US-Bunker im Kalten Krieg Schöner wohnen im Betongrab

US-Bunker im Kalten Krieg: Schöner wohnen im Betongrab Fotos
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Warten auf den großen Knall: Aus Angst vor einem Atomschlag bauten Hunderttausende Amerikaner in den sechziger und siebziger Jahren ihre eigenen Bunker. Viele dekorierten sie liebevoll zu ihrem zweiten Wohnzimmer um - in dem sie im Ernstfall nicht lange überlebt hätten. Von

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Hübsch haben sie es sich gemacht, die Carlsons. Treu blicken einen ihre Augen aus einer Seite eines alten "Life"-Magazins aus den Sechzigern an. Der Raum, in dem die Familie sitzt, ist kaum breiter als er hoch ist. Stoisch hält Vater Art eine Schaufel in der Hand. Von der schweren Decke über ihm baumelt eine Spitzhacke an einem Karabinerhaken. Rechts daneben sitzt Misses Carlson, das Regal hinter ihr ist gefüllt mit Wasservorräten, Fleisch- und Gemüsekonserven. Die drei Carlson-Kinder - Charlene, Claude und Judy - haben außerdem Bettdecken, Kerzen, Taschenlampen, Bücher und Gesellschaftsspiele mit in den engen Raum gebracht und vor sich aufdrapiert. Alles damit es sich zumindest etwas wohnlich anfühlt - wenn der Atomkrieg tatsächlich kommt.

Was aus heutiger Sicht vollkommen bizarr klingt, war jahrzehntelang Realität für Hunderttausende amerikanische Familien. Ein Atomtest jagte den nächsten, Kuba-Krise und Nato-Doppelbeschluss folgten, ein Krieg zwischen Ost und West schien jederzeit möglich. Während die Sowjets ihrerseits vor allem U-Bahnschächte und lange Tunnel zu teils geheimen, teils öffentlichen Untergrundbunkern ummodelten, dachten sich die Amerikaner: Wenn schon ein dritter Weltkrieg ausbricht, wollen wir ihn wenigstens im Kreis der Familie erleben.

Essen und Trinken für mindestens zwei Wochen

Und so wurden die sogenannten "Family Fallout Shelters" zu verbuddelten Wohnzimmern aus Beton und Stahl. Mindestens zwei Wochen hätte eine vier- bis sechsköpfige Familie im Ernstfall in ihnen überleben können - so zumindest die offizielle Annahme der US-Regierung damals, die die angespannte Bevölkerung mit der Einschätzung wohl vor allem in Sicherheit wiegen wollte. Denn auch nach den zwei Wochen hätten die Bunker-Insassen gerade einmal für einige wenige Stunden pro Tag mit ihrer verstrahlten Außenwelt in Kontakt treten dürfen. Danach hätten sie wieder hinter ihren Schutzwall gemusst. Bunker auf, Bunker zu - so wäre es im Falle eines tatsächlichen Atomschlags vermutlich über Monate, wenn nicht sogar Jahre gegangen.

So charmant die Idee einer Familienfestung im Vergleich zu anonymen Großbunkern auch klingen mag, sie war vor allem eine Notlösung. Besonders zu Beginn des Wettrüstens zwischen Ost und West gab es in den USA zu wenige öffentliche Bunker, in denen die Bevölkerung im Fall eines Angriffs hätte Unterschlupf finden können. Und so blieb der Regierung kaum etwas anderes übrig, als den Bau privater Keller- und Vorgartenbunker anzupreisen.

Ein paar einfache Handgriffe gegen den Strahlentod

1959 erhielt daher jeder amerikanische Haushalt ein gelbes Büchlein mit dem Titel "Family Shelter". Darin zeigte ein kleiner gezeichneter amerikanischer Familienvater gut dreißig Seiten, wie er seine Liebsten mit ein paar einfachen Handgriffen vor dem sicheren Strahlentod bewahren wollte. Für die üppigeren Modelle war fachmännische Hilfe vonnöten, einfache Bunker konnte man aber auch selbst zusammenzimmern. Der Basisschutz im Keller, der "Basement Concrete Block Shelter", bestand gerade einmal aus 500 Betonziegeln und kostete in der Do-it-yourself-Variante nicht mehr als 200 Dollar und ein verschwitztes Hemd.

Eine wahre Hochphase erfuhren die Privatbunker aber in den Sechzigern, dem Jahrzehnt der Kuba-Krise. US-Präsident John F. Kennedy hatte seiner Bevölkerung gerade klargemacht, dass er unter keinen Umständen Berlin den Sowjets überlassen würde - auch wenn das einen nuklearen Krieg bedeuten würde. Kurz darauf verabschiedete der US-Kongress ein 200-Millionen-Dollar-Programm für die Bauförderung privater und öffentlicher Bunker.

