. Dann spielte die Technik nicht mit, und Eugene Cernan wurde der letzte Mann auf dem Erdtrabanten. Vor 40 Jahren kehrte der Amerikaner mit spektakulären Funden zur Erde zurück - und musste feststellen, dass sich kaum noch jemand dafür interessierte. Von

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Nur noch 15 Kilometer. Eugene Cernan konnte die graue, pockige Oberfläche des Mondes schon sehen, die weiten Täler, die tiefen Krater. Fast 400.000 Kilometer hatte er während der "Apollo 10"-Mission zurückgelegt, jetzt saß er in der Mondlandefähre "Snoopy", und seine Heimat, die Erde, war nur noch eine winzige blaue Kugel.

Der Mond dagegen erschien dem Amerikaner riesig. Noch nie zuvor war ihm ein Mensch so nahe gekommen wie Cernan an diesem 22. Mai 1969. Wie gerne, sagte er später immer wieder, wäre er einfach weitergeflogen. Tiefer und tiefer, bis er als erster Mensch Mondstaub aufwirbeln und einen fremden Himmelskörper unter den Füßen spüren würde.

Doch er durfte nicht.

Was für eine Tragödie! Cernan saß in einer Mondlandefähre, die nicht landen konnte. Die Nasa hatte ihn ursprünglich als ersten Astronauten auf dem Mond eingeplant, doch dann war die Technik noch nicht ausgereift. Nur 15 lächerliche Kilometer trennten ihn vom Weltruhm. 15 Kilometer und acht Wochen. Am 20. Juli 1969 ging ein Mann namens Neil Armstrong in die Geschichtsbücher ein, als er auf einer jener Mondebenen landete, die Cernan für ihn ausgekundschaftet hatte.

"Wir werden wiederkommen"

Natürlich sagte er später, dass das alles überhaupt nicht schlimm sei. Dass er stolz und privilegiert sei, überhaupt so weit gekommen zu sein. Er machte ehrgeizig weiter und bekam schließlich seine Chance. Wie Armstrong sollte auch er den Mond betreten und in die Geschichtsbücher eingehen, wenn auch mit einem melancholischen Beigeschmack: Eugen Cernan, Kommandant von "Apollo 17", wurde der letzte Mann auf dem Mond.

40 Jahre ist es nun her, dass er als insgesamt zwölfter und bis heute letzter Mensch diesen fernen Himmelskörper verlassen hat. 40 Jahre, dass er die Initialen seiner neunjährigen Tochter in den Mondstaub schrieb und danach eine kurze Rede hielt, von der er glaubte, sie würde sich in die Erinnerung der Welt einbrennen. Am 14. Dezember 1972, genau 170 Stunden und 41 Minuten nach dem Start der Mission, sprach er die historischen Worte:

"Wenn ich nun für einige Zeit den letzten Schritt eines Menschen vom Mond Richtung Heimat machen werde, dann möchte ich sagen, was die Geschichte meiner Meinung nach festhalten wird: Amerikas Herausforderung von heute hat das Schicksal des Menschen von morgen geschmiedet. Wir gehen jetzt, wie wir einst gekommen sind und mit Gottes Hilfe wiederkommen werden, in Frieden und Hoffnung für die gesamte Menschheit."

Rekorde, Rekorde

"Der letzte Schritt eines Menschen." Es klang ein wenig nach Neil Armstrongs weltberühmten Ausspruch: "Dies ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit." Wenn es um den Mond ging, wurden Amerikas Astronauten offenbar regelmäßig pathetisch. Auf einmal zählten erste Schritte, letzte Schritte, große Schritte, kleine Schritte. Nur: Cernans Schritte sind heute nahezu vergessen.

Eigentlich zu Unrecht. Denn die von ihm geleitete Mission "Apollo 17" war wissenschaftlich und technisch die erfolgreichste aller "Apollo"-Flüge.

Keine andere Mondlandung verlief so problemlos und sauber wie die letzte. Kein Team zuvor hatte so lange auf der Mondoberfläche gearbeitet, insgesamt 22 Stunden, verteilt auf drei Tage. Mit Harrison Schmitt war zudem erstmals ein Geologe auf dem Mond. Noch nie zuvor wurde so viel Mondgestein (110 Kilogramm) gesammelt, nie wurden so weite Entfernungen zurückgelegt (35 Kilometer). Und: Cernan stellte mit dem Mondmobil einen Geschwindigkeitsrekord auf, auch wenn der aus irdischer Sicht ziemlich lächerlich wirkt - 14 Stundenkilometer.

