Fall Werner Höfer Wie Deutschlands Meister-Moderator über seine braune Vergangenheit stolperte

Es war einer der großen deutschen Medienskandale: Nach mehr als 30 Jahren im "Internationalen Frühschoppen" verschwand Moderator Werner Höfer Ende 1987 vom TV-Bildschirm. Jahrzehntelang hatte er seine Mitarbeit an Nazi-Propaganda bestritten - dann fand sich per Zufall der Beweis.

Von Christian Felchow


Jedes Mal, wenn das Gespräch auf Werner Höfer kam, rastete mein Schwager Friedrich Lambart aus. Es wurmte ihn maßlos, dass Höfer Sonntag für Sonntag die Sendung "Der Internationale Frühschoppen", moderieren durfte und der ARD damit in den sechziger und siebziger Jahren traumhafte Einschaltquoten bescherte. Und dass dabei offenbar nie ein Zweifel an seiner Person aufkam. Ein Mann mit dieser Vergangenheit in einer solch exponierten Position!

Auslöser für seine Erregung war das Schicksal seines Klassenkameraden Karlrobert Kreiten, eines jungen, talentierten Pianisten, der 1943 im Alter von 27 Jahren von den Nazis hingerichtet worden war, weil er zu freimütig seine Zweifel am viel beschworenen Endsieg kundgetan hatte. Höfer hatte damals im "12-Uhr-Blatt" die Exekution mit blumigen Worten gelobt. Der Künstler habe "statt Glauben Zweifel, statt Zuversicht Verleumdung und statt Haltung Verzweiflung gestiftet". Höfers Resümee: Prominente seien zur Loyalität verpflichtet, die Strafe deshalb gerecht.

1978 deckten die "Bild am Sonntag", "Die Welt" und die "Bunte Illustrierte" die braune Vergangenheit Höfers auf. Doch Höfer stritt die Urheberschaft dieser "Hinrichtungshymne" ab. Er behauptete, der Tenor sei in den Text hineinredigiert worden. Damit kam er durch und stieg zu einem der einflussreichsten Journalisten beim WDR auf. Dass er darüber hinaus auch für das Nazi-Propagandablatt "Das Reich" geschrieben hatte, geriet vollkommen in Vergessenheit.

Der Fall Kreiten

Friedrich aber ließen diese Ereignisse keine Ruhe. Er war selbst Pianist und hatte Kreiten sein Leben lang für sein Talent bewundert. Er fühlte sich deshalb auch persönlich betroffen. Warum interessierte sich niemand dafür, wie Höfer seine braune Vergangenheit unter den Teppich kehrte? Friedrich wollte Höfer zur Rechenschaft ziehen. Dass sich der Fall Kreiten wegen seiner Hartnäckigkeit schließlich zur Kreiten-Affäre ausweiten würde, die den Moderator Höfer letztlich sogar zum Rücktritt zwang, konnte mein Schwager freilich nicht ahnen.

Friedrich fühlte sich Karlrobert Kreiten eng verbunden. Gemeinsam hatten die beiden in Düsseldorf die Schulbank gedrückt und ihre Leidenschaft für das Klavierspiel entdeckt. Zwar ging jeder von ihnen seinen Weg, doch immer wieder fanden sie zusammen. Oft, wenn Friedrich mir auf seinem Flügel etwas vorspielte, geriet er ins Schwärmen über die Begabung seines Freundes.

Diese Begabung hatte den 1916 geborenen Kreiten schon in jungen Jahren zu einem bekannten Pianisten gemacht. Das Feuilleton feierte ihn als Ausnahmetalent. Im deutschen Schicksalsjahr 1933 erspielte er sich mit Beethovens "Waldstein-Sonate" den renommierten Mendelssohn-Preis. Der internationale Durchbruch stand bevor. Doch dann, im Mai 1943, am Tage eines geplanten Auftritts vor ausverkauftem Haus in Heidelberg, wurde er plötzlich von der Gestapo verhaftet.

Höfer macht Karriere

Für meinen Schwager kam die Nachricht überraschend. Er hatte Kreiten immer für einen unpolitischen, eher zurückhaltenden Menschen gehalten. Sicher war er kein Aufrührer. Zum Verhängnis geworden war ihm ein Gespräch mit einer Jugendfreundin seiner Mutter, in deren Klavierzimmer Kreiten probte. Der junge Musiker hatte der Frau anvertraut, dass er unter Hitlers Lügen leide und dass er der Meinung war, "der praktisch verlorene Krieg" werde "zum vollständigen Untergang Deutschlands und seiner Kultur" führen. Die Bekannte erzählte es weiter, Kreiten wurde denunziert.

Nach vier Monaten in Untersuchungshaft in Berlin-Moabit verurteilte der Volksgerichtshof unter Vorsitz Roland Freislers Karlrobert Kreiten wegen "Feindbegünstigung und Wehrkraftzersetzung" zum Tode. In der Nacht zum 8. September 1943 wurde der 27-Jährige in Berlin-Plötzensee erhängt. Nur wenige Tage später, am 14. September, erschien in der Berliner Zeitung "12-Uhr-Blatt" der Kommentar eines gewissen Werner Höfers. Der Kolumnist lobte die Hinrichtung als strenge Bestrafung eines "ehrvergessenen Künstlers".

