Familiengeheimnisse Mutti und das Ministerium

Familiengeheimnisse: Mutti und das Ministerium Fotos
Marko Schubert

Mama ist die Beste! Am Muttertag sagt das jeder, und auch Marko Schubert wusste es, als er für sie eine Rede vorbereitete. Dann fand er ein mysteriöses Foto - und plötzlich fragte er sich: Wie gut kennt man eigentlich die Frau, die daheim kochte, putzte und bügelte?

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 13 Kommentare
    4.0 (40 Bewertungen)

Meine Mutter wurde 70 Jahre alt. Schon Monate vorher war sie fix und fertig, so sehr beschäftigte sie sich mit dem großen Ereignis. Ich versuchte, sie zu beruhigen und vermittelte ihr das Gefühl, dass wir gemeinsam eine wirklich tolle Feier organisieren würden. Gleichzeitig nahm ich mir vor, eine kleine Rede zu halten.

Ich liebe meine Mutti. Bis ich mir mit 19 meine erste eigene Wohnung suchte, zog sie die Fäden in meinem Leben. Nach einer 42-Stunden-Woche wusch sie die komplette Wäsche, bügelte, kochte, reinigte die Wohnung, schmierte uns die Stullen und reihte sich freitags in die Schlange beim Fleischer ein. Sie kaufte unsere Lebensmittel, kümmerte sich um die Finanzen, beantragte den Telefonanschluss, organisierte die Anmeldung für den ersten Trabi und die Urlaube in FDGB-Ferienheimen. Sie ging zu Elternabenden und ließ uns abends ein Wannenbad ein, begleitete uns zur FDJ-Aufnahme und zum Frisör. Meine Mutter war das mit Abstand wichtigste aller Familienmitglieder; das wollte ich an ihrem 70. Geburtstag würdigen. Doch reichten diese Informationen für eine vernünftige Rede aus?

In unserem alten Kinderzimmer - dem jetzigen Esszimmer - nahm ich mir einige Fotoalben und begann zu blättern. Bereits nach wenigen Minuten stieß ich auf ein bemerkenswertes Bild: Ein schwergewichtiger Mann mit Doppelkinn überreichte ihr freudestrahlend einen riesigen Blumenstrauß und gratulierte ihr ebenfalls zu einem Geburtstag. Den Kerl kannte ich doch!

Auf dem Foto war Alexander Schalck-Golodkowski, der gewiefte Devisenbeschaffer der DDR.

Puzzleteile

Als ich meine Mutter darauf ansprach, reagierte sie brüskiert: "Aber das weißt du doch, dass der Alex die Rede zu meinem 50. gehalten hat!"

Nein, wusste ich nicht.

Zwei Dinge dämmerten mir langsam: Zum einen hatte fast ausschließlich mein Vater im Mittelpunkt des Familieninteresses gestanden, zum anderen musste ich nun 20 Jahre später gegen eine Rede von Schalck-Golodkowski antreten. Gegen den Alex!

Ich stöberte weiter und konnte immer mehr Puzzleteile aus meiner Erinnerung zusammensetzen. In meiner Kindheit wirkte meine Mutti nach außen oft arrogant. Der Grund dafür wurde mir erst jetzt wieder klar: Sie kommt aus Sachsen! In der Hauptstadt waren diese Landsleute alles andere als gern gesehen.

Für Berliner waren die Sachsen böse Menschen. Sie hatten uns den nuschelnden Leipziger Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht beschert, konnten besonders in und um Dresden kein Westfernsehen schauen und verständigten sich deshalb auch in dieser unverständlichen Sprache. Sie waren Leute aus Gummi-, Plaste- und Bergwerken; das wirklich Allerletzte. Ein wichtiger Teil ihres Lebensinhaltes bestand darin, ihre Herkunft zu verheimlichen.

Meine Mutter schlüpfte so gut in ihre neue Rolle als mondäne Berlinerin, dass sogar wir kleinen Jungs manchmal vergaßen, dass sie 1938 in Zwickau geboren worden war. Sie hatte dort die Bombenangriffe des Zweiten Weltkrieges erlebt, die Gründung der DDR und den Mauerbau 1961. Mit 27 machte sie sich auf in die Hauptstadt. Ab und zu fuhren wir noch nach Sachsen zurück, um dort meine Oma - ihre Mutter - zu besuchen, die dort in der Siedlung "Glückauf" in einem verfallenen Reihenhaus direkt an einem ehemaligen Steinkohlebergwerk wohnte.

Auch wenn es tagsüber in Zwickau sehr schön war, wir an den Hängen des ehemaligen Bergwerks spielten, mit alten ausrangierten Schrottautos so taten, als ob wir selbst fuhren, auf riesige Bäume kletterten, die schwerhörige Oma mit ungeheuerlichen Schimpfwörtern bombardierten, die komplette Nachbarschaft mit sächsischem Dialekt nachäfften - wir freuten uns jedes Mal auf unsere 54 Quadratmeter große Neubauwohnung in Berlin-Friedrichshain. Meine Mutter freute sich am meisten.

