Falkland-Konflikt Krieg um ein paar Felsen

Falkland-Konflikt: Krieg um ein paar Felsen Fotos
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Ronald Reagan verstand die Welt nicht mehr, die Völkergemeinschaft zeigte sich hilflos: 1982 besetzte Argentinien die britischen Falkland-Inseln - und das Königreich reagierte noch einmal mit imperialer Militärmacht. Der 74-Tage-Krieg wirkt bis heute nach. Von

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Es sollte ein Zeichen der Versöhnung sein: Das Öl vor der Küste der Falkland-Inseln wollte man gemeinsam mit Großbritannien fördern. Doch Argentinien ließ das Projekt platzen: London unternehme "unabgesprochene Schritte in umstrittenen Gebieten", begründete Außenminister Jorge Taiana, die Entscheidung. Die Wunden des Krieges zwischen den beiden Ländern sind noch nicht vernarbt. Argentinien ist tief verletzt.

Ein Vierteljahrhundert ist es her, dass die kleine Inselgruppe im Südatlantik die weltpolitischen Wogen aufbranden ließ. Am 2. April 1982 landeten hunderte argentinische Soldaten auf den britischen Falkland-Inseln, besetzten die einzige Stadt Port Stanley und brachten die britische Rumpfstreitmacht von 80 Mann alsbald zur Kapitulation.

Gewaltstreich mit unerwarteten Konsequenzen

Mit dem Überraschungscoup wollte General Leopoldo Galtieri die ohnehin schwächelnde Ex-Kolonialmacht weiter brüskieren - und gleichzeitig mit heldenhaftem Patriotismus die eigene Bevölkerung hinter sich bringen und der Weltgemeinschaft klar machen: Die "Malvinas" - so der argentinische Name - gehören uns. Fernsehbilder zeigten, wie Tausende ihm in den Straßen von Buenos Aires zujubelten, wirtschaftspolitisches Versagen und menschenrechtspolitische Verbrechen der Militär-Junta, die sich sechs Jahre zuvor an die Macht geputscht hatte, waren scheinbar erfolgreich kaschiert. Was zählte, war die Front.

Auf dem Papier hatten die Argentinier zwei Vorteile: eine zunächst erdrückende zahlenmäßige Übermacht und Festland-Stützpunkte in der Nähe. Und warum, so das Kalkül Galtieris, sollte sich England um ein dünn besiedeltes Eiland scheren, das 8000 Meilen vom Mutterland entfernt, strategisch wertlos im Südatlantik lag?

Doch das nationale Hochgefühl ließ vergessen, mit wem man es auf der anderen Seite zu tun hatte. Englands Premierministerin Margaret Thatcher musste eine katastrophale innenpolitische Lage bewältigen. Die Arbeitslosenzahl hatte einen Stand von drei Millionen erreicht, die Popularität der "Eisernen Lady" lag in Trümmern - ein außenpolitischer Konfliktfall, hervorgerufen durch einen feindlichen Gewaltstreich, kam für sie wie gerufen. Statt zu beschwichtigen, ließ sie Englands Muskeln noch einmal spielen - sie schickte Flotten Richtung Patagonien.

Hurra-Patriotismus und martialische Kriegsrhetorik prägten die folgenden Wochen. Das Königreich mobilisierte all seine wehrhaften Instinkte, die bis dahin starke Friedensbewegung war ausmanövriert. Die Presse sang wahre Jubelarien, es gab Berichte, wonach von Reportern übermittelte "Fehlschläge" kurzerhand in "Erfolge" und versehentliches Feuer auf eigene Einheiten zum "siegreichen Feuergefecht" mit dem Feind umgedeutet wurden. In einer täglichen Titelunterzeile deklarierte sich die "Sun" zur "Zeitung, die unsere Jungs unterstützt". Und der "Daily Express" huldigte Thatcher, der Chefin des "Kriegskabinetts" im Mai 1982: "Sie verkörpert die einmalige Kombination von energischem Antrieb, Gespür und Energie - Antrieb, um etwas durchzusetzen, Gespür dafür, dass die Sache klappt, Energie, um sie auch durchzustehen."

England stürzt sich ins Kriegsabenteuer

Wochenlang bahnte sich so eine Eskalation des Konflikts unter den Augen der Weltöffentlichkeit an, ohne dass die Völkergemeinschaft jemals den Eindruck erweckte, als könne sie die Krise diplomatisch bewältigen. Verständnislos fragte sich der damalige amerikanische Präsident Ronald Reagan, wie sich zwei Staaten um "ein paar eisige Felsen streiten" konnten. In den Morgenstunden des 21. Mai 1982, als die britische Invasionsflotte erste Stoßtrupps auf den Falkland-Inseln absetzte, war klar: England machte sich wahrhaftig daran, die Falkland-Inseln zurückzuerobern, die sie seit 1833 beanspruchten.

Mit atomgetriebenen U-Booten und einem gigantischen Arsenal an Raketen und Kanonen wurde kurzer Prozess mit den Argentiniern gemacht. Drei Treffer benötigte es, um den völlig veralteten Kreuzer "Belgrano" zu versenken - und mit ihm rund 350 Besatzungsmitglieder sowie den nationalen argentinischen Überschwang. In Depression und Selbstmitleid kapitulierten die argentinischen Truppen schließlich nach 74 Tagen Krieg am 14. Juni 1982. Die Bilanz: Rund 650 Argentinier und mehr als 250 Briten waren tot, Tausende waren verwundet. Und Großbritannien glaubte, seine Seele im Südatlantik wieder entdeckt zu haben.

Bis heute belastet der Krieg das Verhältnis beider Staaten schwer. Auch 25 Jahre nach dem Versuch, die Inseln zurückzuerobern, beansprucht Argentinien den Archipel noch immer für sich. Und die Briten? Die sind weiterhin überzeugt, dass der Krieg nicht fatales Abenteuer sondern kluge Weltpolitik war. "Ich habe keinen Zweifel, dass dies gerechtfertigt war", erklärte Premierminister Tony Blair jüngst in London. Versöhnliche Positionen sehen anders aus.

Ertschienen auf SPIEGEL ONLINE am 01.04.2007

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