Falkland-Krieg "Sie brüllten und fuchtelten mit ihren Gewehren herum"

Falkland-Krieg: "Sie brüllten und fuchtelten mit ihren Gewehren herum" Fotos
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Vor 30 Jahren landeten argentinische Spezialtruppen auf den britischen Falklandinseln. Die Nachricht von der Invasion löste einen Krieg aus - verbreitet hatte sie der Radiomoderator Patrick Watts. Bei einestages erinnert er sich an die dramatischsten Stunden seines Lebens - und einen Showdown im Studio. Von Carsten Volkery

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Es war ein warmer Nachmittag, als Patrick Watts am 1. April 1982 zum Government House in Stanley hinüberging. Er hatte einen Termin beim Gouverneur, um ein Interview für seinen Lokalsender Radio Stanley zu führen. Es sollte um die argentinischen Metallarbeiter gehen, die kürzlich auf der Nachbarinsel South Georgia die argentinische Flagge gehisst hatten.

Doch der Gouverneur der Falkland-Inseln, Rex Hunt, hatte andere Sorgen. "Patrick, lies mal." Und er reichte dem Journalisten ein Telegramm, das eine Stunde zuvor vom Außenministerium in London eingetroffen war. Es waren nur zwei dürre Sätze: "Es gibt zuverlässige Hinweise, dass eine argentinische Taskforce morgen bei Tagesanbruch in der Nähe von Stanley landen wird. Sie werden entsprechend Vorsorge treffen wollen".

Watts lief ein Schauer über den Rücken. Über eine Invasion war schon seit einigen Monaten spekuliert worden. Die argentinische Militär-Junta unter General Galtieri hatte angekündigt, die "Malvinas", wie die Falkland-Inseln auf dem südamerikanischen Festland genannt werden, bis Ende des Jahres erobern zu wollen. Doch waren diese Drohungen von den britischen Bewohnern der Inseln nicht sonderlich ernst genommen worden.

Botschaft des Gouverneurs

"Ich war überrascht und besorgt", erzählt Watts. Er war damals 37 Jahre alt und seit 1977 Chef des öffentlich finanzierten Lokalradios. Er hatte Angst um seine beiden Töchter, zehn und elf Jahre alt. Er fragte Hunt: "Was hast Du vor?" Da das britische Außenministerium keine Anweisungen erteilt hatte, musste der Gouverneur entscheiden, ob sie Widerstand leisten sollten.

Hunt antwortete: "Wenn wir Hilfe aus Großbritannien wollen, müssen die Marines einige Schüsse auf die Landungstruppen abgeben". Nur ein kleines Kontingent von Royal Marines, rund 80 Mann, war auf der Insel. Dazu kamen zwei Dutzend Mitglieder der freiwilligen Bürgerwehr, die mit Waffen umgehen konnten.

Watts und Hunt diskutierten die Lage noch bis zum Abend, zwischendurch brachte Hunts Frau etwas zu essen. Dann nahm Watts auf seinem Kassettenrecorder eine Botschaft des Gouverneurs auf. Er eilte zurück zum Sender und schickte die sorgfältig gewählten Worte in den Äther. Um 20.13 Uhr erfuhren die 1700 Inselbewohner so von dem bevorstehenden Angriff - und wenig später die ganze Welt. Die Nachricht von der Invasion wurde zur globalen "Breaking News", nicht einmal die BBC hatte zu diesem Zeitpunkt davon gehört.

"Ich saß in einem winzigen Raum"

Der Gouverneur appellierte an die Bürger, in ihren Häusern zu bleiben. Sie sollten nicht zu den Stränden laufen und auch die auf den Inseln lebenden Argentinier in Ruhe lassen. "Einige Leute packten sofort ihre Autos und verließen die Stadt, um irgendwo auf dem Land bei Freunden unterzuschlüpfen", erinnert sich Watts.

Normalerweise endete der Arbeitstag bei Radio Stanley um 22 Uhr. Nicht so an diesem 1. April. "Hunt hatte mich gebeten, so lange wie möglich auf Sendung zu bleiben", sagt Watts. Für den Moderator und einen Mitarbeiter brach eine lange Nacht an. Watts wurde in den kommenden Stunden zur zentralen Informationsvermittlung. Sein kleines Studio mit der altmodischen Technologie aus den fünfziger Jahren war der einzige Radiosender auf den Inseln. Einen Fernsehsender gab es nicht.

