Fahndung nach einem Fotografen Aus dem Blickwinkel eines Unbekannten

Fahndung nach einem Fotografen: Aus dem Blickwinkel eines Unbekannten Fotos
Berlinische Galerie

Der Fund gibt Rätsel auf: Einzigartige Fotografien aus dem Berlin der Nachkriegszeit wurden in einem Archiv entdeckt und sind ab November in der Berlinischen Galerie zu sehen. Die Ausstellungsmacher würden gern den Urheber nennen - doch die Suche nach dem Fotografen gestaltet sich schwierig. Von Solveig Grothe

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Gisela Dutschmann erinnert sich nur vage: Der Mann sei 1953 verhaftet worden und danach wohl in den Westen gegangen, sagt sie, als sie nach ihrem Vorgänger gefragt wird. Die Fotografin, die 37 Jahre lang für das Bildarchiv des Ostberliner Instituts für Städtebau arbeitete, trat ihre Stelle beim Magistrat von Groß-Berlin, wie die Verwaltung damals hieß, im April 1953 an. Ihr Vorgänger soll Anfang der fünfziger Jahre Bildduplikate an Westberliner Behörden geliefert haben. Mehr weiß die Dame im Ruhestand leider nicht über den Mann, der helfen könnte, ein äußerst kniffliges Bilderrätsel zu lösen.

Ausgerüstet mit einer Plattenkamera und Stativ und zuweilen begleitet von Assistenten machte sich im September 1948 ein Fotograf im Osten Berlins an eine mühevolle Arbeit. Sein Auftrag: Er sollte festhalten, was von der kriegszerstörten Stadt übriggeblieben war, nachdem in den Jahren zuvor die größten Schuttberge beseitigt worden waren und der Blick auf Brachflächen und die Leerstellen der einst dicht bebauten Häuserzeilen freilag. Straßenzug um Straßenzug arbeiteten sich der Fotograf und seine Kollegen durch die Viertel der Stadt, erst in Mitte, dann auch in Friedrichshain und Prenzlauer Berg bis nach Köpenick, Treptow und Weissensee. Sie beobachteten den Wiederaufbau und dokumentierten die Fortschritte der wachsenden Neubauten.

Auftraggeber dieser umfangreichen Bestandsaufnahme war das Hauptamt Stadtplanung des Magistrats von Groß-Berlin, Abteilung Bau- und Wohnungswesen. Rund 1500 der Aufnahmen gelangten damals in dieses Bildarchiv - bis zum April 1953, etwa bis zu dem Zeitpunkt, da die Fotografin Gisela Dutschmann ihren Dienst in der Behörde antrat. Nach der Auflösung der alten Ost-Berliner Verwaltung nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 übernahm das Berliner Landesmuseum für moderne Kunst, Fotografie und Architektur "Berlinische Galerie" das Fotoarchiv des Magistrats in ihre Architektursammlung.

Der Berliner Fotograf Arwed Messmer sichtete die Sammlung - und war beeindruckt. Was er fand, schien ihm mehr zu sein als eine nüchterne Dokumentation. Der Fotograf verstand sein Handwerk: Durch gekonnte Kameraschwenks hatte er Bildreihen hinterlassen, die ein faszinierendes Panorama der Leere und Weite Berlins in den Jahren des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg ergaben. Doch wer war der Mann, dem die Stadt diese einzigartige Dokumentation verdankt? Mitarbeiter der Berlinischen Galerie begaben sich auf Spurensuche, forschten nach Indizien: Erinnerungen, Korrespondenzen, alte Rechnungen. Doch sie fanden fast nichts - außer einer interessanten Parallele.

Die Spur Tiedemann

Im Fotoarchiv des Berliner Landesdenkmalamtes lagen Kontaktabzüge und Schwarzweiß-Negative aus den Jahren 1945 bis 1953, die verblüffende Ähnlichkeit mit den Fotos der Berlinischen Galerie haben. "Die Aufnahmen zeigen ähnliche Motive, die Bildreihen lassen sich zu zusammengehörigen Straßenzügen ergänzen. Auch die Lichtverhältnisse stimmen überein", stellten Rainer Apolinarski und Ursula Müller bei ihren Recherchen fest. Für die beiden Museumsmitarbeiter ist deshalb klar: "Die Aufnahmen wurden am gleichen Tag unmittelbar nacheinander gemacht. Sie können nur von einer Person stammen."

Die Fotos aus dem Berliner Landesdenkmalamt sind mit dem Namen Tiedemann beschriftet, einige auch mit "Tiedemann - Müller". Nähere Angaben zum Fotografen finden sich nicht. Heißt der gesuchte Fotograf also Tiedemann?

