St. Pauli gegen Hamburger SV "Schieß doch, Bulle!"

Manche Fußballpartien bleiben für immer. Das Spiel ihres Lebens - für St.-Pauli-Fan Ayla Mayer ist es das Derby gegen den HSV 2010: weil es das erste am Millerntor war. Und weil alles so rund lief. Bis zur 88. Minute.

Joern Pollex/Bongarts/Getty Images

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Zur Autorin
  • Ayla Mayer (Jahrgang 1980) ist seit 17 Jahren Mitglied und Dauerkartenbesitzerin des FC St. Pauli. Sie ist Social-Media-Redakteurin bei SPIEGEL ONLINE und steht alle zwei Wochen in der Millerntor-Nordkurve. Dieser Beitrag ist ein gekürzter Text aus dem Buch "Das Spiel meines Lebens", in dem 24 Autoren von ihrer Liebe zum Fußball erzählen.

Es dauert eine Ewigkeit, bis ich verstehe, dass dies das Ende ist.

Die halbe Haupttribüne ist aufgesprungen. Ein Kriegsgeheul, mein Herz hämmert: kein Tor. Mladen Petrics Volleyschuss ist weit am Pfosten vorbei, sonst würden hier nicht alle jubeln.

Das kann nicht sein. Das kann nicht passieren, wir sind noch nicht fertig. Es ist doch erst die 88. Minute.

Es war doch schon die 88. Minute. Wir waren doch fast durch.

Petrics Ball, wuchtig im Eck hinter Thomas Kessler eingeschlagen, liegt längst bewegungslos im Tor. Die Gesichter um mich herum sind in meiner Erinnerung starr vor Fassungslosigkeit wie ich selbst. Petric hatte getroffen, es stand jetzt 1:1. Aber es gibt Spiele, da gibt es kein Unentschieden. Der HSV hatte ausgeglichen: Also hatte der HSV gewonnen.

Dabei hatten wir nichts zu verlieren. So waren wir die Sache auch angegangen.

Thore, Julia, Jens, Sarah, Folko, Eva, Reiner, Cord, die beiden ungleichen Nilse, Moritz und ich, wie immer jedes zweite Wochenende in der Nordkurve. Nach Jahren gegen Wilhelmshaven oder Leverkusen II war der Lohn fällig, für Jahre der Geduld: Sonntag, 19. September 2010, 15.30 Uhr, Bundesliga, Derby gegen den HSV. Heimspiel. Dass es bewölkt und kalt war, nahmen wir nicht wahr. Wir wollten den Moment in der Sonne genießen, den hatten wir uns verdient.

Sonne, Mond und Schmerzen

Erstmals in der Vereinsgeschichte: der HSV am Millerntor. Aus Sicherheitserwägungen hatten unsere Heimspiele stets beim HSV stattgefunden, diese Partie war nun erstmals auf unserem Turf. Es würde aus knarrenden Boxen "You'll Never Walk Alone" gespielt, unser Gebrüll im engen Stadion würde lauter und echter sein als alles, was man je von 55.000 Rauten gehört hatte.

Das bis dato letzte Derby 2002 beim HSV war im Rückblick spektakulärer Slapstick, hinterließ aber auch tiefe Wunden. Wir waren seit 28 Spieltagen auf einem Abstiegsplatz, dennoch hatte Kapitän Thomas Meggle tagelang über den Boulevard getönt: "Den HSV schlagen wir auch auf dem Mond!" Am Ende zeigte die Stadionanzeige 0:4, wochenlang schlichen wir wie geprügelte Hunde durch die Stadt.

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St. Pauli gegen HSV, 2010: Das Spiel meines Lebens

So einen Schmerz wollte ich nie wieder erleben. Also riskierte ich ihn noch mal. Liebe ist ein bescheuertes Konzept.

Wir schoben uns unter den Flutlichtmast, wo die Nordkurve auf die Gegengerade traf. Jens deutete auf den Bunker an der Feldstraße, etwa 20 Fans hatten sich Zugang zum Dach verschafft. Bei diesem Spiel wollte man nicht einfach dabei sein. Man MUSSTE, um jeden Preis.

"Vielleicht macht Ruud van Nistelrooy heute ein Tor am Millerntor", sagte Thore in einem Ton aus Ehrfurcht und Unglaube. Van Nistelrooy, vor einem Jahr noch bei Real Madrid, gegen den FC St. Pauli, in einem Jahr wieder zweite Liga.