1961 startete das "Life"-Magazin außerdem eine Fallout-Sonderserie mit einem Grußwort Kennedys, in dem er "meine lieben amerikanischen Mitbürger" dazu anhielt, "den Inhalt dieser 'Life'-Ausgabe sehr sorgfältig zu lesen". Was folgte, waren redaktionelle Tipps und Tricks zum Bunkerbau, inklusive der feschesten Einrichtungsgegenstände für die Zeit nach dem Nuklearschlag.

Flitterwochen unter 20 Tonnen Beton und Stahl

Neben den Carlsons, der Familie mit dem treuen Blick, ließen sich Dutzende weitere Amerikaner mit ihrem Fallout-Telefon, ihrem Fallout-Geschirr und ihren Fallout-Platzdeckchen ablichten. Die Botschaft war klar: Unser Leben geht weiter - auch wenn bald Krieg sein könnte.

Ein paar Jahre vorher hatten zwei Frischvermählte sogar ihre Flitterwochen in einem schottendichten Bunker in Miami verbracht - auf gerade einmal elf Quadratmetern. Die Idee war ein Marketing-Gag eines gerissenen Bunkerherstellers, der den Extremurlaub einem Radiosender zur Verlosung angeboten hatte. Ziel: Jedem noch so verunsicherten Amerikaner zeigen, wie schön es sich eine junge Familie auch unter 20 Tonnen Beton und Stahl noch machen kann.

Auch andere pfiffige Geschäftsleute nutzten die Panik vor dem Atomkrieg, um ihre Auswahl an Bunkergimmicks anzupreisen, die mal mehr, mal weniger sinnvoll waren. So tauchten in vielen Anzeigen neben Feldbetten, Taschenlampen und Fallout-Schlafsäcken auch immer wieder speziell für den Bunker entwickelte Transistorradios auf, die angeblich auch im Notfall "als Verbindung zu den Hauptquartieren der zivilen Abwehrbehörden" funktionieren sollten. Zwar gehörte eine Antenne fast zum Standard eines jeden Bunkers. Ob die Geräte aber auch nach einer atomaren Explosion einwandfrei weitergelaufen wären, darf zumindest bezweifelt werden.

97 Prozent Überlebenschance - wenn alles gut läuft

In den Werbeanzeigen und Zeitungsartikeln fiel auch immer wieder ein Satz: "97 Prozent können in einem 'Family Fallout Shelter' überleben." Die Zahl war ein Maximalwert, den die US-Regierung gerne propagierte - auch um den Ausbau der Bunker voranzutreiben. Wissenschaftler kritisierten jedoch bereits nach kurzer Zeit die 97-Prozent-Prognose vehement und nannten sie eine "irreführende Illusion".

Den Ernstfall mussten die Bunker zum Glück nie erleben. Zwar hätten auch die einfachen Bunkermodelle der ersten Generation einen Großteil der Strahlung abgeblockt. Lange hätten sich die Insassen jedoch nicht hinter den Betonwänden verschanzen können. Vielen der frühen Bunker mangelte es nämlich an einem ordentlichen Luftaustausch, manchmal funktionierte die Ventilation überhaupt nicht. Unter der Erde wäre die Temperatur auf diese Weise innerhalb kürzester Zeit so stark angestiegen, dass die Bunker-Bewohner höchstwahrscheinlich erstickt wären.

Vom Atombunker zum Heimatmuseum

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion verloren auch die "Fallout Shelter" ihre dringende Notwendigkeit. Die US-Regierung erstellte zum letzten Mal 1992 eine landesweite Übersicht über die Verteilung aller öffentlich zugänglichen Bunker. Auch in den Privatbunkern blieben indes die Lichter immer häufiger aus. Familien tauschten nicht mehr regelmäßig das Wasser in den Kanistern, aus vielen der einstigen Ersatzwohnzimmer wurden mancherorts sogar kleine Heimatmuseen mit Reliquien einer absonderlichen Ära.

In den Neunzigern erhielt der Nuklearbunker schließlich sogar Einzug in die Popkultur. So verliebte sich 1999 Alicia Silverstone als Eve Rustikoff in der Hollywood-Komödie "Eve und der letzte Gentleman" in Adam Webber - gespielt von Brendan Fraser -, einen jungen Mann, der in einem Luftschutzbunker aufwuchs und erst nach 35 Jahren die Welt über sich - inklusive Eve - kennenlernen durfte.

Unter Umständen könnte die Bunkerkultur in den USA in nächster Zeit ein Comeback feiern. In US-Zeitungen mehren sich Artikel, wonach Hausbesitzer nach dem 11. September ihre alten Privatbunker wieder aufgemöbelt haben - aus Angst vor Terrorangriffen oder dem Ende der Welt, so die Berichte.

