Euthanasie an Kindern Warum Ernst Lossa, 14, sterben musste

Vergast, vergiftet, vergessen: Das Naziregime ermordete rund 200.000 Kranke und Behinderte. Unter ihnen Ernst Lossa - mit 14 Jahren erhielt der Junge die Todesspritze, weil er als "unerziehbar" galt.

Archiv BKH Kaufbeuren

Von Hendrik Behrendt


Mehrere Stunden kämpft Ernst Lossa mit dem Tod. Am späten Abend des 8. August 1944 injiziert eine Krankenschwester dem Jungen eine Überdosis des Schlafmittels Luminal. Laut Totenschein stirbt er am folgenden Nachmittag.

Ernst Lossa wurde nur 14 Jahre alt. Ein aufgewecktes, unangepasstes Kind. Er war einer von rund 2400 Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren und der Nebenanstalt Irsee, die im Zuge des NS-Euthanasieprogramms ermordet wurden.

Bis heute ist in der Anstalt eine Klinik untergebracht. "Das Schicksal des Jungen hat mich sofort in seinen Bann gezogen", sagt der ärztliche Direktor Michael von Cranach. Der Psychiater kam 1980 nach Kaufbeuren. Er fand Hunderte Krankenakten getöteter Patienten im Anstaltsarchiv und wurde so auf Lossas Geschichte aufmerksam.

"In seiner Akte ist immer wieder vermerkt, dass er versucht hat, anderen Patienten zu helfen", sagt von Cranach. "Trotz seines jungen Alters verstand er, welche Verbrechen hier geschahen."

Nach Hitlers Machtantritt waren behinderte Menschen zügig in den Fokus nationalsozialistischen Rassenwahns gerückt. Bereits im Juli 1933 wurde das Gesetz zur "Verhütung erbkranken Nachwuchses" verabschiedet. Hunderttausende Menschen mit Behinderung wurden danach zwangssterilisiert; im kruden Nazi-Denken diente das dem Ziel eines "rassenreinen und rassentüchtigen arischen Volkskörpers".

Menschenfeind Hitler: "Gnadentod gewähren"

Flankiert wurde die Mordwelle von einer Propagandawelle. Kinofilme wie "Die Sünden der Väter" (1935) stellten Behinderte als "nutzlose Esser" dar, die der Gesellschaft hohe Kosten verursachen würden und keinen Wert hätten.

Ernst Lossa kam 1929 in Augsburg als Kind einer jenischen Familie zur Welt. Nach der Rassenlehre der Nationalsozialisten wurden die fahrenden Händler als "Zigeunermischlinge" verfolgt. Ernsts Vater landete 1939 im KZ Dachau; die drei Kinder der Familie kamen in ein Augsburger Kinderheim.

Der neue Kinofilm "Nebel im August" erzählt nun die Geschichte von Ernst Lossa. "Es gibt bisher nur einen narrativen, vor vielen Jahren gedrehten Film über die Euthanasie, überhaupt ist das Thema in der deutschen Nachkriegsgeschichte lange Zeit unzureichend verarbeitet worden. Mit dem Film wollen wir dazu beitragen, das zu ändern", sagt Produzent Ulrich Limmer.


Kinofilm "Nebel im August" - die Geschichte von Ernst Lossa

Studiocanal

Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs spitzte sich die Situation für behinderte Menschen dramatisch zu. Im Herbst 1939 verfügte Adolf Hitler in einem Schreiben, dass "unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustands der Gnadentod gewährt werden kann". Es ist das einzige bekannte, von Hitler persönlich unterzeichnete Dokument, in dem der Massenmord an einer Minderheit legitimiert wird.

Damit beauftragte Hitler seinen Begleitarzt Karl Brandt und seinen Kanzleileiter Philipp Bouhler. In einer Villa in der Berliner Tiergartenstraße 4 entstand die Verwaltung des Mordprogramms, nach der Adressabkürzung "Aktion T4" genannt. Fortan entschieden Psychiater in Berlin über Leben und Tod behinderter und kranker Menschen im ganzen Land.

Wer nach dem Urteil der Ärzte als "lebensunwert" galt, wurde zügig aus den Psychiatrien in sogenannte Tötungsanstalten deportiert, etwa ins hessische Hadamar ab Ende 1940. Dort wurden in der Gaskammer mehrere Tausend Menschen ermordet. "Hier sollte niemand über Nacht bleiben oder behandelt werden, hier sollten die Leute nur ankommen und am gleichen Tag umgebracht werden", sagt Jan Erik Schulte, Historiker und Leiter der Gedenkstätte Hadamar.

Menschenfeind Goebbels: "Harte, aber notwendige Arbeit"

Auch die anderen Tötungsanstalten wurden ihrem Namen gerecht, im Auftrag der NS-Führung. Propagandaminister Joseph Goebbels notierte Anfang 1941 in seinem Tagebuch: "Mit Bouhler Frage der stillschweigenden Liquidierung von Geisteskranken besprochen. 40.000 sind weg, 60.000 müssen noch weg. Das ist eine harte, aber auch notwendige Arbeit. Und sie muss jetzt getan werden. Bouhler ist der rechte Mann dazu."

