Deutsche Freizeitparks Boom in der Einöde

Disneyland war ihr großes Vorbild. Und dann feierten deutsche Pioniere rasante Erfolge mit Erlebnisparks in der Pampa von Soltau und Haßloch, Rust und Hodenhagen. Alles begann mit einer charmanten Lüge.

Heide-Park

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Seine Kindheit, ein Traum, ein "absolutes Privileg". Roland Mack lacht. Akrobaten traf er beim Frühstück, Jongleure und andere Zirkusartisten gingen ein und aus. Manche blieben den ganzen Winter, weil sein Vater für sie Wohnwagen baute und reparierte. Und dann die vielen Karusselle, die sein Vater herstellte!

"Da wurden immer kleine Testpiloten gebraucht", sagt Mack. "In der Schulklasse war ich der beliebteste Mitschüler, weil ich alle in die Karusselle lotste." Das war in den Fünfzigerjahren. Die Deutschen lechzten nach Ablenkung, Volksfeste boomten - und damit auch das Familienunternehmen von Franz Mack.

Rolands Vater war einer der Großen der Branche, der Markt aber Ende der Sechzigerjahre gesättigt. Die Fahrgeschäfte auf den Volksfesten wurden größer, die Transportkosten und die Konkurrenz wuchsen. Ein Ausweg: Freizeitparks mit fest installierten Attraktionen. Walt Disney hatte in den USA vorgemacht, wie man mit fantasievollen Themenwelten Millionen begeistern konnte.

Jeden Tag Kirmes

Also klapperte Roland Mack, inzwischen Maschinenbaustudent, 1972 mit seinem Vater in den USA wochenlang die Parks der Ost- und der Westküste ab. "Völlig fasziniert" sah er "eine absolute Marktlücke, wir sind prädestiniert, da einzusteigen". Ein eigener Park - "ideales Schaufenster" für potenzielle Käufer all jener Fahrattraktionen, die man auch noch selbst herstellen kann. Auf Bierdeckeln entwarfen Vater und Sohn erste Konzepte.

Die deutsche Disneyland-Kopie sollte in einem schönen Waldstück mit Schlosspark entstehen: in der kleinen Gemeinde Rust, zwischen Schwarzwald, französischen Vogesen und der Schweiz, aber nah an der A5 für die erhofften Massen. Der Name: "Europa-Park". Wegen des Dreiländerecks, des nahen Europasees - und weil Europa damals noch Hoffnungen weckte.

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Frühe Freizeitparks: Disneyland in Haßloch, Soltau, Rust

Doch den Macks fehlte das Geld. "Die Großbanken haben uns alle links liegen lassen", erinnert sich Roland Mack. "Eine einzige Katastrophe. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass so etwas funktioniert." Zumindest nicht im Niemandsland, je 35 Kilometer vom mittelgroßen Freiburg und kleinen Offenburg entfernt. Wo sollten all die Besucher herkommen?

Heute sind die deutschen Freizeitparks effiziente Geldmaschinen mit immer spektakuläreren Attraktionen. Sie locken jährlich rund 38 Millionen Besucher, fast dreimal so viele wie alle Bundesliga-Stadien zusammen. Einige der meist familiengeführten Unternehmen wurden schon für Millionen verkauft. So übernahm den "Heide-Park" in Soltau, der gerade seinen 40. Geburtstag feiert, eine britische Investorengruppe, die auch die Tussauds-Wachsfigurenkabinette betreibt. Ebenso flossen ins Städtchen Haßloch Millionen, als 2010 ein belgischer Investor den "Holiday-Park" kaufte.

Längst vergessen sind die beschaulichen Anfänge solcher Besuchermagneten. Wer weiß schon noch, dass der "Holiday-Park" 1971 als Menschenzoo begonnen hatte? Hier wurden in Deutschlands einziger "Liliputaner-Stadt" kleinwüchsige Familien ausgestellt wie possierliche Tiere und lebten bis Mitte der Neunzigerjahre in puppenstubenhaften Wohnwagen. Die Vorhänge durften sie fast nie zuziehen, damit die Zuschauer sich an diesem vermeintlich "munteren Völkchen" sattsehen konnten, bevor sie eine Runde im "Liliput-Express" fuhren. Die Schaustellerfamilie Schneider hatte zuvor einen "Liliputaner-Circus" betrieben - und dann das Glück am festen Ort Haßloch gesucht.