"Daddy wird mir einen Mondstrahl schicken!"

Es gab also jede Menge Superlative und vor allem: so gute Fernsehbilder wie noch nie. Beindruckende Aufnahmen von haushohen Felsen und gewaltigen Bergmassiven im Taurus-Littrow-Tal. Emotionale Momente von Cernan und Schmitt, die wie unbeschwerte Kinder durch den Mondstaub tollen und dabei "I Was Strolling on the Moon One Day" singen - eine Abwandlung des berühmten Liedes "Strolling Through the Park" von Ed Haley.

Nasa-Video: Sehen Sie die Astronauten bei ihrer Gesangseinlage auf dem Mond

Eine kurze Zeit war Cernan berühmt. Seine neun Jahre alte Tochter Tracy saß in einem US-Fernsehstudio und beobachtete ihren Daddy bei der Arbeit, während Journalisten Tracy beobachteten, wie sie ihren Daddy beobachtete. Schließlich entlockte der Moderator dem Kind ein Geheimnis, das es eigentlich nicht verraten wollte: "Er wird mir einen Mondstrahl nach Hause schicken!", platzte es aus Tracy heraus. Amerika war gerührt.

Dazu kam eine handfeste Sensation. Mit Musik aus Richard Wagners martialischem "Walkürenritt" hatte die Bodenstation die Astronauten am 12. Dezember 1972 aufgeweckt. Vielleicht der richtige Soundtrack für Historisches. Wenig später befanden sich die Männer auf ihrem zweiten Außeneinsatz. 145 Stunden und 26 Minuten nach dem Start von "Apollo 17" verzeichnete das Nasa-Protokoll große Aufregung. Es folgte ein unter Astronauten einmaliger, fast dadaistischer Dialog:

Schmitt: Da ist orangefarbener Boden!

Cernan: Nun… Beweg dich nicht, bis ich es gesehen habe.

Schmitt (sehr aufgeregt): Es ist überall! Orange!

Cernan: Beweg dich nicht, bis ich es sehe.

Schmitt: Ich habe es mit meinen Füßen aufgewühlt.

Cernan (auch aufgeregt): Hey, da ist es! Ich kann es von hier sehen!

Schmitt: Es ist orange!

Cernan: Warte kurz, lass mich meinen Blendschutz abnehmen. Es ist immer noch orange!

Schmitt: Natürlich ist es das! Verrückt!

Cernan: Orange!

Überflüssig, gefährlich, teuer

Die Überraschung war verständlich. Cernan schrieb später, er habe kurz gedacht, sein Begleiter leide unter Sauerstoffmangel. Schließlich war bis dahin klar: Der Mond ist grau. Jetzt brachte ausgerechnet der letzte Mann etwas Farbe aus dieser Wüste zurück. Es waren bunte, winzige Glaspartikel, womöglich durch Gas gebildet und bei einer Eruption aus dem Mondinneren geschleudert.

Doch die Menschen vergaßen nach "Apollo 17" schnell wieder - die Steine, die Farben, den Mond. Was dauerhaft in Erinnerung blieb, war der Sieg im Kalten Krieg. Die Amerikaner hatten im Wettlauf mit den Russen den ersten Mann auf den Mond geschickt. Alles was danach kam, wirkte irgendwie überflüssig, unnötig gefährlich und teuer. Die letzte "Apollo"-Mission hatte die Welt nicht verändert.

Dafür aber ihren einstigen Kommandanten. Der Flug machte den Lebemann nachdenklicher, religiöser. Während seiner Mission war ein Foto von der Erde entstanden, das später zur Ikone wurde: Es war die erste Aufnahme, die den Erdball komplett zeigte. Die schimmernde blaue Kugel im sonst tiefschwarzen All erinnerte Cernan an die Zerbrechlichkeit des Planeten. Immer wieder starrte er fasziniert auf diesen kleiner werdenden Ball.

"Wohin nun, Kolumbus?"

So wurde der Mann, der mehrmals sicher um den Mond gekreist war, nach seiner Rückkehr zu eben dieser blauen Kugel völlig aus der Bahn geworfen. "Ich suchte jahrelang nach dem nächsten großen Ding, das mein Mond-Abenteuer ersetzen würde", schrieb er in seinen Erinnerungen. "Ständig fragte ich mich: Wohin nun, Kolumbus?" Seine Ehe scheiterte. Er war, sagte er später offen, zu lange zu besessen vom Mond gewesen.