"Vielleicht macht Gerald Asamoah heute ein Tor am Millerntor", raunte ich. Was nämlich keiner weiß: Gerald Asamoah ist nur unseretwegen ans Millerntor gewechselt, genauer: wegen Moritz. Bei einem Test gegen Schalke hatte Moritz höchst vehement Asamoahs Einwechslung gefordert. Als es kurz vor Schluss geschah, dirigierte Moritz das "Gerald Asamoah! Oh-oh-oh-oh-oh! Gerald Asamoah!"

Im Juli darauf wechselte Asamoah auf Leihbasis und sagte, dass den Ausschlag letztlich gab, wie viele Fans er offenbar am Millerntor habe. Gefühlte 20 Minuten nach diesem Statement verletzte er sich, fiel zu Saisonbeginn aus und stand nun, vierter Spieltag, erstmals im Kader.

Boller war Teilzeit-Polizist

Diese Mannschaft war die beste seit Jahren: im Tor Thomas Kessler, die Katze. In der Innenverteidigung Markus Thorandt und der Peruaner Carlos Zambrano, den man nur anfeuerte, weil er für die eigene Mannschaft gegen Ball und Gegner trat. Bastian Oczipka und Carsten Rothenbach auf den Flügeln. Auf den Sechserpositionen Regisseur Matthias Lehmann und Fabian Boll. Im offensiven Mittelfeld wirbelten Deniz Naki, Rouwen Hennings und Florian Bruns, in der Spitze lauerte Kapitän Marius "Ebbe" Ebbers, der uns mit 20 Toren zum Aufstieg geschossen hatte. Unser Trainer: Holger Stanislawski, ehemals Spieler, Vizepräsident, Manager, Sportdirektor. Ewige Legenden.

Mein Lieblingsspieler war Fabian Boll, genannt Boller, aus Bad Bramstedt. Er hatte beim FC St. Pauli eine Karriere hinlegt, die niemand erklären konnte. Boller war seit seiner Jugend selbst oft in der Kurve am Millerntor und hatte kein Fußballinternat durchwandert, sondern mit 24 noch in der Oberliga gekickt. Nun, mit Anfang 30, war er seit dem ersten Spieltag Bundesligatorschütze. Nebenbei arbeitete er als Teilzeit-Oberkommissar in einer Hamburger Wache, weshalb wir ihn zärtlich mit "Schieß doch, Bulle!" anfeuerten.

YouTube: Millerntor vor dem Derby, 19.9.2010

Die "Hell's Bells" läuteten, wir entbrannten ein Inferno aus Konfetti, Kassenrollen, Klopapier, Bierdeckeln. Der Gästeblock füllte sich mit sattem, dunkelblauem Rauch. HSV-Fans schwenkten höhnisch Bengalos, wir konterten per Pfeifkonzert. Erste Bierbecher flogen über behelmte Polizisten, den Puffer zwischen den Blöcken.

Großer Fußball war das nicht, von beiden Seiten - egal. Die Anspannung vernebelte uns die Sicht auf die Realität, ebenso unser Blickwinkel aus der Nordkurve, den wir liebten, weil von dort jeder Torschuss gefährlich wirkte, jede Flanke geplant. Wir setzten Nadelstiche, mehr und mehr, wir machten das Spiel, vorn kamen Ebbers und Bruns gefährlich vors Tor. Emotionaler Höhepunkt der ersten Halbzeit war Paolo Guerreros Paolo-Guerrero-Gedächtnisgelb: wegen Schubsens. Der HSV schwankte zwischen uninspiriert und überfordert, er wirkte ein überalterter, behäbiger Tanker neben der wendigen Nussschale.

74. Minute, endlich: Asamoah

Die Ultras auf der Südtribüne deckten Frank Rosts Tor mit Klopapier und Bierrosetten ein, sein Strafraum sah aus, als hätte es Hohn und Spott geschneit. Auf dem Platz giftete unsere Mannschaft weiter. HSV-Trainer Armin Veh brachte Mladen Petric für Guerrero, der unter unseren Pfiffen vom Platz schlurfte.

"Eigentlich ungünstig, dass er geht", meinte Thore zwischen zwei Schluck Bier. "Bei der nächsten Szene wäre er geflogen."
"Keine einzige Torchance bislang, ihr Pisser!", brüllte Nils Richtung Gästeblock. Wir johlten.
"Ein Unentschieden", murmelte Moritz, als testete er das Wort in seinem Mund.