Ernst Lossa und seine Geschwister erlebten das erste Kriegsjahr im Kinderheim. Immer wieder schlugen und beschimpften Erziehrinnen den Jungen. 1940 musste er das Heim verlassen. Lossas Schwester Amalie Speidl erinnert sich auch 70 Jahre später noch an den bewegenden Abschied: "Meine Schwester und ich wurden mitten in der Nacht geweckt, es hieß, wir sollten unserem Bruder Lebewohl sagen. Ernst stand angezogen im Flur und schaute tieftraurig. Bis heute denke ich an seinen Blick." Am nächsten Morgen war Ernst verschwunden.

Unterdessen regte sich auch Widerstand: Im August 1941 prangerte der Münsteraner Bischof von Galen die Euthanasieverbrechen in einer Predigt an und warf die Frage auf, wie mit Invaliden und Senioren umgegangen werden solle, wenn nur der Leistungsgedanke über Leben und Tod entscheide. Der Wortlaut der Predigt wurde abgedruckt und verbreitet.

Wenige Wochen später stoppte Hitler das Programm. Das Wissen, das die Täter beim Vergasen ihrer Opfer erworben hatten, ging allerdings nicht verloren. Viele Mitarbeiter der Tötungsanstalten halfen beim Aufbau der Vernichtungslager im Osten, in denen später Millionen Menschen starben.

Perfider Mord: Verhungert beim Essen

Nach der Trennung von seinen Schwestern kam Ernst Lossa in ein Erziehungsheim bei Dachau. Auch hier gab es immer wieder Probleme, dem Jungen wurden Diebstähle vorgehalten. Eine Psychiaterin schrieb: "Es handelt sich demnach bei Lossa, Ernst zweifellos um einen an sich gutmütigen, aber völlig willenlosen, haltlosen, fast durchschnittlich begabten, triebhaften Psychopathen."

So wurde ein gesunder Junge kurzerhand für psychisch krank erklärt, als "unerziehbar" eingestuft und Anfang 1942 in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren eingewiesen.

Die "Aktion T4" war zu dieser Zeit auch in der Allgäuer Anstalt beendet, an ihre Stelle trat die dezentrale Euthanasie: Man ermordete die Patienten direkt vor Ort. In Kaufbeuren entwickelte Anstaltsdirektor Valentin Faltlhauser die sogenannte E-Kost: Gemüsereste wurden so lange zerkocht, bis sie keinerlei Nährstoffe mehr enthielten. Die Patienten verhungerten praktisch beim Essen oder fielen, stark geschwächt, Infektionskrankheiten zum Opfer.

Zwei Jahre überlebte Lossa trotzdem. Dann fiel im Sommer 1944 - die Alliierten waren bereits in der Normandie gelandet - die Entscheidung, den Jungen zu vergiften. "Der zuständige Pfleger traute sich das allein nicht zu, denn Lossa war ein kräftiger Junge. Er rief die Schwester der Frauenstation zur Hilfe. Gemeinsam haben sie Lossa dann getötet", sagt von Cranach. "Asocialer Psychopath" steht auf Ernst Lossas Totenschein (siehe Fotostrecke).

Für die anderen Patienten dauerte das Leiden noch Monate an. Sogar nach der Kapitulation des "Dritten Reiches" ging das Sterben in vielen Psychiatrien weiter, weil die alliierten Befreier nicht sofort kamen. Die Kaufbeurer Anstalt betraten US-Soldaten erst Ende Juni 1945 und beendeten die Verbrechen.

Anstaltsleiter wurde begnadigt

Wenige Wochen zuvor war mit Philipp Bouhler einer der Hauptverantwortlichen der Euthanasieverbrechen in amerikanische Gefangenschaft geraten. Durch Selbstmord entzog er sich der alliierten Gerichtsbarkeit. Hitlers Begleitarzt Karl Brandt dagegen musste sich ab Dezember 1946 im Nürnberger Ärzteprozess für seine Taten verantworten. Im August 1947 wurde er zum Tode durch den Strang verurteilt, zehn Monate später gehängt.

  • Die Dokumentation "Hitlers vergessene Opfer - Euthanasie im Dritten Reich" läuft am Montag, 26. September2016, ab 22.00 Uhr auf dem Pay-TV Sender SPIEGEL Geschichte, der über Sky zu empfangen ist

Die Nazis töteten insgesamt rund 200.000 kranke und behinderte Menschen. Doch der Aufklärungswille verlor wenige Jahre nach Kriegsende an Fahrt. Viele Täter wurden nicht mehr angeklagt, bereits verhängte Strafen reduziert. Der Kaufbeurer Anstaltsleiter Faltlhauser wurde 1949 zu drei Jahren Gefängnis verurteilt und die Vollstreckung immer wieder wegen Haftunfähigkeit aufgeschoben, bis er Ende 1954 begnadigt wurde.

Die Nachkriegsgesellschaft interessierte sich immer weniger für die Morde an Behinderten. So dauerte es Jahrzehnte, bis das volle Ausmaß des NS-Euthanasieprogramms ans Licht kam - und Schicksale wie das von Ernst Lossa erzählt werden können.

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