Evakuierung und Kriegsende Per Zug in Richtung Frieden

Als Köln in Trümmern lag und die Alliierten näher rückten, wurde der 15-jährige Ferdinand Schumacher in die Provinz evakuiert. Doch auch ins beschauliche Osnabrück kam der Krieg - etwa in Gestalt eines abgeschossenen kanadischen Piloten, der eines Tages vor dem Jungen stand.

Ferdinand Schumacher

Im Oktober 1944 war es so weit: Zwangsevakuierung aus Köln. Bepackt mit dem Nötigsten karrte man uns zum Bahnhof Deutz-Tief. Einige hundert Personen, überwiegend Frauen mit ihren Kindern sowie Senioren, traten eine Fahrt ins Ungewisse an. Zwei Tage und Nächte verbrachten wir in einem Zug der Reichsbahn. Durch brennende Orte und Bahnhöfe im Ruhrpott schlich sich der Zug in Richtung Norden. Mehrmals musste der Zug umkehren, da die Strecke durch Kriegseinwirkungen nicht mehr passierbar war. Die Fahrt musste nachts durchgeführt werden, da am Tage die Jagdbomber jeden Zug angriffen.

Die Lage der Menschen wurde immer schlimmer. Kleinkinder schrien. Senioren klagten über Kreislaufprobleme. Allgemeine Erschöpfung machte sich bemerkbar. Und die Angst, durch Flieger das Leben zu verlieren, griff um sich wie eine Seuche. Die Nahrungsmittel, von den Bahnhofsmissionen kostenlos verteilt, gingen dem Ende zu. Dank des Bahnpersonals erreichten wir den Zielort unbeschadet. Es sollte nach Sachsen gehen. Es stimmte fast. Niedersachsen? Wo liegt denn das? Wir waren in Neuenkirchen nördlich der Stadt Osnabrück gestrandet.

Tränen in den Augen

Hier endete unser Höllentrip. Keine Sirenen störten unseren Schlaf. Keine Bomben. Absolute Ruhe umgab uns. Hört sich so der Friede an? Selbst die Ernährung machte keine Probleme. Doch: Auf dem Nebengleis stand ein Lazarettzug. Bis zur Unkenntlichkeit Verstümmelte lagen in Papier gehüllt auf blutigen Matratzen. Sanitäter und Schwestern flitzten mit Bahren über die Gleise zu den Fahrzeugen. Weltuntergangsstimmung rundherum. Mutter war geschockt. Tränen standen in ihren Augen. So etwas hatte sie noch nie gesehen.

An Osnabück war der Krieg fast spurlos vorüber gegangen. Bis auf die massiven Bomberverbände, die die Stadt überflogen und die gelegentlichen Luftkämpfe war das Leben normal zu nennen. Stellenweise wurden wir von den Fliegern mit Fähnchen gegrüßt. General Gallands Düsenjäger starteten ab und zu mit enormer Geräuschkulisse vom nahen Fliegerhorst. Erst nach dem Krieg erfuhren wir die Wahrheit über diese Waffe.

Doch auch hier gab es Situationen, die tödlich hätten ausgehen können. Die von ihren Einsätzen zurückflutenden Bomber, teils stark beschädigt, versuchten ihre Heimatflughäfen zu erreichen und stürzten dabei des Öfteren in dieser Gegend ab. Bei einem dieser Abstürze wurde ich Zeuge. Der letzte Mann, ein Kanadier, sprang mit Fallschirm von Bord. Am Boden nahm ich ihn in Empfang. Ich tasteten ihn nach Waffen ab. Seine Bitte "A cigarette, please", konnte ich ihm nicht erfüllen. SS-Leute, die hier in der Etappe lagen, nahmen ihn gefangen.

Flucht in Zivilklamotten

Der Krieg ging dem Ende zu. Eine Gruppe Soldaten schlich durch den Ort. Nur ein einziges Kettenkrad zog einige Handkarren mit undefinierbarem Plunder hinter sich her. Ist das noch unsere siegreiche Armee? Halbverhungerte, Verletzte und Kranke sitzen auf den Karren. Eine Ärztin kümmerte sich um den erbärmlichen Rest einer einst stolzen Kompanie. Lebensmittel, Zigaretten, Getränke wurden von den Einwohnern gereicht.

Haben Sie schon mal einen Unteroffizier weinen gesehen? Das ganze Elend seiner Truppe sprach aus seinen Gebärden. Bei den Erinnerungen an diese Episode werden selbst meine Augen wieder feucht. Zivilkleidung wurde angeboten. Einige nahmen an. Sie gingen ein sehr hohes Risiko ein: Das war Fahnenflucht und wurde nach Kriegsrecht mit dem Tode bestraft. Man konnte förmlich die Angst riechen, die sie haben. Lautlos verschwanden sie in die hereinbrechende Nacht.

Einige Tage später rückten kleine gepanzerte Fahrzeuge in Neuenkirchen ein. Auf dem Kirchplatz hielten mehrere dieser Wägelchen. Befehle in Englisch wurden laut. Ich musste mich in den Arm kneifen: War das das Ende des Kriegs? Oder nur ein Traum? Mein Einberufungsbefehl zur Wehrmacht war schon gekommen.

Seltsame Soldaten in Röcken und Pompom-Mützen

Ohne jegliches Tamtam wurden wir in eine andere Zeit katapultiert, einfach so. Morgens wurden wir unsanft geweckt. Das Haus wurde nach deutschen Soldaten durchsucht. Beinahe hätte man mich mitgenommen. Mit 15 Jahren und einer Größe von 1,70 Meter war ich sehr verdächtig. Die Tochter des Hauses erlöste mich von dem Verdacht mit ihren Sprachkenntnissen - der hiesige Dialekt gleicht verblüffend der englischen Sprache.

Schwere Armeefahrzeuge donnerten durch den Ort. Am Straßenrand standen hochrangige Militärs in farbigen Röcken und mit großen, Pompon-bestückten Tellermützen. Ich kniff mich einmal mehr in den Arm. Wo bin ich hier, in einer Operette? Oder war es doch Krieg? Ich war völlig irritiert. Doch langsam dämmerte es mir. Schottische Regimenter hatten das Kommando übernommen. Ab sofort gab es keine Bomben und keine Granaten mehr.

Anmerkung der Redaktion: Der Text ist ein leicht bearbeiteter Auszug aus: "Jahrhundertbrief an unsere Nachkommen"



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