Fallschirm-Rekordmann Kittinger "Ein phantastischer Sturzflug"

Fallschirm-Rekordmann Kittinger: "Ein phantastischer Sturzflug" Fotos
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Er fiel und fiel und fiel: Vor 50 Jahren sprang Air-Force-Testpilot Joseph Kittinger per Fallschirm aus 30 Kilometern ab und durchbrach fast die Schallmauer. Im einestages-Interview spricht er über den Sinn des lebensgefährlichen Experiments - und verrät, wie er die Bodenkontrolle zur Weißglut trieb. Von Christoph Gunkel

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einestages: Vor einem halben Jahrhundert stiegen Sie mit einem heliumgefüllten Ballon in einer Höhe von mehr als 30 Kilometern auf, um als erster Mensch vom Rande des Weltalls einen Fallschirmsprung zu wagen. Haben Sie heute ein bestimmtes Bild vor Augen, wenn Sie daran denken?

Kittinger: Die ganze Erfahrung ist für mich immer noch sehr lebendig, ich erinnere mich an jede Einzelheit dieses Ereignisses. Das Besondere: 50 Jahre sind vergangen, und niemand hat mehr das erreicht, was ich damals geschafft habe. Ich denke, das zeigt, dass es nicht das Einfachste auf der Welt war. Es ging uns aber nicht um einen Rekord. Wir sammelten Informationen für das Weltraum-Programm der USA und wollten beweisen, dass man sich im Ernstfall aus so einer Höhe retten kann.

einestages: Die Höhe muss Ihnen aber Angst gemacht haben. Wie waren die Sekunden vor dem Sprung?

Kittinger: Sie müssen berücksichtigen, dass dies bereits mein dritter Sprung aus der Stratosphäre war, ich habe das tausendfach in meinem Kopf durchgespielt. Als ich dann vor dem Absprung stand, war es ein Zusammenspiel von anderthalb Jahren Training und Dingen, die ich oft gemacht habe. Ich habe nicht gezögert, es war ein Testflug und ich war ein Testpilot.

einestages: Das klingt jetzt ziemlich abgeklärt. Damals haben Sie aber kurz vor dem Sprung gesagt: "Über mir ist ein feindseliger Himmel. Der Mensch mag im All leben, aber er wird es nie erobern." Was meinten Sie damit?

Kittinger: Als ich dort stand und auf die Erde blickte, war das einfach ein wunderschöner Anblick. Ich konnte 500 Meilen weit sehen, die Erdkrümmung, der schwarze Himmel, wirklich fantastisch. In diesem Moment habe ich plötzlich realisiert, wie feindlich meine Umgebung war, denn um mich herum war nur Vakuum. In dieser Höhe gibt keinen Luftdruck, doch den braucht der menschliche Körper, um zu überleben. Ich war beeindruckt, wie schön und wie lebensfeindlich das Weltall zugleich ist. Das wollte ich mit meinen Kollegen am Boden teilen.

einestages: Wie verlief dann der Sprung?

Kittinger: Als ich fiel, drehte ich mich hintenüber, schaute um mich und sah das Blau der Erde, ins All geschleudert wie eine Rakete. Dann stellte ich fest, dass das Blau sich nicht bewegte und ich es war, der in einem phantastischen Sturzflug herunterkam. Von da an hatte ich keine anderen visuellen Eindrücke, weil es nichts gab, woran man seine Geschwindigkeit messen konnte. Außerdem war ich extrem beschäftigt, ich sprach in mein Aufnahmegerät, wie mein Druckanzug arbeitete, wie mein Körper funktionierte. Ich musste ständig auf eine Stoppuhr schauen, um meine Höhe abschätzen zu können.

einestages: Ihr freier Fall dauerte 4 Minuten 36 und Sie beschleunigten dabei auf 988 Stundenkilometer, zwei bis heute ungebrochene Rekorde. Wie war die Rückkehr zur Erde?

Kittinger: Das war der für mich ergreifendste Moment der ganzen Mission. Ich wurde sofort umringt von meinem Team. Wir waren alle sehr erleichtert und glücklich, wir hatten anderthalb Jahre hart für dieses Ziel gearbeitet und es schließlich gemeinsam als Team geschafft.

einestages: Dabei hatte der großartige Erfolg, der sie nun auf die Titelblätter der US-Zeitungen hievte, eigentlich an einem sehr seidenen Faden gehangen. Denn schon beim Aufstieg mit dem Ballon gab es Probleme mit Ihrem Druckanzug.

Kittinger: Ja. Auf dem Weg nach oben, in einer Höhe von 40.000 Fuß (etwa 13 Kilometer) sollte sich der Druckanzug aufblasen. Wir hatten es am Boden geprobt, es funktionierte perfekt. Aber jetzt musste ich plötzlich feststellen, dass sich der rechte Handschuh meines Druckanzugs nicht aufblies.

einestages: Wie reagierten Sie auf den Defekt?

