Familiengeschichte Adolf und seine Söhne

Der Großvater schrieb über die sittlichen Gefahren des Radfahrens, der Sohn über Kampfflieger, der Enkel wollte Landwirt werden. Henryk M. Broder über eine deutsch-jüdische Familie auf dem Weg vom Kaiserreich in den Judenstaat.

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"Je älter ich werde, umso klarer werden die Erinnerungen", sagt Adin Talbar, während er die Unterlagen für eine Reise zur Internationalen Funk Ausstellung zusammensucht: Ticket, Pass, Kreditkarten, Ersatzbrille, Handy. "Wo hab ich nur mein Adressbuch hingelegt?" Das Kurzzeitgedächtnis setzt manchmal aus, dafür funktioniert das Langzeitgedächtnis wie ein Computer, der im Stand-by-Modus nur darauf wartet, aktiviert zu werden. "Ich fahre gerne nach Berlin, aber ich komme auch gerne wieder zurück nach Jerusalem." Mit 86 fällt ihm das Reisen nicht mehr ganz so leicht wie noch vor 10 oder 20 Jahren, aber ob er von Jerusalem nach Tel Aviv oder gleich nach Berlin fährt, macht keinen großen Unterschied aus.

Adin Talbar ist ein Berliner. 1921 in Wilmersdorf geboren ("Ecke Uhlandstraße und Hohenzollerndamm"), besuchte er erst eine jüdisch-zionistische Schule und danach das Goethe Realgymnasium, bevor er 1935 mit seinen Eltern in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina auswanderte. Zu der Zeit hieß Adin ("der Sanfte") auch noch Max Michael und mit Nachnamen Theilhaber. Vater Felix Aaron Theilhaber war in Berlin ein bekannter Arzt und wollte auch in der neuen Heimat in seinem Beruf weiter arbeiten. "Er machte gleich eine Praxis auf, aber es kam niemand." Denn allein in den Jahren von 1933 bis 1935 wanderten über 1000 Ärzte aus Deutschland in Palästina ein, bei einer jüdischen Bevölkerung von gerade 350.000. Viele Mediziner waren froh, wenn sie als Busfahrer oder beim Hausbau Arbeit fanden, wo sie eher durch gute Manieren als durch Fachkenntnisse auffielen: "Bitte schön, Herr Doktor; danke schön, Herr Doktor."

Lawrence von Arabien zum Vorbild

Solche Mühsal blieb dem Arzt Felix A. Theilhaber erspart, denn er hatte 4000 britische Pfund aus Deutschland mitgebracht, die er so klug anlegte, dass die Familie von den Zinsen leben konnte. "Damals hat ein Polizist fünf Pfund im Monat verdient, und 20 Pfund waren ein Spitzeneinkommen."

Sohn Adin war noch keine 18, als er sich zur Trans Jordan Frontier Force meldete, einer von Briten kommandierten Grenztruppe, wo man ihm das Morsen beibrachte. "Ich wollte lieber reiten lernen, ich war verrückt auf Pferde und sah mich schon als der zweite Lawrence von Arabien." Nach vier Monaten hatte er genug, vor allem deswegen, "weil es täglich nur Huhn zu essen gab", ging nach Jerusalem und fand eine Stelle als "Schreiber" in der Mandatsverwaltung. Aber auch da hielt er es nicht lange aus.

Wenn er schon nicht als deutscher "Lawrence of Arabia" reüssieren konnte, wollte er wenigstens ein "Kibbutznik" werden. Im Kibbutz "Mischmar Ha-Emek" bei Haifa, einer Hochburg des angewandten Sozialismus, lernte er Landwirtschaft, ging für ein Jahr nach England an das Regent Street Polytechnic und heuerte nach der Rückkehr wieder bei den Briten an, bis er beschloss, Journalist zu werden. Er schrieb kleine Artikel für eine Wochenzeitung und las Korrektur für eine Illustrierte.

