Faszinierende Fünfziger Knutschkugeln und Zauberstäbe

Faszinierende Fünfziger: Knutschkugeln und Zauberstäbe Fotos

Papa fuhr Zündapp, Mama warf die Wäsche in den Vollautomaten: Das Lebensgefühl der Fünfzigerjahre war vor allem durch die Produkte geprägt, die der Wirtschaftswunder-Boom hervorbrachte. einestages über die Ikonen des Nachkriegsjahrzehnts, das den Fortschritt rasend schnell nach Deutschland brachte.

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Eine Familie sitzt am Wohnzimmertisch, ihre Gesichter sind trüb, und die Köpfe hängen. Es ist eine Trickfilmfamilie, Vater, Mutter, Sohn - und aus dem Off kommt eine Stimme, die das ganze Leid in einem Reim verpackt. Denn die Familie wünscht sich verzweifelt ein Auto, um in den Urlaub fahren zu können.

Doch der schönste Traum zerrinnt,

wenn zu Rechnen man beginnt.

Ohne Geld keine Welt, das scheint die Botschaft dieses Trickfilms aus den Fünfzigerjahren zu sein. Doch plötzlich fliegt die Familie durchs offene Fenster und landet in einem kleinen Auto, das aussieht wie eine Kugel auf Rädern. Am Ende des Films tuckert die Familie glücklich durch die Berge und kommt schließlich am Traumziel aller deutschen Urlauber an: in Italien.

Der Trickfilm ist eine Werbung für die BMW Isetta, ein Gefährt irgendwo zwischen Roller und Auto. Von 1955 bis 1962 wurde die "Knutschkugel" gebaut und bei den Verkaufszahlen nur noch vom Goggomobil übertroffen, einem anderen Kleinstwagen für jedermann. Beide wurden zu Ikonen eines Jahrzehnts, das Deutschland veränderte wie kein anderes: die Fünfziger. Und wenig spiegelt die Träume der Bundesbürger so wider wie der Isetta-Werbefilm: ein bisschen Wohlstand für alle, ein Auto und Urlaub - wenn nicht in Italien, dann zumindest an der Nordsee.

"Strom kommt sowieso ins Haus - nutz das aus!"

Das Deutsche Museum in München widmet diesem Jahrzehnt des Aufbruchs eine Sonderausstellung, die die Fünfzigerjahre vor allem als Dekade des technischen Fortschritts zeigt. Firmen wie Bosch, AEG, Miele oder Krups revolutionierten mit ihren Mixern, Staubsaugern, Wasch- oder Küchenmaschinen die Haushalte und vereinfachten das Alltagsleben, Fernseher von Nordmende und Telefunken veränderten es für immer. Und nach der Heimat eroberte Technik made in Germany nach und nach die ganze Welt.

Möglich wurde dieser Technik-Boom, weil die Kraftwerke mehr Energie produzierten als verbraucht werden konnte. Energie war billig, und auch Haushalte in abgelegenen Gebieten wurden nach und nach an das Stromnetz angeschlossen. Die Elektrizitätswirtschaft warb mit dem Slogan "Strom kommt sowieso ins Haus - nutz das aus!", und eine Imagekampagne zeigte den "modernen Menschen" als E-Junkie. Ein Mann wachte auf, schaltete erst das Licht ein, dann das Radio, die Kaffeemaschine, er ging ins Bad, um sich zu rasieren - "auch das natürlich elektrisch", wie die Off-Stimme betonte.

Familien in Berlin oder München oder Hamburg waren Mitte der Fünfziger zwar noch weit entfernt von den US-amerikanischen Hightech-Haushalten, doch viele neue Helferlein erleichterten auch das Leben der bundesdeutschen Hausfrau. Die Küchenmaschine HM/KA von Bosch konnte kneten, schlagen, häckseln. Der erste Bodenstaubsauger, der Miele "Modell A", hatte diverse Bürsten, Verlängerungen und Aufsätze.

Ritual vor dem Bullauge

Die elektrische Kaffeemühle von Krups 1956 verkaufte sich gleich im ersten Jahr eine Million Mal, der Handmixer "3Mix" war 1959 angeblich in jedem zweiten bundesdeutschen Haushalt vorhanden. Beide Produkte machten aus dem eigentlich auf Personen- und Haushaltswaagen spezialisierten Unternehmen einen Giganten der Fünfziger.

