Eurovision Song Contest "Sie trugen Angst und Schrecken in jedes Land"

Hart, härter, Dschinghis Khan! Beim Eurovision Song Contest schossen die teutonischen Barden in Kategorien wie absurdester Text, wahnsinnigste Frisur und größtes Fettnäpfchen den Bock ab. einestages zeigt die denkwürdigsten deutschen Song-Contest-Kandidaten - und verrät, was aus ihnen geworden ist.

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Ho-ho-ho-ho-ho, ha-ha-ha-ha-ha? Den Juroren blieb das Lachen im Halse stecken. Das Publikum hatte sich mit "Dschinghis Khan" für eine Ode an die nackte Gewalt entschieden. Ausgerechnet das Hohelied auf einen grausam metzelnden Mongolenkönig, der die Köpfe toter Feinde zu Pyramiden auftürmte, sollte in Jerusalem die Deutschen beim europäischen Schlagerwettbewerb vertreten? Und mit Zeilen wie "Sie trugen Angst und Schrecken in jedes Land. Und weder Blitz noch Donner hielt sie auf" punkten? Undenkbar, der politische Skandal schien programmiert.

"Ein unglücklicher Text, recht kriegerisch, und er gibt kein gutes Bild von uns Deutschen ab", jammerte Jurymitglied Thomas Brennicke vom Bayerischen Rundfunk im Vorfeld. Doch da nutzte alles Klagen nichts. Das Volk hatte entschieden, Dschinghis Khan bekam das Ticket nach Israel - und schnitt prima ab. Gerade die Isrealis liebten das martialische Gestampfe und verhalfen Dschinghis Khan mit sechs Punkten zum respektablen vierten Platz.

So gut hatte Deutschland beim Eurovision Song Contest, damals noch Grand Prix d'Eurovision, lange nicht mehr abgeschnitten. Die Barden sahen sich darin bestätigt, dass man nicht singen muss, um Erfolg zu haben. Was zählt, sind andere Werte. Etwa der Mut, ins größte Fettnäpfchen zu springen. Oder das Selbstbewusstsein, die peinlichste Frisur zu tragen. Oder einfach die Chuzpe, ständig wieder anzutreten. Denn eines stand von Anfang an fest: Deutschland tut sich schwer beim Schlagerwettbewerb und muss sich etwas einfallen lassen.

"Paradies, wo bist du?"

Trällerte der erste deutsche Kandidat Walter Andreas Schwarz im Song-Contest-Gründungsjahr 1956 noch hoffnungsvoll "Im Wartesaal zum großen Glück", so hauchte Null-Punkte-Königin Ulla Wiesner neun Jahre später desillusioniert "Paradies, wo bist du?", denn: Den ersten Platz räumten immer die anderen ab. Was die Deutschen enorm quälte. Warum nur gesellte sich zum Wirtschaftswunder nicht endlich auch mal ein Eurovision-Wunder?

Für den SPIEGEL stand die Antwort fest: Der Misserfolg lag am miesen deutschen Nazi-Image. "Lieber deutsche Panzer als deutsche Schlager" würden die europäischen Nachbarn spotten, wie das Magazin 1966 schrieb. Die falschen Leute suchen die falschen Schlager aus, befand wiederum das "Hamburger Abendblatt". Kurzum: Die Situation war zerfahren, neue Strategien mussten her. Zum Beispiel die Formel: "Durchhalten bis zum Sieg".

Und so trat ab 1970 eine an, die den Mut hatte, es immer wieder zu versuchen - und sich so zur hartnäckigsten Beinahe-Siegerin aller Zeiten zu mausern. Dreimal traute sich Karin Witkiewicz, besser bekannt als Katja Ebstein zum Grand Prix - das wagte später nur noch die Trällertruppe "Wind". Landete die langmähnige Berlinerin mit den scheinwerfergroßen Augen 1970 und 1971 auf Platz drei, schaffte sie es neun Jahre später sogar auf Platz zwei. Knapp vorbei - doch leider auch daneben.

Masse statt Klasse

Egal, die Deutschen ließen sich nach Ebsteins Fast-Erfolg nicht mehr entmutigen. Wagten es Cindy & Bert 1974 mit der schamlosesten Zurschaustellung ehelicher Harmonie, traute sich Joy Fleming im Jahr darauf mit dem hässlichsten Kleid aller Zeiten an den Start. Leider ohne Erfolg: Für ihren Auftritt im blattgrünen Wallemonstrum kassierte sie in der Auslandspresse den höhnischen Spitznamen "singende Brünnhilde" und wurde mit Platz 17 abgestraft.

Eine besonders eigenwillige Erfolgsstrategie dachten sich im Jahr 1976 die Les Humphries Singers aus. Frei nach dem Motto "Viel hilft viel" wollte die bislang mitgliederstärkste deutsche Combo in Den Haag mit dem Ralf-Siegel-Komposition "Sing Sang Song" die Bühne stürmen - nur leider konnte die Hälfte der Hippie-Combo nicht mitmachen.

Die Wettbewerbsregeln sahen vor, dass maximal sechs Musikanten auf einmal auftreten durften. Vielleicht lag es daran, dass sie nur auf Platz 15 landeten. Immerhin bewiesen sie Charakterstärke und verstreuten sich unmittelbar nach dem grandiosen Scheitern in alle Himmelsrichtungen, um erst in den neunziger Jahren ein Comeback zu wagen.