Ein Unentschieden. Keine krachende Niederlage, keine Demütigung, keine feiernden Rothosen auf unserem Rasen - auf einmal wirkte diese Möglichkeit einer Übereinkunft wie das Höchstmögliche der Gefühle. Sollte man sich nicht doch manchmal mit dem pragmatischen Mittelweg begnügen? Ging es nicht darum - in einem Panzer aus Sarkasmus und Ironie möglichst schadlos durch dieses Spiel, durch das Leben zu kommen?

Es gibt entscheidende Momente, die geschehen in Zeitlupe, weil man sein Leben lang auf sie gewartet hat. Und dann lockert man den Panzer aus Sarkasmus, weil das Herz so fest dagegen hämmert, dass es keinen Platz mehr hat. Aber Gefühle brauchen Platz, sonst bleiben sie klein, und für kleine Gefühle geht niemand zum Fußball.

Stanislawski schien nichts von einem Unentschieden zu halten. Er stärkte die Offensive, brachte erst Fin Bartels für Bruns und schließlich, in der 74. Minute: Asa. Ihm musste als altem Schalker niemand erklären, was ein Derby war. Gerald Asamoah, 46-facher Nationalspieler, stand keine 20 Sekunden für FC St. Pauli auf dem Feld, da hatte er bereits seine erste Schubserei mit David Jarolim.

Und Boller pumpte vor Adrenalin

"WE LOVE ST PAULI, WE DO!" Unser Gesang waberte über die Tribünen, ein Kanon betrunkener Zehntklässler. Ich stützte mich auf den Schultern meines Vordermannes ab, um nicht zu stürzen, mein Blick hing an Boller. Er ging, er lief nicht mal, er wanderte. Alle anderen schienen Asamoah zu folgen, doch ich hatte nur Augen für Boll. Ebbe umstellt, Bartels umstellt, Asamoah umstellt. Boll war allein. Keiner achtete auf Boll.

Bartels wollte den Ball reingeben - Flanke oder Torschuss? Bartels zog ab, Mathijsen blockte, der Abpraller landete bei Asamoah, vierte Ballberührung. Doppelpass mit Rothenbach, fünfte Ballberührung. Und dann passierte es.

Boll, schlaksig und stoisch, wartete frei am Halbkreis vor dem Strafraum. Asamoah schickte einen Flachpass, wie in Zeitlupe. Zé Roberto schaltete als Erster, er grätschte, doch Asamoahs Pass fand Boll. Der stoppte mit einer Lässigkeit und Ruhe, als hätte er nie in seiner Karriere etwas anderes gemacht, er legte sich den Ball vor, jetzt hatten auch die anderen Rothosen verstanden. Sie warfen sich zu dritt vor Boll - SCHIESS DOCH, BULLE! Und Boll schoss. Kein Bein, kein Fuß, keine Hand warf sich zwischen Boll und den Schuss seines Lebens. HSV-Torwart Frank Rost flog. Der Ball segelte an ihm vorbei ins lange Eck.

Mein Herz schwoll an, als müsse es zerspringen vor Glück, und ich schrie, schrie, schrie, jede Emotion musste raus. Ich versank in einem Rausch von Umarmungen, eine Woge aus Glück und Genugtuung schwappte durch das Stadion. Moritz und ich blickten uns um, lachend und desorientiert. Wir klebten vor Bier und Konfetti, der Rest unserer Gruppe, jeder in einer Menschentraube verfangen, tauchte wieder auf. In den Gesichtern las man, dass jeder für eine glückliche Sekunde genau dort angekommen war, wo er immer hinwollte.

Wie lang können denn bitte zwölf Minuten sein?

"Song 2" bellte über die Lautsprecher, an der Eckfahne löste sich Fabian Boll aus der Umklammerung von Mitspielern, Ersatzspielern, Betreuern. Boller pumpte vor Adrenalin. Er reckte die geballte Faust gen Gegengerade, griff das St. Pauli-Wappen auf seinem Trikot und küsste es, zweimal. Boller hatte es tatsächlich geschafft, und ich wurde erschlagen von der plötzlichen Gewissheit, dass Fußball nie wieder so schön und so echt wie das Leben sein würde wie in diesem unerwarteten Moment.

So ist das wohl, wenn die Hoffnung nicht totzukriegen ist. Vielleicht darf man nie aufhören zu kämpfen, denn die allermeiste Zeit verliert man im Leben, aber manchmal, manchmal gewinnt man eben doch.

Wäre die Geschichte doch nur hier zu Ende. Ist sie aber nicht.

