Krieg mit Nachwehen Was wurde aus dem Falkland-Konflikt?

Das British Empire ist längst Geschichte, wirkt aber noch nach. Wie der Streit um die Falkland-Inseln, um die Großbritannien und Argentinien 1982 Krieg führten. Der Konflikt schwelt bis heute - alte Begehrlichkeiten sind wieder da.

DPA

Man hätte an einen Scherz glauben können, als am 1. April 1982 Gerüchte die Runde machten, Argentinien sei dabei, die britischen Falkland-Inseln anzugreifen. Auf den Falklands lachte niemand. Gebannt lauschten die Einwohner, als um 20:15 Uhr Inselgouverneur Rex Hunt in einer Radio-Ansprache die Befürchtungen bestätigte: "Es gibt wachsende Gewissheit, dass die argentinischen Streitkräfte sich darauf vorbereiten, die Falklands zu überfallen".

Nur zwölf Stunden später, am Morgen des 2. April 1982, musste die kleine Gruppe von Royal Marines kapitulieren, die zum Schutz der Inseln abgestellt war. Gouverneur Hunt gab sich geschlagen und wurde ausgeflogen. In London tobte die britische Premierministerin Margaret Thatcher: Wie konnte sich die argentinische Militärjunta unter Führung von Leopoldo Galtieri erdreisten, sie derart vorzuführen!? Sie würde ihnen zeigen, warum man sie auch Eiserne Lady nannte.

Vor den Augen einer fassungslosen Öffentlichkeit trieben zwei Nationen der westlichen Welt im Streit um eine eiskalte, karge Inselgruppe einem Krieg entgegen. Würde Großbritannien dieses Risiko tatsächlich in Kauf nehmen, um ein paar Felseninseln zu behalten, auf denen mehr Pinguine als Menschen lebten?

Es war der Auftakt einer 74 Tage dauernden Krise, die nicht nur 910 Menschen das Leben kosten sollte: Der Konflikt wirkt bis heute fort und hat das Potenzial, jederzeit wieder aufzuflammen.

Innenpolitische Motive

Doch worum geht es in diesem seit über 30 Jahren schwelenden Konflikt? Um das zu verstehen, hilft ein Blick zurück. 1982 steckte Großbritannien in einer tiefen wirtschaftlichen Krise. Margaret Thatcher, seit drei Jahren im Amt, polarisierte das Land mit ihrer wirtschaftsliberalen Reformpolitik. Ihre Popularitätswerte waren im Sturzflug, als Argentinien die Falklands einnahm. Thatcher ergriff die Gelegenheit, einen äußeren Feind als Mittel zu nutzen, das Land zu einen.

Jenseits des Atlantiks gab es ähnliche Motive. Auch die argentinische Junta stand zu dieser Zeit innenpolitisch stark unter Druck. Der Streit um die Falklands eskalierte, weil es am Willen fehlte, ihn zu entschärfen.

Nur allzu willig nahm Thatcher den Fehdehandschuh auf. Sie berief ein Kriegskabinett und ließ in Windeseile eine Einsatzgruppe von etwa 20.000 Mann aufstellen. Angeführt von zwei Flugzeugträgern stachen bereits nach drei Tagen die ersten Schiffe eines Konvois aus militärischen wie zivilen Schiffen in See. Einige der Soldaten genossen den Luxus, an Bord des Prestigedampfers "Queen Elisabeth 2" die mehr als 12.000 Kilometer nach Süden zu fahren.

Die Recherche-Serie
Über viele Nachrichten und Menschen wird eine Zeit lang sehr ausführlich berichtet - dann verschwinden sie wieder aus den Schlagzeilen. Wie entwickeln sich die Themen weiter, was wurde aus den Personen? Das erklären wir in dieser Serie.
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Die Flotte auf Befreiungsfahrt löste in Großbritannien eine Welle des Patriotismus aus. Zuvor hatte in Argentinien die Besetzung der Inseln für nationalistische Wallungen gesorgt: In Buenos Aires feierten 200.000 Argentinier die Angliederung frenetisch. Auf diplomatischer Ebene gelang in den zwei Wochen der Überfahrt keine Entspannung der Lage.

Am 21. Mai landeten die britischen Verbände auf den Falklands. Obwohl die argentinische Luftwaffe den Briten schwere Verluste zufügte, gewannen diese an Land schnell die Oberhand. Die Militärjunta hatte vor allem schlecht ausgebildete Wehrpflichtige auf die Inseln geschickt, die auch wegen des einsetzenden antarktischen Winters schnell demoralisiert waren.

