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Exil in der Karibik Letzte Rettung Paradies

Exil in der Karibik: Letzte Rettung Paradies Fotos
CORBIS

Mit billigen Bars und Traumstränden ist die Dominikanische Republik für viele Deutsche Ballermann in der Karibik. Doch vor 70 Jahren war das Land die letzte Hoffnung für jüdische Flüchtlinge aus Deutschland - obwohl der örtliche Diktator ein brutaler Rassist und glühender Fan Adolf Hitlers war. Von

Ausgerechnet Rafael Trujillo Molina. Gnadenloser General und skrupelloser Diktator der Dominikanischen Republik. Ein überzeugter Rassist und Bewunderer Adolf Hitlers, der Minderheiten abschlachten, Oppositionelle foltern, politische Gegner töten und den Haien zum Fraß vorwerfen ließ. Ausgerechnet dieser Menschenfeind wollte 1938 plötzlich Tausende Juden retten und ihnen auf seiner Sonneninsel eine sichere Zuflucht vor der Mordlust der Nationalsozialisten bieten.

Was nach einem Treppenwitz der Geschichte klingt, begann im Juli 1938 mit einer internationalen Flüchtlingskonferenz, die in einem diplomatischen Desaster endete. Vertreter von 32 Staaten waren in den französischen Badeort Evian gekommen, um eine neue Heimat für die etwa 300.000 Juden zu finden, die vor den Nazis in die Nachbarstaaten des Deutschen Reichs geflohen waren. Doch kaum ein Staat fand sich bereit, zumindest einen Teil der Flüchtlingsmassen aufzunehmen - Wasser auf den Mühlen der NS-Propaganda: "Niemand will sie, weil man die Nachteile der Verjudung klar erkannt hat", spottete der "Völkische Beobachter" nach dem Scheitern der Konferenz zynisch.

Die jüdische Delegation reiste verbittert ab. Der spätere israelische Staatspräsident Chaim Weizmann sprach von einer zweigeteilten Welt: Die eine Hälfte vertreibe die Juden, die andere lasse sie nicht einreisen. Die einzige Ausnahme auf der Konferenz war die Dominikanische Republik, die anbot, 10.000 Juden aufzunehmen - und das Angebot sogar später noch auf 100.000 erhöhte. Es war der völlig überraschende Beginn eines inzwischen fast vergessenen Kapitels jüdischer Geschichte: Die idyllische Ferieninsel, heute bekannt für Billigurlaub und Palmenstrände mit "Ballermann"-Flair, war einst Fluchtburg für verfolgte Juden, die dort als Siedler das tropische Land beackern sollten.

Ein ganzes Volk "aufweißen"

Der Journalist Hans-Ulrich Dillmann und die Historikerin Susanne Heim haben in ihrem Buch "Fluchtpunkt Karibik" jetzt detailliert die Geschichte dieses nahezu unbekannten Projekts aufgeschrieben. Es handelt von Träumen, Enttäuschungen und Entbehrungen der Siedler, die unter Malaria, Heimweh, Geldnot oder akutem Frauenmangel litten. Für manche wurde die Insel zum Fluch, andere fanden hier, Tausende Kilometer von ihrer Heimat Deutschland entfernt, nicht nur die Rettung vor der Todesmaschinerie der Nazis, sondern die Liebe ihres Lebens.

Kurt Ludwig Hess war einer der ersten jüdischen Flüchtlinge, der vor 70 Jahren auf die Karibikinsel kam - und hier noch immer lebt. Inzwischen ist er 101 Jahre alt und nennt sich spanisch Luis Hess. Über die Motive des Diktators, dem er womöglich sein Leben verdankt, hat er sich nie Illusionen gemacht. Nein, ein Humanist sei Rafael Trujillo nicht gewesen, verriet Hess einmal dem SPIEGEL. "Aber hatten wir eine Wahl? Hitler, der deutsche Rassist, hat uns verfolgt, letztlich wollte er uns umbringen. Trujillo, der dominikanische Rassist, hat unser Leben gerettet." Nun sei er in der "unangenehmen Lage, dem Diktator dankbar sein zu müssen". Auch andere Flüchtlinge empfanden so und nannten Trujillo ihren "furchterregenden Lebensretter".

