Feldpostbriefe aus dem Zweiten Weltkrieg "Endlich wieder Mensch sein"

Er kämpfte, bis er nicht mehr konnte, dann desertierte er: Im Februar 1944 lief ein deutscher Wehrmachts-Gefreiter in Italien während eines Gefechts zur US-Army über. In den Monaten zuvor hatte er in eindringlichen Briefen nach Hause den Wahnsinn an der Front geschildert. Jetzt erscheinen die Zeitzeugnisse als Buch - einestages bringt Auszüge.

Museum für Kommunikation Berlin

Von Jens Ebert und Thomas Jander


"Ich warte jetzt nur noch bis zum 15. Februar. Dann ist mir mein Leben mehr wert als alles andere", schrieb ein junger Wehrmachtssoldat Mitte Januar 1944 an seine Mutter. Als Margarete Stock jene Zeilen ihres Sohnes Hans gut zwei Wochen später zu lesen bekam, konnte sie ihm keine Antwort mehr geben. Hans hatte die Wehrmacht verlassen und war beim Einsatz in Italien zur U.S. Army desertiert.

Als Hans Stock diese Entscheidung traf, hockte der 21-jährige Berliner in einem Loch zwischen den Felshängen an der altehrwürdigen Benediktinerabtei Monte Cassino. Die Schlacht um das Tal tobte mit ungeheurer Wucht. Obwohl sich die Deutschen gut verschanzt hatten, konnten sie der amerikanischen Übermacht letztlich nichts entgegensetzen. Bis zum Ende des viermonatigen Gemetzels Mitte Mai 1944 hatten die Deutschen über 20.000 Mann verloren. Das Leben an der Front beschrieb Hans Stock in einem Brief vom 27. Januar 1944 so:

"Es waren neulich, wo ich den letzten Brief schrieb, fünf Stunden Waffenruhe, um die beiderseitigen Verwundeten zu bergen. Nachdem die Amerikaner über den Fluss Rapido übergesetzt waren, schossen unsere Do-Werfer hinein. Die machten ganze Arbeit, und sie hatten über 100 Tote. Man sah neulich die Sanis beider Seiten friedlich und aufrecht am Fluss entlangspazieren, die Rote-Kreuz-Fahne schwingend setzten sie auf Schlauchbooten über, trugen Bahren mit Toten und Verwundeten.

Menschliches Futter für die Mühle des Wahnsinns

Sie gaben sich die Hand, tauschten Zigaretten, 10 Deutsche gegen 50 Amerikanische. Sie ließen uns ihre schönen Marschverpflegungen und Schokolade. 'Nehmt man', sagte einer, der Deutsch sprach. 'Jetzt sind wir Freunde und in einer Stunde wieder Feinde', und so war es. So holten sie ihre Leichen und Krüppel, um bald wieder gesunde Leute in die Mühle zu schicken, die sie dann wieder als Freunde zurückholen. Ein Wahnsinn!"

1941 war der Berliner Abiturient Hans Stock zur Wehrmacht eingezogen worden. Zunächst als Angehöriger der Luftwaffe in der Nähe seiner Heimatstadt stationiert, war er nach der Niederlage bei Stalingrad zum Heer versetzt worde und wuirde dann Besatzungssoldat in Belgien, wo er sich in der Männergemeinschaft Wehrmacht zunehmend unwohl fühlte. Detailliert beschrieb er in einem Brief vom 27.7.1943 aus Gent an seine Familie, wie sich Anstand und Moral innerhalb der Truppe rapide auflösen.

"Ich habe augenblicklich eine etwas schwarzseherische Anwandlung, wahrscheinlich ausgelöst durch das Benehmen der Kameraden. Es wird mir komisch, wenn ich sehe, wie fast sämtliche Stühle, und was sonst noch kaputtzumachen ist, mit voller Wucht auf dem Boden zerkloppt werden und die Splitter durch die Gegend fliegen. Das meiste wird aufs Dach geschmissen. Es ist ein Höllenlärm, mit Stahlhelmen wird Fußball gespielt, Flaschen fliegen durch die Fenster, zerschellen an Mauern, alles ist mit Scherben, Dreck, zerfetzten Verdunkelungen und Kotze bedeckt. Man schmeißt sich mit scharfen Patronen oder polkt sie auseinander und steckt sie an, überall riecht es nach Pulverrauch!