Zwei Herren vom Ministerium

Wenn ich mir überlege, dass meine Mutter nach dem Krieg zur Dreherin im VEB Horch Automobilewerk, dem späteren "VEB Sachsenring", ausgebildet wurde, muss ich noch heute über die verfehlte Personalpolitik der DDR lachen. Denn diese Frau war alles andere als eine Metallarbeiterin. Sie war klein und zierlich, hatte feine Hände und interessierte sich schon immer für die etwas anspruchsvolleren Dinge des Lebens. Früh genug allerdings wurde sie zur Sekretärin umgeschult und fuhr mit der Deutschen Reichsbahn in die weite Welt. Über Strausberg kam sie nach Berlin und zog in eine kleine Hinterhauswohnung zur Untermiete nach Prenzlauer Berg.

Dort klingelten eines Tages zwei Herren und fragten, ob sie denn nicht als Sekretärin im Ministerium des Außenhandels arbeiten wollte. In der DDR gab es damals eine wesentlich höhere Nachfrage nach gutem Fachpersonal, als das Angebot hergab. Trotzdem war das wiederum eine ungewöhnliche Art, an einen neuen Job zu gelangen.

Von ihrem Bruder wurde sie fortan nur noch als das "gnädige Fräulein" beschimpft. Denn für Sachsen wiederum waren Berliner böse Menschen. Sie hatten kein Respekt vor Walter Ulbricht, konnten ungehindert Westfernsehen schauen und verständigten sich deshalb auch in dieser komischen Sprache. Sie waren Leute aus Ministerien, Staatsapparaten und Kasernen; das wirklich Allerletzte.

Die Rache meiner Mutter

Aber Mutti ließ ihre Verwandtschaft im fernen Süden jetzt spüren, wer es zu etwas gebracht hatte und dem dörflichen "Zwicke" entkommen war. Dies war der Zeitpunkt, als ihr großer Rachefeldzug begann. Sie schickte ihnen Fresspakete!

Wenn die Sippe meiner Mutter aus der Trabistadt zu Besuch kam, war das für meinen Bruder Benny und mich ein Fest der Schadenfreude. Mit beeindruckender Naivität liefen sie in ihren "Assi-Tramps" (Lederschuhen), Jesus- oder Römerlatschen durch unser Berlin und fragten uns Löcher in den Bauch. Als Beweis für ihre daheim gebliebenen Kollegen und Nachbarn mussten sie alles fotografisch festhalten. Sie nahmen die Bushaltestellen, die Auslagen der Kaufhallen, Vaters Turnschuhe, die Berliner "Specki"-Tonnen, Laternen, das Hochhaus am Leninplatz, Parkplätze, den Fahrstuhl und sogar die großen Rouladen im Schnellkochtopf auf. Mein Onkel bewunderte unser Toilettenpapier, den Müllschlucker und fand den Ton unserer Türklingel beeindruckend.

Als Kinder konnten wir nicht fassen, dass viele dieser Dinge bei ihnen ganz anders aussahen und es einiges davon - trotz existierender Delikatläden und eines Intershops in Zwickau - gar nicht oder selten gab. Wir ahnten nicht, dass wir Berliner ziemlich privilegiert waren.

Meine Mutter genoss jede Sekunde dieser Besuche in vollen Zügen. Eine abfällige Bemerkung von ihr folgte auf die nächste: "Mensch Bodo. So blöd kann man doch gar nicht sein!" - "Also wirklich Edeltraut, ihr wisst nicht, wie das schmeckt?" - "Kinder, wollt ihr dem Jörg nicht mal das Wellenbad zeigen?" Wir machten natürlich mit bei dem Komplott und streuten reichlich Salz in die vielen offenen sächsischen Wunden. Wir präsentierten die perfekte Konsum- und Spaßgesellschaft - wir waren die Wessis des Ostens! Mutter schickte Weihnachten weiterhin Dosenfrüchte, "Spee"-Waschmittel und Schweizer Käse in den Süden der Republik.

Informationsvorsprung

Doch das luxuriöse Leben hatte auch seine Schattenseiten. Fast jeden Tag kam sie geschafft aus ihrem "KoKo"-Ministerium, also der Abteilung Kommerzielle Koordinierung in der Wallstraße nach Hause und erzählte von ihren Kollegen. Irgendwann kannten Benny und ich jeden einzelnen Namen. Doch da wir die wenigsten jemals zu Gesicht bekamen, stellten wir uns diese in unserer Fantasie vor. Frau B. und Frau K. gehörten ebenso wie Herr V. und Herr S. zu unseren allabendlichen Gesprächsthemen.

