Extrem-Radrennen Held auf die harte Tour

40 Jahre alt, Workaholic, 20 Kilo Übergewicht: Als er sich zur Teilnahme am härtesten Radrennen der Welt entschloss, war der Molekulargenetiker Michael Nehls nicht gerade eine Sportskanone. Trotzdem gelang ihm die Irrsinnstour quer durch die USA - dank einer einzigartigen Strategie.

Uwe Geissler

Eigentlich waren die Jahre längst vorbei, in denen ich mich ehrgeizigen sportlichen Zielen verschrieben hatte. 20 Jahre zuvor war ich meinen letzten Marathon gelaufen und hatte mit diesem Thema eigentlich abgeschlossen. Inzwischen hatte ich Karriere gemacht: promoviert, habilitiert, zweimal in den USA gearbeitet. Ich war Chef einer Münchner Biotechfirma. Meine Frau Sabine und ich haben drei wunderbare Kinder. Eigentlich hätte ich mich zurücklehnen können, hatte es im Grunde auch schon getan.

Doch dann hörte ich vom Race Across America, kurz RAAM. Was mich bewegte, im Web danach zu suchen, kann ich nicht sagen. Aber die Faszination, die es von da an auf mich ausübte, ließ mich alle Grenzen überwinden, sowohl meine 60-Stunden-Wochen als auch meine 40 überflüssigen Pfunde. Ich musste einfach dabei sein. Am 8. Juni 2008, fünf Trainingsjahre später, stand ich an der Startlinie der mutmaßlich härtesten Ausdauerprüfung der Welt. Doch ich erlebte ein ganz anderes Rennen, als es mir viele der RAAM-Veteranen prophezeit hatten - eben weil sie es mir prophezeit hatten.

Im Alleingang vom Pazifik zum Atlantik, quer durch die USA. Jedes Jahr bestreiten 20 bis 30 Radfahrer das Race Across America. Nur etwa die Hälfte aller Solisten erreicht das Ziel nach der transkontinentalen Durchquerung der heißen Wüsten des Südwestens der USA. Es gilt die zum Teil eisigen Passagen der Rocky Mountains, gefolgt von den unendlichen Weiten der Großen Ebenen, in den vorgeschriebenen zwölf Tagen zu durchqueren. Es ist jedoch nicht nur die physische Belastung der über 4800 Kilometer, die das RAAM zum weltweit härtesten Ausdauerwettkampf macht, sondern die hohe Kapitulationsrate, der oft eine mentale Erschöpfung zugrunde liegt. Mitten unter den Athleten: ich, Michael Nehls, der etwas Neues versuchte. Ich hatte vor, das Rennen nicht nur erfolgreich zu beenden, sondern auch noch zu genießen - nicht zuletzt aufgrund einer einzigartigen Strategie.

"Du wirst eine Müdigkeit erleben wie du sie noch nie erlebt hast"

Besonders die Strecke durch die Wüste hielt einige erstaunliche Herausforderungen für mich bereit. Es waren über 40 Grad im Schatten. Trotzdem bildete sich kein Tropfen Schweiß auf meiner Haut. Wieso konnte ich nicht schwitzen? Angst vor einem Hitzekollaps machte sich breit - dann der erklärende Gedanke: die völlig trockene Luft ließ jeden Tropfen sofort verdunsten. Ich durfte mich nicht täuschen lassen, trinken, trinken, trinken! Ich erinnerte mich an die Worte von Allen Larson, dem RAAM-Sieger des Jahres 2003, als er mir kurz vor dem Start seine Filmkamera ins Gesicht gehalten hatte: "Du wirst eine Müdigkeit erleben, schmerzhaft, wie du sie noch nie erlebt hast." Obwohl ich ihm etwas trotzig in die Kamera erwidert hatte, dass ich Spaß haben wolle, war ich mir jetzt nicht mehr ganz so sicher, ob mein Plan aufgehen würde. Vielleicht funktionierte meine Rennstrategie nur auf dem Papier.

Ich genoss den heißen Wind auf meinem Rücken, der mich mit relativ hohem Tempo durch die rote Wüste trieb. Vor mir würden bald die monumentalen Felsen auftauchen, die dem breiten Tal seinen legendären Namen gaben. Mehr als tausend Kilometer war ich jetzt schon unterwegs, es war der zweite Tag eines völlig verrückten Rennens. Alles lief in eingeübten stereotypen Bewegungsmustern ab. Im Minutentakt trinken, aus dem Sattel, wechseln in den Wiegeschritt, dann der Systemcheck: Puls, Leistungswerte, Tempo auf der Anzeige des Bordcomputers, zuletzt Po, Knie, Beine, Nacken. Alles war bestens. Auch auf die Hitze war ich gut eingestellt, das regelmäßige Radtraining in der Sauna machte sich nun bezahlt.

