Extrem-Tuning Lametta für die Luxusklasse

Vergoldete Stoßstangen und ein Doppelbett statt Rücksitzbank: Für Popstars und Scheichs pimpten Luxus-Tuner in den wilden achtziger Jahren Oberklassewagen zu Pälasten auf Breitreifen auf - Kalaschnikows in Wagenfarbe im Kofferraum inklusive.

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In den Augen der deutschen Autofans war es mindestens eine Geschmacklosigkeit, die sich da Anfang der achtziger Jahre in einem Vorort von Hamburg abspielte. Manche hielten es sogar für ein Verbrechen. Woche für Woche rollten zwei große Sattelschlepper zur Firma Styling Garage nach Pinneberg, voll beladen mit nagelneuen Luxusschlitten der Marke Daimler-Benz.

Kaum abgeladen, wurden die S-Klasse-Limousinen umgehend entkernt und auseinandergesägt um anschließend aufgemotzt zu werden - und zwar nicht zu knapp. Die S-Klasse! Die Perfektion auf vier Rädern, der heilige Schrein des deutschen Automobilbaus - getunt! Das war ungefähr so, als würde man die Mona Lisa mit Neon-Applikationen aufhübschen oder die Zehn Gebote mit ein paar lockeren Textpassagen pimpen wollen. Aber es geschah trotzdem. Vier kurze, heftige Jahre lang war das kleine Kaff am Rande der Elbmetropole das schillernde Epizentrum einer weltweiten Bewegung, die noch heute ihresgleichen sucht in der Automobilgeschichte.

Angefangen hatte alles 1982 mit einem VW Golf. Chris Hahn, Inhaber der Styling Garage, war mit dem Volkswagen und zwei Mercedes-Benz im Gepäck auf die Internationale Automobilaustellung in Frankfurt gereist. Die beiden Benz hatten für ihren Auftritt die damals üblichen Verzierungen umgehängt bekommen: Spoiler hier, Discolack da und alles durch ein paar Breitreifen mehr schlecht als recht geerdet. Der Golf aber, der war etwas Besonderes. Unter Hahns Händen war aus dem ab Werk eher spartanisch eingerichteten Kompaktwagen ein in rotem Leder und Edelhölzern ausgeschlagener Luxusliner geworden, der von einem vor dem Beifahrersitz thronendem Farbfernseher gekrönt wurde.

Größenwahn als Geschäftsmodell

Was dann folgte, war wie eine Episode aus "Tausendundeiner Nacht". Oder wahlweise aus einem Low-Budget-Film. Denn der Glamour-Golf erregte die Aufmerksamkeit arabischer Scheichs und Prinzen, die auf der Messe nach neuen Spielzeugen Ausschau hielten. Sie waren begeistert von Hahns etwas überdrehter Definition von Luxus. In den folgenden Monaten fluteten sie seine Werkstatt in Pinneberg mit ihren Petro-Dollars und diktierten, unbeschwert von westlichen Ästhetik-Konventionen, im Automobilbau bis dato nie gekannte Wünsche in die Auftragsbücher.

Schnell entwickelte sich die noch relativ neue S-Klasse von Mercedes-Benz zum Kerngeschäft der Tuning-Boutique. Die von Hahn und seinen Angestellten aufgesägten Flaggschiffe aus Stuttgart wurden um bis zu einen Meter verlängert und anschließend mit allem vollgestopft, was nach Luxus roch: ausufernde Stereoanlagen, Fernsehgeräte, Doppelklimaanlagen oder Clubsessel, mit feinstem Leder bezogen - die Liste der Wünsche aus dem Morgenland war lang.

Und so entstand in Hahns innerhalb kürzester Zeit explosionsartig wachsendem Betrieb ein eigenes, komplett vom deutschen Automobilbau abgekoppeltes Paralleluniversum. Die Preisliste der Styling Garage kündete dabei vom Größenwahn als Geschäftsmodell: Umbau des 500 SEC-Coupés zum Flügeltürer - Katsching! - 83.000 D-Mark; Verlängerung des Fahrzeugs um 30 Zentimeter - Katsching! - 68.000 D-Mark; Spoiler-Kit inklusive Kotflügelverbreiterungen - Katsching! - 42.500 D-Mark. Ein einigermaßen gut ausgestatteter SGS 1000, das Top-Modell der Styling Garage, lag bei 400.000 D-Mark. Zog der Kunde alle Register, waren 700.000 D-Mark fällig. Zum Vergleich: Rollte die S-Klasse in der Spitzenausstattung in Stuttgart vom Band, waren lediglich rund 80.000 D-Mark zu berappen.