"Ozeandampfer Ansehen für Deutschland"

Nachdem Dschinghis Khan 1979 sämtliche europäischen Bedenken gegen den Teutonen-Schlager erfolgreich niedergetrampelt hatten, begann eine bisher nie dagewesene Glückssträhne der Deutschen beim Eurovison Song Contest. Sie gipfelte im Sieg von Nicole - ausgerechnet der Unspektakulärsten, Harmlosesten und Unbedarftesten von allen.

"Ein bisschen Frieden" säuselte das damals gerade mal 17-jährige Blondchen im Kirchgang-Outfit, schrammelte in Engelsmanier auf einer gigantischen weißen Gitarre herum und holte damit, wie die "Bild"-Zeitung triumphierte, "einen Ozeandampfer Ansehen für Deutschland über den Kanal". Hieß das Erfolgsrezept am Ende doch: einfach Drauflos-Singen und hoffen, die Menschen auch ohne Firlefanz zu Tränen zu rühren? Jedenfalls hatte die Deutschen plötzlich der Mut verlassen, neue Wege zu gehen.

Abgesehen von einigen wenigen Ausreißern nach oben versank der Wettbewerb hierzulande in der Bedeutungslosigkeit. Die deutschen Kandidaten überboten sich mit langweiligen Beiträgen und wurden dafür mit den hinterletzten Plätzen abgestraft. In den neunziger Jahren interessierte sich kaum einer mehr für den Schlagerwettbewerb, das Fernseh-Finale bot ähnlich elektrisierendes Entertainment wie ein Busausflug in die Lüneburger Heide.

Zum Weglaufen und Verstecken

Das änderte sich erst, als die Schlagerzunft sich hierzulande wieder auf Dschinghis Khan besann und den guten, alten Mut zur Peinlichkeit rauskramte. Mit der gruseligsten Frisur aller Zeiten trällerte sich der Nussecken-Liebhaber und Diplompädagoge Horst Köhler alias Guildo Horn in die Herzen der Deutschen, sein Plädoyer für mehr Mitmenschlichkeit ("Guildo hat euch lieb") räumte immerhin Platz sieben ab.

Der medienwirksame Spaßmacher küsste den eingestaubten Schlagerwettbewerb wach, plötzlich war der Grand Prix d'Eurovision wieder angesagt. Stefan Raab sprang im Jahr 2000 auf den Trash-Zug auf und gab sich die Blöße mit dem bis heute absurdesten Songtext "Wadde hadde dudde da". Auch dafür belohnte ihn das Publikum, Raab landete auf Platz fünf - seitdem nie wieder erreicht. Was danach kam, war wieder Mainstream zum Weglaufen und Verstecken, wie Gracia 2005 trällerte, die für ihr "Run and Hide" den bis dahin schlechtesten deutschen Platz aller Zeiten kassierte: Sie wurde 24. von 24 Kandidaten.

2010 soll nun also Lena die Deutschen aufs Siegertreppchen katapultieren. Die Chancen stehen gut, dass sich das Fräuleinwunder von 1982 wiederholt, zumal sich in der Vergangenheit europaweit immer wieder sehr junge, sehr unbedarfte Damen durchgesetzt haben. Vielleicht jedoch täte unser Star für Oslo gut daran, sich kurz vor knapp noch die dunkle Haarpracht verunstalten zu lassen oder ein paarmal unvermittelt "Ha!" und "Ho!" zu brüllen.

Und falls es auch dann nicht hinhaut: einfach dranbleiben, so wie Katja Ebstein. Irgendwann wird's schon klappen. Wunder gibt es ja schließlich immer wieder.



insgesamt 3 Beiträge
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Maja Ilisch, 29.05.2010
1.
"Bekanntgegeben wurde von der Schweizer Jury nur der Gewinner des Wettbewerbs - pikanterweise der Schweizer Beitrag "Das alte Karussell" von Lys Assia. " Lys Assia war 1956 für die Schweiz mit zwei Beiträgen im Wettbewerb vertreten, gewonnen hat sie jedoch mit dem französischsprachigen Titel "Refrain". Was zu den allerbekanntesten ESC-Tatsachen gehört und nur durch wirklich, wirklich schlechte Recherche oder Verzicht auf Korrekturlesen falsch gemacht werden kann/darf. Schließlich vergeht kaum ein Grand Prix, ohne daß Frau Assia auf die Bühne geführt wird und auf ihren alten Sieg angesprochen.
Jakob Schmidt-Hieber, 29.05.2010
2.
Schade, dass der Beitrag den 3. Platz der deutschen Band Surpriz aus dem Jahr 1999 mit dem Lied "Reise nach Jerusalem" unterschlägt.
Carsten Tode, 31.05.2010
3.
Na, und vor allem fehlt der Hinweis auf "No No Never", dargeboten von Texas Lightning (u.a. Jane Comerford, Olli Dittrich). Landete 2006 zwar nur auf dem 15. Platz, aber der Song war gewiss kein "Mainstream zum Weglaufen und Verstecken". Für mich der beste deutsche Beitrag ever. Daran hat auch Lenas Klasseauftritt nichts geändert.
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