Nach heftigen Gefechten ergaben sich die Argentinier am 14. Juni in Port Stanley, wo sich zehn Wochen zuvor der britische Gouverneur Hunt ergeben hatte. 649 argentinische und 258 britische Soldaten hatten in dem Konflikt ihr Leben gelassen. Drei Inselbewohner kamen um, als britische Truppen die Hauptstadt - oder sollte man sagen: das Hauptdorf? - beschossen.


Zeitzeuge: Der kurze Krieg des Gefreiten Roberts

Ian Roberts war 23 Jahre alt, als er 1981 Gefreiter der Welsh Guards wurde. Kein Jahr danach erhielt seine Einheit den Marschbefehl Richtung Ernstfall. Für Roberts und seine Kameraden begann dieser Krieg geradezu surreal: Sie gehörten zu den Soldaten, die an Bord des Luxus-Kreuzfahrtschiffes "Queen Elisabeth 2" den Atlantik Richtung Falkland Islands überquerten. Doch die Realität des Krieges sollte sie bald brutal einholen.

"Ich wusste über die Falklands Bescheid: Wo sie waren, wer dort lebte. Aber es gab viele Kameraden, die nichts darüber wussten. Es gab viele, die bei der Army waren, und sich nicht mit dem Gedanken beschäftigt hatten, dass sie in den Krieg ziehen könnten. Für mich war es okay. Zu der Zeit ging es auch in Nordirland noch hoch her. Ich wusste auch nicht, ob ich vielleicht dorthin verlegt werden würde."

"Wir hatten drei Wochen geübt, Anfang Mai gingen wir dann an Bord der "Queen Elisabeth 2", um nach Süden zu fahren. Es war sehr luxuriös. Das Schiff war bereits für die nächste Kreuzfahrt ausgestattet, also bekamen wir das Essen, das den regulären Gästen serviert worden wäre. Alle waren gut drauf und es herrschte eine lebhafte Stimmung. Je näher wir dem Ziel kamen, desto klarer wurde uns, was wir dort eigentlich machen sollten, desto ernster wurden wir. Es dauerte eine Weile, bevor wir realisierten, dass wir in den Krieg zogen."

"Jede Einheit lief ihre Runden an Deck, es war ein großes Schiff. Als wir uns den Falklands näherten, schossen wir unsere Gewehre ein, indem wir Jutesäcke vom Achterdeck schmissen und als Zielscheiben nutzten. Wir wussten, dass weiter verhandelt wurde, während wir dort hinunter fuhren. Aber Tatsache war, dass die Argentinier die Falklandinseln überfallen hatten. Also mussten wir uns auf das Schlimmste gefasst machen."

" Wir fuhren nach Südgeorgien. Dort wechselten wir das Schiff, von der "QE 2" auf die "Canberra", auf der wir dann zu den Falklands gebracht wurden, zur Bucht von San Carlos, wo die Landeoperation stattfand. Die ersten Einheiten waren da bereits eine Woche zuvor gelandet, und die argentinischen Truppen dort waren ausgeschaltet. Wir wurden mit viel Ausrüstung auf den Weg ins Landesinnere geschickt. Die Kolonne blieb jedoch in unwägbarem Gelände stecken. Wir marschierten also zurück nach San Carlos."

"Dann fuhren wir an Bord der "Sir Galahad" an die Ostseite der Insel, wo wir eine separate Landeoperation unterstützen sollten. Aber wir konnten nicht an Land gebracht werden. Für uns gab es kein Entkommen, als uns die argentinische Luftwaffe entdeckte. Der Angriff war in wenigen Sekunden vorüber. Man hörte sie das Schiff überfliegen. Alle ließen sich auf den Boden fallen, wir hörten die Explosionen."

" Wir kletterten aus den Frachträumen und wechselten in die Rettungsboote. Die am schwersten Verletzten wurden mit dem Hubschrauber ausgeflogen. Wir wurden auf das Krankenhausschiff "Uganda" gebracht. Drei oder vier Tage war ich dort. Dann wurden wir per Schiff nach Uruguay transportiert, von wo aus wir mit dem Flugzeug nach Hause geflogen wurden. Das war unser Teil des Krieges."

