FC Barcelona gegen Real Madrid El Clásico - das Duell der ewigen Rivalen

Wenn Barça gegen Real kickt, geht es nie allein um Fußball. Die große Fehde wurzelt in einem 11:1-Spektakel zur Zeit der Franco-Diktatur. Heute sehen viele Fans FC Barcelona als Symbol für Kataloniens Unabhängigkeitsdrang.

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Blanker Hass brandete auf, als die Spieler des FC Barcelona aufs Feld liefen. Fans von Real Madrid beschimpften sie, lärmten mit Trillerpfeifen, warfen Steine und Flaschen; Barcelonas Torwart verharrte verängstigt vor dem Strafraum. In der Pause forderte ein Polizist die Fußballer in der Kabine zum Weiterspielen auf: "Ihr geht jetzt alle aufs Feld oder direkt ins Gefängnis."

Mit 11:1 besiegte Real Madrid am 13. Juni 1943 Barcelona. Mit dieser Demütigung vor 75 Jahren begann die größte Klubrivalität, die der Weltfußball kennt. In den wichtigsten nationalen Ligen gibt es viele brisante Duelle über Jahrzehnte. Aber wenn am Sonntag wieder "El Clásico" angepfiffen wird, werden rund um den Globus Hunderte Millionen Menschen vor dem Fernseher mitfiebern.

Wer in Spanien lebt, unterstützt neben seinem lokalen Verein entweder Barcelona oder Real. Egal gibt's praktisch nicht: Bei einer Umfrage vor einigen Jahren sagten nur 11 Prozent, ihnen seien beide Klubs gleichgültig. Hier kicken schon seit Ewigkeiten die größten Stars - Alfredo Di Stéfano, Johan Cruyff, Diego Maradona, Luís Figo, Zinédine Zidane, Ronaldinho, Raúl, Xavi.

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Barcelona gegen Madrid: Wilde Kerle - eine historische Fehde

Heute sind die prägenden Kontrahenten Lionel Messi und Cristiano Ronaldo - 5:5 lautet ihr Spielstand beim Wettstreit um den Titel "Weltfußballer" der vergangenen zehn Jahre.

Sportliche Fortsetzung des Bürgerkrieges?

Um Sport allein geht es bei den Partien längst nicht mehr. Madrid ist Spaniens politisches und geografisches Zentrum, die Mittelmeermetropole Barcelona sieht sich in einem jahrhundertelangen Abwehrkampf gegen den Zentralstaat. Als das Parlament in Barcelona im Oktober 2017 für Kataloniens Unabhängigkeit stimmte, stellte Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy die Region sofort unter Zwangsverwaltung. Carles Puigdemont, als abgesetzter katalanischer Regierungschef derzeit im Berliner Exil, sieht Spanien deshalb in der Tradition des Diktators Franco, der Spanien von 1939 bis 1975 regierte.

Die Duelle zwischen Real und Barça beschreibt der Mainzer Politologe Wolfgang Muno als "symbolische Fortsetzung des spanischen Bürgerkriegs". Aus der Perspektive vieler Katalanen steht Real Madrid für das Franco-Regime. Im Gegenzug unterstellen Real-Anhänger dem FC Barcelona, Spaniens Einheit zu gefährden und unter einem Minderwertigkeitskomplex zu leiden. Der spanische Autor Alfredo Relaño sagt, beide Klubs seien "geboren, um sich zu ärgern"; der Journalist Miguel Ángel Linares spricht von "Krieg".

Das 11:1 im Juni 1943 war nicht der erste Clásico, nicht mal der erste nach dem Bürgerkriegsende 1939. Aber es war "der entscheidende Markstein für die Rivalität", so der Berliner Historiker Julian Rieck. Mit der Meisterschaft hatten beide Vereine in diesem Jahr nichts zu tun; der Copa de Generalísimo, wie der Pokalwettbewerb zu Ehren Francos hieß, war ihre letzte Chance auf einen Titel. Im Halbfinal-Hinspiel hatte Barcelona zu Hause mit 3:0 gewonnen. Die Zuschauer pfiffen Madrids Spieler wegen ihrer harten Spielweise aus, dafür musste Barcelona eine Geldstrafe zahlen.