Der "Zauberstab" von ESGE machte die Brüder Gschwend und Spingler reich. Dabei war der erste Stabmixer der Welt eigentlich eine Schweizer Erfindung, die Deutschen erwarben 1954 das Patent. Die ESGE, die noch 1953 mit sieben Mitarbeitern Fahrradstützen produzierte, war 1955 schon zehnmal so groß und machte dank des "Zauberstabs" Millionenumsätze.

1951 wurde die erste vollautomatische Waschmaschine auf einer Messe in Düsseldorf vorgestellt. Die "Constructa" war eine Sensation, denn sie machte der Qual des Waschens mit ein paar Knopfdrücken ein Ende. Noch bis in die Vierziger hinein war das Reinigen der Wäsche ein Knochenjob gewesen. An festgelegten "Waschtagen" wurde der Schmutz einer ganzen Familie per Hand beseitigt - am Waschbrett. Das kräftezehrende Ritual wurde durch ein anderes ersetzt: das gemeinschaftliche Anschauen der sich monoton drehenden Wäschetrommel durch das Bullauge der "Constructa".

"Italien war nicht drin"

Erschwinglich war die Waschmaschine zunächst für wenige - genau wie der Fernseher. Nur 11.658 Geräte waren 1952 in der BRD angemeldet. Die Glotze, die die bundesdeutschen Familien wenige Jahre später für immer verändern sollte, war ein Privileg der Gutverdiener. Der Telefunken "FE 8 T" kostete astronomische 1000 D-Mark, was etwa zwei Monatsgehältern entsprach. Die Konkurrenz von Philipps konnte ihren "TD 1420" auch nicht günstiger anbieten. 36 Zentimeter - so viel (oder so wenig) maß die Bildschirmdiagonale der beiden Fernseher.

Was man im einzigen deutschen Fernsehsender NWDR zunächst sah, hatte mit der bundesdeutschen Realität wenig zu tun. Heimatfilme wie "Am Brunnen vor dem Tore" (1952) oder "Briefträger Müller" (1953) dominierten das Programm, bis 1954 die erste Familienserie auf Sendung ging: "Unsere nachbarn heute Abend - Familie Schölermann". Die erste Daily-Soap Deutschlands war erstmals nah an der Lebenswirklichkeit der Bevölkerung und erweckte sogar lange absichtlich den Eindruck, die Zuschauer würden das Leben einer "echten" Familie sehen und nicht Schauspieler.

Die Schölermanns waren ein Spiegel der bundesdeutschen Gesellschaft - und auch ihr Urlaub. "Italien war nicht drin für die Schölermanns und auch nicht für einen großen Teil der Bevölkerung. Der gemietete Campingwagen war schon eine Sensation, damit fuhr man dann an die Ostsee", erinnert sich Charles Brauer, der damals den ältesten Sohn Heinz spielte, im einestages-Interview. Noch Ende der Fünfziger hatte der durchschnittliche Arbeitnehmer in Deutschland nur 16 Urlaubstage zur Verfügung, eine Urlaubsreise machte laut dem Hamburger Historiker Axel Schildt gerade einmal ein Drittel der Familien, "in aller Regel zu inländischen Zielen". Weite Reisen seien ohnehin durch einen simplen Umstand erschwert worden: Einen Reisepass besaß nur jeder Fünfte.

Ein Käfer für 4600 D-Mark

Und doch sind die Fünfziger als Jahrzehnt der mobilen Revolution in Erinnerung, wie auch die Ausstellung im Deutschen Museum zeigt. Dort ist der legendäre Zündapp-Motorroller "Bella R 200" zu sehen, dessen hochklappbare Sitzbank ihn auch für kurze Ausflüge ins Grüne prädestinierte. Oder der Messerschmitt-Kabinenroller, ein futuristisch anmutendes Gefährt mit zwei hintereinander liegenden Sitzen und drei Rädern.

