Fotograf Sebastião Salgado "Wir als Spezies scheinen unsere Selbstzerstörung zu betreiben"

In den Neunzigerjahren reiste Sebastião Salgado um den Globus, um das Elend von Flüchtlingen zu dokumentieren. 2016 veröffentlichte der Fotograf seine Bilder erneut. Und stellte fest: Geändert hat sich nichts.

Sebastião SALGADO/ Amazonas images

Neugierig blickt die Frau in die Kamera. Auf dem Kopf trägt sie ihre Habseligkeiten, auf dem Rücken ihr Kind, als sie die klapprige Brücke von Dona-Ano über den Fluss Sambesi überquert. Rebellen hatten das Bauwerk im mosambikanischen Bürgerkrieg zum Teil zerstört, jetzt im Jahr 1994 herrscht nach Jahrzehnten endlich wieder Frieden in dem afrikanischen Land.

Wohin sie wolle, fragt der Fotograf Sebastião Salgado die Mutter, die wie Zehntausende andere mosambikanische Flüchtlinge aus den Nachbarstaaten Tansania und Malawi in ihre Heimat zurückkehren will. In die Ortschaft Sena, gleich auf der anderen Seite der Brücke? Oder etwas weiter, nach Beira, gut 300 Kilometer entfernt? "Nein", antwortet die Frau. Sie will in die Hauptstadt Maputo - über tausend Kilometer weiter südlich.

Ob die junge Frau in dem vom Krieg verwüsteten Land jemals ihr Ziel erreichte? Sebastião Salgado hegte daran keinen Zweifel, wie er 2001 im Gespräch mit dem "Tagesspiegel" sagte. Für seinen Bildband "Migranten" war der brasilianische Starfotograf ab 1993 sieben Jahre um die Welt gereist.

Tote, Nacht für Nacht

Was er mitbrachte, waren Bilder des Grauens. Leichenberge im damaligen Zaire, wo Tausende Flüchtlinge aus Ruanda Nacht für Nacht an Seuchen starben. Vertriebene des Krieges im ehemaligen Jugoslawien, direkt vor der Haustür der Europäischen Gemeinschaft. Und immer wieder Menschen in Südamerika, Afrika oder Asien, die Armut in die Großstädte trieb - voller Hoffnung auf ein besseres Leben. Und die in der Regel bitter enttäuscht wurden.

Fast 20 Jahre später bringt Sebastião Salgado dieses Werk unter dem Titel "Exodus" neu heraus, ebenso den parallel entstandenen Bildband "Kinder". Seine eindringlichen Schwarz-Weiß-Fotografien haben nichts von ihrer Aktualität verloren. Noch immer ertrinken Menschen im Mittelmeer beim Versuch, Europa zu erreichen. Noch immer vertreiben Hunger und Armut, Krieg und Krisen Millionen Menschen aus ihrer Heimat.

Die Bilder sind ähnlich, nur die Gesichter haben sich geändert. "Als Spezies scheinen wir unsere Selbstzerstörung zu betreiben", schreibt Salgado im Vorwort von "Exodus". Und kämpft mit seinen Bildern für Menschlichkeit: "Wir können es uns nicht leisten, den Blick abzuwenden."

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insgesamt 13 Beiträge
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Marco Bettbringer, 04.08.2016
1. 253
Das kontinuierliche Wachstum der Weltbevölkerung spricht doch klar gegen die These von der "selbstzerstörung der spezies mensch". Es mag sein, dass immer mehr Menschen sterben. Das ist aber kein Zeichen einer selbstzerstörerischen Tendenz, sondern zwingend logische Folge des Umstands, dass diese Menschen zuvor gelebt haben.
Siegfried Wittenburg, 04.08.2016
2. Die große Frage
Keine Frage, Sebastiao Salgado ist ein großartiger und engagierter Fotograf. Er bearbeitet die großen Themen dieser Welt. Auch seine konsequente Schwarzweißfotografie ist eindringlicher als die Darstellungen in Farbe. Diese Art des Mediums Fotografie stellt das Leben wesentlich nachhaltiger dar als der flüchtige und an technische Apparaturen gekoppelte Fernsehfilm oder die massenhafte Bilderflut im Internet. Seine Arbeiten beeinflussen unser Bewusstsein und unser Handeln, was er sicherlich auch bezwecken will. Doch die Dimension ist so gewaltig, dass er daran fast zerbrochen zu sein schien. Sein vorletztes Buch „Genesis“ (2013) zeigt die Natur und die Lebewesen in einer faszinierenden Weise scheinbar in ihrer Urform. Doch auch dieses war und ist kein Paradies entsprechend unseren tief verwurzelten Vorstellungen. Einen Weg „zurück“ gibt es nicht, denn auch bevor der Mensch die Weltbühne betrat, existierte naturbedingt die Gewalt. Der Weg „nach vorn“ bedeutet, wie Salgado sagte, im Leben ein Gleichgewicht anzustreben. Doch wo findet man dieses? Das wiederum ist eine der großen Fragen.
Frank Widi, 04.08.2016
3.
Der Kapitalismus braucht Verlierer die die Drecksarbeit erledigen. Sie dürfen nur nicht alles verlieren, denn sonst werden sie zur Gefahr für selbigen da man ja sowieso nichts mehr zu verlieren hat. Diese Gefahr scheint der Kapitalismus noch immer nicht zu erkennen bis es ihm um die Ohren fliegt. Die Flüchtlingsströme dürften nur den Anfang bilden. Wenn die Verlierer in den Industrieländern aufbegehren wird es rund gehen. Praktischerweise sind die Gesetze für solche Fälle mittlerweile angepasst und man nennt sie dann einfach Terroristen...
Siegfried Wittenburg, 04.08.2016
4. Kapitalismus
@ Frank Widi: Der Kapitalismus mag für das dargestellte Elend der Welt eine von vielen Erklärungen sein, doch jetzt bin ich auf die Vertiefung dieser Meinung gespannt, denn Flüchtlinge kenne ich nicht nur aus der kapitalistischen Welt.
dieter lucks, 04.08.2016
5. Nichts hat sich geändert
Wer eine Änderung erwartet hat muss ganz schön blauäugig sien. Richtiger ist die Überschrift: Wir als Spezies betreiben unsere Selbstzerstörung mit System. Die Neandertaler schfften es auf über 100.000 Jahre. Der homosapiens wird es keine 10.000 Jahre schaffen.
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