Weiße Trikots, "weißes Ballett"

Zum Rückspiel gibt es bis heute Erzählungen, schon vor dem Spiel habe ein Uniformierter in der Kabine eine Niederlage des FC Barcelona gefordert. Barça-Spieler konnten sich später nicht daran erinnern. Wahrscheinlicher ist, dass die Spieler wegen des Acht-Tore-Rückstandes schon zur Halbzeit aufgeben wollten und der Polizist in der Pause drängte, das Spiel halbwegs regulär zu Ende zu bringen. Trotzdem war die Legende geboren, wonach der Franco-Club Real Madrid unbedingt gewinnen sollte. Allerdings verlor Real dann das Pokalfinale gegen Bilbao, also ausgerechnet gegen einen Klub aus dem ebenfalls widerständigen Baskenland.

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Kicker-Sticker: Tausche vier Maldinis gegen ein' Rudi Völler

Die Real-Barça-Duell wurde über die Jahrzehnte immer neu aufgeladen. So fühlte sich Barcelona beim Wechsel von Alfredo Di Stéfano 1953 zu Real Madrid ausgetrickst. Prompt traf der argentinische Topstürmer gleich bei seinem ersten Clásico zweimal zum 5:0. Mit Di Stéfano holte Real acht Meisterschaften, fünfmal nacheinander den Europapokal der Landesmeister - die Ära des "weißen Balletts".

Ende 1960 flog Titelverteidiger Real gegen Barcelona aus dem Europapokal. Reals Präsident Santiago Bernabéu argwöhnte, Barcelona habe die englischen Schiedsrichter bestochen. 1968 kam es zum "Finale der Flaschen": Daheim verlor Real mit 0:1 gegen Barcelona, wieder gaben die Zuschauer dem Unparteiischen die Schuld und warfen Glasflaschen auf den Platz. Diesmal sagte Bernabéu: "Wenn jemand behauptet, ich möge Katalonien nicht, da irrt er sich. Ich liebe und bewundere es, trotz der Katalanen."

Ein Schweinekopf für Luís Figo

Zwei Jahre später fühlten sich Zuschauer beim Clásico in Barcelona vom Schiedsrichter verschaukelt, sie rissen Sitze aus den Verankerungen, einige stürmten den Platz. Das Spiel wurde abgebrochen. Dass Barcelona eine hohe Geldstrafe zahlen musste, Madrid aber zuvor für die Flaschenwürfe straflos davonkam, galt katalanischen Fans als weiterer Beleg für Reals Bevorzugung.

Zum Regionalhelden wurde 1974 ein Holländer: Weltstar Johan Cruyff gab seinem Sohn den Namen des katalanischen Schutzpatrons Sant Jordi. Noch nie stand nach dem Bürgerkrieg ein Jordi im spanischen Namensregister, erlaubt waren nur kastilische Vornamen. Cruyff aber hatte seinen Sohn schon in den Niederlanden als Jordi eintragen lassen. Und führte kurz darauf den FC Barcelona in seinem ersten Clásico zu einem 5:0-Sieg in Madrid. Es passte ins Bild, dass die Herrschaft des greisen Generals Franco zu Ende ging.

Die Klub-Rivalität blieb nach dem Übergang zur Demokratie. Was Fans nicht verzeihen: Luís Figo wechselte nach der Europameisterschaft 2000, als er zum besten Spieler des Turniers gewählt wurde, von Barça zu Real. Zuvor hatte der Portugiese getönt, genau das niemals zu tun. Als er beim Clásico im November 2002 eine Ecke treten wollte, flog von Barcelonas Tribüne ein Schweinekopf in seine Richtung. Als Real-Trainer immer für saftige Provokationen gut war José Mourinho - beim Clásico im August 2011 stach er Barças Co-Trainer Tito Vilanova sogar einen Finger ins Auge.

Barcelonas Fans erdachten immer neue Aktionen, um ihren Verein als Symbol für die katalanische Identität zu definieren. Sie spannen den Bogen bis ins Jahr 1714, als Bourbonenkönig Felipe V. Barcelona einnahm und die Stadtoberhäupter köpfen ließ. Im Stadion zeigen sie die katalanische Fahne und skandieren nach 17 Minuten und 14 Sekunden "Independencia".

Ende einer Fair-Play-Geste

Die Vereinsführung agiere seit jeher weitaus pragmatischer, sagt der Essener Sporthistoriker Sven Ehlert, und bemühte sich auch in den letzten Monaten um Ausgleich: Eine Abspaltung Kataloniens könnte bedeuten, dass der FC Barcelona die Primera División verlassen muss - sportlich wie wirtschaftlich ein Fiasko. Den Clásico könnte dann nur die Einführung der Super League retten, einer Weltliga der größten Fußballklubs. Barcelona und Real wären sicher dabei.