Bei der KoKo musste es wohl ziemlich hoch hergehen. Besonders wenn Mutter etwas für den Alex (in Vertretung für die eigentliche Chefsekretärin) machen musste, ging die Post ab. Sie erzählte, dass sie ganz eilig einen Wirtschaftsbericht ohne Fehler mit der Schreibmaschine tippen sollte. Es hieß dann, dass der Alex mit diesen Papieren zum Günter müsse. Erst später wurde mir klar, dass damit der DDR-Wirtschaftsminister Günter Mittag gemeint war.

Meine Mutter hatte gegenüber 16 Millionen Einwohnern einen Informationsvorsprung, wusste immer, wann und wo es "Bückware", also begehrte Produkte, die heimlich unter dem Ladentisch verkauft wurden, gab. Die Orte sprachen sich aber so schnell herum, dass sich vor den jeweiligen Geschäften trotzdem riesige Schlangen bildeten. Doch für kleinen Geldschein als Dankeschön ließ sie für uns Bananen, Föhne, Toaster und die Kaffeemaschine für 185 Mark zurücklegen - plus eine für die bucklige Verwandtschaft in Sachsen.

1989 tippte sie ein letztes Mal für den Alex und seine Kollegen und sah bereits im Jahr darauf ihren ersten echten Computer bei ihrem neuen Arbeitgeber am Westberliner Ku'damm. Da meine ach so privilegierte Mutter als Sekretärin die größte Zeit ihres Lebens lächerliche 600 DDR-Mark (brutto) verdient hatte, bekommt sie heute eine kümmerliche Rente. Um ein paar Euro dazu zu verdienen, schlafen deshalb seit Jahren öfter niedliche Austauschschüler aus Holland und Frankreich bei ihr. Sie ist ja nicht blöd - sie ist Berlinerin!

An ihrem 70. Geburtstag hatte ich genug Stoff für eine Rede zusammen, doch als sich die Gäste nach einigen Gläsern Sekt und bei fragwürdiger Musik ("Ja lebt denn der alte Holzmichel noch?") in richtig gute Stimmung schunkelten, verwarf ich meinen Plan wieder. Ich ging einfach nur zu ihr herüber und nahm sie stolz in die Arme.

Zum Weiterlesen:

Mark Scheppert: "Der Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens. 30 vergnügliche Geschichten aus dem Alltag der DDR." Books on Demand GmbH, Norderstedt 2009, 228 Seiten.

Das Buch erhalten Sie bei Amazon.

Artikel bewerten
4.0 (40 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Gudrun Glaeser, 13.05.2012
Bei der beschriebenen Arbeitsstelle der Mutter und den damit verbundenen Kontakten, Kenntnissen und Vorteilen stellt sich mir die Frage, in welchen Dienste Ihre Mutter -außer der Parteizugehörigkeit- verstrickt war. Ich bin auch fast 70 Jahre alt, in Sachsen geboren und kenne die ehemalige DDR sehr gut!
2.
Verena Teller, 14.05.2012
Mir egal, in was Ihre Mutter verstrickt war. Ich bin halb so alt, kenne die DDR fast gar nicht und sehe hier in erster Linie die - mMn gelungene - Hommage an die eigene Mutter. Schön geschrieben!
3.
Michael Ullrich, 14.05.2012
Schein und Sein in der DDR eben. Sogar der "Edelstahl"-schnellkochtopf war damals aus Aluminium. Wirklich, ich hab noch so einen.
4.
max muetze, 14.05.2012
Bin ich der einzige der das Gefühl hat, der Autor habe auf einem anderen Stern gelebt? Vielleicht hatte er auch nur grenzdebile Verwandtschaft, die über einen Schnellkochtopf staunte, der sich in jedem 3. DDR-Haushalt befand. Und die Aufzüge fotografierte, welche man dank der Normierung der Neubauten auch in anderen Orten finden konnte. Ich wurde als Baby nach Randberlin "verschleppt", wo ich aufwuchs, und war oft genug in der Hauptstadt. Vielleicht gab es dort etwas häufiger Bananen. Aber sonst? Meine Erfahurng war, dass man einfach viel rumkommen musste, um Begehrtes zu erhalten. In Berlin, wo sich viele das Einkaufsglück erhofften, fand ich es eher selten. Dafür öfter in Dresden, Leipzig, Jena oder Erfurt. Für mich war die schönste Zeit jene Ferientage, an denen ich meine Verwandtschaft in Dresden besuchen konnte. Auch wenn ich auf das gewohnte Westfernsehen verzichten musste. Ja, dort sprach man eine andere Sprache. Verbunden mit einer wesentlich angenehmeren Mentalität. Zu der gehörte, dass es weniger Schwätzer und Selbstdarsteller als in der offenen Irrenanstalt namens Berlin gab.
5.
Norbert Voßiek, 14.05.2012
"kein Respekt" kann auch nur einem Berliner passieren...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH