Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Jugend in der DDR "Feuerohren" in der Kinderhölle

Kinderferienlager in der DDR: Nichts für Mimosen Fotos
Marko Schubert/Klaus S.

DDR-Ferienlager waren nichts für Mimosen. Als Erstklässler, der er Ende der Siebzigerjahre war, wurde Marko Schubert von älteren Kindern gepiesackt. Wenigstens schickte Oma ab und zu Geld - genug für Leberwurst aus dem Dorfkonsum.

Bei meinem ersten Ferienlager in der ersten Klasse war ich sieben Jahre alt. Keine schöne Erinnerung, denn die älteren Kinder quälten mich. Heulend lag ich jeden Abend oben auf meinem Doppelstockbett und wollte nur noch zurück nach Hause zur "Mama". Das Wort konnte ich schon schreiben, einen ganzen Brief bekam ich aber nicht hin. Da es auch mit dem Lesen noch nicht klappte, befand ich mich zwei Wochen lang in einer Kinderhölle ohne Kontakt zur Außenwelt. Telefone gab es nicht, und im Lager fand ich niemanden, der mich tröstete.

Sie drehten mir die Arme auf den Rücken, rieben brennende "Feuerohren", boxten wie verrückt aufs Schulterblatt. So gemein wurde mir von hinten ein Bein gestellt, dass ich ständig in den Dreck fiel, mir Hände und Knie aufschürfte und mich allein wieder hochrappeln musste. Anderen Kindern aus unserer Gegend erging es sogar noch viel schlimmer. Viele fuhren nach diesem Martyrium nie wieder ins Ferienlager. Trotz großer Angst und einiger Blessuren gab ich aber nicht so schnell auf.

Opportunistisch in der Mitte eingereiht

In den Winterferien der zweiten Klasse schien sich dieser Mut auszuzahlen. Im Kinderferienlager "Willi Bredel" in Rodishain im Harz waren alle Kinder meiner Gruppe im selben Alter. Es gab also Große und Kleine, Ängstliche und Draufgänger, Gewinner und Verlierer, aber keine fiesen Typen, die ihren biologischen Vorsprung mittels Gewaltanwendung auslebten. Ich reihte mich perfekt und opportunistisch in der Mitte ein und hatte meistens meinen Frieden.

Obwohl wir sehr zeitig zum Frühsport herausgerufen wurden und die Waschräume in einem unbeheizten Flachgebäude 50 Meter von unseren Häusern entfernt waren, ahnte ich zum ersten Mal, dass ein Ferienlager "urst einfetzen" konnte, wie wir gerade sagten. Nach dem Frühstück bestand der ganze Tag aus Rodeln, Gleiter fahren, Schneeballschlachten und Iglu bauen. In dem klaren Flüsschen hinter den Hütten errichteten wir Staudämme, damit wir die vorbeischwimmenden Forellen besser fangen konnten. Wir spielten chinesisch Tischtennis, bis uns schwindelig wurde. Fast nach jedem Abendbrot gab es eine Lagerdisko oder eine Nachtwanderung mit der Taschenlampe.

Briefe mit Scheinchen von Oma Halle

Es machte richtigen Spaß, und mittlerweile konnte ich sogar schon lesen. Die Karten und Briefe von zu Hause, die ausschließlich Mutter schrieb, waren immens wichtig, auch wenn ihr Inhalt eher belanglos war. Denn Kinder, die keine Post bekamen, wurden sofort gehänselt. Auch Oma Halle schickte bald in jedes Kinderferienlager einen Brief, in dem eigentlich immer nur stand: "Hallo, mein Markilein. Ich hoffe, es geht Dir gut. Anbei findest Du ein kleines Scheinchen. Liebe Grüße, Deine Oma Halle." Bereits im zweiten Ferienlager kaufte ich mir von dem Geld im Konsumladen des Ortes eine herzhafte Thüringer Leberwurst, da es dort nur Mortadella und eine einzige Sorte Schmelzkäse zum Abendbrot gab.

Die Briefe meiner Mutter waren länger, oft bargeldlos und mit Schreibmaschine getippt. Sie teilte ihrem inzwischen achtjährigen Sohn Geschichten aus ihrem harten Arbeitsleben mit und klagte darüber, was Vater ("der Arsch") in meiner kurzen Abwesenheit schon wieder alles verbrochen hatte. Benny war natürlich meistens erkältet und vermisste angeblich seinen großen Bruder sehr. Das Bild, das sie zeichnete, stellte die Realität wahrscheinlich sogar relativ genau dar. Ich war dann froh, weit weg und frei zu sein.