Meinem Schwager ließ es keine Ruhe, dass Höfer für diese Rechtfertigung von Nazi-Verbrechen nie zur Verantwortung gezogen wurde. Der Schreiber war inzwischen zum erfolgreichen Fernsehjournalisten aufgestiegen, hatte den WDR mit aufgebaut und wurde in den siebziger Jahren sogar dessen Fernsehdirektor. Mit seinem "Internationalen Frühschoppen", einer Sendung, in der er mit einer illustren Journalistenrunde bei einem Glas Weißwein die Weltpolitik diskutierte, prägte er den Sonntagvormittag unserer Generation.

Der Beweis

Mit seiner Publikation aus dem Jahre 1943 konfrontiert, leugnete Höfer immer wieder, den Artikel so geschrieben zu haben. Alle Vorwürfe wies er als üble Verleumdung politischer Gegner zurück. Selbst als sich 1978 Hinweise mehrten, dass Höfer auch für andere Nazi-Propagandablätter gearbeitet hatte, behauptete der Fernsehmann steif und fest, der unrühmliche Tenor sei ohne sein Wissen in den fraglichen Text eingearbeitet worden.

Mein Schwager war entsetzt. Er versuchte nun selbst, Beweise für die Urheberschaft Höfers an dem Pamphlet zu finden. Meine Schwester und ich unterstützten ihn dabei, so gut es ging. Schließlich spielte uns der Zufall in die Hände. Friedrich hatte als Kunstamtsleiter des Berliner Bezirks Tiergarten Kontakt zu etlichen Kulturjournalisten. Regelmäßig sprach er mit ihnen über sein Lieblingsthema: Karlrobert Kreiten. Mitte der achtziger Jahre traf er auf einen Redakteur der "Berliner Morgenpost", der sich daran erinnerte, dass das "12-Uhr-Blatt" seinerzeit vom Axel-Springer-Verlag aufgekauft worden war und sämtliche Unterlagen im Springer-Archiv lagerten. Auch über Höfer musste etwas dabei sein.

Endlich schien eine aussichtsreiche Quelle gefunden. Meine Schwester ging ins Archiv und wühlte sich durch die Unterlagen. Und tatsächlich förderte sie Interessantes zutage: handschriftliche Aufzeichnungen Höfers, die keinen Zweifel daran ließen, dass er jenen menschenverachtenden Artikel im Jahr 1943 selbst geschrieben hatte.

Die Entscheidung

Die "Bild"-Zeitung zeigte großes Interesse an den zusammengetragenen Informationen. 1986 verging kaum ein Tag, an dem die Boulevardzeitung Höfer nicht aufs Korn nahm. Schritt für Schritt demontierte das Springerblatt den Vorzeigemoderator. Andere Medien waren deutlich zurückhaltender. Man fürchtete wohl einen langwierigen und vor allem teuren Prozess.

In den Jahren 1986 und 1987 war der SPIEGEL-Redakteur Harald Wieser mehrfach bei Friedrich. Er interessierte sich für den Fall Höfer-Kreiten, schaute sich die Unterlagen an und hörte den Erzählungen zu. Mitte Dezember 1987 veröffentlichte er seinen Artikel. Zu dem Zeitpunkt war eigentlich schon klar, dass die Öffentlichkeit Höfers Dementis keinen Glauben mehr schenkte und der TV-Mann unhaltbar geworden war. Der Beitrag im SPIEGEL aber gab den entscheidenden Impuls für Höfers Sturz. Eine Woche später, am 22. Dezember 1987, gab Höfer seine Position auf, der WDR stellte die "Frühschoppen"-Sendung ein.

Friedrich sammelte nun sämtliche Unterlagen und Erinnerungen zusammen und sprach damit bei mehreren Verlagen vor. Die Edition Hentrich veröffentlichte schließlich seine Recherchen im Jahr 1988 unter dem Titel: "Tod eines Pianisten. Karlrobert Kreiten und der Fall Werner Höfer". Eine aufreibende Zeit ging zu Ende, und Friedrich hatte schlagartig seinen persönlichen Frieden wieder gefunden.



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Christian Felchow, 03.06.2010
1.
NACHTRAG: Erstaunlich ist in diesem Zusammenhang, dass offenbar Informationen an "interessierte Kreise" weiter gegeben wurden, die selbst vor Drohanrufen nicht zurückschreckten und dabei Morddrohungen aussprachen. Ein gewisser Herr Zündel rief aus Kanada an und bedrohte Friedrich Lambart und seine Familie. Wie uns auch mitgeteilt wurde, sind auch beim SPIEGEL Anrufe eingegangen, die den Ruf schädigen sollten und die Familie Lambart in einem schlechten Licht darstellen sollten. Angesichts der Tatsache, dass es, gerade in Berlin, kaum möglich war, bei der öffentlichen Position nicht abgehört zu werden, finde ich es schon sehr merkwürdig, dass keiner der Anrufer ermittelt werden konnte. Auch die Verfasser der Drohschreiben an die Familie konnten damals nie ermittelt werden.
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