Besoffen und randalierend an der Front

Die Kantine ist so besoffen, dass sie den Rest ihres Bestandes verschenkt hat. Die Feldwebel wanken durch die Gegend, die Unteroffiziere fahren in Badehosen auf dem Rad durchs Dorf. Zu acht Mann sind beispielsweise hundert Flaschen gesoffen worden. Macht Euch ein Bild. Es ist furchtbar, was sich hier abspielt. Und diesem Volk gehöre ich an. Bravo! Ich sehe schwarz.

Wenn es so kommt, wie Vater wohl manchmal voraussieht, so beschwöre ich Euch, in einsame Gegenden zu verziehen. Wenn alles schief (bzw. gut) geht, können wir vielleicht über Alex' Mutter später wieder zusammenfinden. [...] Das Verhältnis Vorgesetzter zu Mannschaft ist wie umgewandelt, alles duzt sich und ist gut Freund, andere wollen sich partout totschießen. Wie wird das noch alles werden? Seid versichert, dass es mir gut gehen wird. Was wird mein armer Wolf machen? Wie viele werden noch draufgehen? Aber Führer befiehl, wir folgen bis...?"

Was den Fall Hans Stock besonders macht, ist der sehr enge und offene Briefwechsel, den der junge Gefreite mit seinen Eltern ein Jahr lang geführt hat. Man darf nicht vergessen, dass die Soldatenbriefe, wenn auch nur stichprobenartig, kontrolliert wurden und "Wehrkraftzersetzern" die Todesstrafe drohte. Nur dem (Über-)Mut von Mutter und Sohn ist es zu verdanken, dass wir einen derart offenen Blick auf die hässliche Seite des Krieges werfen können. "Wann können wir endlich wieder Mensch sein?", fragt Stock in einem seiner Briefe. Wie sehr sich die Menschlichkeit in der deutschen Wehrmacht schon verabschiedet hatte, zeigt ein Brief vom 4.11.1943, den er aus Slowenien absetzte.

Der Abschied von der Menschlichkeit

"Gestern war auch so ein Fall für viele. Da hatte der Bauer einen Hund an der Kette mit Hundehütte auf dem Hof. Ein harmloser Hund war es, den ich auch gestreichelt habe. Sich in die Psychologie eines Hundes zu versetzen, verlange ich ja nicht. Denn er hat wohl noch nie solch einen Krawall erlebt, außerdem wurden die gefundenen Handgranaten in die Gegend gefeuert, dass die Scheiben wackelten. Was Wunder, dass der harmloseste Hund verrückt wird. Sein Verhängnis war, dass unser Zugführer an ihm vorüber ging. Er tobte und bellte und tat, als wollte er ihn beißen. Mein Oberfeldwebel wollte sich aber nicht beißen lassen, wie er selbst betonte. 'Von dem Hund nicht!' Sprach's, und fand einen ihm geeignet erscheinenden Knüppel, womit er meinem Hund mit wahrhaft deutscher Stärke beibrachte, was es heißt, im Kriege sich gegen die Uniform aufzulehnen.

Nach einigen Minuten begriff es auch der Hund, und nachdem er vorher immer soweit weglief, als seine Kette erlaubte und dadurch den gezielten Schlag verhinderte und gleichzeitig den Zorn meines fronterfahrenen Oberfelds auf sich zog, blieb er dann, alle Viere von sich gestreckt liegen. Nach einer Weile kam er noch einmal vorbei und siehe, der Hund wagte es noch zu atmen. Als edler Deutscher hatte er Erbarmen und knallte ihm eine Pistolenkugel in den Kopf. Ein Aufbäumen, und der Hund bohrte seine Schnauze in die Ecke zwischen Hundehütte und Hauswand. So stand er im Todeskrampf da, gekrümmt wie ein Flitzbogen mit einem Rücken, wie Paul ihn macht, wenn er sich nach dem Schlaf reckt.

'Vielleicht hat er jetzt genug' war seine, Zugführers, Bekräftigung, und so schritt er von dannen. Ich hatte gerade Posten, sonst hätte ich's ja mir nicht angesehen. Nach einer Weile hörte ich den Hund immer noch röcheln, ging ins Haus und empfahl, ihn noch mal zu schießen. 'Er wird schon sterben'. Er starb aber nicht und nach zehn Minuten, als ich wieder vorbei kam, sah ich ihn wieder ganz zusammengekauert daliegen mit etwas gehobenen Kopf. Ja, und so guckte er mich nun an. Wieder ging ich ins Haus und habe regelrecht Krach geschlagen. Einer fand sich auch mit Freuden und machte dem zähen Hund mit der Axt den Garaus.

Und die Leute, standen fassungslos in der Tür ihres Hauses und sagen nichts. Solche Sachen gibt es nun täglich zur Auffrischung des Kampfgeistes. Dazu werden zentnerweise Flugblätter ausgestreut, dass wir als Freunde und Friedensbringer kommen."

Doch der Mut von Menschen wie Hans Stock findet nach dem Krieg kaum Anerkennung. Während die Offiziere des 20. Juli trotz ihrer Nähe zum NS-Regime ganz allmählich zu demokratischen Vorbildern oder gar Helden avancierten, blieb den Deserteuren jede Rehabilitierung, geschweige denn Anerkennung verwehrt. Hartnäckig heftete an ihnen das Stigma von Verrat, Feigheit und psychopathologischer Abartigkeit.

Hans Stock wurde nach seiner Fahnenflucht im amerikanischen Kriegsgefangenenlager Camp "Greely" im US-Bundesstaat Colorado interniert. Als das Lager 1945 aufgelöst wurde, riss Stocks Briefverkehr mit seiner Familie ab. Ob er in einem der drei in den USA eigens für Deserteure und Hitler-Gegner eingerichteten sogenannten Antinazi-Lager einsaß, ist wahrscheinlich, aber nicht bewiesen. 1946 kehrte Stock nach Berlin zurück und arbeitete zuerst als Filmvorführer für die Alliierten, später als freischaffender Fotograf. Hans Stock verstarb 1972 im Alter von nur 49 Jahren an Lungenkrebs - sein extremer Zigarettenkonsum war eine Folge seiner Kriegserlebnisse.

Zum Weiterlesen:

Jens Ebert & Thomas Jander (Hg.): Endlich wieder Mensch sein. Feldpostbriefe und Gefangenenpost des Deserteurs Hans Stock 1943/1944. trafo-Verlag Berlin, 254 Seiten