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1.
Peter Grolig 02.09.2013
Ein schöner Artikel über die Schizophrenie der Amerikaner. Jetzt aber bitte auch einen Artikel, inwieweit sich die Deutschen (Westdeutschen) von der eigenen Politik und den Medien in Panik versetzen ließen. Ich wünsche mir Angaben, wieviel Geld in Westdeutschland unter der Erde vergraben wurde-zur Sicherheit vor einem Atomkrieg. Dann wäre ergänzend noch schön zu lesen, was uns die Stationierung der amerikanischen Atomraketen (Pershing?) gekostet haben. Wir können uns heute über das Denken im Kalten Krieg nur noch lachen, wenn wir denn klüger geworden wären.
2.
Mathias Völlinger 02.09.2013
Fehlt nur noch das: http://www.youtube.com/watch?v=IKqXu-5jw60 Bei uns in der Bundeswehr wurde ja ähnliches "gelehrt". Nachdem man erblindet ist, hinlegen mit Rübe + Stahlhelm nach vorne wegen der Druckwelle. Dann weiterkämpfen und danach in den Bunker. Die Leute für blöd verkaufen. Das sind ja wirklich Kräfte, zu denen jeder intuitive Zugang fehlt, gerade da hilft sachliche Aufklärung. Aber ein dummes, eingelulltes Volk ist ja immer von Vorteil für die "Eliten". http://www.youtube.com/watch?v=fd1IFjBNNVo Und so ein Fallout ist dabei ja nur ein klitzekleiner Nebeneffekt. Wenn ich daran denke, dass sowas bald mal in die Hände von Märtyrern fallen könnte...
3.
Ingrid Pfendtner 02.09.2013
Anfang der 70er Jahre kamen Abgesandte des Bundesamtes für Selbstschutz zu uns 14- und 15-jährigen in die Schule (Baden-Württemberg) und klärten uns über das richtige Verhalten bei einem Atomschlag auf. Das volle Programm: unter den Tisch gehen, im Keller einen bunkerartigen Raum einrichten, mit Sicherheitstüren und Vorräten für 14 Tage. Sie benutzten uns ahnungslose Jugendlichen, denn das alles sollten wir unseren Eltern weitergeben und dafür sorgen, dass sie es umsetzen! Mich hatte das alles damals zutiefst verstört. Zumindest zeigten sie uns dann noch ein paar Erste-Hilfe-Griffe und stellten einen Schein aus, den wir später für den Führerschein nutzen konnten. Nicht nur die Amerikaner waren schizophren und panisch, die Deutschen waren es nicht weniger. Mehr noch, letztere benutzten Jugendliche für ihre Ziele - von Amts wegen, in der Schule!.
4.
Sylvia Götting 02.09.2013
Jetzt erklär mir mal jemand etwas: Man wusste ja damals nicht viel über Atombombenwirkungen, besonders solche, die man nicht sieht. Aber, in den USA hat es doch höchstwahrscheinlich in den Zeitungen Berichte von den Atombombenabwürfen mit Bildern von Hiroshima und Nagasaki gegeben. Dabei dürfte den Zeitunglesern doch wohl aufgefallen sein, dass in jeder Stadt nur eine einzige Bombe für die Riesenzerstörungen gereicht hat. Wie konnten die Bürger angesichts dieser Informationen so naiv sein anzunehmen, dass ihre Bunker tatsächlich einem Nuklearangriff standhalten könnten? Wenn man sich die Bilder so ansieht, wirken die Bunker so provisorisch und klapprig und mehr als Filmkulisse, dass sie nicht mal einem Angriff mit konventionellen Bomben widerstanden hätten (vielleicht hätte Loriot's K2000 mehr Widerstand geleistet http://www.youtube.com/watch?v=-a4RgZIjmPc). Oder herrschte da die Mentalität vor "Also, bevor wir gar nichts machen..."? Oder war es die Hoffnung "Das explodiert weit weg von uns"? Was mich auch mal interssiert: Auf den Bildern sehen die Bunker so schön hell erleuchtet aus, was auf eine üppige Stromversorgung schließen lässt. Wieviele Bunker hatten aber tatsächlich Stromaggregatoren und Brennstoff für wieviele Tage?
5.
Hariolf Kling 02.09.2013
Damals war man noch ziemlich naiv. Wobei ich ehrlich sagen muss, wenn es wirklich zu einem Thermo-nuklearen Krieg gekommen wäre, wäre das beste gewesen, wenn man gleich verdampft wäre. Aber gerade in den USA sollte jeder heute noch einen Bunker bauen, weil es da so viele Wirbelstürme gibt. Dann wäre zwar das Haus kaput, aber im Bunker wäre man sicher aufgehoben. Nun ich denke an einen richtigen Bunker mit einer Schleuse und einen Notausstieg. Ab besten, wo man ein paar Tage aushalten kann, wenn was verschüttet wäre.
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