1942 wurde er Landesmeister im 800-Meter-Lauf, im selben Jahr trat er dem Palestine Regiment der britischen Armee bei. "Mein Vater war Offizier im Reichsheer, ich wollte Offizier bei den Briten werden." Als er im Herbst 1944 mit den Briten in Italien an Land ging, war er immerhin schon Second Lieutenant. Die letzten Kriegswochen verbrachte er in einem britischen Gefängnis in Bielefeld, weil er ohne Erlaubnis nach Deutschland gereist war, um über das Leben in dem besiegten Land Artikel für die Palestine Post zu schreiben. "Ich bekam einen Verweis wegen Verletzung der Disziplin."

Deutsch aus Bequemlichkeit

Nach der Staatsgründung diente Adin zwei Jahre in der israelischen Armee, studierte Ökonomie an der Jerusalemer Universität und arbeitete sich im Staatsdienst hoch. Er diente als Gesandter in Montreal und Washington und war stellvertretender Direktor im Handels- und Industrieministerium, als er sich 1975 mit "Adin Talbar Associates" selbständig machte. Seitdem berät er israelische Firmen, die nach Partnern im Ausland suchen und stellt "Pakete" für auswärtige Messen zusammen, u.a. die Internationale Tourismus-Messe in Berlin und die "CommunicAsia" in Singapur, an der in diesem Jahr zwei Dutzend israelische Firmen teilgenommen haben.

"Anfangs exportierten wir Avocados und Orangen, später Textilien, heute ist es High-Tech."

Er habe, sagt Talbar, noch nie darüber nachgedacht, was aus ihm geworden wäre, hätte seine Familie Deutschland nicht verlassen müssen. "Ein Sportler, vielleicht." Er trägt keinen Groll in sich, denn das Exil war auch eine Chance und Erfahrung. Talbar hat die Deutsch-Israelische Gesellschaft in Jerusalem mitgegründet, das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse verliehen bekommen und 1975 wieder die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. "Nicht aus Patriotismus, aus Bequemlichkeit." Es reist sich leichter mit einem deutschen Pass.

1959, ein Jahr nach dem Tod des Vaters, hatte er seinen deutschen Namen hebraisiert. "Ich fand, Talbar klingt besser als Theilhaber, außerdem bedeutet es 'der Tau auf dem Felde'." Doch vor kurzem ließ er seinen israelischen Personalausweis wieder umschreiben. Jetzt heißt er amtlich Talbar-Theilhaber. "Damit der Name bleibt, wenn ich nicht mehr da bin."

"Die Gefahren des Velocipedierens"

Denn Talbar klingt zwar schöner, aber Theilhaber - das ist Geschichte.

Adins Großvater hieß mit Vornamen Adolf, ein damals unter Juden sehr beliebter Name, stammte aus einer fränkischen Viehhändler-Familie und war Arzt, genauer: Gynäkologe. Er schrieb medizinische Fachbücher über "Die Entstehung und Behandlung der Karzinome", "Die Bekämpfung der Krankheitsdisposition als Heilmethode", hatte aber auch ein Faible für weniger akademische Fragen, die Ende des 19. Jahrhunderts heftig diskutiert wurden, wie z.B. "Die Gefahren des Velocipedierens für die Gesundheit". Wobei es speziell darum ging, ob "durch die Friction der Genitalien mit dem Sattel Libido sexualis entstehe", wie er es 1896 in der "Münchner Medizinischen Wochenschrift" formulierte. Theilhaber entschärfte das Problem, indem er es verlagerte: "Directe, während des Radfahrens durch den Sattelknopf absichtlich bewirkte masturbatorische Frictionen dürften, wenn überhaupt, doch nur von solchen Frauen vorgenommen werden, welche schon so verdorben sind, dass ihre Moral auch durch das Radfahren nicht mehr geschädigt werden kann."

Hofrat Dr. med. A. Theilhaber war auch Vorsitzender des Daniel-Bundes e.V., der sich die "ethische Erneuerung des Judentums" zum Ziel gesetzt hatte, unter anderem durch die Gründung jüdischer Kleingarten-Anlagen.

