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Fall Kurras Der Staatsschützer und der Stasi-Friseur

Fall Kurras: Der Staatsschützer und der Stasi-Friseur Fotos

West-Berliner Kripo-Beamte waren ein beliebtes Spitzelziel der Stasi. Neu ausgewertete Protokolle geben nun auch überraschende Einblicke in das Leben der am Tod von Benno Ohnesorg Beteiligten. Ein Friseur lieferte erschreckende Informationen über einen rabiaten Vorgesetzten des Todesschützen Kurras. Von und

Es begann alles auf dem Fußballplatz, ganz im Süden der amerikanischen Zone der einstigen Reichshauptstadt Berlin, in Lichtenrade. Ein Kriminalpolizist und ein Friseur kickten im Sommer 1948 zusammen in der 1. Herren des FC Lichtenrade. Der Friseur hieß Hans Bauchwitz; der Kripomann Helmut Starke. Und wie Fußballer das tun, feierten sie auch zusammen und tranken zusammen, es entwickelte sich eine enge Männerfreundschaft.

Helmut Starke war knapp 20 Jahr später, im Juni 1967, die Schlüsselfigur bei der Vertuschung des Todesschusses von Karl Heinz Kurras auf Benno Ohnesorg. Er war der Einsatzleiter der Polizei beim Staatsbesuch des Schahs am Abend des 2. Juni in der Deutschen Oper. Er sorgte dafür, dass in Ohnesorgs Totenschein in der Nacht zum 3. Juni als Ursache "stumpfe Gewalteinwirkung" angegeben wurde - nicht Kopfschuss. Er sorgte auch dafür, dass nicht einmal die wichtigsten Spuren am Tatort und am Täter - von der Patronenhülse über dessen Kleidung bis zur Waffe - gesichert, sondern verwischt werden konnten. Letzten Endes trug dies dazu bei, dass Kurras in zwei Prozessen freigesprochen werden musste.

Damals war Helmut Starke als Staatsschützer ein großer Gegenspieler der West-Berliner Außerparlamentarischen Opposition und ihrer Protagonisten von Rudi Dutschke bis Fritz Teufel. Als etwa der US-Vizepräsident Hubert Humphrey am 5. April 1967 nach West-Berlin kam, traf sich Starke unweit des Polizeipräsidiums am Luftbrückendenkmal mit amerikanischen Sicherheitsbeamten, die zum Schutz Humphreys abkommandiert waren. Starke erzählte laut seinem Freund, der ihn im Büro besuchte, die Studenten würden ihn noch zum Wahnsinn bringen. Aber "die FU-Strolche" würden sich "noch wundern".

Dass sich Starkes Abneigung gegen die Studenten heute schwarz auf weiß nachlesen lässt, ist dem Ministerium für Staatssicherheit der DDR zu verdanken. Denn für die DDR-Agenten war die ihm unterstehende Abteilung der West-Berliner Kriminalpolizei - zuständig speziell für politisch motivierte Straftaten - ein besonders interessantes Ziel in den Reihen des Klassenfeindes.

Ein Fall für den Friseur

Die Stasi hatte versucht, Inoffizielle Mitarbeiter (IM), das heißt Spitzel, in den Reihen der Polizei zu gewinnen. Einer davon war Karl-Heinz Kurras, der von 1955 an als "Otto Bohl" wertvolle Informationen lieferte. Sein Chef Helmut Starke aber war ein überzeugter Antikommunist, bei ihm musste sich die Stasi etwas anderes einfallen lassen: Sie spielte den Friseur aus der Fußballmannschaft an Starke heran.

Unter dem Decknamen "Heinz Schmidt" spitzelte Hans Bauchwitz von 1965 bis 1982 vornehmlich unter Westpolizisten. Er hatte sich dazu verpflichtet, weil "ich hiermit aktiv zur Erhaltung des Friedens und zur Aufdeckung der Pläne des 'westdeutschen Imperialismus' beitrage", wie er zu Protokoll gab. Das klingt nicht unlogisch, denn vom Krieg hatte Bauchwitz genug gesehen. Als 17-Jähriger war er 1940 zum Arbeitsdienst, im Februar 1942 zur Luftwaffe eingezogen worden. Er hatte es zum Obergefreiten gebracht und war viermal verwundet worden. Er hatte als Kraftfahrer, Fahrlehrer und Fallschirmspringer gedient - wie Starke.

Sein Stasi-Führungsoffizier beschrieb ihn als "weltmännisch". Bauchwitz habe "einen guten Lebensstandard und geht immer elegant und sauber gekleidet, er raucht sehr stark und trinkt gern." Außerdem fuhr Bauchwitz einen Borgward und brauchte Geld: Als "Anerkennung für seine gute Informationstätigkeit" bekam er schnell 100 D-Mark und kassierte, nachdem er die freundschaftliche Verbindung mit Starke ausgebaut hatte, fortan regelmäßig 200 D-Mark im Monat.