Die Bombardierung der "Sir Galahad" am 8. Juni 1982 war der letzte große Luftangriff der Argentinier im Falklandkrieg. Die Welsh Guards standen dicht gedrängt unter Deck, als die Bomben fielen. 47 der Soldaten starben vor Ort, 115 weitere erlitten Verletzungen verschiedenen Grades. Es war der schlimmste Einzelverlust der Briten im Falklandkrieg. Ian Roberts kam mit Verbrennungen der Hände davon. Für ihn war der Krieg damit beendet, bevor die Argentinier zwölf Tage später kapitulierten. Zuhause wurden die Überlebenden als Helden empfangen.

"Zuhause war ich noch eine Woche im Krankenhaus. Die britische Bevölkerung nahm uns sehr positiv auf. Die Leute waren stolz auf ihre Männer und Frauen, die in den Krieg gezogen waren. Ich habe mich auf keinen Fall wie ein Held gefühlt. Ich glaube, es würde heute nicht mehr so ein Getöse gemacht werden. Ich hatte Glück und kam mit Verbrennungen davon. Viele meiner Kameraden wurden schwer verletzt. Diese Erfahrung hat mich gelehrt, dass der Krieg ein schreckliches Unterfangen ist."

"Ich habe heute klare Ansichten über den Krieg. Er hat mich erkennen lassen, wie wertvoll das Leben ist und dass man es in vollen Zügen genießen sollte. Unglücklicherweise gibt es ihn immer noch. Der Krieg ist abscheulich, wirklich. Es gibt keinerlei Ruhm im Krieg."

Ian Roberts arbeitet heute als Rettungssanitäter im walisischen Machynlleth. Auch da, sagt er, bekomme man "schlimme Sachen zu sehen".


Für die argentinische Junta war die gescheiterte Eroberung der Malvinas, wie man die Falklands dort nennt, der Anfang vom Ende. Die Junta war fälschlich davon ausgegangen, dass Großbritannien es nicht auf sich nehmen würde, eine unbedeutende Gruppe von Inseln mit Waffengewalt zu verteidigen. Eine Fehleinschätzung, die Argentinien statt eines patriotischen Triumphs eine nationale Demütigung einbrachte.

Großbritannien: Patriotismus als Wahlkampfhilfe

"Thatcher konnte nicht einknicken, weil sie sonst am Ende gewesen wäre", urteilt Simon Jenkins, Autor eines der Standardwerke über den Krieg.

Nach der Niederlage stürzte die Regierung in Buenos Aires. Es kam zu ersten demokratischen Reformen. In London konnte derweil die Eiserne Lady auftrumpfen: "Thatcher schnellte von sehr unpopulär auf unschlagbar", sagt Jenkins. Infolge des Sieges und der patriotischen Stimmung im Land wurde sie 1983 für eine weitere Amtszeit gewählt.

Auch darum wurde der zu seiner Zeit im Wortsinn marginale Konflikt im öffentlichen Bewusstsein der Bürger Argentiniens als nationales Trauma, von den Briten aber als Triumph verbucht.

Die Falkländer, Nachfahren schottischer und walisischer Auswanderer, erhielten erst nach dem Krieg die volle britische Staatsbürgerschaft. Die britische Regierung beruft sich in ihrem Besitzanspruch auf das Selbstbestimmungsrecht, das in der Charta der Vereinten Nationen verankert ist.

Die Falkländer sorgen für die Legitimierung dieses Anspruchs. 2013 stimmten in einem Referendum 99,8 Prozent der Wahlberechtigen der autonom regierten Inselgruppe für die Zugehörigkeit zum Vereinigten Königreich. Nur drei Wahlberechtigte stimmten dagegen.

Für die Argentinier war auch das eine Provokation, welche die Spannungen nur erhöhte. Die amtierende argentinische Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner warf der britischen Regierung zuletzt vor, sie agiere wie Russland auf der Krim. Das Referendum auf den Malvinas sei genauso aussagekräftig, wie das auf der Halbinsel im Schwarzen Meer, bei dem die Bewohner für die Angliederung an Russland stimmten.

Krieg taugt nicht zur Konfliktlösung

Weder der Krieg selbst noch die seit damals verstrichene Zeit konnten den Konflikt lösen. All das habe vielmehr die damaligen Verhältnisse zementiert, urteilt Jenkins heute. Tragisch sei das nicht zuletzt, weil kurz vor Ausbruch des Krieges der damalige britische Staatssekretär für Handel und Industrie, Nicholas Ridley, bereits Möglichkeiten sondiert hatte, die Inseln Argentinien zu überlassen und wie Hongkong für eine Übergangszeit zurückzuleasen.

Durch ihr hartes Vorgehen machte die Junta 1982 eine friedliche Übergabe unmöglich. "Gewalt hat einen langen Schatten. Ich denke, dass sich dort für eine lange Zeit nichts bewegen wird", sagt Jenkins. Die Briten haben ihre militärische Präsenz aufgestockt, Schiffe und Düsenjäger stationiert, die Bevölkerung wuchs auf rund 2600 Personen. Die Regierung in Buenos Aires erneuert jedes Jahr offiziell ihren Anspruch auf die Inseln.

Die Begehrlichkeiten auf beiden Seiten sind heute sogar größer als je zuvor, und das hat nichts mehr mit luftigem Nationalstolz zu tun, sondern mit harter Münze. Der Besitz der Falklands begründet nicht nur Fischereirechte im Südatlantik. Auch der Anspruch auf 1,7 Millionen Quadratkilometer antarktisches Territorium wird damit begründet - und auch um dieses Gebiet gibt es Streit mit Argentinien.

Zudem wurden Ende der Neunzigerjahre in der See um die Falklands Öl- und Gasfelder entdeckt. Mittelfristig könnten sich so die bisher wirtschaftlich ganz und gar von Großbritannien abhängigen Inselchen zu einer profitablen Geldquelle mausern.

Da sind die nächsten Auseinandersetzungen längst programmiert: Im März kündigte London die weitere Verstärkung seiner Militärpräsenz an, um der angeblich konkreten Gefahr einer erneuten argentinischen Invasion entgegenzuwirken. Und im April kündigte die argentinische Regierung an, alle an der Erkundung und Ausbeutung der Ölfelder beteiligten Firmen verklagen zu wollen.

Falkland-Beobachter Jenkins hält einen erneuten Waffengang zwar für unwahrscheinlich. Wenn es aber dazu käme, werde Großbritannien kaum kneifen. Die Briten liebten es nach wie vor, in den Krieg zu ziehen: "Sie haben es auch schnell wieder satt, aber sie sind bemerkenswert enthusiastisch, wenn es darum geht, britische Truppen nach Übersee zu schicken."

Die Geschichte des Falkland-Konflikts ist noch nicht beendet.

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Seite 1
Markus Tischer, 25.05.2015
1.
naja, der Anspruch Argentiniens auf die Insel ist eher hypotetischer Natur und reicht angeblich auf irgendwelche Dokumente vor 500 Jahren zurueck. Die Siedler dort sind britisch, in jeder Volksabstimmung haben sie bekundet weiterhin britisch sein zu wollen - es gibt keinen Grund diesen Willen nicht zu beachten.
André Hafner, 25.05.2015
2. Wie reisserisch
Die Falklandinseln waren nie Teil von Argentinien. Es gab dort nie eine Urbevölkerung, die kolonisiert wurde. Argentiniens Anspruch entbehrt jeglicher Rechtsgrundlage. Es ist widerlich, wie hier das ganze dargestellt wird, als ob Grossbritannien irgendeine Schuld daran trägt, dass Argentinien Eroberungsgelüste hat.
Peter Taubert, 25.05.2015
3. Der Konflikt ist wesentlich älter!
Der Konflikt um die Falklandinseln ist wesentlich älter als die angeführten 30 Jahre. Ich nehme an, daß dieser Konflikt schon über 100 Jahre gegeben ist. Mir ist aus Argentinien bekannt, daß z.B. in den 30-er Jahren des letzten Jahrhunderts von Argentinien die Rückkehr der Malvinas, der Falklandinseln gefordert wurde.
Marcel Lindner, 25.05.2015
4. Natürlich können die Briten die Falklands nicht aufgeben.
Sonst wäre jedes Stück Überseeterritorium Freiwild. Machen andere ja nicht anders. Würden wir auch so machen...wenn sich das nicht nach 1918 erledigt hätte.
Joachim Glaubitz, 25.05.2015
5. Warum hätte Grossbritannien nachgeben sollen?
Die Aggression ging eindeutig von Argentinien aus ohne erkennbare vorausgegangene Provokation. Trotzdem führt der Artikel "innenpolitische Motive" zunächst von Grossbritannien an, um danach erst über genau solche Motive von Argentinien zu sprechen. Durch diese Konstellation wird die Kausalität rhetorisch umgekehrt, ähnlich wie andere unterstellende Formulierungen der Art "nur allzu willig nahm Thatcher den Fehdehandschuh auf." Wissen wir wirklich, was in denen damals vorging? Spielt das überhaupt eine Rolle?
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