Dennoch träumte er weiter. Obwohl die Nasa ihr "Apollo"-Programm längst eingestellt hatte, war der Amerikaner überzeugt, neue Mondmissionen seien nur eine Frage der Zeit. "Apollo 17", schrieb er, werde von Historikern womöglich einmal als "Meilenstein" eingeordnet. Der Punkt, an dem alles besser wurde.

Bis ins hohe Alter glaubte er daran. Enttäuscht protestierte er 2010 gegen Präsident Obamas Entschluss, dass milliardenschwere Nasa-Programm "Constellation" zu stoppen; Obamas Vorgänger Bush hatte damit langfristig den Bau einer Mondstation geplant.

Man könnte jederzeit losfahren

Gerne hätten wir Eugen Cernan gefragt, wie es ihm 40 Jahre nach seiner Rückkehr geht, wenn er an den Mond denkt. Aber der 78-Jährige war tagelang nicht zu erreichen. Vor ein paar Jahren beschrieb er im "Stern" mit berührender Ehrlichkeit, welche Bilder durch seinen Kopf jagen, wenn er nachts nach dem blassen Himmelskörper Ausschau hält:

"Ich sehe das Tal, in dem ich gelebt habe. Es war für drei Tage mein Zuhause. Ich sehe die Berge, die Krater, den Staub, das Grau. Es ist wie eingefroren in der Erinnerung. Vor allem fühle ich die Stille, diese unbeschreibliche Stille. Es kommt mir manchmal selbst wie ein Traum vor, dass ich da oben war. (...) Alles wird relativ von dort oben aus. Mein Gefühl für Zeit hat sich für immer geändert."

Dann sprach er noch von seinem Mondauto, das noch da oben stehe. Man könne, fügte er hinzu, jederzeit wieder losfahren.

Zum Weiterlesen: Eugene Cernan, Don Davis: The Last Man on the Moon. St. Martin's Press 1999.

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1.
Tom Wellige 14.12.2012
Apollo 10 war niemals geplant als erste Landemission. Es war der "dress rehearsal" (Generalprobe) für das LM (Lunar Module) im Mondorbit, nachdem das LM zuvor mit Apollo 9 im Erdorbit alle Tests bestanden hat. Ohne den erfolgreichen Test mit Apollo 10 wäre Apollo 11 niemals zur Landung angesetzt. Es ist also falsch zu behaputen, dass Eugene Cernan als erster Mann den Monad betreten sollte. Richtig ist, dass Grumman erhebliche Verzögerungen bei der Fertigstellung des LM hatte, was auch zu einer Änderung der Missionsplanung führte (Apollo 8 sollte eigentlich der erste LM Flug werden, stattdessen wurde es der erste Mondflug). Es war allerdings ein weiterer Testflug im Erdorbit geplant, so dass auch vor dieser Änderung Apollo 11 der erste von 3 geplanten Mondlandeversuchen (G missions) war. Für etwas mehr Hintergrund empfehle ich "A Man On The Moon (Andrew Chaikin)" und "How Apollo Flew To The Moon (Woods)".
2.
Franz Bade 14.12.2012
Erschütternd diese Banalität. Der alberne Song und das Gehüpfe. Un das ganze Mondprojekt war uninteressant so bald man die Russen geschlagen hatte. Das sagt alles über die dominante Geistesverfassung der Amis. Die Hohlheit wird notdürftig zugekleistert mit dem "Das-Amerikanische-Volk"-Pathos-Blabala. Echte Demut, Staunen, Umdenken, Fehlanzeige! Eine Menschheit in der die USA die Elite verkörpert hat vermutlich keine Zukunft. Ob Mondflug oder nicht.
3.
Steffi Schmidt 14.12.2012
Ein sehr schöner, vor allem aber tragischer Beitrag, der sehr nachdenklich macht. Vielen Dank.
4.
Dennis Mende 14.12.2012
Für mich haben die ganzen US-amerikanischen und sowjetischen Weltraumprogramme während des Kalten Kriegs alle einen faden Beigeschmack, wenn man bedenkt, dass es vorrangig darum ging aus ideologischen Gründen das andere System zu schlagen statt sich wirklich mit der Forschung auseinander zu setzen... ;)
5.
Heinz Meier 14.12.2012
Bedenkenswerter Artikel. Das Apollo Programm war die größte Leistung, die der menschliche Geist geschaffen hat. Obwohl allein durch den kalten Krieg ermöglicht, ist der Anlass zweitrangig. Wer sich mit der Historie der Mondlandung beschäftigt, kommt zur Erkenntnis, dass die Menschheit auf absehbare Zeit solche Leistungen nicht mehr erreichen kann.
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