Praktischerweise freundeten sich die Ehefrauen der beiden an, und die Paare gingen gemeinsam zum Bowling oder trafen sich im Garten zum Grillen, was gerade in Mode gekommenen war. Die beiden Männer zogen gern durch die Neuköllner Kneipen und als Bauchwitz heiratete, war Starke Trauzeuge. In einer Beurteilung der Stasi heißt es: "Seit 1965 wird der Starke durch den IM regelmäßig abgeschöpft. Dabei konnten wertvolle Informationen beschafft werden."

"Prügeleien initiiert"

Spitzel Bauchwitz schlug seinem Führungsoffizier vor, Starkes Wohnung zu verwanzen, was sich allerdings als schwierig erwies. Immerhin stand Starke im engen Kontakt mit den Berliner Geheimdienstoffizieren der Alliierten. Sie trafen sich alle sechs Wochen, erzählte er seinem falschen Freund. Einmal schwärmte Staatsschützer Starke auch vom über zehn Meter langen Büffet bei einer Party mit nur 20 Besuchern in einem Gästehaus der West-Berliner Polizei. Der britische Verbindungsoffizier wurde so verabschiedet.

Im Dezember 1966 hatte sich Starke als verantwortlicher Einsatzleiter bei einer Demo des Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) gegen den Vietnamkrieg etwas Besonderes einfallen lassen: Seine Staatsschutzabteilung habe, so prahlte Starke gegenüber Bauchwitz, "etwa 40 bis 50 zivil bekleidete Beamte unter die Demonstranten gemischt, die Prügeleien und Provokationen inszenierten." Den Hauptinitiator der Demo habe man gleich als Ersten verhaftet, weitere "82 Demonstranten wurden wahllos von uns verhaftet und bis Mitternacht in Berlin-Charlottenburg festgehalten." Beim nächsten Mal werde er, Starke, festgenommene Demonstranten an den Stadtrand bringen und dort aussetzen lassen.

Kurz nach dieser Demonstration, ließ Starke seinen Freund wissen, sei etwas Außergewöhnliches passiert. Der berichtete der Stasi: "Am 18. Dezember 1966 sprach bei Starke ein hoher amerikanischer Offizier vor. Dieser bedankte sich bei Starke für seine Tätigkeit (Niederschlagung von Demonstrationen, die sich gegen den Krieg in Vietnam richteten) und sagte, dass er Starke für eine Auszeichnung mit einem Orden vorschlagen wird. Der US-Offizier bedankte sich dafür, dass diese Aktionen - besonders die vom 17.12., die sich gegen die USA richteten, so zerschlagen wurden und dass es nicht zu größeren Unruhen bzw. zu keiner Kundgebung vor der Gesandtschaft der USA in West-Berlin kam." Starke habe darauf antwortet, dass ihm "eine Reise in die USA lieber wäre als ein Orden."

Absprachen mit ausländischen Geheimdiensten

Orden hatte Starke schon genug. Er war mit 18 Jahren von der Schulbank weg zu den Fallschirmjägern einberufen worden. Als Frontsoldat hatte er in Frankreich, Italien und Russland gekämpft. Sein Vater war seit 1934 SA-Mitglied und NSDAP-Blockwart in Tempelhof und wurde deswegen nach dem Krieg zur Haft in russischen Speziallagern verurteilt. Sohn Starke bekam mehrere Orden aufgrund persönlichem Draufgängertums: Eisernes Kreuz Erster und Zweiter Klasse für "Tapferkeit", die Fallschirmschützenmedaille, die Ostmedaille. Über seine brutalen Erlebnisse im Krieg verfasste er eine nicht veröffentlichte Broschüre mit dem Titel "Fallschirm, Front, Fidelitas, Finito - die besten Jahre unseres Lebens" und beschrieb, wie er etwa die Hinrichtung eines gleichaltrigen russischen Gefangenen miterlebte.

Über Starkes Untergebenen Kurras, den Todesschützen auf der Anti-Schah-Demo, war bekannt geworden, dass er von seiner im Krieg erlebten Ohnmacht in das Dasein eines Waffennarrens geflüchtet war. Starke und seine ganze Staatsschutzabteilung trank "wie ein Loch", hatte die Stasi herausgefunden.

Der Staatsdiener Starke, das legen die Stasi-Protokolle nahe, war der Verantwortliche für die "Bearbeitungsakte SDS". Er machte die Absprachen zwischen Kripo-Staatsschutz und Verfassungsschutz und traf sich auch mit ausländischen Geheimdiensten, wenn ein Staatsbesuch in West-Berlin anstand. Sehr wahrscheinlich ist es deshalb, dass Starke vor dem Schah-Besuch auch mit Vertretern des persischen Geheimdienstes SAVAK zusammentraf, um die Sicherheit des Schahs zu garantieren. Wohl darum ging auch die Polizei am Tag des Schah-Besuches nicht gegen die sogenannten Jubelperser vor, die mit Stöcken, Latten und Eisenstangen auf die Studenten am Rathhaus Schöneberg einschlugen.

"Erlaubnis, Schießbefehl zu erteilen"

Wenige Tage nach dem Schuss auf Ohnesorg berichtete Starke, der Drahtzieher im Hintergrund, auf zwei Treffen bundesdeutscher Staatsschützer in München und Stuttgart "als Experte von den West-Berliner Unruhen".

Gegenüber seinem Freund Bauchwitz, dem Stasi-Friseur, erging sich Starke gern in drastischen Kommentaren über seine Arbeit, die Polizei und die Berliner Politiker. Der Regierende Bürgermeister Albertz war für ihn "das größte Schwein, dass ich kenne", weil er der Polizei in den Rücken falle, und die US-Alliierten seien auch nur noch "schlapp". Kurras' Vorgesetzter war ein großer Freund von Zucht und Ordnung, der meinte, dass endlich mal "einer aufräumen" müsste. Die Studenten würden sich noch wundern, "was ihnen blüht", denn "die Zeit der weichen Welle wäre endgültig vorbei."

Und dann notierte die Stasi noch eine Aussage von Einsatzleiter Starke, die ein erschreckendes Licht auf die Mentalität in seiner Truppe und die politischen Kräfte der Stadt wirft: "Die Lage der Polizei gegenüber den Studenten und anderen Aufrührern hätte sich soweit verhärtet, dass er von den verantwortlichen Männern des Senats die Erlaubnis bekommen hätte, bei großen Ausschreitungen von Demonstranten, die Leib und Leben von Polizeibeamten bedrohten, 'Schießbefehl' zu erteilen."

Todesschütze Kurras aus seiner Abteilung sagte später einmal zur Rechtfertigung seiner Tat: "Ich hatte doch das Recht zu schießen!"

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Matthias Frase, 07.03.2012
Das sind ja wieder mal Ungeheuerlichkeiten, die man unter dieser seltsamen Überschrift zu lesen bekommt. Agents und Provocateurs, wohin man schaut; soffen wie die Irren, hatten reihenweise ihren Altnazidreck am Stecken und machten nahtlos Karriere in einem Apperat, der sie gegen die Demokratiebestrebungen der Jugend einsetzte. Wird das endlich mal aufgearbeitet?!
2.
Britta Niermeyer, 07.03.2012
Es ist ja schon peinlich... Eigentlich müßten wir der STASI dankbar sein, das dieses entsetzliche Verhalten dokumentiert wurde, sonst würde es fein weiter unter den Teppich gekehrt bleiben. Was für ein verachtungswürdiger Haufen Altnazis.
3.
Harry Bleckert, 07.03.2012
Auch die Hambuerger polizei hat mindestens in den 70ern als Demonstranten "verkleidete" Beamte als gezielt Provokatuere eingesetzt. Einmal wurde ich während einer Demo gegen den Vietnamkrieg Zeuge wie in einer Seitenstraße Uniformierte und "Demonstranten" in gemischter Gruppe zusammenstanden und sich unterhielten. dies war offensichtlich eine Einsatzbesprechung. Wenige Minuten waren es genau diese "Demonstranten" die anfingen Steine zu werfen und zu Gewalt aufzurufen. Danach bin ich nie wieder auf eine Demo gegangen. Mein Vertrauen in diesen "Rechtsstaat" habe ich damals verloren.
4.
Michel Wittmann, 08.03.2012
Interessanter Typ! :) Sowas gibt's heut nicht mehr...schade.
5.
Peter Köker, 07.03.2012
Und? Was passiert jetzt? Wird jetzt eine Historikerkommission gebildet, die diese Vorkommnisse "rückhaltlos" aufklärt? Die noch greifbaren Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen? Wird sich der Berliner Polizeipräsident öffentlich entschuldigen und Besserung geloben? Die Ausbildung der Polizei endlich auf eine demokratische Grundlage gestellt? Die Kumpanei, die Meineide vor Gericht, die abgesprochen Zeugenaussagen und der "Korpsgeist" unter den Polizisten beendet? Wird Merkel eine entschuldigende Rede am Grab von Benno Ohnesorg halten? Die geistigen Brandstifter aus dem Haus Springer zur Verantwortung gezogen? Nein! All das natürlich nicht!
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