Fankrawalle damals Steinhagel und Limonadenflaschen

Prügelnde Fans und Spiele, die zu Gewaltexzessen ausarten - eigentlich sollte der Fußball einmal die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen in einen geregelten Wettstreit auf dem Sportplatz kanalisieren. Doch schnell zeigte sich, dass es auch andersherum funktioniert

Andreas Wittner

Mit der Pädagogik war es zu Kaiser Wilhelms Zeiten nicht weit her. Das autoritäre Schulsystem im wilhelminischen Deutschland löste bei Jugendlichen allerhand latente Aggressionen aus - um die abzubauen, schickten selbst Schulmeister hoch angesehener Lehranstalten ihre Schüler einfach in die Wälder. Dort überließ man sie sich selbst, damit die Jugendlichen mittels Räuberspielen "überschüssige Kräfte" loswürden.

An "die jährlichen Kämpfe der vereinigten Schulen gegen die Volksschüler in den Straßen der Vorstädte, bei denen auf der einen Seite ausgiebiger Gebrauch von Steinen, auf der anderen gute Knüppel und forsches Draufgehen die Hauptwaffen bildeten", erinnerte sich Philip Heineken, 1900 erster Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Solche Schlachten "endeten meistens mit blutigen Köpfen auf beiden Seiten und dem Dazwischentreten eines großen Aufgebots der Polizei", so Heineken.

Dass der Fußball in Deutschland in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts so rasant an Popularität gewann, hatte auch damit zu tun, dass Kicken als Möglichkeit betrachtet wurde, die Umtriebigkeit und latente Gewaltbereitschaft vieler Jugendlicher in geordnete Bahnen zu lenken. Lieber sollten die Jugendlichen nach festen Regeln und unter Aufsicht eines Schiedsrichters auf dem Bolzplatz einem Lederball nachjagen, als in Wald und Flur andere Pennäler zu verprügeln. Mit etwas Förderung von oben wurden so aus 160.000 DFB-Aktiven im Jahre 1913 bis 1920 über 750.000 Mitglieder. "Alle diese rauen Unterhaltungen verschwanden mit der Errichtung des Fußball-Clubs", resümierte Heineken, der 1893 selbst den Cannstatter Fußball-Club mitgründete.

Wo sich das sächsische Gemüt austobte

"Wir werden uns noch auf dem Fußballfeld treffen, alle anderen Kampfstätten und Schlachtfelder sind Orte für Irrsinnige", schrieb der Dramatiker Georg Kaiser in den Dreißigern. Doch die Logik, dass Fußball zur Friedfertigkeit erziehe, erwies sich in der Praxis bald als nicht durchgehend belastbar. Vor allem die Zuschauer schienen sich ihr zu entziehen. Immer öfter kam es schon in den zwanziger Jahren zu teils schweren Ausschreitungen unter - wie man heute sagen würde - Fans. Zeitgleich wurden neue, größere Stadien gebaut, von denen sich manche angesichts der Popularität des Fußballsports schon bei ihrer Eröffnung als zu klein erwiesen.

Das Leipziger VfB-Stadion etwa, 1922 für 40.000 Zuschauer erbaut, wurde bereits beim zweiten Spiel - es handelte sich um die Wiederholung des Meisterschafts-Finales - von 60.000 Zuschauern gestürmt. "Um 3 Uhr waren die Massen an der Kurve hinter dem oberen Tor nicht mehr zu halten", notierte ein zeitgenössischer Sportberichterstatter zu den Umständen des Spiels zwischen dem Hamburger SV und dem 1. FC Nürnberg: "Mit Indianergebrüll stürzten die etwa fünftausend Menschen in den Platz und belagerten das obere Tor.... Fast gleichzeitig brachen die entfesselten Massen am unteren Tor in das Spielfeld ein... Plötzlich sauste der erste Stein durch die Luft. Im gleichen Moment schwirrte ein Steinhagel. Dann kamen leere und gefüllte Limonadenflaschen gesaust. Eine wilde Panik entstand."

In manchen Zeitungsberichten war von Hunderten von Verletzten die Rede. "Als dann einige Opfer von den Sanitätern vorbeigetragen und ein Mann mit blutüberströmtem Gesicht vorbeigeführt wurde, hat sich das 'sägsche Gemied' ausgetobt, und die Sitzplatzinhaber schwebten nicht mehr in Lebensgefahr", berichtete besagter Journalist. Die explosive Stimmung unter den Zuschauern übertrug sich auch auf die rivalisierenden Mannschaften auf dem Spielfeld. Das schließlich unentschiedene Match ging als eines der unfairsten Endspiele in die deutsche Fußballhistorie ein - für das Jahr 1922 führt der DFB keinen Deutschen Meister.

Rassismus auf den Rängen

Auch Rassismus auf den Rängen ist beileibe kein neues Phänomen. Der Berliner Korrespondent des "Kicker" beklagte Ende 1927 nach einem Spiel zwischen den Berliner Klubs Tennis Borussia (TeBe) und Viktoria die "hässlichen Nebenerscheinungen". Es sei "eigentlich seltsam, dass alle Spiele Viktoria-TeBe mit einer unerhörten Schärfe ausgetragen" würden und das Publikum "besonders gegen TeBe in einer Weise Stellung nimmt, die nachdenklich stimmen muss". Der Journalist griff damit ein Tabu-Thema in der Sportberichterstattung auf, denn Tennis Borussia war in dieser Zeit der Berliner Verein mit den meisten jüdischen Mitgliedern; TeBe wurde damals - und wird auch heute noch gelegentlich - als Judenverein beschimpft. Ironie der Geschichte: Trainer von TeBe war damals Sepp Herberger, der 1933 in die NSDAP eintrat und dann ab 1936 die Nationalmannschaft des "Dritten Reichs" trainierte.

Zum Spielabbruch führten Zuschauerausschreitungen, als am 1. Mai 1932 Eintracht Frankfurt und der FC Bayern München im Kampf um die Süddeutsche Meisterschaft aufeinander trafen. Nach einer umstrittenen Schiedsrichterentscheidung stürmte das Publikum kurzerhand den Platz. "Die Spieler beider Mannschaften... und der Platzschutz des VfB versuchen [Schiedrichter] Glöckner unversehrt in die Kabine zu bringen, aber ein Stock und ein Stuhl sind auf den Pirmasenser niedergesaust", berichtete ein Reporter. "Seine spätere Abholung geschieht unter dem Schutz des Überfallkomandos." Der Erste Vorsitzende des gastgebenden VfB Stuttgart wurde mit dem Messer bedroht, die Mitglieder der Rettungsaktion für den Schiri trugen sämtlich "mehr oder minder deutliche Spuren des Kampfes" davon.

Bis heute müssen Deutschlands Fußballplätze als Austragungsort für die alten Dorfschlachten herhalten. Dort, jenseits der Seitenlinien der Spielfelder, herrscht in bestimmten Gruppen nach wie vor eine latente Gewaltbereitschaft, die sich bis in die Niederungen der Kreisklasse an den Emotionen des Spieles jederzeit neu entzünden kann.



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