Evakuierung aus Frankfurt "Wie erkennt man einen Mörder?"

Evakuierung aus Frankfurt: "Wie erkennt man einen Mörder?" Fotos
Cordelia Rogge

Wegen der Bombenangriffe evakuierte die Stadt Frankfurt ab 1944 auch Mütter mit Kleinkindern. Die damals sechsjährige Cordelia Rogge wurde nach Oberweyer verschickt. Hier freundete sie sich mit der Tochter eines Arztes an, der in der NS-Tötungsanstalt Hadamar Tausende Menschen in den Tod schickte.

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Im Februar 1944 werden in Frankfurt auch Mütter mit Kleinkindern evakuiert und auf Familien in Dörfern verteilt. Mutter und ich kommen nach Oberweyer, ein kleines Dorf, nördlich der Domstadt Limburg. Meine Schwester Gisela wird im gleichen Dorf bei einer anderen Familie untergebracht. Mein Bruder Horst ist in Oranienstein auf der Napolaschule. Hier werden sie zu strammen Nationalsozialisten erzogen, tüchtig an Leib und Seele, für den Sieg an Volk und Staat. Mein sensibler, blonder, blauäugiger Bruder wird mit nationalsozialistischer Ideologie voll gepfropft.

Neben diesen Eliteschulen gibt es die Kinderlandverschickung, die als gesundheitlich begründete Ferienreisen für Stadtkinder dargestellt werden - aus der Not macht man eine ideologische Tugend. Die Kinder werden vor dem Krieg geschützt und sind gleichzeitig der ideologischen und politischen Beeinflussung in den Ferienlagern ausgesetzt. Zugleich sind sie auch dem Einfluss des Elternhauses entzogen, und die Erzieher können im Sinne des Staates auf die Kinder einwirken.

Vater bleibt in Frankfurt. In diesem Krieg muss er nicht kämpfen. Er war schon als Soldat im Ersten Weltkrieg und hat durch einen Kopfschuss ein Auge verloren. Für mich ist alles unbegreiflich. Meine Geschwister sind nicht da. Mein Vater ist in Frankfurt, meine Mutter oft weg. Ich bin sechs Jahre alt, niemand spricht mit mir.

Ich weiss nicht, wer ich bin

Niemand sagt mir, warum alles so ist, wie es ist. Ich werde hin- und her geschoben. Ich weiß nicht, wer ich bin. Ich weiß nicht, wo ich hingehöre. Ich werde angeschwiegen und bin im Weg. Immer und überall. Das Schweigen ist tödlich. Ich will dazugehören. Ich will, dass man mit mir redet. Ich will verstehen.

Nur meine Puppe Lisa begleitet mich durch meine einsame Kinderwelt. Sie wird von mir geküsst und geschlagen. Sie muss sich anhören, was ich ihr sage. Manchmal schreie ich sie an, sie solle mit mir reden. Sie tut es nicht. Ich schmeiße sie achtlos in eine Ecke und beachte sie nicht. Das tut weh - ich weiß es.

Im Nachbarhaus wohnt Inge. Sie ist so alt wie ich. Im Herbst 1944 werden wir zusammen eingeschult. Ihr Vater ist Pfleger in der Heilanstalt in Hadamar. Oft kommen ihr Cousin und ihre Cousine aus Limburg zu Besuch. Ich mag sie und spiele gerne mit ihnen. Viel später erfahre ich, dass der Vater der beiden leitender Arzt der Heilanstalt in Hadamar war. Was in dieser Anstalt tatsächlich passierte, war jahrelang ein Tabu in der kleinen Stadt. Alle wussten davon, keiner sprach darüber.

Die Banalität des Bösen

Sein Auftrag war es, das Euthanasieprogramm in Hadamar durchzuführen. Er war einer der Männer, die die Gasflaschen öffneten und das Gas in die 14 Quadratmeter große Gaskammer strömen ließen, die als Duschraum getarnt war. Bis zu 60 Menschen starben hier auf einmal den Erstickungstod. Unbarmherzig beobachtete er durch ein kleines Fenster das Sterben der Opfer und schloss den Gashahn, wenn er glaubte, dass alle tot seien. Rund 15.000 Menschen fanden hier auf diese Weise den Tod.

Ich kann es nicht glauben. Woran erkennt man einen Mörder? Ich habe diesen Mann als liebevollen Vater kennengelernt. Nach elf Jahren Haft wurde er begnadigt und begann eine zweite Karriere als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem pharmazeutischen Unternehmen.

Heute ist die Heilanstalt eine Gedenkstätte.

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