Vor mir tauchte Beny Furrer auf, ein Schweizer Urgestein und Extremsportler, der das RAAM schon einmal gemeistert hatte - mit nur einem Arm! Er war langsam unterwegs, trotz des für uns guten Windes. Ich fuhr zu ihm auf. Am gestrigen Abend hatte ich ihn schon einmal überholt, so wie viele andere, die, wie er, ständig fuhren und sich kaum eine Pause gönnten. So musste man das RAAM fahren, das hatte man mir immer wieder erzählt, so steht es in unzähligen Büchern, in denen von Sekundenschlaf und Paranoia-Attacken oft sehr heroisch berichtet wird.

Geheimstrategie im Navajo-Land

Da beim RAAM die Uhr ständig tickt, gibt es keine vorgeschriebenen Etappen, stattdessen nur eine exakt vorgegebene Route von der West- zur Ostküste der USA. Gewonnen hat, wer als Erster das Ziel erreicht, daher werden die Schlafpausen auf ein gefährliches Minimum reduziert. Manche kommen in zehn Tagen mit weniger als insgesamt zehn Stunden Schlaf aus!

Ich hatte allein letzte Nacht schon sechs Stunden pausiert, nicht nur weil mein Körper es verlangte - sondern vor allem, weil ich es so geplant hatte. Beny saß bisher nur wenige Stunden nicht auf dem Rad, so dass er, während ich mich ausgeruht hatte, nachts an mir vorbeigefahren war. Die Folgen waren jetzt schon zu erkennen. Er wirkte müde, angestrengt. Wie er das mit nur einem Arm meisterte, ist mir bis heute ein Rätsel, wie ein Zaubertrick, den man intensiv betrachtet und dennoch nicht durchschaut. Ich fühlte mich schon fast etwas überheblich, als ich eigentlich recht locker, nur mit mittlerer Anstrengung an ihm vorbeifuhr. "Du bist ein Tier!", sagte Beny. Sollte ich ihm meine noch geheime und doch so offensichtliche Strategie verraten? Aber noch war es zu früh, ich wusste ja selbst noch nicht, ob ich so weiter durchhalten würde.

Endlich kam das ersehnte Monument Valley. Die Musik, die sonst immer wieder von dem hinter mir fahrenden Begleitwagen dröhnte, war schon längere Zeit abgeschaltet. Ich befand mich in heiligem Navajo-Land. Ich genoss die Ruhe und den Moment, darauf hatte ich so viele Jahre hingearbeitet! Ich weigerte mich, einen Ohrstöpsel zu tragen, über den ich ständig mit dem Begleitteam in Funkverbindung gewesen wäre. Ich wollte die volle Konzentration, um in dieser atemberaubenden Landschaft in mich hineinzuhören. Bisher hatte ich das hohe Tempo genossen, das mir die Passatwinde beschert hatten, aber jetzt ging alles viel zu schnell; nur ein paar wenige Momente waren es, und schon waren die bizarren Felsriesen, die ihre Hände zum Himmel streckten, Vergangenheit.

Trainingslager, all-inclusive

Rennkilometer 1082. Auf mich wartete das Wohnmobil, meine mich stets begleitende Oase in der Wüste. Ich legte mich nach einer erfrischenden Dusche für eine entspannende Massage auf die vorbereitete Liege. Meine Frau Sabine schob mir frisches Obst mit Joghurt in den Mund. Auch die beiden österreichischen Kontrolleure, Race Officials genannt, waren angetan und gönnen sich bei uns eine Pause. Verblüfft betrachteten sie das Bild, das sich ihnen bot. Umso mehr, als ich ihnen erklärte, dass das RAAM zu meinem schönsten Aktivurlaub werden würde: "Viel Sport, super Rundumbetreuung, sozusagen ein 'All-inclusive-Paket', dazu noch eine atemberaubende Landschaft - was kann man mehr verlangen?"