Soweit die Kuratoren herausfanden, gab es etwa zu dieser Zeit in Berlin nur einen Fotografen mit diesem Nachnamen: Lorenz Tiedemann. Dieser betrieb 1911 in der Lindenstraße in Berlin-Kreuzberg ein Atelier für "photographische Aufnahmen von Interieurs, Architekturen, Maschinen, kunstgewerblichen Gegenständen, Reproduktionen, Vergrößerungen, auch von Porträts etc.". Das Amtliche Berliner Fernsprechbuch von 1934 verzeichnete Tiedemann allerdings als "Industriephotograph". Wie die Behörden festhielten, arbeitete dieser Tiedemann ab 1936 in Berlin-Friedenau, zunächst in der Cranachstraße, drei Jahre später in der dortigen Hauptstraße. Seine Wohnung befand sich ab 1939 in der Rubensstraße. Nach 1941 findet sich in amtlichen Verzeichnissen kein weiterer Eintrag zu Lorenz Tiedemann. Kann er der Urheber der Nachkriegsfotos sein?

Die Helfer des Fotografen

Unklar ist bislang noch, ob überhaupt alle 1500 Aufnahmen von ein- und demselben Fotografen stammen. "Wir können das bis heute nicht definitiv beweisen", sagt Ursula Müller. Dass es sich um verschiedene Fotografen handelt, hält sie allerdings aufgrund des identischen Materials und der ähnlichen Sichtweise für "eher unwahrscheinlich".

Gesichert scheint dagegen, dass der Mann ein Profi war. Nur ein erfahrener Fotograf könne eine so große Anzahl von Bildern in dieser technischen Qualität abliefern. Die Aufnahmen sind überwiegend im Format 9x12 Zentimeter, belichtet auf Glasplattennegativen und zugeschnittenem Filmmaterial.

Sicher ist auch: Der Fotograf hatte Assistenten. Auf einigen der Bilder sind Personen zu erkennen, die eine Messlatte in der Hand halten, zwei Männer, eine Frau. Die Kuratoren hoffen, dass auch dies ein Anhaltspunkt sein könnte, um den Mann hinter der Kamera zu identifizieren.

Noch mehr Panoramabilder

Der unbekannte Fotograf war nicht der einzige, der seine Stadt in Panoramabildern festhielt. Auch die später im Allgemeine Deutsche Nachrichtendienst (ADN) aufgegangene Fotoagentur Illus Bilderdienst ließ Panoramabilder anfertigen. Die Aufnahmen liegen heute im Bundesarchiv. Als Namen der Fotografen sind unter anderen "Martin", "Horst Sturm" und "Schack" angeben. Die Arbeiten des Herrn Martin entstanden zur gleichen Zeit wie die Aufnahmen des Unbekannten. Und auch seine Spuren verlieren sich im Archiv des ADN nach 1952, tauchen dort aber 1955/59 wieder auf. Die Bilder zeigen deutliche Analogien: eine vergleichbare Brennweite des Objektivs, ähnliche Aufnahmeperspektiven und ebenso die Eigenart, Passanten mit in die Aufnahmen zu integrieren. Nicht zuletzt sind die Aufnahmeorte in Ost-Berlin fast identisch.

Die Eigenheiten der Bilder finden sich allerdings noch bei einer weiteren Fotoarbeit: eine Panoramaaufnahme des Berliner Schlosses von 1951. Der Fotograf hieß Olaf Thorvest. "Von ihm kennen wir leider keine weiteren Aufnahmen und wissen auch nichts über seine Person", bedauert Ursula Müller.

Sie und ihre Kollegen hoffen, dass vielleicht doch noch jemand den Fotografen, seine Aufnahmen oder die Helfer kennt und sich in der Galerie meldet - möglichst bald. Denn bis zum 1. November will man den Unbekannten gefunden haben. Dann nämlich eröffnet die Berlinische Galerie eine Ausstellung mit seinen Bildern - und würde gern verkünden, wem die Stadt diese Aufnahmen verdankt.

Hinweise zum Fotografen nimmt Rainer Apolinarski von der Architektursammlung der Berlinischen Galerie unter folgenden Kontaktdaten entgegen:

apolinarski@berlinischegalerie.de

Tel: 030-789-02-824.


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Rainer Ehricke 01.10.2008
Hinweis zu Bild Nummer 12 und 13: Obwohl ich selbst zuletzt zu Zeiten des bestehens der Mauer am Zeughaus war, scheint mir der (zumindest bei #13) genannte Ort genaugenommen ebenso wie die Identität des Bildautors rätselhaft zu sein: "...die Nordfassade des Zeughauses..." bzw. "Zeughaus, Nordseite" kann meines Erachtens nach nicht zutreffen. Ebenso wie bei Bild 12, Staatsbibliothek. Die Nordseite eines Gebäudes wird in der Regel nur im Hochsommer - und selbst dann nur kurze Zeit abends und morgens im Streiflicht - vom Sonnenlicht getroffen. Da die am linken Rand befindlichen Laubbäume keinerlei Blattwerk zeigen, gehe ich von winterlicher Jahreszeit aus. Man mus davon ausgehen, dass es sich bei der Abbldung um die Südseite des Zeughauses handelt, Aufnahmezeitpunkt Winter, schätzungsweise 10-11 Uhr vormittags. Kamerastandpunkt Bild 13 könnte durchaus an der NORDSEITE des Kronprinzenpalais sein. ende des hinweises. rainer ehricke, köln (berufsfotograf)
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