Legendäre Gastarbeiterroute "Wo geht's denn hier nach Istanbul?"

Auf der "Todesstraße" in die Ferien: Kinder und Oma auf der Rückbank, Koffer aufs Dach - so fuhren seit den Sechzigerjahren Millionen Gastarbeiter in den Heimaturlaub. Für die einen war es ein Höllentrip mit schrecklichen Unfällen und endlosen Staus, für die anderen ein spektakuläres Abenteuer.

Von Sarah Levy


Es war eine Reise über den bröckelnden Asphalt sechs verschiedener Länder, voller Strapazen, endloser Staus und chaotischer Abenteuer: Jeden Sommer, an Ostern und Weihnachten verstauten Gastarbeiter aus der Türkei, Griechenland und Jugoslawien Gepäck, Geschenke und Großmutter in der Familienkarosse und machten sich auf den Weg. Millionenfach tuckerten sie in Kolonnen von Deutschland über die ehemalige Europastraße 5 in ihre Heimat. Ende der sechziger Jahre wurde die Straße als Gastarbeiterroute berüchtigt. Kein anderer europäischer Verkehrsweg forderte so viele Todes- und Unfallopfer, keine Strecke umgeben bis heute so viele kuriose und erschreckende Geschichten.

"Es kam einem vor wie eine Weltreise", erinnert sich Türkan Kanbicak. 1972 fuhr sie zum ersten Mal mit ihrer Familie per Auto von Fulda nach Istanbul. Damals war sie zwölf Jahre alt. Noch heute, vierzig Jahre später, erinnert sie sich gut an den außergewöhnlichen Trip: "Davor herrschte totale Aufregung. Das Auto wurde vollgepackt, auf dem Dach drei Koffer, im Kofferraum weitere Taschen, Berge von deutschem Essen und wir zu fünft im Wagen." Besonders wichtig seien die Geschenke für die Familie in der Türkei gewesen: Strumpfhosen, Pulverkaffee und billige Hemden aus Deutschland.

Die Reise führte die Heimaturlauber über Österreich durch die jugoslawischen Teilrepubliken Slowenien, Kroatien, Serbien, dann über Mazedonien nach Griechenland oder durch Bulgarien in die Türkei - eine Strecke von mehr als 2000 Kilometern.

Für viele Heimaturlauber war es ein Höllenritt mit vielen Staus, wenigen Pausen und kaum Schlaf. Wer nicht gerade in kilometerlangen Blechlawinen steckte, musste sich vor den waghalsigen Manövern rücksichtsloser und übermüdeter Fahrer in Acht nehmen. "Es gab Legenden von Leuten, die die Strecke in 26 Stunden geschafft haben", erinnert sich Cem Özdemir, Bundesvorsitzender der Grünen und Sohn eines Gastarbeiters. Mit seinen Eltern fuhr er als Kind regelmäßig in einem Opel von der Schwäbischen Alb bis in das kleine Dorf seines Vaters nordöstlich von Ankara. Sein Vater war allerdings vernünftiger als die waghalsigen Raser, hielt regelmäßig an, um auf Wiesen am Straßenrand einige Stunden zu schlafen, und übernachtete in günstigen Pensionen. Eine echte Ausnahme unter den Heimaturlaubern. "Andere Wagen sah man dann schon mal im Graben liegen."

"Wir hatten große Angst vor Unfällen"

Gefährlich waren auch die Autos der Transitreisenden. Türkan Kanbicak erinnert sich an den klapprigen Opel Kadett der Freundin ihrer Mutter, in dem sie im Sommer 1972 in die Türkei fuhr. Regen tropfte durch das löchrige Dach, der Wagen war ständig überhitzt: "Wir mussten dauernd parken und Wasser nachschütten, damit der Motor nicht kochte." Zeitungen von damals berichteten von Fahrzeugen mit vier verschiedenen Reifen, Wagen mit kaputtem Getriebe, ohne funktionierende Bremsen. Dennoch galt: Ganz gleich wie alt und klapprig die Karre war, an der Reise mit dem eigenen Pkw führte kein Weg vorbei - denn Flüge waren für die meisten Familien unbezahlbar.

"Die ganze Route war voller Türken", erinnert sich Türkan Kanbicak lachend, "und keiner kannte den Weg." In München fragte die Famile erst einmal einen Polizisten: "Wo geht's denn hier nach Istanbul?" Die strapaziöse Reise schweißte zusammen. Auf Rastplätzen traf man andere türkische Familien, teilte Obst und Geschichten. Manche Fahrer schlossen sich zusammen und fuhren Kolonne.