Auf Safari in Hodenhagen

Viele Parks setzten anfangs auch auf exotische Tiere, von deren Haltung sie oft wenig verstanden. Manches aber gelang: So entstand in Hodenhagen 1974 der "Serengeti-Park", wo man im eigenen Auto zwischen Giraffen und Löwen herumkurvte. Die Gründerfamilie ließ sich vom berühmten Tierarzt Bernhard Grzimek beraten; Uwe Seeler und Sophia Loren warben für ein Stück Afrika in Niedersachsen. Die Deutschen kamen in Scharen, nicht mal die Affen, die gern Autoantennen und Nummernschilder abmontierten, schreckten sie ab.

Dass sich kreative Konzepte lohnen, hatte zuvor Richard Schmidt bewiesen: 1967 eröffnete der Puppenspieler zusammen mit einem Schausteller das "Phantasialand" in einer stillgelegten Tagebau-Kohlegrube bei Brühl. Anfangs wollte er nur seine Fernsehkulissen und Puppen ausstellen, daraus wurde ein Märchenpark. Brühls Bürgermeister warnte noch: "Macht mir ja nicht so schnell pleite!"

Deutschlands größter Freizeitpark: Europa-Park-Rust

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Auch Roland Macks Familie riskierte viel - "wir waren Pioniere". Für Kredite bürgte sein Vater mit dem Privathaus. Mitarbeiter und Handwerker zauderten wegen der unsicheren Perspektiven. Ein Geschäftspartner starb, dessen Sohn, der spätere "Heide-Park"-Gründer, stieg lieber aus.

Mack tröstete sich damals, selbst Walt Disney habe anfangs "keinen Penny" bekommen für den verrückten Traum, seine Filme in einer bonbonfarbenen Märchenwelt nachzubauen. So mündete die überstürzte Eröffnung von "Disneyland" in Anaheim 1955 im Chaos: Besucher mogelten sich rein oder prügelten sich, manche kletterten hinter die Kulissen des Dornröschen-Schlosses, andere verloren ihre Schuhe im frisch geteerten Asphalt.

Größer als erwartet war der Andrang auch beim "Europa-Park" 1975. Alle mussten mit anpacken: "Meine Mutter saß im Kassenhäuschen, mein Vater zapfte Bier, wenn er nicht gerade am Zeichenbrett Fahrgeschäfte plante, und mein Onkel, ein Metzger, grillte am Wochenende Würste", erzählt Mack. Urlaub? "Jahrelang nicht möglich."

Wo ist die Mühle? Haste keine, bau dir eine

600.000 Besucher kamen im ersten Jahr, inzwischen sind es 5,6 Millionen. Aus acht einfachen Attraktionen sind mehr als 100 sehr teure geworden. In Serie wurde der Park in der Branche zum "weltbesten" gekürt. Und Europa lebt, zumindest hier: Es gab einen "Europa-Park-Euro", bevor der echte Euro eingeführt wurde. Das Maskottchen ist Ed, die "Euromaus". Man kann 15 europäische Länder an einem Tag besuchen und vom "Euro-Tower" aus bis zu den Vogesen blicken.

Die rasanten Erfolge in Rust und anderswo überraschten die Parkgründer. Oft halten nur wenige Bilder den Charme des Aufbruchs fest: ein paar Besucher zwischen verloren wirkenden Karussellen, irgendwo im grünen Nirgendwo. Erst als die Branche Millionen umsetzte, begann die Suche nach dem Ursprung.

Ganz eindeutig ist so etwas nie. Aber viel spricht dafür, dass der älteste deutsche Freizeitpark vor knapp 90 Jahren entstand. Und zwar mit einer kleinen Lüge am kleinen Weiler Treffentrill im Landkreis Heilbronn.

Hier kursierte schon seit 200 Jahren die Sage von einer wundersamen Altweibermühle, aus der Frauen stark verjüngt zurückkehrten. Ständig fragten Wanderer danach. Es gab aber keine Mühle, also zeigte Gastwirt Eugen Fischer ihnen einfach die Ruinen eines Waschhauses von 1808. Bis er begann, die Legende geschäftstüchtig zu nutzen: Neben seinem Lokal baute Fischer 1929 seine eigene Altweibermühle.

Vom Turm herab führte eine zwölf Meter hohe Rutsche, für ein paar Pfennige zu nutzen. Dazu stellte Fischer noch Lautsprecher auf und baute einen Holzboden für Tanzabende. Es war die Geburtsstunde des "Erlebnisparks Tripsdrill" mit inzwischen knapp 750.000 Besuchern jährlich.

Zum Erfolg geflunkert

Am Anfang stand eine "augenzwinkernde Schummelei", sagt Parkgründer-Enkel Helmut Fischer und erzählt von den rustikalen frühen Jahre: "Wenn jemand beim Rutschen einen Splitter in den Hintern bekam, hat meine Oma ihm drei Spiegeleier gemacht, zur Entschädigung. So regelte man das damals."

Der Weg bis zum großen "Erlebnispark" war steinig: Eugen Fischer kehrte nicht aus Stalingrad zurück, ein Blitzschlag zerstörte 1946 die Mühle, Kurt Fischer musste bei null starten. "Er war überzeugt, dass die Deutschen sich nach dem Krieg nach so etwas sehnten, und wollte die Mühle unbedingt wieder aufbauen, aber im größeren Stil", sagt sein Sohn.

Bald nach der Eröffnung gab es das erste Fahrgeschäft, eine "Schwäbische Eisenbahn", pedalbetrieben. Als Kind fuhr Helmut Fischer auf den Loks Wettrennen mit seinen Brüdern. Oder fütterte den "Zebresel", die Kreuzung aus Zebra und Esel war zeitweise der Star im dazugehörigen Wildpark. Derweil plante sein Vater hemdsärmelig neue Attraktionen: Eine antike Tasse stand 1984 Pate für die "Kaffeetassenbahn", seine alte Sandale für die "Schlappentour".

Das Wettrennen ums schnellste Fahrgeschäft mit den neuen Parks nach US-Vorbild - die Fischers machten es nicht mit. Sie setzten auf Gartenarchitektur, bauten massiv mit echten Fachwerkbalken und Biberschwanz-Ziegeln statt Plastikkulissen.

Besonders geschickt vermarktet die Familie ihre Ursprungslegende: Für die Männer musste eine "Altmännermühle" her. Und wo einst die Waschhaus-Ruinen standen, die angeblichen Reste der sagenhaften Altweibermühle - am Ort dieser charmanten Lüge stürzen sich heute Besucher beim Rafting in Waschbottichen in die Tiefe.

insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Emil Peisker, 05.09.2018
1. Etwas dürftig...
Das Phantasialand ist etwas dürftig bewertet worden. Der Artikel ist eine Mack PR. Aber ich möchte die PR für das Phantasialand nicht nachreichen, sondern den Autor nur darauf hinweisen, dass er seinen Job nicht wirklich gemacht hat. Mack hat sein Konzept am Phantasialand auf Erfolg und Durchführung abklopfen können, da der Park in Brühl schon 8 Jahre florierte als Mack in Rust begann. Aber vielleicht war Mack auch ein wenig beleidigt, weil die Brühler Puppenspieler seine Fahrgeschäfte nicht akzeptierten.
Andreas Havlik, 05.09.2018
2.
Als ich das erste Mal im Europa Park war, gab es als größte Attraktion die Wildwasserbahn. Da musste man sich schon mal eine halbe Stunde in der Warteschlange gedulden. Ansonsten ging es sehr beschaulich zu. Mit sprechenden Bäumen, die Märchen erzählten oder einer Einschienenbahn, die eine kurze Runde im Schneckentempo drehte. Es war eine heile Plastikwelt.
somplan, 05.09.2018
3.
Die Freiheitsstatue aus dem Heide-Park gibt es m.W. immer noch - sie thront aber nicht mehr majestätisch auf einem Sockel im See, sondern ragt, halb verbuddelt aus der Erde: https://www.t-online.de/leben/reisen/reisetipps/id_84166286/top-ten-das-sind-die-zehn-beliebtesten-freizeitparks-in-deutschland.html
Carsten Schroeder, 05.09.2018
4. Hansaland
Bei der Aufzählung fehlt noch der Hansapark, ehemals Hansaland, im hohen Norden. Ebenso wie die hier beschriebenen Parks recht überschaubar gestartet und heute ein großer Besuchermagnet.
Björn Abcde, 05.09.2018
5. es gibt ja auch
genügend Freizeitparks die nicht überlebt haben. Hierbei nenne ich nur den bei Kirchhorst in der Nähe von Hannover. Videos dazu kann man immernoch bei youtube angucken
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