Paradoxerweise waren es nicht zuletzt rassistische Motive, die Trujillo zum scheinbaren Gutmenschen und Judenretter machten. Er, der seine eigene leicht braune Hauttönung stets als Makel empfunden hatte, wollte mit den Juden die Hautfarbe der Bevölkerung seines Landes "aufweißen". Aus dieser Geisteshaltung heraus hatte der Diktator schon Jahre zuvor mehrmals versucht, Siedler aus Europa auf seinen Inselstaat zu locken. Trujillos Berater fabulierten von der "rassischen Verbesserung unserer Bevölkerung durch Kreuzung und Ansiedlung weißer Siedler" und wünschten sich dabei besonders "reinrassige Spanier" - doch die Pläne scheiterten.

Aus Ärzten wurden Landwirte

Trujillos Rettungsangebot an die Juden sollte ihn 1938 nicht nur seinem Ziel näher bringen, er versprach sich davon auch politische Vorteile. Er spekulierte auf die Dankbarkeit und Unterstützung von vermeintlich reichen, einflussreichen Juden in den USA. Trujillo wollte mit der Offerte außerdem seine außenpolitische Isolation durchbrechen. Denn 1937 hatte der Despot ein Blutbad initiiert: In mehreren Massakern metzelte seine Landpolizei, teilweise mit Macheten bewaffnet, zwischen 15.000 und 20.000 Menschen nieder - ihr Hass richtete sich überwiegend gegen dunkelhäutige Gastarbeiter aus dem Nachbarstaat Haiti.

Vielleicht hätte Trujillo ohne diesen Massenmord den bedrohten Juden nicht geholfen. Doch so begann 1939 ein einzigartiges Projekt: Eine extra gegründete Organisation, die "Dominican Republic Settlement Association" (Dorsa) kaufte dem Diktator ein brachliegendes Gelände einer ehemaligen Bananenplantage ab - idyllisch gelegen im kleinen Örtchen Sosúa direkt an palmengesäumten, weißen Karibikstränden. Die Dorsa rekrutierte in ganz Europa geflohene Juden und sammelte Spendengelder, um die diplomatisch komplizierte und zudem teure Weltreise zu organisieren.

Einzige Voraussetzung: Die Juden sollten fit für die harte körperliche Arbeit unter der Tropensonne sein - denn die Dorsa wollte nicht weniger als ein landwirtschaftliches Musterprojekt aufbauen: das erste Kibbuz in der Karibik. Dazu schickte die Organisation bis Ende 1942 in einem ersten Anlauf etwa 800 Juden und Jüdinnen in den Karibikstaat. Nur die wenigsten Flüchtlinge hatten vorher tatsächlich als Landwirte gearbeitet. Jetzt sollten plötzlich Ärzte, Pianisten, Schauspieler oder Schriftsteller den dürren Boden in Sosúa bestellen oder Viehherden auf die Weide treiben.

Konflikte durch Frauenmangel

Für viele wurde schon die Ankunft in der dreckigen Hafenstadt Puerto Plata zum Kulturschock. "Was mich am meisten entsetzt hat: Sogar die Hauptkirche war mit Wellblech gedeckt", erzählte Luis Hess dem Buchautoren Hans-Ulrich Dillmann. "In Paris kannte ich das nur von Pissoirs. Ich war sehr enttäuscht und konnte mir nicht vorstellen, hier jemals glücklich zu werden." Doch Hess, Sohn eines Erfurter Schuhfabrikanten, der nach einer jahrelangen Fluchtodyssee über Spanien, Italien, Litauen und Frankreich schließlich nach Sosúa kam, sollte sich täuschen.

Denn trotz aller Schwierigkeiten wurde das Siedlungsprojekt ein Erfolg. Innerhalb von drei Jahren wuchs eine florierende Kleinstadt mitten in der Einöde heran, 240 Kilometer und sechs Reisestunden von der Hauptstadt Ciudad Trujillo entfernt. Aus alten Lagerbaracken wurden Wohnungen. Wälder wurden gerodet, Straßen gebaut, Wasserleitungen verlegt, Obst angepflanzt. Allerdings machten die Amateur-Landwirte anfangs so kapitale Fehler, dass ganze Ernten von tropischen Regenmassen weggespült wurden. Die kulturelle Pionierleistung dagegen war gewaltig: Schon bald gab es eine Apotheke, eine Bibliothek, eine Synagoge, ein Friseursalon und ein Kindergarten. Später produzierte man sogar deutsche Landbutter und koschere Würstchen.