Auch Bahadir Uzun fuhr als Kind mit seiner Familie jedes Jahr in den Sommerferien von Gelsenkirchen-Buer nach Ankara. Die Reise durch Europa hat der heute 38 Jahre alte Doktorand noch genau im Gedächtnis. Sein Vater fuhr einen Ford Taunus, damals ein gutes Auto, und er fuhr schnell. Übernachtet wurde erst nach mehr als tausend Kilometern in Jugoslawien, am folgenden Abend wollte man schon in der Türkei sein. "Man hat die Anspannung gespürt", erzählt Bahadir Uzun. In seiner Erinnerung hält die Mutter ständig die Straßenkarte in der Hand. Auch den Anblick der Unfallstelle eines zermalmten Mercedes hat er nie vergessen. Es war ein Wagen, der die Familie zuvor immer wieder überholt hatte.

Besonders der Abschnitt zwischen München und Spielfeld an der österreichisch-jugoslawischen Grenze war berüchtigt für die Zahl der Unfalltoten. Autowracks, Holzkreuze und Blumen säumten den Straßenrand, gemahnten der Tragödien, die sich hier abgespielt hatten. Über 5000 Unfälle jährlich registrierten die Behörden allein auf der 330 Kilometer langen Strecke durch Österreich. Auf "Europas großer Todesstraße", so der Wiener "Kurier", verloren Hunderte Menschen ihr Leben.

Der Ehemann von Türkan Kanbicaks Cousine überlebte die Autofahrt in die Türkei nicht. Er starb bei einem Unfall in Jugoslawien, seine Frau verlor ein Bein. Ein schreckliches Erlebnis auch für die Familienmitglieder, die damals nicht im Wagen saßen: "Wir waren auf jeder Fahrt angespannt", erinnert sich Türkan Kanbicak. "Alle mussten mitgucken, wenn wir überholen wollten. Wir hatten große Angst vor Unfällen."

30 Kilometer - im Rückwärtsgang

Viele Fahrer teilten diese Angst. Im Weihnachtsverkehr 1969 eskalierte die angespannte Situation auf schnee- und eisbedeckten Straßen. Chaotische Überholmanöver blockierten die Fahrbahn vor der jugoslawischen Grenze, der Gegenverkehr kam zum Erliegen. "Es wurde gepöbelt und geprügelt, und schließlich drehte die Masse durch", berichtete der SPIEGEL über das Verkehrschaos auf dem "Todes-Treck". Erst als sechs Schützenpanzer und 120 Soldaten des österreichischen Bundesheers anrückten, gelang es, die chaotische Blechkolonne wieder unter Kontrolle zu bringen.

Zu Weihnachten 1974 wiederholte sich der Massenandrang. Fast zwei Millionen Menschen rollten innerhalb weniger Tage in ihren Autos in Richtung Süden. Um die Grenzübergänge bei Salzburg kam es zu bis zu 70 Kilometer langen Staus, Urlauber harrten teils 30 Stunden in ihren Wagen aus. Die Grenzbeamten waren mit dem täglichen Ansturm von 50.000 Fahrern schlicht überfordert. Die österreichischen Behörden versuchten vergebens, die hohe Zahl der Unfälle zu senken. Flugblätter wurden verteilt, abschreckende Warnschilder in mehreren Sprachen aufgestellt und weiße Kreuze mahnend an den Straßenrand gereiht.

Polizisten, die in den siebziger Jahren an der Sicherung der Route beteiligt waren, berichteten dem SPIEGEL von Kleinbussen für neun Personen, in denen sich 18 Leute drängten. Von Autos, die so überladen waren, dass sie bei Unfällen umkippten und übermüdeten Fahrern, die auf der langen Fahrt schon mal einen Ziegel auf das Gaspedal legten, um ihr rechtes Bein zu entlasten. Oder von dem jugoslawischen Urlauber, der 30 Kilometer im Rückwärtsgang Richtung slowenische Grenze fuhr, bis er in der Steiermark von der Gendarmerie aus der Kolonne gewunken wurde. Der Fahrer hatte eine plausible Erklärung für sein abstruses Fahrverhalten: Sein Getriebe sei ausgefallen - bis auf den Rückwärtsgang. Die Reparatur habe er bis zur Ankunft in der Heimat herauszögern wollen.