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Das Spiel meines Lebens

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Wiederanpfiff, van Nistelrooy fast mit dem Ausgleich. Wir schrien auf vor Angst. Sekunden später noch einmal, wieder van Nistelrooy.

"Jetzt passt mal auf da!", brüllte Jens verzweifelt. "MAAANN!"

Ebbers eroberte den Ball, stürmte aufs gegnerische Tor zu. Missverständnis zwischen Rost und Jansen, Rost rutschte in Ebbers rein - FOUL! FOUL! FOUL! Ich schrie und tobte, ich trampelte vor Wut, dass muss er doch sehen! Schiri! Elfmeter!

Kein Elfmeter.

Meine Gedanken rasten. Gleich ist es rum, gleich ist das Spiel zu Ende, dann hast du die drei Punkte, und keiner kann sie dir jemals wegnehmen.

Wie viele Minuten noch?

Pfeif doch endlich ab!

Wir wechselten ein letztes Mal. Max Kruse für Deniz Naki, noch mehr Offensive. Ich zählte die Sekunden, jede unerträglich - wie lang können denn zwölf Minuten sein?

"Pfeif doch endlich ab!", brüllte ich. Bitte Fußballgott, lass es uns nach Hause bringen. Wenn wir dieses Spiel nicht gewinnen, gewinnen wir nie wieder irgendetwas. Das ist unsere letzte Chance.

88. Minute. Eigentlich eine ungefährliche Situation, doch Zambranos Kerze landete bei Petric. Er stoppte den Ball mit der Brust, linkes Halbfeld, 25 Meter, völlig unmöglich, dass der den…...

Moritz murmelte neben mir: "Nein."
"Was?" fragte ich.
Und dann war es vorbei.

Man muss kämpfen, wenn man nicht kämpft und nicht versucht, kann man nicht gewinnen, aber die allermeiste Zeit im Leben verliert man eben doch.

Allein allein: Autorin nach Abpfiff
Moritz Piehler/ SPIEGEL ONLINE

Allein allein: Autorin nach Abpfiff

Nach Abpfiff saß ich noch lange in der Kurve, zwischen aufgeweichtem Papier, Bierbechern und zertretenen Ballons. Ich wollte allein sein, jeder war in diesem Moment allein. Die Mannschaft ging auf die übliche Ehrenrunde, die Spieler klopften Boll aufmunternd auf die Schulter, doch der verstand wie wir die Welt nicht mehr.

Es gibt ein Foto von mir, wie ich in der Kurve hocke. Das Bein baumelt achtlos im Dreck, meine Körperspannung hat mich längst verlassen, Luft raus wie aus einem porösen Fahrradschlauch. Mein Blick ist auf einen unerreichbaren Horizont gerichtet, wo eben noch der Sieg war, ich blieb zurück.

Kann man etwas verlieren, das man nie wirklich hatte? Natürlich kann man das.

insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Dirk Oetzmann, 19.09.2017
1. Geil geschrieben!
Ich verdrücke eine Träne.
Theodor Nuber, 19.09.2017
2. Grandios geschrieben
Liebe Frau Mayer, dieses Meisterstück gehört in die SPON-Schatzkammer! So intensiv hätte ich es selbst in der Live-Übertragung nicht miterleben und mitempfinden können. Herzlichen Dank und tiefe Bewunderung für Ihre Leistung.
Theodor Nuber, 19.09.2017
3. Grandios geschrieben
Liebe Frau Mayer, dieses Meisterstück gehört in die SPON-Schatzkammer! So intensiv hätte ich es selbst in der Live-Übertragung nicht miterleben und mitempfinden können. Herzlichen Dank und tiefe Bewunderung für Ihre Leistung.
Hauke Schrieber, 19.09.2017
4. Kenn ich gut
Hübscher Beitrag (sage ich als HSVer)! Mir ging es beim 4:4 gegen Juventus ähnlich (und da wir das Rückspiel auswärts gewannen, ist es fast deckungsgleich mit Eurer vorerst letzten Derbysaison). Also: anstrengen, St. Pauli (und HSV), damit das bald mal wieder so eine Derby-Gefühlsachterbahn neben dem Dom gibt...
Lahdo Adiyaman, 19.09.2017
5. Bin kein Pauli oder HSV Fan...
...aber an das Spiel erinnere ich mich ganz genau. Es war kein technisch tolles Spiel aber spannend bis zum geht nicht mehr. Pauli hatte echt ne gute Truppe zusammen. Und man kann sagen was man will aber alle von den Jungs sind was geworden.
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