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Axel Sasse, 20.04.2009
1.
Ähnlich aus dem ersten Weltkrieg ist das Buch von Dominik Richert: "Beste Gelegenheit zum Sterben" (1995 bei Knesebeck erschienen) Man wünscht sich diesen Berichten eine größere Verbreitung..
Fiedler Norman, 20.04.2009
2.
Tja, die Wehrmachtsdeserteure... Ein schwieriges Thema! Dieser hier war offensichtlich kein Widerstandskämpfer. Er wollte seine Haut retten und das ist sehr verständlich! Aber verdient es Ehrung? Liest man einmal die Protokolle, die während der Befragung von Deserteuren in allierter Gefangenschaft erstellt wurden, zeigt sich ein eher ernüchterndes Bild: die erdrückende Mehrheit flüchtete vor Verurteilung, die sie wegen Straftaten zu erwarten hatten. Auch hier sucht man den Widerständler vergeblich. Verdient das bei aller Nachvollziehbarkeit wirklich eine Gleichstellung mit den reuigen Sündern vom 20. Juli, wie im Artikel gefordert. Ich habe leise Zweifel...
C.F. Romberg, 21.04.2009
3.
Mit 49 verstorben, sehr traurig.... kann mir gut vorstellen das das Stigma der Deserteure ihm auch zu schaffen machte? Ich finde das es seit langem überfällig ist ALLE Deserteure des 2. Weltkriegs zu rehabilitieren. Deserteure eines illegalen Angriffskrieges sollten generell keine Verfolgung berfürchten müssen... Und auf den Kommentar von Herrn Fiedler einzugehen: Was die motivation war ist doch total egal, ob aus Furcht vor Bestrafung, aus pazifisitschen Motiven, oder einfach nur aus Angst vor dem Sterben, jeder sollte diese Entscheidung treffen können ohne Verfolgung durch die Jutstiz zu Fürchten... wir reden hier nicht von der Bundeswehr, wir reden hier vom 2. Weltkrieg, welcher ein verbrechischer Krieg war... alleine die kurzen Auszüge aus den Briefen in diesem Aritekel zeigen doch wie sich "die Deutschen" bei unseren Nachbarn aufgeführt haben, wie die Axt im Walde...
Fiedler Norman, 21.04.2009
4.
Und auf den Kommentar von Herrn Fiedler einzugehen: Was die motivation war ist doch total egal, ob aus Furcht vor Bestrafung, aus pazifisitschen Motiven, oder einfach nur aus Angst vor dem Sterben, jeder sollte diese Entscheidung treffen können ohne Verfolgung durch die Jutstiz zu Fürchten... wir reden hier nicht von der Bundeswehr, wir reden hier vom 2. Weltkrieg, welcher ein verbrechischer Krieg war... alleine die kurzen Auszüge aus den Briefen in diesem Aritekel zeigen doch wie sich "die Deutschen" bei unseren Nachbarn aufgeführt haben, wie die Axt im Walde... Ich verstehe durchaus Ihre Argumentation, erkenne, dass sie aus Sympatie und Mitgefühl für die Betroffenen schreiben. Da es sich hierbei aber um eine juristische Frage handelt, wird die Sache kompliziert: Zunächst ist Desertion egal aus welcher Armee, egal nach welcher Rechtsprechung und aus welchen Gründen grundsätzlich strafbar. In der RÜCHSCHAU haben wir natürlich die Möglichkeit zu einer anderen (moralischen) Bewertung zu kommen - nicht aber zu einer anderen juristischen. Wie soll man es zumal als unmittelbar Beteiligter von Fall zu Fall entscheiden, ob der Krieg, indem ich kämpfe, falsch oder richtig ist? Anhand der hier zitierten Erlebnisse ist dies schlicht unmöglich, da sie nicht die Realität eines Krieges mit besonders deutscher Note widerspiegeln, sondern die aller Kriege. Man studiere nur die Berichte aus Korea, Vietnam, Irak, Afghanistan... Obendrein spielt, wie ich finde, das Tatmotiv in jeder Bewertung eine zentrale Rolle. Man könnte sich beispielsweise fragen, ob betreffender Soldat, hätte er eben keine Russin vergewaltigt oder Kameraden bestohlen und daraufhin Strafe zu erwarten, auch zum Feind übergegangen wäre...?
xxx xxx, 22.04.2009
5.
Ich möchte Axel Sasse zustimmen, dass "diesen Berichten" eine größere Verbreitung zu wünschen ist. Anerkennung verdient allemal Hans Stocks Mut, diese Briefe überhaupt so offen geschrieben, und den Herausgebern des Buchs, diese veröffentlicht zu haben. Damit ist ja schon einmal ein erster Schritt zur Verbreitung getan, und diese Plattform eignet sich ebenfalls gut dafür. Wünschenswert ist, dass ein breiteres, vor allem junges Publikum diese Berichte wahrnimmt, und nicht nur zeitgeschichtlich interessierte "Spezialleser".
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