Horrorgeschichten von korrupten Polizisten

Hatten die Fahrer Jugoslawien erreicht, veränderte sich auch das Straßenbild. Große Teile der jugoslawischen Autobahn, auf serbokroatisch Autoput genannt, wurden erst im Laufe der nächsten Jahrzehnte fertiggestellt. Davor waren die meisten Straßen unbefestigt, tiefe Schlaglöcher erschwerten die Reise. "Die Straßenränder waren vollgemüllt, das war wirklich schlimm", erinnert sich Türkan Kanbicak. Unrat und Exkremente häuften sich seitlich der Fahrbahn, in die Nähe von Büschen wagte man sich am besten gar nicht. "Es hieß immer: Geht in Österreich besser noch mal aufs Klo", entsinnt sich Cem Özdemir an die Worte seiner Eltern.

"Man hörte auch immer Horrorgeschichten von korrupten bulgarischen Polizisten, die Geld und Schokolade einforderten", berichtet Türkan Kanbicak. Als ihre Cousine nach dem schweren Unfall im Krankenhaus aufwachte, war das Auto ausgeraubt. Geld, Geschenke, Gepäck - alles war fort. Sogar ihre goldenen Armreifen hatte man ihr vom Handgelenk gestohlen. Die Angst vor Überfällen begleitete die gesamte Familie Kanbicak auf jeder Fahrt.

Die Gastarbeiterroute teilte sich in der südserbischen Stadt Nis. Griechen fuhren hier über Skopje nach Thessaloniki, Türken fuhren erst noch durch Bulgarien. "An der Grenze wurde man immer mit türkischen Fahnen und Musik begrüßt", erzählt Cem Özdemir. Auch an die Geldscheine, die in den Pass oder in Zigarettenschachteln gesteckt und den Grenzbeamten übergeben wurden, erinnert er sich gut. "Wenn man das nicht gemacht hat, haben die schon mal den Wagen auseinander genommen." An der türkischen Grenze war die Fahrt für ihn und seine Familie noch lange nicht überstanden: Bis zum Dorf der Verwandten waren es noch mal mehr als tausend Kilometer. "Eigentlich hätte man danach noch mal Urlaub gebraucht."

"Es war eine unvergessliche Reise", sagt Türkan Kanbicak, wenn sie heute an die Tour zurückdenkt. Das Reisen auf der Gastarbeiterroute ist komfortabler geworden. Mittlerweile hat sie die Strecke mehr als ein dutzend Mal zurückgelegt, auch schon allein. Durch das ehemalige Jugoslawien fahre man heute über gut ausgebaute Straßen entspannt an einem Tag, meint Türkan Kanbicak. "Kein Vergleich zu damals."



insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
Ralf Bülow, 29.07.2012
1.
Ach ja... Es lebe das Sechziger-Jahre-Deutsch und der Gastarbeiter. Da gibt es demnächst sicher auch was über Neger oder über Schulmädchen.
Emre Kecici, 29.07.2012
2.
Ich bin diese Strecke seit 1990 bis 2007 5 Mal gefahren. 2001, da kann ich mich erinnern, mussten wir im Sommer an der kroatisch-serbischen Grenze 8 Stunden warten bis wir die Grenze passiert hatten. Das mit den Geldscheinen im Pass wurde 2007 noch praktiziert. Die bulgarischen Zollbeamten kannten das Wort 'komsu', was Nachbar auf Türkisch heißt, verstehen. Da meinten sie, komsu gib mir 'corba parasi', was salopp übersetzt 'Suppengeld' auf Türkisch bedeutete. Während der Jugoslawienkriege sind meine Eltern und ich damals durch Jugoslawien gereist. An einer Tankstelle hat uns dann ein bewaffneter jugoslaw. Soldat eine Geste gemacht, die wohl sagen wollte, kommt mal zu mir und was habt ihr hier zu suchen. Mein Vater meinte, 'setzt euch alle schnell ins Auto' und hat dann Gas abgegeben und wir sind dann entkommen. Ein anderes Mal, die Geschichte hat mir mein Vater erzählt, hat ein Polizistenauto mein Opa, der der Fahrer war, meinen Vater und meine Tante in Jugoslawien angehalten. Auf ein Mal steigten 4-5 vermeintliche Polizisten aus. Das war vermutlich mitten auf der E5. Mein Opa und Vater waren erstaunt, dass soviele Polizisten ausstiegen und als dann ein schneller, hysterisch hupender LKW von hinten an ihnen vorbeiraste und der LKW-Fahrer mit seinen Händen andeutete, dass sie sich schleunigst aus dem Staub machen sollten, hatte meine Tante verstanden. Das waren keine Polizisten, sondern Räuber. Mein Opa überlegte kurz und bevor die vermeintlichen Polizisten am Auto meines Opas ankamen, trat er aufs Gas. Und wieder wurde sein Leben um eine Geschichte reicher. Mein Opa könnte viele Geschichten von dieser Route erzählen.
Mathias Völlinger, 29.07.2012
3.
Stimmt alles! Da gabs noch keine Billigflieger. Oh my God. Dieses waren meine ersten Abenteuerurlaube, als Kind (Jahrgang 1964). 1970 bis 1973. Wir hatten Bekannte in Deutschland, welche damals noch Verwandtschaft in Rumänien (Banat) hatten. Zu der Zeit jeden Sommer im Zweierkonvoi da hin gefahren. Erster Stau wg. München weil dort noch keine Autobahnumfahrung. Erster Grenzübergang mit Passkontrolle war Salzburg, lol. Zweiter Stau dann dort. Kurz vor der jugoslawischen Grenze nochmal im Hotel übernachtet. In Jugoslawien war es dann wirklich abenteuerlich. Die hatten damals noch Tanzbären und Dorftrommler. Für die rumänischen Grenzer hatten wir immer Stern-Magazine mit "gewissen" Titelbildern dabei, damit die Abfertigung schneller geht. (Ceausescu war zu der Zeit noch nicht wahnsinnig geworden) Jahre später, 1987, bin ich dann mal von Istanbul mit dem "Magic-Bus" zurück nach Deutschland gefahren. Bulgarien war noch Big Brother und das Transitvisum hat fast soviel gekostet wie die gesamte Busfahrt. Für Jugoslawien hatte ich nach türkischem Anraten eine Stange Marlboro dabei, wie alle Mitfahrer. Für die Verkehrspolizei dort. Bei jeder "Kontrolle" wurden dann vom Busfahrer bei den Passagieren jeweils ein Päckchen dieser Kippen eingesammelt. Ganz am Schluss hatten die deutschen Grenzer den Bus allerdings nicht durchgelassen, mangels TÜV. Musste daher das letzte Stück nach Hause trampen. Ein Jahr später hab ich nochmal den Bus von Deutschland nach Griechenland genommen, da hatte ich dann als "Wissender" wieder eine Stange Marlboro dabei. Für den Rückweg später nahm ich allerdings die Adriafähre von Korfu nach Triest. Danke für diesen Beitrag und Beste Grüße :)
Juergen Buschbaum, 29.07.2012
4.
Ich fuhr Anfang der 80er Jahre die Strecke bis Belgrad vielemale... Allerdings nur ein paarmal im Auto und meistens im Bus der Touring vom Muenchner Hauptbahnhof abfahrend. Fuer 70 Mark hin und fuer 110 Mark hin und zurueck... Der Reisebus war immer voller Gastarbeiter und ich immer der einzige Deutsche. Die Reise ging auf der klassischen Route durch Oesterreich und dauerte im besten Fall ca. 16 Stunden. Bis Zagreb ging meistens alles gut, ausser wir wurden an der Grenze vom jugoslawischen Zoll gefilzt... aber danach, auf dem legendaeren Autoput (Put = Reise/Weg) wurde es oft extrem. Umgestuerzte LKW rechts und links oder mitten auf der Strasse, liegengebliebene Ford Transit oder Taunus vollgepackt mit allen Gebrauchsguetern fuer die Tuerkei, uebermuedete Gesichter... Der laengste Stau, den ich erlebte war 36 Stunden Stillstand mittem im kroatischen Nirgendwo. Keine Tankstelle, kein Dorf weit und breit, sondern nur Maisfelder soweit das Auge reichte. Zum Glueck hatten meine Mitreisenden vorgesorgt und hatten alles dabei. Wein, Schnaps und Schinken... So wurde die Reise trotz Stau zum Happening. Besser kann man Land und Leute kaum kennenlernen.
Guntram Blohm, 29.07.2012
5.
... eine plausible Erklärung für sein abstraktes Fahrverhalten ... Das Wort das hier gemeint ist heißt "abstrus".
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