Frühe Fahrrad-Stunts Todessprünge auf dem Drahtesel

Frühe Fahrrad-Stunts: Todessprünge auf dem Drahtesel Fotos
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Sie rasten über Löwengruben, überquerten Wasserfälle auf dem Drahtseil: Ende des 19. Jahrhunderts wurden Rad-Artisten zur Attraktion von Jahrmärkten und Zirkussen. Zwischen den Künstlern entbrannte ein halsbrecherischer Wettkampf, den manche mit dem Leben bezahlten. Von

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Es ist schwer zu sagen, wer als erstes auf die Idee kam, auf einem Fahrrad einen Handstand zu machen. Es war bereits ein akrobatischer Akt, die in den Anfangsjahren so wackligen Fahrzeuge überhaupt zu steuern. Jedem, der auch nur die Arme wie Flügel von sich streckte und freihändig fuhr, dürfte Applaus sicher gewesen sein.

Dass sich damit als Artist Geld verdienen ließ, merkten die ersten Rad-Pioniere recht schnell. Schon 1869, nur drei Jahre nach der Patentierung des mit Pedalen angetriebenen Velozipeds, begaben sich einige von ihnen samt "Drahtesel" auf ein Drahtseil - um die Niagarafälle zu überqueren. Andere Radkünstler versuchten waghalsige Abfahrten an Spiralbahnen, die an bis zu 20 Meter hohen Masten befestigt waren, eine beliebte Jahrmarktattraktion. Es waren die typischen Stunts der frühen Fahrradjahre.

Die rapide Weiterentwicklung der Zweiräder aber machte bald noch erheblich filigranere Tricks möglich, die neben Kraft, Mut und Gleichgewicht auch ein wenig Wahnsinn und vor allem sehr viel Geschick verlangten.

Alles, was radeln konnte

Der Amerikaner Nicholas Kaufmann bestieg im Sommer 1881 zum ersten Mal ein Hochrad. Es heißt, der Einwanderersohn schweizerischer Herkunft habe sofort damit begonnen, Kunststücke zu üben. Nur ein Jahr später trat er bereits als Fahrradakrobat auf. Kaufmann gründete seine Karriere auf dem Rad - er nahm an Rennen teil und wurde international bekannt.

Als er 1895 mit dem Zirkus der Ringling Brothers auf US-Tournee ging, gehörte die Fahrrad-Akrobatik längst zum Standardrepertoire von Zirkus und Jahrmärkten, von Variete- und Vaudeville-Theatern. Neben dem Hochrad gab es nun auch solche Fahrradtypen, wie sie heute noch genutzt werden, aber auch Spezialanfertigungen wie das Eifelrad, auf dem der Fahrer auf einem Sattel in bis zu fünf Meter Höhe balancierte.

Um richtig Eindruck zu machen, reichten Tricks allein jedoch nicht mehr aus. Ganze Showgruppen entstanden. Kaufmann perfektionierte sein Geschäftsmodell, indem er alles, was sich in seiner Familie auf zwei Rädern halten konnte, zu Mitgliedern der "Kaufmann Family Troupe“ machte. Zwei Jahrzehnte reiste die Truppe durch die Welt - gemanagt vom Familienoberhaupt, das inzwischen in Berlin lebte.

"Die beste Attraktion der Welt"

Etwa um die gleiche Zeit tourte auch die deutsche, wahrscheinlich aus Dresden stammende Schaustellerfamilie Morgenroth mit Fahrrädern durch Europa und die USA. Otto Morgenroth vermarktete seine Kinder Otto, Hildegard, Herbert, Alfons und Mark als "beste Fahrrad-Attraktion der Welt".

Ihr berühmtester Stunt: Die vier Jungs fuhren im Kreis und trieben so eine auf gekreuzten Tragestangen gelagerte offene Halbkugel an, die der Volksmund "Lattenkugel" oder "Teetassen-Rennstrecke" nannte. In ihr zog ihre Schwester in gegenläufiger Richtung ihre Bahnen und führte Tricks vor: Weil die Außenwände nicht geschlossen waren, sondern aus dicht gesetzten Speichen bestanden, schien sie dabei regelrecht in der Luft zu stehen, wenn sich die Kugel schnell genug drehte. Das Publikum war begeistert.

Am 28. Juni 1907 fuhr Hildegard bei einer Vorführung im nordirischen Belfast zu schnell, zu hart am Rand und dann darüber hinaus - ihr Genick brach beim Aufprall, sie starb im Alter von nur 16 Jahren. Hildegards Tod wurde weltweit gemeldet. Das US-Magazin "Variety" wusste, dass "sie in

einem hermetisch abgeschlossenen Sarg nach Berlin überführt wurde. Bei der Überführung folgten dem Leichenwagen alle Geschäftsleute von Belfast, 300 Musiker, 300 Studenten der Queens-Universität und 2000 Bürger."

Im "Todeskessel"

Kein Zweifel: Das war die Verabschiedung eines Stars. Populär war Hildegard vor allem wegen ihrer im Wortsinn halsbrecherischen Beschäftigung. Professionelle Fahrrad-Artistik war riskant - das Publikum liebte den Nervenkitzel.

Und die Artisten fütterten ihn. In Paris drehte die belgische Showtruppe Noisets, die wahrscheinlich 1900 die "Lattenschüssel" erfunden hatte, ihre Runden im Moulin Rouge - und das nicht am Boden, sondern an der Decke hängend in fünf Meter Höhe. Wenig später versuchten Artisten in Frankreich

und Deutschland die Spannung noch dadurch zu erhöhen, dass man Löwen unter den rasenden Lattenschüsseln platzierte.