Adolf Theilhabers Sohn Felix Aaron, 1884 in Bamberg geboren, trat in die Spuren seines Vaters und wurde ebenfalls Arzt, genauer: Dermatologe. Zusammen mit Magnus Hirschfeld und Wilhelm Reich gehörte er zu den Pionieren der "Sexualreformbewegung", agierte und agitierte er für Geburtenkontrolle und gegen die Kriminalisierung von Abtreibung und Homosexualität. Und er schrieb, ein Buch nach dem anderen. 1911 erschien "Der Untergang der deutschen Juden", eine volkswirtschaftliche Studie über die Folgen der Assimilation; 1913 "Das sterile Berlin", eine ökonomische Analyse des Geburtenrückgangs; 1924 "Dein Reich komme!", ein Roman aus der Zeit Rembrandts und Spinozas; 1929 "Goethe. Sexus und Eros", eine literarische Psychoanalyse des großen Dichters; 1931 "Schicksal und Leistung", über Juden in der deutschen Forschung und Technik; 1936, ein Jahr nachdem er Deutschland verlassen hatte, "Im Kampf um Gott, Volk und Land. Geschichte der Juden in Erez Israel von 1300 v.Chr. - 300 n.Chr."; nebenbei gab Theilhaber - "in leicht verständlicher Sprache geschrieben und sauber gedruckt" - die Schriftenreihe "Beiträge zum Sexualproblem" heraus und edierte einige Jahre "Palästina", eine "Monatsschrift für die wirtschaftliche Entwicklung Palästinas".

Trotzki im Nachlass

All das hätte er vermutlich von Berlin aus bis an sein Lebensende getan, wenn die Nazis ihm bei dem Übergang von der Theorie zur Praxis nicht geholfen hätten. Wobei es keine Rolle spielte, dass er als Offizier im Ersten Weltkrieg gedient hatte. Dr. Theilhaber verlor seine Zulassung als Arzt, lernte ein KZ von innen kennen und hatte doch Glück im Unglück, weil er Deutschland rechtzeitig verlassen konnte.

In Palästina gründete er mit anderen Ärzten, die aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei gekommen waren, die "Kupat Cholim Maccabi", eine private Krankenkasse mit freier Arztwahl, als Alternative zu der gewerkschaftseigenen Kasse, "in der nach dem sowjetischem Prinzip verfahren wurde", erinnert sich Adin Talbar. "Die Vorbereitungen fanden in unserer Wohnung statt, bei den Sitzungen wurde deutsch gesprochen." Als Theilhaber 1958 starb, hatte die Kupat Cholim Maccabi 30.000 Mitglieder, heute sind es einige Hunderttausend.

Auch in Palästina blieb Felix Theilhaber ein deutscher Arzt und Schriftsteller. 1946 erschien in der "Olympia Edition" von Martin Feuchtwanger, dem Bruder von Lion Feuchtwanger, das Buch "Judenschicksal - Acht Biographien" über Friedrich Lassalle, Alfred Dreyfus, Otto Weininger, Rosa Luxemburg and andere Juden, die Geschichte geschrieben haben. Sein letztes Buch, über Leo Trotzki, liegt unveröffentlicht als Manuskript in seinem Nachlass.

Das Buch aber, das am häufigsten mit Theilhabers Namen assoziiert wird, ist ein schmaler Band von 124 Seiten mit dem Titel "Jüdische Flieger im Weltkrieg"; es erschien 1924 und war dem "Reichsbund jüdischer Frontsoldaten" gewidmet.

Nächstes Jahr sollen die "jüdischen Flieger" in Israel auf Hebräisch erscheinen, herausgegeben von Adin Talbar-Theilhaber. Zum 50. Todestag seines Vaters und 60. Geburtstag des Staates Israel, wo sich niemand mehr darüber wundert, dass Juden Flugzeuge fliegen und kämpfen können.



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
Michael Buchholz, 11.11.2007
1.
Langweiliger geht's nimmer, Herr Broder. Muss man jetzt damit rechnen, demnächst noch mehr jüdische Biografien zu lesen, die keinerlei historische Relevanz haben, oder gehört das zur Lobbyarbeit?
Frank Baumann, 13.11.2007
2.
Keine Relevanz? Ich finde durchaus, dass die erzwungene Auswanderung deutsch-jüdischer Familien von historischer Relevanz ist und an dem Beispiel der Theilhabers interessant und lebensnah dargestellt wurde.
Rainer Schinzel, 13.11.2007
3.
>keinerlei historische Relevanz? Darf ich aus Ihrer Anmerkung schließen, daß Sie wenig aus der Geschichte gelernt haben, im Gegensatz zu Herrn Broder?
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