Von meinen ersten Antwortkarten waren meine Eltern sicherlich gerührt. Darauf stand mit etlichen Rechtschreibfehlern vor allem, dass die Küchenfrauen nett waren, ich schon viele Freunde gefunden hatte und wir jeden Tag Schlitten fuhren. Sie sollten bitte auch Benny und die Hamster Max und Moritz grüßen.

"Hier ist alles sauteuer"

Ab der vierten Klasse hatte ich von anderen Kindern gelernt, dass auch ein letzter, entscheidender Satz auf die erste Karte musste: "Bitte sendet mir Geld, hier ist alles sauteuer." Obwohl mir Vater und Mutter vor der Reise heimlich etwas zugesteckt hatten, was ich dem jeweils Anderen nicht erzählen sollte und es in der DDR einheitliche Verkaufspreise gab, bekam ich seitdem nicht nur von Oma immer mal ein Scheinchen gesandt.

Benny, der drei Jahre nach mir das erste Mal in ein Ferienlager geschickt wurde, schrieb den "Geldsatz" gleich bei seiner zweiten Fahrt. Meine Eltern glaubten natürlich, dass er dies von seinem großen Bruder abgeschaut hatte. Obwohl auch er bald seine Zehner bekam, war er meistens nach drei oder vier Tagen wirklich pleite. Keine Ahnung, wie er das angestellt hatte - wahrscheinlich zu oft beim Mau-Mau-Spielen verloren oder zu viele Halloren-Kugeln genascht. Natürlich half ich ihm dann mit etwas Geld aus der Patsche.

Benny hatte es also entschieden einfacher in Rodishain, wo wir jetzt jedes Jahr gemeinsam hinfuhren. Als ihm ein gewisser Angelo einmal "Feuerohren" verpasste - er hatte so lange an Bennys Ohren gerieben, dass diese schon weinrot leuchteten - drehte ich seinen Arm mit beiden Händen in entgegengesetzte Richtungen, bis dieser wie Brennnesseln oder hunderte kleiner Stecknadeln piekte. Mit Hilfe zweier Freunde warf ich ihn dann in den benachbarten eiskalten Bach zu den Forellen. Es gab nie wieder Probleme mit Angelo. Er wurde später sogar unser Freund.

Relativ schnell wollte ich unbedingt im Sommer und im Winter in die Ferienlager fahren, und zwar immer nach Rodishain. Da es vielen anderen Kindern ähnlich ging, traf ich alle meine alten Freunde wieder. Schon bei der Anreise im Bus wusste ich, welchen Platz ich im Tischtennisturnier ungefähr belegen würde.

Getippte Inventarliste im Koffer

Meine Mutter schrieb vor meiner Abreise auf ihrer Schreibmaschine - natürlich während ihrer Arbeitszeit - eine ganz genaue Inventarliste mit den Utensilien, die sie mir in einen riesigen braunen Koffer packte. Ich hatte immer mehr als genug dabei. Jedes einzelne Kleidungsstück, aber auch die Sachen aus dem Kulturbeutel und der Essbestecktasche standen auf ihrer Liste, die in der Innenseite meines Koffers klebte.

"8 Paar Socken, 3 Hosen, 6 Hemden, 8 Schlüpfer, 2 Handtücher, 3 Paar Schuhe, 1 Zahnpasta, 1 Zahnbürste, 1 Gabel, 1 Messer, 1 großer Löffel, 1 kleiner Löffel ..." Eine komplette DIN-A4-Seite voll. Dummerweise fehlten auf dem Zettel solch wichtige Sachen wie 1 Tischtenniskelle, 2 Dreisterne-Bälle und 6 Kassetten.

Ich wurde streng ermahnt, beim Packen vor der Rückfahrt die Liste ganz genau abzuhaken, um zu kontrollieren, dass jedes einzelne Teil wieder dabei war. Spätestens ab der fünften Klasse kreuzte ich die komische Liste vor unserer Heimreise einfach ab, stopfte einen riesigen Klumpen aus benutzten Klamotten in den Koffer und setzte mich und einen Kumpel auf das Ding, damit wir es zubekamen.

Zu Hause gab es natürlich immer das große Stöhnen, was ich denn wieder mit meinen Sachen gemacht und in welchem Kuhmist ich mich gesuhlt hätte. Vom Geld meiner Oma oder von ihrem eigenen hatte ich jedoch für meine Mutter ein paar leckere Halloren-Kugeln im Dorfkonsum gekauft, die ich ihr schuldig dreinschauend überreichte. Sie lächelte glücklich und stopfte meine Dreckswäsche, auch wenn zwei Socken, ein Hemd und ein Geschirrhandtuch fehlten, wortlos in unsere Waschmaschine.

