Faszination Ironman Die Hölle von Hawaii

Faszination Ironman: Die Hölle von Hawaii Fotos
dpa/Uwe Anspach

Am Anfang stand die Frage: Wer hat die größte Lungenkapazität? Aus einem Fun-Wettbewerb wurde brutalster Langstrecken-Triathlon. Mit Thomas Hellriegel gewann 1997 erstmals ein Deutscher den Ironman auf Hawaii. Hajo Schumacher über die Geschichte des härtesten Ein-Tages-Rennens der Welt. Von

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Sie sind die Härtesten der Harten, die Verrücktesten der Verrückten, die Gladiatoren des modernen Profisports. Vielen von ihnen droht dennoch das Vergessen. Denn nur den Allerbesten wird die Ehre eines Kampfnamens zuteil. Mark Allen, der sechs Mal das legendärste Rennen der Welt gewann, hieß nur "The Grip", weil er seine Gegner so fest im Griff hatte. Nur einen nicht: Dave Scott. Ihn nannten sie voller Ehrfurcht "The Man". Auch er hat sechs Mal gesiegt.

Mitte der neunziger Jahre wirbelte plötzlich ein junger Badener die Weltspitze durcheinander, weil er auf dem Rennrad allen davonfuhr. "Hell on wheels" riefen sie Thomas Hellriegel - "Hölle auf Rädern". 1995 und 1996 wurde er Zweiter. Im Jahr darauf war es endlich soweit: Hellriegel gewann als erster Deutscher, vor seinen Landsleuten Jürgen Zäck und Lothar Leder. Es war das Jahr der Deutschen. Zu dritt dominierten sie nicht irgendeinen Triathlon, sondern eine weltweit einzigartige Wasser-, Wind- und Hitzeschlacht: den Ironman auf Hawaii.

"Triathlon": Fun im Scheinwerferlicht

Am Anfang dieses jungen gleichwohl weltweit populären Wettbewerbs stand die schlichte Frage: Wer hat die bessere Kondition? Schwimmer, Läufer oder Radfahrer? Darüber diskutierten Athleten 1978 im Ziel des "Oahu Perimeter Relay", einem Staffelrennen. Der Navy Offizier John Collins merkte an, dass der belgische Radprofi Eddy Merckx über die größte jemals gemessene Lungenkapazität verfüge. Schwimmer und Läufer widersprachen. Collins schlug ein Rennen vor, das die Streitfrage klären sollte.

Bereits vier Jahre zuvor hatte er in San Diego an einem Fun-Wettbewerb teilgenommen, den die Erfinder spaßeshalber "Triathlon" getauft hatten. Der Begriff fand sich in keinem Wörterbuch. Damals wurden sechs Meilen gelaufen, fünf Meilen geradelt und 500 Yards geschwommen. Weil der Wettbewerb in die Dunkelheit des Abends reichte, spendeten Autos, die am Rande der Strecke standen, mit ihren Scheinwerfern etwas Licht.

Die Distanzen von San Diego erschienen den Männern auf Hawaii nicht herausfordernd genug. Also kamen sie überein, drei Langstreckenwettbewerbe brutal zu addieren: den Waikiki Roughwater Swim über 3,86 Kilometer, das Around Oahu Bike Race (180 Kilometer) und den Honolulu Marathon (42 Kilometer). Praktischerweise lagen Schwimmziel und Radstart sowie Radziel und Marathonstart dicht beieinander: der Ironman war geboren.

Auf allen Vieren ins Ziel

Von 15 Startern erreichten bei der Premiere 1978 immerhin zwölf das Ziel. Es siegte Gordon Haller in 11 Stunden und 46 Minuten. Haller war weder Schwimmer, Radfahrer noch Läufer, sondern Taxifahrer. Ihm kam zu Gute, dass der in Führung liegende Soldat John Dunnbar wegen Wassermangels auf den letzten Versorgungsstationen Bier trank. Haller überholte den Schwankenden, der Zweiter wurde.

Die Heldengeschichten blühten Jahr für Jahr: 1982 überquerte die völlig ausgetrocknete Julie Moss die Ziellinie auf allen Vieren, womit sie ihren zweiten Platz rettete. Dieses dramatische Schauspiel animierte den Zuschauer Mark Allen, auch mal an diesem Wettbewerb teilzunehmen. Er sollte ein halbes Dutzend Mal gewinnen. Später heiratete er Julie Moss.

"Iron War": Scott vs. Allen

Unvergessen der "Iron War" 1989, als sich Scott und Allen über acht Stunden ein Kopf-an-Kopf-Rennen lieferten, das Allen erst an einem Hügel kurz vor dem Ziel für sich entschied.

Der Ironman wurde schlagartig bekannt, als 1979 ein Reporter des US-Magazins "Sports Illustrated" zufällig das bizarre Treiben der immerhin schon 50 Starter am Strand entdeckte. 1980 übertrug ABC bereits das Spektakel, ein Jahr darauf das ZDF.

Die Organisatoren konnten sich vor Anmeldungen und Sponsoren kaum noch retten. Weder Quallen und Haie im Pazifik, noch der heiße Wind auf der Radstrecke noch der Marathon bei bis zu 40 Grad Lufttemperatur konnten die Ausdauer-Freaks aus aller Welt schrecken.

Inzwischen ist der Ironman mit 25 weltweiten Qualifikationswettkämpfen ein weltweit eingetragenes Markenzeichen. Mitmachen darf längst nicht mehr jeder, sondern nur, wer die strengen Zeitvorgaben schafft.

Hellriegel auf der Spur: Stadler vs. Al-Sultan

Die Faszination ist ungebrochen und schafft ständig neue Helden. Mitte der neunziger Jahre etwa sah der junge Schwimmer Faris Al-Sultan im Fernsehen, wie Hellriegel auf dem Rad durch die Wüste jagte. Al-Sultan, der Junge aus München, war als Schwimmer gut, aber es fehlten die entscheidenden Millimeter zur deutschen Spitze. Außerdem fand er das Training langweilig. Also hatte er mit dem Laufen begonnen und erwies sich als Talent. Bald hatte er seinen ersten Marathon absolviert. Weil er mit 16 Jahren nach den Statuten der Veranstalter zu jung war, musste er seine Altersangaben frisieren. Noch bevor Thomas Hellriegel gewann, stand das Ziel von Faris Al-Sultan fest: Ironman. Der Sohn eines Irakers und einer Deutschen wollte es seinem Idol Hellriegel gleichtun: der Sieg auf Hawaii.

Doch ein anderer Deutscher kam ihm zuvor: Norman Stadler. Er brach den Rekord auf der Radstrecke, den Hellriegel seit Jahren hielt. 2005 dann gelang Al-Sultan der Sieg. Doch im Jahr darauf war Stadler wieder vorn. Womöglich entwickelt sich da ein Duell wie in den Anfangsjahren zwischen Scott und Allen, die sich gegenseitig zu Höchstleistungen peitschten. Beide sind noch relativ jung und bringen die wichtigste Voraussetzung mit, um ihr ganzes Leben in Badekappe, Radtrikot und Laufschuhen zu verbringen: Sie sind komplett verrückt.

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C.F. Romberg 15.10.2007
ein foto von katja schumacher waere nett...
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