Ich genoss jeden Tag, fokussierte mich auf das Jetzt. Ich konnte mein Renntempo, im Schnitt mit 28 km/h, hoch halten - im Gegensatz zu meinen Mitstreitern, die ihrem sehr hohen Anfangstempo, aber vor allem dem zunehmenden Schlafmangel Tribut zollten. Die Spitze war weit vorne, aber auch die wurde stetig langsamer. Täglich erlebte ich, je länger das Rennen andauerte, wie meine auf Regeneration ausgelegte Strategie sich auszahlte. Durch die meist guten Winde kam ich schneller voran, als ich es vor einem Jahr geplant hatte, daher konnten meine großzügig angelegten Pausen sogar noch verlängert werden: Das RAAM kam jetzt wirklich einem langen Trainingslager gleich.

Nach zehn Tagen, 22 Stunden und 56 Minuten erreichte ich schließlich das Ziel in Annapolis, Maryland. Ich hatte über 90 Stunden pausiert, bis zum Zehnfachen meiner Mitstreiter, die entweder massiv erschöpft am Ziel ankamen - oder gar nicht. Ich hätte noch lange weiterfahren können. Jure Robic hatte zum vierten Mal gewonnen, er war 47 Stunden vor mir angekommen. Da ich aber über 70 Stunden mehr pausierte, konnte ich damit gut leben. Ich hatte nach nur wenigen Jahren Vorbereitung als anfänglich übergewichtiger Manager das härteste Radrennen der Welt erfolgreich beendet.

Michael Nehls ist promovierter Arzt und habilitierter Molekulargenetiker, er ist 46 Jahre alt und lebt mit seiner Familie bei Freiburg.

Zum Weiterlesen:

Michael Nehls, Uwe Geißler: "Herausforderung Race Across America - 4800 km Zeitfahren von Küste zu Küste". Delius Klasing Verlag, Kiel 2009, 184 Seiten.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
nick miller, 03.07.2009
1.
Ich würde Herrn Nehls eine Psychotherapie zur Behandlung der Selbstsucht empfehlen. Dies ist weniger qualvoll für sich und andere.
Aaron De Winter, 04.07.2009
2.
Peinlicher Ego-Trip, dieser Artikel. Sehr unangenehm zu lesen. Trotz allem Respekt für die sportliche Leistung.
Sebastian Stahlkopf, 04.07.2009
3.
Warum Selbstsucht? Weil ein Mensch sich einen Traum erfüllt und sich selbst verwirklicht? Anstatt zu nörgeln (typisch deutsch!) möchte ich Herrn Nehls sagen: Chapeau! Ich selber bin auch Sportler, u.a. mehrfacher Marathon- sowie Ironman-Finisher und kann daher nachempfinden was für eine Leistung er hier erbracht hat. Einzig den Charakter eines echten Wettkampfs möchte ich dem "Rennen", aus mehreren Gründen, nicht attestieren. Trotzdem gilt: Eine sportliche Wahnsinns-Leistung mit Erlebnissen und Eindrücken, die den meisten Menschen in ihrem Leben wohl für immer vorenthalten bleiben werden. >Ich würde Herrn Nehls eine Psychotherapie zur Behandlung der Selbstsucht empfehlen. Dies ist weniger qualvoll für sich und andere.
jutta asamoah, 04.07.2009
4.
>Ich würde Herrn Nehls eine Psychotherapie zur Behandlung der Selbstsucht empfehlen. Dies ist weniger qualvoll für sich und andere. Ich würde Herrn Miller eine Psychotherapie zur Behandlung des Neides empfehlen. Dies ist weniger peinlich für ihn und andere.
Horst Mueller, 05.07.2009
5.
Horst Mueller, Montreal, QC Zum Bild 17 in seiner Bilderreihe erzaehlt uns Herr Nehls er haette in Montana den Mississippi ueberquert. Er meint wohl den Missouri der in Montana entspringt und sich suedlich der Canadischen Grenze entlang schlaengelt um dann in North-Dakota and South-Dakota nach sueden zu fliessen wo er sich bei Sioux-City, Iowa mit dem Mississippi vereinigt. Das 2008 RAAM fuehrte nicht ueber Montana, weil die Strecke dann 2600km laenger gewesen waere als die direkte Strecke von Oceanside, CA nach Annapolis, MD mit 4876 km. Das hat mir auch ein Teilnehmer des 2008 Rennens, Mr. Douglas Levy, bestaetigt, der das Rennen in 11D 4H 59M beendete. Falls Herr Nehls das oben genannte in seinem Buch behaupted sollte er umgehen eine Berichtigung an alle Kaeufer schicken. Besten Gruss, Horst Mueller
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