Immer gern im Rotlichtviertel abgestellt

Bei solchen Preisen blieb die Styling Garage natürlich nicht lange konkurrenzlos. Gemballa, ABC Exklusive, AMG, Duchatelet - nur ein paar von vielen Veredlern aus Deutschland und den europäischen Nachbarländern, die auf den Geldzug aufsprangen und die S-Klasse mit ähnlichem Luxus-Lametta behängten. Und der Neid blieb, zumindest in Deutschland, auch nicht lange aus. Dabei erkannte die hiesige Presse durchaus, dass die Mannen von Mercedes-Benz Komfort eher nüchtern interpretierten. So schrieb das Fachblatt "Auto, Motor und Sport" in ihrem Bericht über die 400.000 DM-S-Klasse des belgischen Veredlers Duchatelet, dieser "empfindet es als eine Art Unzulänglichkeit des Schicksals, dass man in einem Serien-Daimler die Beine nicht sooo weit ausstrecken kann", außerdem berge "schwäbischer Luxus oft den Zug der Kasteiung".

Doch insgeheim war der verschwenderische Umgang mit Geld und Edelmaterialien den aufs Sparen und Häuslebauen getrimmten Deutschen nicht geheuer - er hatte etwas Anrüchiges, Anzügliches. Im gleichen Bericht schrieb der Autor deswegen nur wenige Zeilen später : "Duchatelet baut schlicht ein komprimiert-kombiniertes Wohnzimmer-Büro in einen Daimler-Fond, holzgetäfelt und lederbeschlagen, mit allen Feinheiten vom Geschmack der Windsors bis zu den beruflichen Bedürfnissen eines neureichen Schrotthändlers."

Neureicher Schrotthändler: Da war sie, die unvermeidbare Spitze, die in kaum einem Artikel über die luxuriösen Limousinen fehlen durfte. Apropos Spitze - meist wurden die Paläste auf Breitreifen hierzulande einer ganz bestimmten Kundschaft angedichtet - in der Vorstellung der meisten Deutschen waren die pompösen Schlitten stets im Rotlichtviertel abgestellt.

Ein rollendes Bett für Frank Sinatra

Ganz im Ernst: Für einen Zuhälter waren die Kreationen von Hahn schlicht zu teuer. Bei ihm verkehrte eine ganz andere Klientel. Die Scheichs ließen ihre gerade erst gekaufte S-Klassen per Flugzeug nach Pinneberg schaffen, nur um alle am Fahrzeug befindlichen Chromteile vergolden zu lassen. Oder sie bestellten das Top-Modell der Styling Garage, den 1000 SGS, in der gepanzerten Version - und in achtfacher Ausführung. Doch nicht nur arabische Prinzen ließen Kleingeld in großem Stil in Pinneberg, Promis weltweit nahmen die Dienste der Styling Garage in Anspruch. Auch Michael Jackson und Frank Sinatra orderten XXL-Luxusliner aus Pinneberg, letzterer ließ sich für läppische 200.000 D-Mark ein ausziehbares Doppelbett in die verlängerte Limousine montieren.

"Was da abging, kann sich heute kaum noch jemand vorstellen" sagt Markus Potztal bewundernd. "Pro Woche kamen zwei bis drei Blankoschecks ins Haus geflattert, und die Ansage: 'Hier Chris, mach mal'". Potztal, 39, ist so was wie der ideologische Nachlassverwalter der Styling Garage, die bereits 1986 wieder Pleite ging. Fan von Kindesbeinen an, sammelt Potztal heute alles, was irgendwie mit der Styling Garage zu tun hat, Fotos, Prospekte, Videos - und natürlich Autos Made in Pinneberg. "Für ein Styling Garage-Museum", wie er sagt. Potztal arbeitet die Geschichte der Styling Garage akribisch auf, seit Jahren fahndet er nach allen ehemaligen Mitarbeitern und hält regelmäßig Kontakt zu Chris Hahn, der inzwischen in Dubai residiert.