"Eigentlich hatte jeder ein Auto, wenn er es sich leisten konnte", sagt Charles Brauer. Und der Historiker Axel Schildt erinnert an das "1-2-3-4-Syndrom", mit dem Männer der Fünfziger die Kombination "eine Frau, zwei Kinder, drei Zimmer, vier Räder" abkürzten: das Auto als festes Familienmitglied. Die meisten Männer adoptierten einen VW Käfer, dessen "Modell Standard" 1951 4600 D-Mark kostete. Ein unschlagbarer Preis, mit dem der Wagen aus Wolfsburg seine Klasse dominierte. Bis Ende der Fünfziger schaffte es VW, seinen Verkaufsrenner so preisgünstig anzubieten, dass nur Kleinstwagen wie das Goggomobil oder die Isetta billiger waren.

Und so war auch der VW Käfer für viele das, was die Isetta für die Trickfilmfamilie aus der Werbung wurde: das langersehnte Glück.

Zu schön ist es, man glaubt es kaum,

es fand Erfüllung dieser Traum.

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1.
Gerhard Mühlhausen 14.01.2011
"...einestages über die Ikonen des Nachkriegsjahrzehnts, das den Fortschritt rasend schnell nach Deutschland brachte." Sehr geehrter Herr Gödecke, gelegentlich erlaube ich mir eine aus dem immer selben Grund wichtige Frage. Und, ja, sie ist ganz sicher nervend und - unvermeidlich. Mit wem hat sich Westdeutschland doch 1990 gleich nochmal vereinigt? Welches Territorium wurde da westdeutscher Gesetzlichkeit, Hoheit,... unterstellt, angeschlossen? Die gedankenlose oder eben absichtliche Ausgrenzung bzw. grundsätzlich negative Konnotierung der 40 DDR-Jahre auf so ziemlich allen Gebieten ist ein sicheres Zeichen für die nach wie vor nicht vollzogene Deutsche Einheit. So wie das Kaiserreich, die Nazizeit usw. zu Deutschland gehören, so gehört eben auch, ob das (West)Deutschen gefällt oder nicht, auch die DDR-Geschichte zu Deutschland. Gab es in der DDR ein Wirtschaftswunder, das seine technischen Ikonen und Symbole hatte? Ganz bestimmt? Kennen Sie welche? Allerdings sah das Wirtschaftswunder der DDR eben sehr erheblich anders aus als in Westdeutschland. Trotz der massiven Reparationen, die die DDR an die SU für eine Gesamt(!)deutsche Schuld zu zahlen hatte, ging es irgendwann spürbar aufwärts. Ein Wunder? Ich denke schon. Leider bin ich mir sicher, daß es in dem von Ihnen gewählten (ausgrenzendem) Stil weitergehen wird. Es ist schade. Na, vielleicht ist es auch noch etwas anderes? Mit freundlichen Grüßen
2.
Martin Bitdinger 15.01.2011
Sehr geehrter Gerhard Mühlhausen, solange gewisse Ostdeutsche noch immer glauben (oder wider besseres wissen böswillig behaupten), nur die DDR habe Reparationszahlungen leisten müssen, so lange ist die Einheit nicht vollzogen. Aber das ist alles ohnehin eine Generationenfrage. Natürlich hat die DDR auch vieles in der Zeit geleistet, vor allem auf dem Bausektor. Als Beispiel sei die Mauer genannt.
3.
Volker Altmann 18.01.2011
?Das Wirtschaftswunderland? ist ein geschichtlicher Begriff, der sich nun mal auf die fetten Jahre der jungen Bundesrepublik bezieht. Einen Spaltergedanken kann ich darin nicht erkennen. Zudem es wohl niemand verwehrt wird, seine Erfahrungen in der aufstrebenden DDR hier in einem Bericht darzulegen. Ein Manko ist sicherlich, dass es ein wenig an menschelnden Berichten über DDR-Zeiten mangelt. Das darf hier offenbar nicht sein, die DDR darf ausschließlich politisch bewertet werden. Wer sich daran stört, wird schnell zurechtgewiesen und als Kadermitglied abgestempelt. Dabei fällt mir auf: Die größten Kritiker der Elche, waren früher selber welche.
4. Stereoanlage in den 50zigern?
Guenter Liewald 19.05.2014
wohl eher nicht. die Radiosendungen wie auch Schallplatten waren zu der Zeit ausnahmslos mono. Natuerlich konnte man an das Radio zwei Lautsprecher haengen, dadurch wird das Ergebnis aber nicht stereo.
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