Spanischer Bürgerkrieg Exodus der Kinder

Sie ist Spanierin, spricht aber mit slawischem Akzent. In Valencia traf Detlev Crusius eine alte Frau, deren Familie durch den Spanischen Bürgerkrieg auseinandergerissen wurde. Als Kind kam sie Ende der dreißiger Jahre in die Sowjetunion, wo sie bald ihre Heimat vergaß.

AP

2011 lernte ich in Valencia eine ungewöhnliche Spanierin mit Namen Elena* kennen. Sie war 75 Jahre alt und sprach fließend Russisch. Ihr Spanisch hingegen hatte einen deutlich hörbaren östlichen Akzent. Mit Hilfe meiner Frau, die aus Russland stammt, kamen wir ins Gespräch. Wir trafen uns dann öfter und erfuhren so von den tragischen Ereignissen in ihrem Leben.

Elenas Geschichte begann in den dreißiger Jahren, gegen Ende des Spanischen Bürgerkriegs. Ihre Familie lebte in Tetuán, damals Spanisch-Marokko, wo der Krieg 1936 mit einer Rebellion der Truppen von General Francisco Franco begonnen hatte. Die Kämpfe breiteten sich bald über das gesamte spanische Mutterland aus, und ganze Regionen entschieden sich entweder für den Nationalisten Franco oder für die Republikaner.

Der Osten Spaniens mit den Städten Valencia, Tarragona und Barcelona stand auf republikanischer Seite. Ebenso die internationalen Brigaden, die in Katalonien und Madrid stationiert waren und denen auch die Schriftsteller Ernest Hemingway und George Orwell angehörten. Von der Sowjetunion, in der damals Josef Stalin herrschte, wurden sie mit schweren Waffen, Panzern, Geschützen und etwa 3000 Soldaten unterstützt. Zu wenige, um den Kampf zu gewinnen.

Für immer von Eltern getrennt

Als sich ein Sieg Francos abzeichnete, brachten viele republikanische Familien aus Furcht vor der Rache der Faschisten ihre Kinder ins Ausland. Elena und ihre Schwester Conchita* wurden von ihren Eltern auf die lange Reise nach Russland geschickt. Nur für kurze Zeit, wie alle glaubten. Elena war zu diesem Zeitpunkt viereinhalb Jahre alt, Conchita drei Jahre älter. Sie sollten ihre Eltern nie wiedersehen.

Den Exodus der Kinder organisierte das Internationale Rote Kreuz, die meisten wurden per Schiff über Genua in Sicherheit gebracht. Etwa 3500 Kinder gelangten in die Sowjetunion, mehr als 30.000 nach Frankreich, Großbritannien, Schweden sowie in die spanischsprachigen Länder Mittel- und Südamerikas.

Nach dem Ende des Bürgerkrieges 1939 wurden in Spanien nach vorsichtigen Schätzungen etwa 85.000 Menschen hingerichtet. Francos Schergen versuchten, dem Grauen durch Schnellverfahren einen rechtsstaatlichen Anstrich zu geben. Viele Republikaner wurden auf offener Straße gelyncht, die Mörder warteten nicht einmal die Dunkelheit ab. Damals waren die Anhänger Francos unter sich. Das übrige Europa hatte den Zweiten Weltkrieg vor Augen und war mit sich selbst beschäftigt. Die meisten Mütter und Väter, die ihre Kinder außer Landes bringen ließen, überlebten die Rache der Faschisten nicht.

Neue Heimat Leningrad

Elena und Conchita erreichten nach vielen Irrwegen Leningrad, heute Sankt Petersburg. Die beiden Schwestern wurden getrennt. Conchita ging sofort in die Schule, während Elena in einen Kindergarten kam und Russisch lernte. Unmerklich wurde sie Russin und vergaß ihre Heimat. Die Erinnerung an ihre Mutter blieb jedoch immer wach.

Ständig stand sie am Zaun des Kinderheims, beobachtete die Straße und wartete auf die Mutter. Den Kinderschwestern fiel sie mit ihren ständigen Fragen auf die Nerven. Bis eine Schwester sie eines Tages beiseite nahm und sagte: "Deine Mutter kommt mit einem grünen Bus." Doch alle vorbeifahrenden Busse waren gelb und braun, nie grün. Elena hatte ihren Spitznamen weg und wurde seitdem immer "Grüner Bus" gerufen.

Das Mädchen erlebte den Winterkrieg gegen Finnland, später die Belagerung Leningrads. In einer nächtlichen Aktion wurde das Kinderheim durch die deutschen Linien hindurch evakuiert, ausgerechnet nach Stalingrad, dem heutigen Wolgograd. Auch das überstand sie.

Erntehelferin mit Pionierhalstuch

Nach Kriegsende kehrte sie zunächst nach Leningrad zurück und ging dort weiter zur Schule. Wie alle russischen Kinder trug sie ein rotes Pionierhalstuch, und mit 14 wurde sie Komsomol. Deutsche Kinder wurden in den mageren Zeiten zur Erholung auf das Land verschickt. Russische Kinder fuhren weite Strecken mit der Eisenbahn und arbeiteten als Erntehelfer. Elena sagt heute, das sei ihre schönste Erinnerung an Russland.