Potztal besitzt auch zwei von drei in Deutschland noch bekannten Exemplaren des von der Styling Garage gebauten SGS Gullwing, dem zum Flügeltürer ummodellierten Coupé der S-Klasse. Beide haben, wie könnte es anders sein, höchst prominente Vorbesitzer: "Mein schwarzer Gullwing gehörte zuerst Prinz Frederic von Anhalt, später den Grimaldis" erklärt er stolz. Seinen größten Schatz besitzt Potztal aber erst seit kurzem: ein weißer Gullwing aus der Flotte von Hamad bin Hamdan al Nahyan, besser bekannt als "Regenbogenscheich".

Tödliche Accessoires im Kofferraum

Er war der wohl schillerndste Kunde der Styling Garage - und der Beste außerdem. Allein zur Hochzeit seiner Cousine bestellte er einen kompletten Fuhrpark bei Hahn. 36 Fahrzeuge, alle in Weiß, alle mit 24 Karat Gold statt Chrom geschmückt, alle mit einem umlaufenden Regenbogenstreifen versehen, Hamads Markenzeichen. Am bekanntesten aber sind die sieben von Hamad bin Hamdan al Nahyan bei der Styling Garage bestellten S-Klassen, jede in einer anderen Farbe des Regenbogens - darüber berichtete sogar die "Bild"-Zeitung. Kaum jemand aber weiß, wie weit der Scheich seinen Regenbogenfetisch trieb: im Heck jeder der sieben Luxuskarossen lagert ein Paar Kalaschnikovs - in Wagenfarbe.

Keine Frage, das war nicht einfach mehr Automobilbau oder Tuning - das war Rock'n'Roll. Und wie es sich für echte Rockstars gehört, gab auch die Styling Garage nach einer kurzen, extremen Karriere wie im Rausch frühzeitig den Löffel ab. Bereits 1986, nach nur vier Jahren, schlossen sich die Werkstore in Pinneberg schon wieder. Warum, weiß heute keiner mehr genau. Es ist ein bisschen wie bei einer grandiosen Party, nach der man am nächsten Morgen leicht verkatert aufwacht und sich an die letzte Stunde lieber nicht erinnern möchte.

Wie die Styling Garage machten einige der anderen Edel-Tuner ebenfalls Ende der Achtziger dicht. Andere spezialisierten sich auf gepanzerte Fahrzeuge. Doch es gibt auch Firmen, die damals mit dabei waren - und heute noch Autos veredeln, Gemballa, AMG, Lorinser zum Beispiel. Allerdings haben ihre heutigen Kreatione mit den Exzessen Mitte der Achtziger ungefähr so viel zu tun wie Heidi Klum mit Donatella Versace.

Den strengen Herren von Mercedes-Benz wird das nur recht sein. Sie hatten nie viel übrig für das emsige Treiben der Tuner, die ihre S-Klasse als Basis für übersteuerte Kreationen nahmen. Bruno Sacco, damals Designchef bei der Daimler-Benz AG und geistiger Vater der S-Klasse vom Typ W126, wurde in einem Fernsehinterview gefragt, ob er die Vorliebe der Edel-Tuner für sein Baby als Kompliment verstehen würde. "Schlussendlich ja. Es ist sogar ein sehr großes Kompliment" antwortete er, etwas angestrengt. Und schob dann mit einem Zitronengesicht noch hinterher: "Auch wenn ich nicht immer mit den Ergebnissen einverstanden sein kann."



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Andreas Haack, 09.09.2008
1.
Toller Bericht und während des Lesens fiel mir ein, dass ich das Glück hatte, ein paar Wochen vor der Schließung der SGS an einer Rundführung durch die Werkstatt teilnehmen zu dürfen. Ich weiß nicht mehr, wer die Führung geleitet hat, es sind mir dazu jedoch noch zwei Annekdoten des SGS-Mitarbeiters in Erinnerung. Zum einen und das klang im Bericht schon an, war die innovative Ausführung des Karosserie(um)baus. Schon der erste Golf, jedoch auch die weiteren Umbauten waren im Focus der Autohersteller und anderer Stylingfirmen, die das Wachpersonal auf Messen bestachen, um des nachts einmal einen genauen Blick auf die Wagen werfen zu können. Zum anderen wurde uns ein Besuch eines SED-Oberen geschildert, der seinen Volvo aufmotzen wollte. Als unser Referent auch den Fahrer (Chauffeur) des guten Sozialisten per Handschlag begrüßen wollte, bekam er den Hinweis: "Den brauchen Sie nicht zu begrüßen, das ist nur mein Fahrer". Vielen Dank für den Artikel, der mit eine sehr interessante 20jährige Erinnerung wieder wach gerufen hat.
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