Jeder neue Stunt musste dramatischer werden als der vorangegangene: Rad-Artisten sprangen über Elefanten, fuhren durch Loopings oder die Steilwände von "Todeskesseln" hinauf. In offenen Schleifen, die den heutigen Halfpipes der Skater ähnelten, musste man sich den oberen Teil des Looping selbst hinzudenken, wenn die Artisten mit dem Kopf nach unten ihre Kreisbahn "fliegend" beendeten.

Bis der Tisch brannte

Viele Schaustellertruppen setzten auf Kinder und Jugendliche. Auf flinke, schnelle Lerner mit hohem Niedlichkeitsfaktor und geringem Platzbedarf. Das war gut in Anbetracht der kleinen Theaterbühnen. Der Brite James Bedford Elliott etwa hatte selbst Show-Fahrräder entwickelt, mit denen seine Kinder

Kate, Polly, Tom und Jim auf einem rotierenden Tisch Kunststücke vorführten - kleiner ging es nicht.

Doch die Kinder wuchsen und mit ihnen die Erwartungen des Publikums. Was niedlich begann, musste zunehmend spektakulär, zumindest originell werden: Die Artistin Margareta Loube ließ sich bei ihrer Fahrrad-Akrobatik von einer Truppe Clowns unterstützen, die für Lacher sorgte. Zur Show von Miss Johnston und Sam D'Evere gehörten spektakuläre Sprünge, hohe Treppen und Fahrrad-Drahtseilakte. Auch die Elliotts machten ihrer Show Feuer - und zündeten den Tisch an: Ihr "Ring of Fire" mehrte den Ruhm der Showtruppe noch einmal.

Es zahlte sich aus. Bereits 1883 hatte Elliott mit dem Barnum-Bailey-Zirkus einen Tournee-Vertrag für die USA und die Karibik unterzeichnet. Kleinere Unfälle riefen jedoch bald Kritiker auf den Plan: Aufgrund einer Klage der Gesellschaft zur Verhinderung von Grausamkeit gegen Kinder kam es zu einer viel beachteten Gerichtsverhandlung. Doch als die Nachwuchs-Elliotts unter offensichtlichem Vergnügen ihre Kunststücke vorführten, wies der Richter die Klage ab.

Elliott bewies Geschäftsinstinkt und bewarb seine minderjährige Showtruppe fortan als "Einzige vom Gesetz genehmigte Kinderakrobaten der USA".

Umgesattelt

Der Brite bewahrte sich diesen guten Riecher. Rechtzeitig ließ er die Familientruppe umsatteln und stellte die Show auf eine breitere Basis. Als die Kinder größer wurden und auch die Zahl der konkurrierenden Fahrrad-Schautruppen wuchs, benannte er sie in die Elliott-Savonas um. Sie entwickelten eine Musikalien-Show in historischen Kostümen, bei denen die inzwischen sieben Akteure bis zu 50 Instrumente spielten - und ja, natürlich mitunter auch noch auf dem Fahrrad. Wenn gewünscht traten sie auch damit noch auf, als

"The Worlds Cycling Wonders".

Die Elliotts schafften dank dieser Flexibilität eine lang anhaltende Karriere, während die Sterne am Rad-Stunt-Himmel immer schneller auf- und wieder verglühten. Reine Fahrrad-Nummern blieben nur dann erfolgreich, wenn sie es schafften, sich irgendwie von der Masse abzusetzen. So genoss Chester Dieck eine über 20 Jahre währende Karriere in Australien und Neuseeland - wohl hauptsächlich, weil radfahrende amerikanische Indianer in vollem "Kriegsschmuck" dort eher selten waren.

Ganz verschwand die Rad-Artistik nie. Es gibt sie noch im Zirkus, im Varieté. Ihren großen Boom aber beendeten zwei Weltkriege, die nicht zuletzt die Maschinisierung der Welt vorantrieben: Auf Jahrmärkten rasten nun eher Motorräder durch die Todesspiralen, und letztlich stehen auch heutige Freestyle-Motorradartisten in der Tradition der frühen Rad-Künstler.

Parallel begann der Aufstieg des Kunstradfahrens als sportliche Disziplin. Nationale und internationale Meisterschaften werden heute in mehreren Disziplinen ausgefahren - mit präzisen Regeln und definierten Figuren und Übungen. Hochburg des Kunstradfahrens ist - nicht anders als zu Zeiten der Radartistik - noch immer Deutschland, das 186 der seit Anfang der fünfziger Jahre ausgefahrenen 225 Weltmeistertitel holte. Ernsthafter als hierzulande wird die Zweckentfremdung des Fahrrads nirgendwo betrieben.

Zum Weiterlesen:

Isabel Marks: "Fancy Cycling 1901: An Edwardian Guide". Old House, Reproduktion 2013.

Das Buch erhalten Sie bei Amazon.

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1.
Sylvia Götting 19.08.2013
Solche Akrobatik kann man im Film "Butch Cassidy & The Sundance Kid" von Paul Newman sehen (als Hintergrundmusik ist "Raindrops keep falling on my head" zu hören).
2.
Andrek Groetykz 19.08.2013
nun man sollte auch wissen daß zu der Zeit der Freilauf noch nicht erfunden war und die Rücktrittbremse auch nicht. Das ist heute nur noch bei speziellen Akribatikrädern so....
3.
Roland van Helven 08.12.2013
hm, nicht ein einziger sprung oder todessprung...
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