Später studierte sie in Moskau Elektrotechnik und heiratete einen Russen, mit dem sie drei Kinder bekam. Der Kontakt zu ihrer Schwester Conchita war durch die Kriegswirren abgerissen.

Elena wusste, dass sie Spanierin war, hatte aber keine Verbindungen zu ihrer Heimat, bis ihre Großmutter über die sowjetische Botschaft in London mit ihr Kontakt aufnahm. Die Großmutter war Hofdame bei Victoria gewesen, der letzten Königin von Spanien vor Franco. Diese Beziehungen nutzte sie, um ihre Enkelin in der UdSSR ausfindig zu machen.

Gorbatschow ließ Aussiedler ziehen

Als 1985 Michail Gorbatschow Generalsekretär der KPdSU wurde, kam es im Kalten Krieg allmählich zu einer Entspannung. Gorbatschow stimmte der Emigration deutschstämmiger Aussiedler aus Russland und Kasachstan nach Deutschland zu. Etwa dreieinhalb Millionen Menschen kamen in den folgenden Jahren in die Bundesrepublik. Auch viele aus Spanien stammende Russen durften ausreisen, unter ihnen Elena mit ihrem russischen Ehemann und den beiden Töchtern. Ihr Sohn Dimitri blieb mit seiner Familie in Moskau.

Heute lebt Elena in Valencia, ihre Schwester Conchita auf Teneriffa. Nicht alle spanischen Kinder sind zurückgekehrt. Viele haben in Russland oder in Mittel- und Südamerikas endgültig ihre Heimat gefunden.

Der Spanische Bürgerkrieg ist lange beendet, dennoch vermeiden es die Spanier beinahe zwanghaft, über jene Zeit zu reden. Die jahrelange Präsenz russischer Soldaten in Katalonien hat indes gute Erinnerungen hinterlassen.

Exodus in Gegenrichtung

Heute findet wieder ein Exodus statt, allerdings in entgegengesetzter Richtung. Spanische Ehepaare adoptieren Kinder aus überfüllten Heimen in Russland, Kasachstan und der Ukraine. Nach der Katastrophe von Tschernobyl in den achtziger Jahren hatten bereits viele Kinder in Spanien neue Familien gefunden.

In Valencia gibt es die "Asociación Volga" oder "Der Club", wie ihn die Mitglieder nennen. Man pflegt dort das russische Brauchtum, besonders an orthodoxen Feiertagen. Die neuen spanischen Eltern legen großen Wert darauf, dass ihre Kinder ihre Bindungen an Russland nicht verlieren. Zumeist kommen sie im Alter von vier bis zehn Jahren nach Spanien. Der Club bietet spezielle Sprachkurse an, damit die russischen Kinder ihre Muttersprache nicht vergessen.

Auf der Weihnachtsfeier Ende 2011 habe ich die kleine Katja zum ersten Mal gesehen. Sie war gerade fünf Jahre alt, also etwa in dem Alter, in dem Elena vor mehr als 70 Jahren nach Leningrad kam. Auch Katja lernt nur langsam Russisch, denn sie geht in eine spanische Vorschule. Ihre Adoptiveltern sprechen mit ihr bisher nur Spanisch. Inzwischen besucht aber auch Katjas Mutter einen russischen Sprachkurs. Und vielleicht werden sich Mutter und Tochter bald in dieser Sprache unterhalten können.

* Namen geändert



insgesamt 2 Beiträge
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Martin Biberach, 12.03.2014
1.
Jahrelange Präsenz russischer Soldaten in Katalonien? Im Bürgerkrieg oder wann? Bitte um Aufklärung
Detlev Crusius, 13.03.2014
2.
Hallo Herr Biberbach, ja, das ist richtig! Zur Zeit des Bürgerkrieges waren etwa 3.000 sowjetische Soldaten in Katalonien stationiert. Das war noch die Zeit Stalins. Die Sowjets stellten Waffen, leichte Panzer, Flugzeuge und insbesondere Ausbilder. Die wenigsten der Republikaner hatten Kampferfahrung, wussten mit Waffen umzugehen. Die Sowjets zogen erst ab, als sich der Sieg Franco abzeichnete, das muss etwa Mitte '38 gewesen sein. Die Russen waren übrigens keinesfalls unbeliebt und das war ja auch der Grund, weshalb so viele spanische Kinder nach Russland evakuiert wurden. Man sah sie als Freunde, Unterstützer, wenigstens im östlichen Teil Spaniens. Dazu gehört auch, dass die republikanische Seite legal an der Macht war, es hatte Wahlen gegeben. Die Putschisten waren Franco u. seine Anhänger, die Falange. Auch heute noch leben erstaunlich viele Russen in diesem Teil Spaniens. Keine Nachkommen aus jener Zeit, sondern neu eingewandert. Gruß Detlev Crusius
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