Kittinger: Ich hatte keine genaue Vorstellung, was nun passieren würde, ich ahnte nur, dass bei fehlendem Druck die Hand anschwellen und es sehr schmerzhaft sein wird. Ich entschied, das Problem nicht der Bodenkontrolle zu melden, weil ich wusste, dass sie sonst gezwungen sein würde, die Mission abzubrechen. Meine Hand schwoll an, sie wurde sogar etwa doppelt so groß wie normal, ich konnte sie nicht mehr benutzen.

einestages: Indem Sie das Problem ignorierten, riskierten Sie Ihr Leben. Sie konnten nicht ahnen, dass die geschwollene Hand den Rest des Anzugs dichthalten würde.

Kittinger: Es war ein kalkuliertes Risiko, dass ich auf mich nahm. Im Nachhinein zeigte sich, dass es richtig war. Ich konnte die Hand zwar während des Sprungs nicht benutzen, aber ein paar Stunden nach meiner Rückkehr auf die Erde war sie wieder in Ordnung.

einestages: Ihr Sprung war nicht Ihre einzige spektakuläre Mission. 1957 ersetzten Sie Tiere, die zuvor zu Versuchszwecken mit Ballons in große Höhen geschickt worden waren. Sie waren der erste Mensch, der per Ballon in 29 Kilometer aufstieg. Warum hat man Sie ausgewählt?

Kittinger: Ich war schon länger Testpilot und Kampfflieger der Air Force. Ich bewarb mich freiwillig auf dieses Forschungsprogramm. Ich wurde wegen meiner Erfahrung und Qualifikationen angenommen und hatte Glück, dass ich zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort war.

einestages: Was war der Sinn dieses Programms von 1957?

Kittinger: Das Programm hieß "Man High". Wir hatten bis dahin noch niemals einen Menschen ins All gebracht und es ging darum, ein System zur Lebenserhaltung entwickeln, die Druckkapsel, die Kommunikationswege. Der Flug mit dem Ballon war die erste Raumfahrt mit einer speziellen Druckkapsel. Die Erfahrungen, die wir damals sammelten, wurden später von der Nasa genutzt.

einestages: Aber auch bei dieser Mission gab es technische Probleme - diesmal sank etwa der Sauerstoffvorrat des Ballons weit schneller als erwartet.

Kittinger: Es gab ein paar Schwierigkeiten, aber ich wusste, wie ich sie regeln konnte. Das war der Grund, warum ich dort war, das war mein Job. Nach dem Flug konnten die Probleme, die ich entdeckt hatte, korrigiert werden. Der nächste Flug mit dem Ballon war dann sehr erfolgreich.

einestages: Aber auch in diesem Fall meldeten Sie nicht alle Probleme nach unten - bis die Bodenkontrolle nervös wurde.

Kittinger: Als ich ganz oben in 25 Kilometern Höhe war, hatte ich nur noch wenig Sauerstoff und wusste, dass ich ziemlich schnell wieder runterkommen musste. Ich hatte schon angefangen, mich auf die Rückkehr vorzubereiten, aber es klappte zunächst nicht. Ich arbeitete so eine Stunde an dem Problem, als plötzlich ein Arzt von der Bodenkontrolle befahl: "Komm sofort runter!" Ich meine, ich arbeitete schon eine Stunde daran, herunterzukommen und dieser Typ stresste mich jetzt. Deshalb habe ich ihm gemorst: COME UP AND GET ME - komm hoch und hol mich!

einestages: Was war seine Antwort auf Ihren schwarzen Humor?

Kittinger: Ich weiß es nicht mehr, aber kurz danach gab es noch eine Anweisung von einem anderen Arzt, dass ich kommen solle. Diesmal habe ich geantwortet, dass ich daran arbeite.

einestages: Nach insgesamt fünf Flügen in große Höhen sind Sie der Ballonfahrt ihr Leben lang treu geblieben, auch als Privatmann. 1984 überquerten Sie gar den Atlantik. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Kittinger: Meine ersten Flüge waren für die Forschung, mein Flug über den Atlantik dagegen war zum Spaß. Ein Abenteuer, das niemand zuvor gemacht hatte. Ich hatte das jahrelang geplant, bis ich endlich einen Sponsor gefunden hatte. Mit der Atlantik-Überquerung wollte ich beweisen, dass man weite Strecken im Ballon zurücklegen kann. Mein eigentliches Ziel war jedoch, alleine um die Welt zu fliegen. Leider habe ich dafür nie einen Sponsor gefunden.

einestages: Ärgert Sie das?

Kittinger: Ja, es war die letzte große Herausforderung für Ballonfahrer.

einestages: Zurück zu Ihrem berühmtesten Ballonflug von 1960. Fast genau 50 Jahre danach könnte der österreichische Extremsportler Felix Baumgartner Ihre alten Rekorde brechen. Er möchte bald aus 36 Kilometern abspringen und dabei die Schallmauer durchbrechen. Wären Sie traurig, wenn Ihr Rekord fällt?

Kittinger: Nein. Rekorde sind dazu gemacht, um gebrochen zu werden. Ich unterstütze Felix Baumgartner seit zwei Jahren als Berater. Das hat mir sehr viel Freude bereitet und ich bin sehr zuversichtlich, dass Felix es schaffen wird.

Das Interview führte Christoph Gunkel

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Hilmar Schmundt 10.10.2012
Hier der Meister im O-Ton: http://www.youtube.com/watch?v=rpJjpnvB4hM&feature=player_embedded
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