Auf einmal ging es auch um Mädchen

Das Sommerferienlager der siebten Klasse sollte mich ein letztes Mal nach Rodishain führen. Mit 13 war ich von heute auf morgen plötzlich ein Jugendlicher geworden, der nicht mehr so sehr auf Staudämme für Forellen, sondern auf die ersten Wölbungen unter den Blusen der Mädchen achtete. Das vormals uninteressante andere Geschlecht war in der ältesten Gruppe das wichtigste Thema.

Viele rauchten bereits und soffen heimlich Sachen aus dem Konsum. Ich tat dies nicht, gehörte deshalb aber auch nicht mehr dazu und bekam vom Obermacker, einem gewissen Jesse, für eine blöde Bemerkung einmal richtig eine auf die Fresse. Ich ahnte, dass ich bald komplett raus wäre, wenn ich mich dem heimlichen "Cabinet"-Rauchen, dem Genuss alkoholischer Getränke und dem "Mädchen fingern" entziehen würde. Doch noch riss ich mich zusammen.

So wurde es in anderer Hinsicht das erfolgreichste Kinderferienlager meines Lebens. Ich belegte den ersten Platz in der Kombinationsstaffel der Lagermeisterschaften, gewann das Wurfspiel, kam auf den zweiten Platz beim Tischtennisturnier, wurde Sieger beim Skatturnier und obendrein noch beim Liegestütz-Wettbewerb der Altersklasse 10 - 13. Beim letzteren, hieß es auf einmal, hätte ich angeblich beschissen.

Urkunden und blutige Lippen

Vom großen Boss Jesse, dem Zweitplatzierten, bekam ich zum zweiten Mal in jenem Jahr eine aufs Maul. Noch hatte ich, trotz blutiger Lippen, keine einzige Zigarette geraucht und keinen Alkohol getrunken. Dafür lagen fünf große Urkunden mehr im braunen Koffer. Auf der letzten Lagerdisko bekam ich dann meinen ersten richtigen Kuss von einer gewissen Dörte.

Ab der 8. Klasse wäre ich lieber nach Spanien, Italien oder Irland ins Ferienlager gefahren, aber daraus wurde leider nichts.

Anzeige

Artikel bewerten
2.7 (176 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 69 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Ferienlager in der 1.Klasse
Andreas Bauer, 14.06.2014
Ich bin auch ein Kind der gleichen Zeit wie der Autor. Aber Ferienlager in der 1. Klasse ist mir nicht bekannt. Meiner Erinnerung nach war der früheste Termin in der 5. Klasse bzw. die Ferien zw. 4. und 5.. Aber in der Sache hat der Autor recht. Der erste Besuch ist für fast niemanden das ganz grosse Vergnügen. Und für bestimmte Kinder und Jugendliche wurde es auch bei den nächsten malen nicht viel besser. Heute wäre mein Tip erstmal in den Winterferien zu fahren, da muss man das erstmal nur eine Woche aushalten anstatt gleich 2. Aber nach der Eingewöhnung war es für die meisten ein riesenspass.
2. Klingt vertraut
wauz, 14.06.2014
Sone Geschichten gibt es auch aus dem Westen...
3. optional
Heinz Scheidhauer, 14.06.2014
Den Artikel habe ich nicht gelesen, mir reichte die Überschrift!
4.
Paul Mosel , 14.06.2014
Die Geschichte hat bestimmt irgendein Spinner aus dem.Westen.erfunden.
5. 1. Klasse schon Ferienlager
Fred Gehlhar, 14.06.2014
kenne ich zwar auch nicht, aber egal. Auch ich durfte diese Einrichtung fünf Sommer lang genießen, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Wobei man hier tunlichst zwischen Pionier- und Betriebsferienlager unterscheiden sollte. Letztere waren wenig bis überhaupt nicht ideologisch angehaucht. Meiner Erfahrung nach gab es in den Ferienlagern eigentlich keine "Hackordnung" und Stänkereien gegenüber jüngeren Teilnehmern, im Gegensatz zu den Schulen. Engagierte Betreuer wussten solche Dinge zu unterbinden. Dazu kam die Aufteilung in Altersgruppen, die oftmals unterschiedliche Aktivitäten vornahmen. Mir persönlich waren alle Ferienlager ein unvergessliches Erlebnis, abseits der wohlmeinenden Obhut der Eltern, im Verband mit Gleichaltrigen. Sie waren vollgestopft mit Abenteuer, Entdeckungen und Aktivitäten jeglicher Art. Freundschaften und Erinnerungsfotos überdauerten diese 2-3 Wochen, mitunter bis heute. Alles in Allem war das gar nicht so verkehrt.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH