Eurovision Song Contest Siegel, Sieger, Supersternchen

Eurovision Song Contest: Siegel, Sieger, Supersternchen Fotos

Germany: Nur Mittelmaß. Seit sich Nicole 1982 zum Erfolg trällerte, hat kein deutscher Sänger mehr den Schlager-Grand-Prix gewonnen. Und wer die Geschichte des Wettbewerbs nach dem Sieger-Rezept durchforstet, wusste schon vorher, warum die "No Angels" in Belgrad keine Chance hatten. Von Stephan Orth und Benjamin Maack

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 1 Kommentar
    2.8 (460 Bewertungen)


Sie können sich nicht mehr an alle Eurovision-Teilnehmer aus Deutschland erinnern? In unserer Bilderstrecke haben wir die zehn erfolgreichsten Grand-Prix-Songs versammelt - mit der besten Songzeile zum Lesen, Lachen und Kommentieren.

Sie war die Lichtgestalt des ach so verkannten deutschen Schlagers: Die blonden Haare brav zum Mittelscheitel gekämmt, die weiße Gitarre riesenhaft auf ihren Knien ruhend als könne sie die Schwermut der ganzen Welt fassen. Mit der sanften Unsicherheit einer Gitarrenschülerin spielte die 17-Jährige ihr "kleines Lied", und ihre blassblauen Augen schienen durch die Fernsehkameras hindurch direkt in unsere Herzen zu blicken.

Am 24. April 1982 gelang Nicole Hohloch aus Nohfelden im Saarland, womit niemand mehr gerechnet hätte: Sie holte beim Eurovision-Wettbwerb für Deutschland den ersten Platz. Ihr Lied "Ein bisschen Frieden" ließ die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" in einem seltenen Emotionsausbruch fordern, ihr "einen Platz im Diplomatischen Korps der Bundesrepublik" anzubieten, während die "Bild"-Zeitung trocken ihre Einschätzung "1 Million reicher" neben ein Foto der zierlichen Tochter eines Kfz-Sachverständigen auf die Titelseite druckte.

Ob nun für ein bisschen Frieden oder einen Haufen Geld - Nicoles Riesenhit, der in einer übersetzten Version sogar für zwei Wochen die britischen Charts anführte, war und blieb der Ausreißer nach oben in einer Geschichte voller deutscher Misserfolge. Bis heute schafften unsere Künstler es bei 52 Ausgaben des Eurovision Song Contest erst lausige zehn Mal unter die ersten Drei (die Silber-Plazierungen 1956 nicht berücksichtigt, da sämtliche Nicht-Gewinner beim ersten Grand Prix auf den zweiten Platz gesetzt wurden).


Auf Youtube: Die 10 besten deutschen Teilnehmer aus 52 Jahren Eurovision

1999 - Platz 3: Sürpriz mit "Reise nach Jerusalem"

1994 - Platz 3: MeKaDo mit "Wir geben 'ne Party"

1987 - Platz 2: Wind mit "Lass die Sonne in dein Herz"

1985 - Platz 2: Wind mit "Für alle"

1982 - Platz 1: Nicole mit "Ein bisschen Frieden"

1981 - Platz 2: Lena Valaitis mit "Johnny Blue"

1980 - Platz 2: Katja Ebstein mit "Theater"

1972 - Platz 3: Mary Roos mit "Nur die Liebe läßt uns leben"

1971 - Platz 3: Katja Ebstein mit "Diese Welt"

1970 - Platz 3: Katja Ebstein mit "Wunder gibt es immer wieder"


Warten auf das Schlagerwunder

"Im Wartesaal zum großen Glück" von einem längst vergessenen Sänger namens Walter Andreas Schwarz war einer der deutschen Beiträge beim ersten Grand Prix 1956 - ein Titel, der über den Wettbewerben der folgenden Jahre wie ein böser Fluch lag. Obwohl sich große Stars der nationalen Szene wie Wencke Myhre, die Kessler-Zwillinge, Conny Froboess oder Lale Andersen redlich bemühten, landeten ihre Beiträge zuverlässig nicht höher als im Mittelfeld. Es hagelte Kritik gegen die angeblichen Musikexperten, Plattenfirmenbosse und Schlagerproduzenten, die alljährlich für die Auswahl der Songs zuständig waren - und nach der Zauberformel für den Eurovisions-Erfolg suchten. Vergeblich. Auf der europäischen Bühne war für die Deutschen zunächst wenig zu holen.

Erst 1970 konnte das Land von Brahms und Beethoven mit einem kleinen musikalischen Erfolg aufwarten. "Wunder gibt es immer wieder", sang Katja Ebstein 1970. Und tatsächlich: Bronze für Deutschland! Immerhin. Die Bigband-Hymne in Alles-wird-gut-Diktion ("Wunder gibt es immer wieder, wenn sie dir begegnen, musst du sie auch sehen") war eine kleine Initialzündung. Im Folgejahr konnte selbst die sozialkritische Ernsthaftigkeit des melancholischen Öko-Mahnsongs "Diese Welt" nicht verhindern, dass Ebstein ihren dritten Platz wiederholte. Die gleiche Plazierung schaffte 1972 Mary Roos mit "Nur die Liebe lässt uns leben", einem wuchtig-fröhlichen Gassenhauer, der "Sonnenschein" auf "niemals einsam sein" reimte.

Die große deutsche Schlagerkrise schien überwunden, der Sieg nur noch eine Frage der Zeit. Doch dann kam Abba mit dem Mega-Hit "Waterloo" (1974). Der Song verhalf dem Schweden-Quartett zum internationalen Durchbruch und stellte alles in den Schatten, was sich vorher oder nachher auf Eurovisions-Bühnen tummelte, und auch die deutschen Hoffnungsträger sahen wieder einmal alt aus: Cindy & Bert hatten gegen Agnetha & Björn & Benni & Anni-Frid nicht den Hauch einer Chance, trotz ähnlicher Frisuren. Ihre weichliche Hippie-Schnulze "Die Sommermelodie" landete auf einem lahmen 14. Platz - und der deutsche Schlager war wieder im Mittelmaß angekommen.


Welcher ist ihr liebster Grand-Prix-Song? Und welche Lieder aus den Vorausscheidungen der letzten Jahre hätten Ihrer Meinung nach den Eurovision-Wettbewerb für Deutschland entscheiden können? Diskutieren Sie mit anderen einestages-Lesern in der Debatte.

Der Dschingis-Khan-Skandal

Im Fußball wird in solchen Fällen ein neuer Trainer angeheuert. Beim Grand Prix kam der Aufschwung in der Person des Songschreibers und Produzenten Ralph Siegel - und durch die Neuregelung, dass 1979 erstmals die TV-Zuschauer über den nationalen Kandidaten abstimmen durften. Siegel hatte sich schon 1972 mit dem Rex-Gildo-Song "Fiesta Mexicana" einen Platz im Deutsch-Pop-Olymp gesichert. Beim Grand Prix von '79 brachte ein handfester Skandal seiner Gruppe Dschinghis Khan zusätzliche Aufmerksamkeit.

Ausgerechnet beim Wettbewerb in Jerusalem mit einem Song über den antisemitischen Mongolen-Brutalo aufzuwarten, der sich ein riesiges Weltreich zusammenmetzelte und die Köpfe toter Feinde zu Pyramiden türmte - das hielten viele für geschmacklos. Dem Publikum jedoch gefiel das martialisch-alberne Kasatschok-Gehopse zu einer Melodie, die im Refrain auffallende Ähnlichkeiten zu Boney M.s "Ra- Ra- Rasputin" hatte: Vierter Platz - und der Startschuss für die goldene Ära deutscher Grand-Prix-Geschichte. Siegel feierte in den folgenden Jahren zweite Plätze mit Katja Ebsteins Schunkel-Nummer "Theater" und Lena Valaitis' Blindendrama "Johnny Blue", bevor 1982 endlich der ganz große Wurf gelang: Platz eins für Nicole mit "Ein bisschen Frieden".

Doch was war das Geheimnis des Erfolgs? Verbarg sich in diesem zerbrechlichen Teeny, diesem unbedarften Liedchen, dieser gigantischen, weißen Gitarre vielleicht das Rezept für den perfekten Eurovisionschlager? Man nehme: ein paar Pfund hemmungslose Bescheidenheit ("Ich bin nur ein Mädchen das sagt, was es fühlt"), eine Prise nörgelige Melancholie ("Wie eine Puppe, die keiner mehr mag, fühl ich mich an manchem Tag") und mehrere Kilo wolkige Hoffnung, dick aufgetragen ("Ein bisschen Frieden, ein bisschen Träumen, und dass die Menschen nicht so oft weinen") - fertig ist die Mischung aus naivem Nachtgebet und Kindergottesdienst-Hymne. Passend dazu trat Nicole in keuschem Konfirmationsdress auf und schrummelte auf der Gitarre, wie es sonst nur Jugendleiter können und dürfen.

Mit Nonsens in die Neunziger

War das vielleicht das ganze Geheimnis? Der, nennen wir es mal, Kindergottesdienstfaktor? Die Popgruppe Wind schien es zu bestätigen. Mit "Für alle" ("Für alles hier, für die Sehnsucht, die in Kinderaugen steht ...") und "Lass die Sonne in dein Herz", Lebenshilfe im Reggae-Rhythmus, holten die Regensburger 1985 und 1987 jeweils den zweiten Platz. Doch der einmalige Erfolg von Nicole ließ sich nicht kopieren. Schlimmer noch: die schmachtenden Balladen der Folgejahre wurden allesamt mit Plazierungen im hinteren Drittel abgestraft. Erst MeKaDo konnten 1994 zumindest wieder einen dritten Platz belegen - und führten das Nicole-Rezept ad absurdum.

Die drei feschen Girls mit dem Nonsens-Bandnamen lieferten einen Nonsens-Song mit dem Titel "Wir geben 'ne Party" ab. Die Mischung aus Dorfdisco-Schlager und HipHop-Klischee schlug ein wie eine Bombe - und war danach ebenso schnell vergessen, wie der Song vorgetragen war. Ein ähnlich sternschnuppenhaftes Dasein ereilte vier Jahre später "Reise nach Jerusalem" von einer Band mit dem Namen Sürpriz. In diesem Jahr durften die Interpreten erstmals in einer anderen als der Nationalsprache singen. Die deutsch-türkische Popgruppe nutzte dies für einen wilden Text-Mix aus Deutsch, Türkisch und Englisch. Auch das reichte für einen dritten Platz. Danach war wieder Schluss. Ob stampfende Disco-Songs (Corinna May oder Lou), energetischer Rock (Gracia) oder Country mit Olli Dietrich am Schlagzeug (Texas Lightning) - keiner der Interpreten hatte international eine Chance.

Was also ist das Rezept? Vermutlich liegt es irgendwo zwischen Nicoles Unschuld-vom-Lande-Evergreen und den exaltiert-internationalen Wegwerfsongs einer Gruppe wie Sürpriz. Aus diesem Grund haben die No Angels, trotz großer nationaler Erfolge, wohl keine Chance auf eine Plazierung in den oberen Rängen. Zu sehr ist ihr Song "Disappear" ein Versuch, R'n'B mit Dancefloor-Beat zu machen, wie ihn die amerikanische Pop-Elite schon lange auf höchstem Niveau fabriziert. Zu wenig Botschaft und zu wenig Folklore stecken in dem Song, und dem im Text behandelten Einsamkeits-Elend fehlt das Nicole'sche Hoffnungswölkchen: "Der Typ ist weg. Mist", singen die No Angels, und eben nicht "Der Typ ist weg, aber wenn wir alle gemeinsam fest daran glauben, kommt er bestimmt wieder".

Aus diesem Grund werden wohl noch immer Menschen selbstvergessen "Ein bisschen Frieden" summen, wenn "Disappear" mitsamt den No Angels schon lange von der Bühne verschwunden ist.


Weitere interessante Themen finden Sie auf der Homepage von einestages! mehr...

Und hier finden Sie sofort mehr Artikel und Fotos über

...die zwanziger Jahre ...die dreißiger Jahre

...die vierziger Jahre ...die fünfziger Jahre ...die sechziger Jahre ...die siebziger Jahre ...die achtziger Jahre ...die neunziger Jahre

Oder fliegen Sie durch die Bilderwelt des 20. Jahrhunderts mit der einestages-Zeitmaschine!


Artikel bewerten
2.8 (460 Bewertungen)
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Muri Eren 24.05.2008
Ich habe das Gefühl, dass die Autoren es immer noch nicht verstanden haben, um was es eigentlich bei der Eurovision resp. dem Eurovision Song Contest geht. Die Interpreten könnten auch über Erdnussbutter-Creme und sterile Wattebaeuschen singen (was sie, in der Tat, gelegentlich tun). Das Wesentliche an dem Contest ist letztlich das Abstimmen der TV-Konsumenten. Es geht dabei primaer nicht um die Qualitaet der Musik und den Sex-Appeal, den die Künstler und Künstlerinnen auf der Bühne darbieten, sondern zuvorderst um das Sympathie-Antipathieverhalten der "Voter" im Rahmen ihrer jeweiligen nationalen Befindlichkeiten gegenüber den anderen teilnehmenden Staaten. Ein simples Beispiel zwischen zwei vermeintlichen Erzfeinden: Die türkischen Voter geben grundsaetlich keine resp. nur geringe Punktzahlen an Griechenland aber desöfteren "twelve points" an Zypern. Im Gegenzug erhaelt die Türkei grundsaetlich keinerlei Punkte von den griechischen Votern und Zypern bekommt in der Regel "zero points". Die politisch-historischen Motive resp. die politisch-historisch motivierte "Sympathie-Antipathie-Benotung" wird offensichtlich. Ein anderes Beispiel Israel und Deutschland. Deutschland hat erstmalig durch den, meiner Meinung nach sehr zeitgemaessen, multikulturellen und versöhnlichen Beitrag von Ralph Siegel und seiner Gruppe "Sürpriz", die Herzen vieler Israelis und Palaestinenser für sich gewinnen können. Grund dafür war vor allem die ethnisch vielfaeltige Zusammensetzung der Gruppe, die das Einwanderungsland Deutschland erstmalig von seinem althergebrachten, negativen "blond-und-blauaeugig" Image befreite. Der ethnischen Vielfaeltigkeit Deutschlands wurde somit, auf einer international sehr beachteten Bühne, grosse Anerkennung gezollt. Davor gab es, in der Regel, nur "zero", "zero" und nochmals "zero" aus Israel / Palaestina. Ich frage mich gerade, wie das aktuelle Wahlverhalten der Liechtensteiner gegenüber Deutschland ausschauen würde, wenn denn jenes Land an dem Eurovision Song Contest teilnaehme??? Mit friedlich-freundlichen Grüssen aus Istanbul
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH