Ewige Trainerweisheiten "Der springende Punkt ist der Ball"

"Was erlauben Struuuunz!" Erinnern Sie sich noch? Früher hatten Fußballtrainer immer einen starken Spruch parat - und gelegentlich eine tiefe Lebensweisheit. Heute wägt jeder Coach seine Worte. Zeit für eine Revue der skurrilsten, derbsten, schrägsten Trainerzitate aller Zeiten.

DPA

"Die Türken haben gezeigt, dass mit ihnen immer zu rechnen ist. Sie sind unberechenbar." So sprach Bundestrainer Jogi Löw vor dem Halbfinale gegen die Nationalelf vom Bosporus. Und so durcheinander wie die Sprachlogik ihres Trainers gestaltete sich denn im Halbfinale auch der Spielfluss der deutschen Elf - über weite Strecken der Partie schienen die Spieler über ihre eigenen Füße zu stolpern wie ihr Coach über seine Zunge.

Nun gut, wir haben gesiegt, das zählt, keine nachträglichen Nickeligkeiten. Als sich die Spannung nach dem geglückten Einzug ins EM-Finale gelöst hatte, kehrte Jogi Löws gewohnte Eloquenz ohnehin zurück. "Zunächst einmal sind wir enorm zufrieden ... die Freude nach dem Tor war außerordentlich groß ... wir haben drei Tore erzielt und das war das Entscheidende." Flüssig wie ein alerter Wirtschaftsmanager, der schon ein paar Medientrainings hinter sich hat, analysierte der deutsche Coach emotionslos den Erfolg.

Schade eigentlich. Die Zeit der knorrigen Trainer mit gänzlich ungeschliffener Rhetorik ist unübersehbar vorbei. Seit Luther hat vielleicht nie wieder jemand dem Volk so aufs Maul geschaut wie der Berufsstand der Fußballtrainer. Doch Übungsleiter, bei denen eine Spielanalyse auch mal ins Derbe abgleitet und die ihre Spieler im Versagensfall ohne Wimpernzucken vor der Presse zusammenstauchten, sterben aus.

"Abseits ist, wenn das lange Arschloch zu spät abspielt"

Der letzte Trainer, dessen Sprüche es zu geflügelten Worten brachten, war der Italiener Giovanni Trapattoni in seiner Zeit bei den Münchner Bayern - das war in der Saison 1997/98. Ohnehin leben seine Klassiker wie "Was erlauben Struuuuunz!", "Wie eine Flasche leer" und natürlich "Ich habe fertig!" mehr von der Mischung aus grammatikalischem Irrsinn und südländischer Verve beim Vortrag als vom Inhalt. Wer würde heute noch wie einst Hennes Weisweiler, legendärer Trainer der Gladbacher "Fohlen" in den siebziger Jahren, die Regel Nr. 11 des DFB-Reglements mit einem Seitenhieb auf seinen Starregisseur (nämlich Günter Netzer) erläutern: "Abseits", so Weisweiler, "is', wenn dat lange Arschloch zu spät abspielt."

Dabei können manche Trainer es mit ihren gesammelten Weisheiten ohne weiteres mit den besten Aphoristikern der Weltliteratur aufnehmen, mit Oscar Wilde, George-Bernard Shaw oder Heinrich Heine. Die Einsichten von Otto Rehhagel etwa, als Titelverteidiger diesmal mit seinen Griechen schon in der Vorrunde ausgeschieden, könnten Bücher füllen und jedes Managerseminar bereichern. Klassisch etwa längst sein "Mal verliert man, und mal gewinnen die anderen", wie auch die Maxime "Jeder kann sagen, was ich will." Unvergessen auch, wie "König Rehakles", der wohl als letzter Coach über solche Wortgewalt verfügt, einen Journalisten belehrte: "Wer Erster ist, hat immer Recht. Ich habe also Recht. Und wenn ich Fünfter bin, können Sie wieder mit mir reden."

Unbedarfte Spielersprüche mögen in ihrer jugendlichen Einfältigkeit den Lachreflex des Zuhörers bedienen - in den Bonmots und Sentenzen der permanent herzinfarktgefährdeten Rasenstrategen an der Seitenauslinie sammelt sich die abgeklärte, oft leicht zynische Weisheit des Verantwortungsträgers. Der nämlich legt sein Schicksal jeden Samstag in die Hände einer Horde Jungspunde, welche alles, was er ihnen eingetrichtert hat, fahren lassen, sobald sie den Stadionrasen betreten haben.

Weisheiten, die im Gehirn explodieren

"Der springende Punkt ist der Ball", bemerkte der langjährige Bayerncoach Detmar Cramer einmal treffend, und das Schöne daran war gerade, dass - obwohl Cramer eher eine intellektuelle Ausgabe eines Bundesligatrainers war -, man durchaus nicht ganz sicher sein konnte, ob diese absolut perfekte Metapher langsam in seinem Trainerhirn gereift oder doch nur eine schnell gedroschene Phrase war, deren metaphysische Schönheit sich erst mit dem Nachklang entfaltete.

Auch Max Merkel, der knarzige Österreicher, hat uns Aberdutzende von Weisheiten hinterlassen, die im Hirn explodieren wie ein '82-er Chateau Petrus im Rachen - und die einen mindestens so langen Abgang haben. "Eine Straßenbahn hat mehr Anhänger als Uerdingen" etwa ist eine der hinterfotzigsten Sottisen, die jemals ein Bundesligaklub ertragen musste. Aber auch über die Spielkunst seiner Landsleute, bei der EM im eigenen Land am nördlichen Nachbarn Deutschland gescheitert, wusste Merkel so bitterböse wie blitzgescheit zu charakterisieren: "Der Österreicher glaubt mit 18, er sei Pelé. Mit 20 glaubt er, er sei Beckenbauer. Und mit 24 merkt er, dass er Österreicher ist." Das Durchschnittsalter der Ösi-Elf, die gerade Deutschland unterlag, betrug übrigens fünfundzwanzigeinhalb Jahre.

Doch meist sind es grammatikalische Ausrutscher, schiefe Bilder, missglückte Fremdworteinsätze, absonderliche Rechenkunststücke - in denen gleichwohl so oft Funken höherer Erkenntnis stecken. Rudi Völlers legendäres "Zu fünfzig Prozent haben wir es geschafft, aber die halbe Miete ist das noch nicht" etwa lässt keinen Hermeneutiker kalt.

Hoffung in der zweiten Reihe?

Auffällig ist, dass Bundestrainer besonders häufig mit der deutschen Sprache und der Logik haderten. "Bei uns wird auf dem Platz zu wenig gesprochen", klagte etwa Erich Ribbeck, der mit der deutschen Elf bei der EM 2000 schon in der Vorrunde scheiterte. Und folgerte messerscharf: "Das könnte an der Kommunikation liegen." Ribbecks Vorgänger Berti Voigts dagegen, Nationalcoach von 1990 bis 1998, gab sich statt solchen Tautologien lieber kategorialen Verschiebungen hin: "Luciano ist kein Brasilianer", analysierte er einmal, "er ist ein Athlet."

Seit deutsche Fußballlehrer vermehrt im globalisierten Trainerbusiness ihre Nische finden, sorgen sie auch mit fremdsprachlichen Auffälligkeiten daheim für Erheiterung. Das von "Loddar" Matthäus kolportierte "I'm a German record-player" hat durchaus eine Qualität, die an die berühmt-berüchtigten Aussprüche von Altbundespräsident Heinrich Lübke ("You can say you to me") heranreicht.

Vom smarten Jogi Löw sind ähnlich amüsante Ausrutscher nicht überliefert - und man darf bezweifeln, dass der Vollprofi sich öffentlich jemals zu einem nicht ganz und gar wohlabgewogenen Wort hinreißen lassen wird. So geht das Schlusswort an Frank Wormuth, Löws ehemaligen Assistenztrainer während dessen Intermezzo bei Fenerbahce Istanbul: "Wer die Türkei übersteht, steht über den Dingen", brachte der die aktuelle Lage im Interview mit dem "Tagesspiegel" auf den Punkt.

Vielleicht lauert Hoffnung in der zweiten Reihe.



insgesamt 6 Beiträge
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Christian Roth, 27.07.2015
1. Dankeschön
Lieber Herr Kloth, vielen Dank für diesen köstlich geschriebenen Artikel! Das Runde muss ins Eckige...
Sebastian Kasimir, 28.07.2015
2.
"Der Österreicher glaubt mit 18, er sei Pelé. Mit 20 glaubt er, er sei Beckenbauer. Und mit 24 merkt er, dass er Österreicher ist." --> Brüller :D Danke für dieses Zitat. Ich habs morgen hoffentlich nicht vergessen.
Klaus Freitag, 28.03.2016
3. Buch
Gebt doch mal ein Buch mit den schönsten Sentencen heraus
FJ Welsch, 28.03.2016
4. Oder M.Sammer zum Spiel Bayern vs Juve
"Die Chancen stehen 50:50 und das für beide Mannschaften."
Mesut Bakirtas, 29.03.2016
5. Tolle Sache
Endlich mal wieder "old school" Fußball. Toller Artikel. Danke ;-)
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