Doch dieser jüdische Mikrokosmos innerhalb der christlich geprägten Gesellschaft der Dominikanischen Republik barg Sprengstoff. Viele Siedler sprachen kaum Spanisch oder wollten aus religiösen Gründen keine Dominikanerin heiraten. Anderseits waren nur wenige unverheiratete Jüdinnen nach Sosúa gekommen. Der Männerüberschuss war gewaltig - und die Verzweiflung so groß, dass etliche Männer ihren Freunden und Arbeitskollegen die Ehefrauen ausspannten und mit Affären anfingen, die in so einer kleinen Gemeinde nicht geheim bleiben konnten. "Es hat eine Zeit in Sosúa gegeben, in der man nicht sagen konnte, wer mit wem noch nicht geschlafen hat", berichtete eine ehemalige Siedlerin später freimütig.

Die Deutschen kommen

Luis Hess hingegen scherte sich nicht um das krude kulturelle Überlegenheitsgefühl mancher Siedler, die ja einst selbst Opfer von Rassismus gewesen waren. Er ignorierte einfach alle religiösen Vorbehalte: Als erster Siedler heiratete er 1941 eine Dominikanerin und brach damit ein kleines Tabu. Andere folgten seinem Beispiel; dennoch blieb die gemischte Ehe die Ausnahme. Vereinsamt, gequält von Tropenkrankheiten oder auf der Suche nach einer anspruchsvolleren Arbeit verließen viele Siedler nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs das Sonnenparadies wieder - die meisten suchten ihr Glück in den USA.

Wer hingegen blieb, erlebte einen rasanten Wandel. In den siebziger Jahren wurde Sosúa vom Massentourismus entdeckt. In kürzester Zeit schossen riesige Hotelburgen und lärmende Diskotheken an den einst verträumten Karibikbuchten in die Höhe - und besonders deutsche Pauschaltouristen kamen in Horden in die frühere Fluchtburg der Juden. Schon bald galt Sosúa wahlweise als Sündenpfuhl, Saufhochburg oder "Ballermann der Karibik" - und die deutschen Touristen erwarben sich den zweifelhaften Ruhm als Kampftrinker mit der besten Kondition.

Einige Flüchtlinge empfanden das fast als eine Art späte Rache: "Es ist eine Ironie der Geschichte", erzählte Martin Katz, der einst die Käserei der jüdischen Siedlung leitete, einmal in einem Interview: "Zuerst wurden wir aus Deutschland vertrieben, und dann war Sosúa voll mit Deutschen."

Zum Weiterlesen:

Hans-Ulrich Dillmann, Susanne Heim: "Fluchtpunkt Karibik - Jüdische Emigration in der Dominikanischen Republik". Chrsitoph Links Verlag, Berlin 2009, 188 Seiten.

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1.
Olaf Kampmann, 04.01.2010
Sie schreiben: "Der Journalist Hans-Ulrich Dillmann und die Historikerin Susanne Heim haben in ihrem Buch "Fluchtpunkt Karibik" jetzt erstmals detailliert die Geschichte dieses nahezu unbekannten Projekts aufgeschrieben." Dem ist wohl nicht ganz so. Diese Ehre gebürt wohl eher dem (Ost-)Berliner Joachim Priewe, der nach seiner Pensionierung als Kunsterzieher in die Dominikanischer Republik übersiedelte und dort - mit finanzieller Unterstützung des Auswärtigen Amtes - die Dokumentation "Vom Schattenland ins Tropenlicht" recherchierte. Im Mittelpunkt steht das Schicksal von Artur Kirchheimer, der zu einem der Pioniere der jüdischen Ansiedlung in der Domonikanischen Republik wurde. Priewe selbst hat die Veröffentlichung seines Buches nicht mehr erlebt. Er starb 2004 im Alter von 70 Jahren. Seine Witwe Christa Priewe gab das Werk 2006 im Eigenverlag heraus.
2.
Stefan Fischer, 05.01.2010
Ich möchte gerne wissen, warum ist bei nur 800 Flüchtlinge in DomRep geblieben? Warum kamen nicht mehr, wo Trujillo bereit Tausende aufzunehmen? Ausserdem, meines Wissens nach, haben die Vertreter der zionistischen Organisationen an den Evian-Konferenz nicht teilgenommen. Übrigens, die Geschichte von Sosua, einziger Kibbutz ausser Palästina, (bzw. Israel) ist in Israel völlig unbekannt, totgeschwiegen... Selbst die grössten Verfechter der Kibbutz-Bewegung haben davon nichts gehört. Warum?
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