In dieser Saison präsentieren sich beide Vereine heiter bis wolkig. In der spanischen Liga geriet Madrid aus dem Tritt, blamierte sich im Pokal und brillierte auch in der Champions League nicht, konnte sich aber gegen Bayern München knapp ins Finale retten. Dagegen schied Barcelona schon im Viertelfinale der Champions League aus und dominierte dafür die Primera División, mit derzeit 15 Punkten Vorsprung auf Real.

Am Sonntagabend treffen sie wieder aufeinander. Eine schöne spanische Fußballtradition gebietet seit fast 50 Jahren: Wird ein uneinholbares Team wie jetzt Barcelona vorzeitig Meister, steht der nächste Gegner Spalier. Und damit wäre Real dran, im Camp Nou. Diese Geste des Respekts aber lehnt Real-Trainer Zinédine Zidane ab - ein Applaus-Korridor als Huldigung für den ärgsten aller Gegner, nein, Schluss damit. Neuer Zunder für das ewige Duell.


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Tobias Seibt, 06.05.2018
1. Nebenbemerkung
Das nur kastilianische Vornamen in der Francozeit erlaubt waren kann schon sein, aber es wurde sicher nicht befolgt. in meiner eigenen Ver- und Bekanntschaft gibt es unzählige Beispiele von Personen mit 40+ Jahren, die das Gegenteil beweisen. Außerdem gibt es einen Pep Guardiola, einen Carles Puigdemont, ...
Gregor Motzka, 06.05.2018
2. Naja
"Mit dieser Demütigung vor 75 Jahren begann die größte Klubrivalität, die der Weltfußball kennt. In den wichtigsten nationalen Ligen gibt es viele brisante Duelle über Jahrzehnte." Es ist vielleicht die in Europa bekannteste Klubrivalität, aber ob es auch die größte ist, würde ich mal bezweifeln. Spontan würden mir da noch die schon ältere Rivalität Celtic - Rangers einfallen, die wegen ihrer poltischen Dimensionen sogar noch brisanter ist oder außerhalb Europas natürlich "El Superclasico" - Boca Juniors gegen River Plate. Ein Duell bei dem sogar die Klubfarben in einem Entscheidungsspiel zwischen beiden Vereinen geklärt werden mussten. Darüber hinaus ist es auch ein soziales Duell zwischen Arbeiterklasse und Mittel-/ Oberschicht. Es wäre schön wenn Spon auch mal über den Tellerrand schaut und nicht immer nur Real / Barca glorifiziert.
Hans Richard Jonitz, 06.05.2018
3. Sicher dabei?
"Den Clásico könnte dann nur die Einführung der Super League retten, einer Weltliga der größten Fußballklubs. Barcelona und Real wären sicher dabei." Na, da würde ich aber diverse Fragezeichen dahinter setzen. Barca wäre vermutlich zwar Serienmeister im neugegründeten Staat Catalunya, der ebenfalls neugegründete Fussballverband müsste aber erst mal in die UEFA aufgenommen werden, sonst nimmt von dort kein Verein an europäischen Wettbewerben teil. Und wenn das dann Jahre später erfolgt ist darf der katalanische Meister gleich in der Qualifikationsrunde mitspielen. Da nach jahrelanger Zwangsabstinenz von internationalen Wettbewerben auch erhebliche Lücken im Vereinsetat Barcas entständen wären, dürfte sich das auch auf den Kader auswirken. Womit wollen die denn den bezahlen ohne Gelder aus Madrid oder von der UEFA? Auch ich bin generell für Enthusiasmus, empfehle trotzdem, die Dinge erst mal zu Ende zu denken.
Julia Wending, 06.05.2018
4. So nicht ganz Richtig
Sehr viele Katalanen sind Anhänger von Real Madrid und ja auch in Madrid gibt sehr sehr viele Fans vom F.C.Barcelona. Verkehrte Welt.
Michael Schmidt, 06.05.2018
5. @ Tobias Seibt: doch, so war es.
Nur konnte man nach Francos Tod seinen Namen im offiziellen Namensregister katalanisieren (aus José macht Josep -> Pep, aus Jorge mach Jordi) bzw. baskisieren (aus Jorge mach Gorka), auch als Erwachsener. Das haben dann viele gemacht. Auch in meiner Familie. Es war ein wichtiges Zeichen.
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