Hunt war in ständigem Kontakt, schickte per Telefon Updates. Watts hielt den Telefonhörer dann an das Mikrofon und übertrug live, was der Gouverneur zu sagen hatte. Ärzte wurden ins Krankenhaus beordert, Freiwillige einberufen. Auch rief Watts seine Hörer dazu auf, ihn auf dem Laufenden zu halten. "Ich saß in einem winzigen Raum ohne Fenster. Ich hatte keine Ahnung, was draußen vor sich ging", sagt Watts. Nur einmal, gegen Mitternacht, ging er kurz nach Hause, um nach dem Rechten zu schauen. Seine Mutter passte auf die beiden Töchter auf.

Inzwischen hatte auch der BBC-Korrespondent aus der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires begonnen, über die bevorstehende Invasion zu berichten. Watts speiste die stündlichen Berichte des BBC World Service in sein Programm ein.

"Strangers in the Night"

Um die Pausen zwischen den Nachrichten und Ansagen zu überbrücken, suchte Watts 30 Langspielplatten aus. Nur Instrumentalmusik, kein Gesang. An James Last erinnert er sich, "Strangers in the Night" und "Yesterday". Während er die Zuhörer so bei Laune hielt, liefen letzte diplomatische Versuche, die Invasion noch abzuwenden. US-Präsident Ronald Reagan wurde eingeschaltet, ebenso die Vereinten Nationen.

Doch es war zu spät. Gegen 2.30 Uhr verkündete Gouverneur Hunt im Radio das Scheitern der Diplomatie: "Es gibt kein Zurück mehr. Wir können sie bei Tagesanbruch erwarten".

Da waren die ersten argentinischen Spezialeinheiten bereits an Land. Sie waren vor Mitternacht südlich von Stanley gelandet und hatten sich auf den Weg in die Hauptstadt gemacht. Um halb sechs am Morgen des 2. April, es war noch dunkel, eröffneten sie das Feuer auf die Kasernen der britischen Soldaten in Stanley. Die Marines waren längst ausgeflogen, keiner kam zu Schaden.

Watts hörte die Explosionen in seinem Studio. Er war auf die Anrufer angewiesen, um einen Überblick über die Lage zu gewinnen. Ein Mann rief an und sagte, er sehe aus seinem Zimmer den Sternenhimmel über dem Haus - eine Granate hatte ein Loch in sein Dach gerissen. "Ich war ziemlich aufgeregt und hatte Angst", sagt Watts. "Aber dann habe ich es vergessen und nur noch gesendet. Vielleicht lag es an meinem BBC-Training."

Aussichtslose Lage

Um 7.30 Uhr landete schließlich die Haupt-Invasionsarmee in Yorke Bay östlich von Stanley. 900 Mann rückten auf die Hauptstadt vor. In Watts' Programm mischten sich plötzlich spanische Fetzen, die Argentinier sendeten auf der gleichen Frequenz ein Waffenstillstandsangebot. "Sie wollten Blutvergießen vermeiden", sagt Watts. Gouverneur Hunt erkannte die aussichtslose Lage und befahl den Marines, die am Stadtrand Widerstand leisteten, ihre Waffen niederzulegen. Beide Seiten schickten einen Mann mit weißer Fahne die Hauptstraße hinunter, um halb zehn war der Waffenstillstand besiegelt.

Während die Verhandlungen noch liefen, hämmerten argentinische Soldaten an Watts' Tür im Sender. "Sie brüllten, rauchten und fuchtelten mit ihren Gewehren herum", erzählt Watts. "Ich wurde richtig sauer und habe sie angefahren, dies sei ein Radiosender, und ich würde gar nichts senden, solange Gewehre auf mich gerichtet sind". Zu seinem Erstaunen machten sie ihre Zigaretten aus und legten ihre Gewehre weg.

Weil die Sendung weiterlief, bekamen alle Zuhörer den Austausch live mit. Später wurde Watts deswegen als Held gefeiert und bekam einen Orden von der Queen. Doch zunächst musste er die Tapes spielen, die die Soldaten mitgebracht hatten. Zuerst die argentinische Nationalhymne und dann, auf englisch und spanisch, die Ansage der Junta: "Wir haben zurückerobert, was uns gehört".

Erst um 11 Uhr vormittags verließ Watts sein Studio und sah zum ersten Mal an diesem Tag das Tageslicht. Auf der Straße vor dem Sender parkten gepanzerte Fahrzeuge, überall standen argentinische Soldaten herum und rauchten. Die Sonne schien, und beim Nachhausegehen dachte er: "Was für ein wunderschöner Tag, musste das wirklich passieren?"

Die argentinische Ivasion bei Port Stanley war der Auftakt eines Krieges, der die Welt bis in den Juni hinein in Atem halten sollte. Am 3. April verabschiedeten die Vereinten Nationen eine Resolution gegen Argentinien, die den umgehenden Abzug der Truppen forderte. Eine Woche später wurden durch die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft EWG Sanktionen gegen das südamerikanische Land beschlossen.

Nach mehreren vergeblichen Vermittlungsversuchen der USA und Perus eskalierte Auseinandersetzung. Es kam zu gegenseitigen Luftschlägen, Angriffen zur See und an Land. Insgesamt starben im Falkland-Krieg fast tausend Soldaten. Erst am 14. Juni 1982 wurde der Friedensvertrag unterzeichnet.

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insgesamt 12 Beiträge
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1.
Karsten Ratzke, 02.04.2012
"Die Nachricht von der Invasion löste einen Krieg aus" Coole Formulierung. Nicht die Invasion war der Beginn des Krieges sondern die Nachricht darüber...
2.
Bodo Niemann, 02.04.2012
Naja, das scheint mir eine recht einsilbige Vorstellung des Falklandkrieges zu sein. Es sollte doch bekannt sein, dass Thatcher gar kein Interesse daran hatte eine Lösung des Konflikts außerhalb militärischer Optionen zu finden. Vielmehr suchte man geradezu nach einem Grund den Konflikt zu eskalieren. So wurde ohne Not und während der Verhandlungen der argentinische Kreuzer "General Belgrano" versenkt.
3.
Deter Roosu, 02.04.2012
Nur mal so zum Nachdenken in den Raum gestellt: "Nun, natürlich, das Volk will keinen Krieg. Warum sollte irgendein armer Landarbeiter im Krieg sein Leben aufs Spiel setzen wollen, wenn das Beste ist, was er dabei herausholen kann, dass er mit heilen Knochen zurückkommt. Natürlich, das einfache Volk will keinen Krieg; weder in Russland, noch in Amerika, und ebenso wenig in Deutschland. Das ist klar. Aber schließlich sind es die Führer eines Landes, die die Politik bestimmen, und es ist immer leicht, das Volk zum Mitmachen zu bringen, ob es sich nun um eine Demokratie, eine faschistische Diktatur, um eine Parlament oder um eine kommunistische Diktatur handelt. ....das Volk kann mit oder ohne Stimmrecht immer dazu gebracht werden, den Befehlen der Führer zu folgen. Das ist ganz einfach. Man braucht nichts zu tun, als dem Volk zu sagen, es würde angegriffen, und den Pazifisten ihren Mangel an Patriotismus vorzuwerfen und zu behaupten, sie brächten das Land in Gefahr. Diese Methode funktioniert in jedem Land." Wer sagte so etwas? Kein Anderer als Hermann Göring am 18. April 1946 in Nürnberg! Besser wäre es gewesen, er wäre zehn oder mehr Jahre früher zu dieser durchaus "weisen" Einsicht gelangt! Und es wäre auch besser gewesen - um bei Falkland zu bleiben - die politischen Führer auf beiden Seiten hätten so gedacht. Aber aktuell wird ja auch Deutschland am Hindukusch "verteidigt"........
4.
Franz Halbritter, 02.04.2012
Der Kreuzer war als Kriegsschiff einer sich im Kriegszustand mit GB befindlichen Macht ein legitimes Ziel. Im übrigen war es absolut richtig diesen Krieg zu führen, und nicht britische Staatsbürger einer grausamen Militärdiktatur auszuliefern, die bis dahin schon zehntausende ihrer eigenen Staatsbürger ermordet hatte, und deren territoriale Besitzansprüche auf mehr als fragwürdigen kolonialen Titeln beruhten. GB hat in jeder Hinsicht mehr Recht auf die Inseln, und das Recht braucht dem Unrecht nicht zu weichen.
5.
Joachim Starke, 02.04.2012
Ein abgewirtschaftes faschistisches Regime, welches seine politische Gefangene auch gerne mal lebendigen Leibes aus Flugzeugen in den Rio de la Plata "entsorgte", überfiel zur Stabilisierung (was da wirkt hat Deter Roosu oben richtig angeführt) eine Inselgruppe, deren Bewohner sich seit über 170 Jahren ausschließlich als Briten verstehen. Wie kann man an der Rechtmäßigkeit der Rückeroberung zweifeln? Wie und von wem die Falkländer regiert werden, entscheiden die Falkländer und niemand sonst! Oder anders: Wie sieht die Welt aus, wenn 170 Jahre alte Staatsgrenzen generell zur Disposition stehen??? Ich möchte mir das gar nicht erst vorstellen....
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