Fernsehen früher Bedienung, bitte!

Sie hießen "Flash-Matic", "Lazy Bones" oder "Space Command", und was sie konnten, war wie Science Fiction: Fernbedienungen gaben dem Zuschauer schon in den Fünfzigerjahren kabellose Kontrolle über sein TV-Gerät. Dabei steckte in den kleinen Kästen oft krude Technik.

Von Sven Stillich


"Sie müssen es sehen, um es zu glauben! Ein Strahl des magischen Lichts, und Ihr Fernseher geht an und aus, wechselt die Programme und schaltet nervige Werbung ab - während Sie in ihrem Sessel sitzen, bewirken Sie Wunder!" So bewirbt die Fernsehfirma Zenith 1956 ihre Fernbedienung "Flash-Matic", und es ist wirklich ein Wunder, für das dort Reklame gemacht wird: die erste Fernbedienung der Welt, "ohne Kabel, ohne Drähte, und absolut unschädlich für Menschen". Was die "Flash-Matic" verspricht, klingt wie Science-Fiction. Man drückt einen Knopf, und ein paar Meter entfernt reagiert etwas darauf: Die "Bismarck" - so heißt der beworbene Fernseher in der Anzeige - geht nicht unter, sondern aus.

Mitte der fünfziger Jahre war die Idee der Fernseh-Fernbedienung zumindest in den USA nicht mehr neu, aber die wenigsten Zuschauer besaßen eine. Zu teuer waren die Geräte, und sie mussten meist separat gekauft werden - noch waren TV und Fernbedienung kein Paar, das ohne einander nicht kann. Zenith hatte bereits 1950 die "Lazy Bones" präsentiert - eine Erfindung "wie aus Tausend und einer Nacht", schwärmte die Werbung. Eine Armverlängerung für faule Knochen, die sich nicht von ihrem Sessel erheben mochten, um zwischen den Kanälen hin und her zu wechseln.

Die Faulpelze zahlen für ihre Bequemlichkeit jedoch einen hohen Preis: Die "Lazy Bones" war per Kabel mit dem Fernseher verbunden, und so blieb es nicht aus, dass ständig jemand über die Schnur stolperte. Außerdem stellte sich die Frage: Wohin mit dem Knochen, wenn man ihn nicht brauchte? Wegschließen? Zusammenrollen? Viele hämmerten einen Nagel in ihren Sessel und hängten die Fernbedienung daran auf. Keine Lösung für die Ewigkeit, natürlich.

Wie von Geisterhand geht die Glotze an

Die Lösung sollte die "Flash-Matic" sein, erdacht vom Zenith-Ingenieur Eugene Polley und in Auftrag gegeben vom Zenith-Chef, Eugene F. McDonald Jr. - einem ehemaligen Kommandeur der US-Navy, der sich auch im Unternehmen mit "Commander" anreden ließ. Der Commander verabscheute Werbung im Fernsehen. Er wollte sie nicht sehen - oder zumindest nicht mehr hören.

Als die "Flash-Matic" 1955 eingeführt wird, sieht sie aus wie eine Mischung aus Taschenlampe und Duschkopf. Sie gibt ein sichtbares Licht ab, das von vier Fotozellen an den Seiten des Geräts erkannt wird: Deutet der Zuschauer mit der "Flash-Matic" auf eine der oberen Zellen, schaltet er ein Programm vor oder zurück, ein Lichtstrahl nach rechts unten stellt den Ton aus, und der Sensor links unten schaltet das Bild aus oder ein. Das funktioniert gut - bis auf den Umstand, dass oft auch einfach nur das Tageslicht den Fernseher einschaltet. Ebenso magisch, aber auch gruselig.

Der Commander ist nicht zufrieden. Etwas Besseres muss her. Und derjenige, der schnell die Idee zu etwas Besserem haben wird, ist Robert Adler. Der 43-Jährige arbeitet seit 1941 bei Zenith. Seinen Abschluss als Physiker hatte er in Wien gemacht, bevor er vor den Nazis fliehen musste. Adler denkt an Ultraschall: an Töne, die Menschen nicht hören aber Sensoren am Fernseher registrieren könnten. Doch er hat ein Problem: "Das Marketing bat mich, keine Batterien zu verwenden", erinnert sich der Ingenieur. "Damals wurden Batterien höchstens in Taschenlampen eingesetzt - und bei denen sah man, wenn ihre Kraft zur Neige ging. Die Fernbedienung würde jedoch ganz plötzlich aufhören zu arbeiten." Zenith hatte Angst, dass viele Kunden daraufhin denken würden, ihr teures Gerät sei kaputt.

Knöpfe wie Klaviertasten

Adler kommt auf die Idee, in seiner Fernbedienung kleine Aluminiumstäbe in Schwingungen zu versetzen, um Ultraschall mechanisch zu erzeugen: Wird einer der Knöpfe gedrückt, soll er eine Feder auslösen, die einen Hammer auf ein Stäbchen hämmern lässt. Dieses sendet dann Ultraschallwellen aus, die ein Mikrofon am Fernseher erkennen könnte. Für jeden Knopf bräuchte man ein Stäbchen anderer Länge, das einen anderen Ton von sich geben würde. "Die Knöpfe ähnelten eher Klaviertasten als heutigen Knöpfen", erinnert sich Adler. Er führt gemeinsam mit Eugene Polley einige Tests durch, und schließlich gelingt die Erfindung: Robert Adler wird zum Vater der modernen Fernbedienung.

Das erste Modell der neuen Generation heißt "Space Command". Wegen des Raums zwischen Zuschauer und Fernseher, den es überbrückt - und weil der Name so gut in die die Zeit passt, in der sich die USA mit den Sowjets ein Rennen um den ersten Weltraum-Satelliten liefern. Zenith nennt das Umschalten zwischen den einzelnen Fernsehkanälen "Zapping", nach dem "Zap"-Geräusch der Strahlenpistole des Comic-Helden Buck Rogers.

In Deutschland gibt es in diesen Jahren bereits Fernbedienungen mit Kabel, den "Zauberschalter" der Firma Tonfunk zum Beispiel. Ende der Fünfziger erscheinen die ersten Ultraschall-Fernbedienungen. Sie alle haben lediglich Knöpfe, mit denen sich Helligkeit, Kontrast und Lautstärke des Fernsehers regeln lassen - ein Umschaltknopf fehlt. Warum auch: Es gibt schließlich nur ein einziges Programm, die ARD. Das Zweite Deutsche Fernsehen nimmt erst 1963 den Sendebetrieb auf.

Der Aufmarsch der Knopfkrieger

Bis heute spiegelt die Formgebung der Geräte den jeweiligen Zeitgeist wieder, TV-Geräte und ihre Fernbedienungen passen sich stets dem Interieur der Wohnzimmer an. Erst suchen die Fernsehtruhen ihren Platz zwischen den Nierentischen und Tulpenlampen der Nachkriegszeit, dann, Ende der sechziger Jahre, verdrängt bei den Fernbedienungen Silber das Holz. Und mit dem neuen Design ändern sich auch die Namen der Geräte. Das Magische des Unbekannten schwindet, niemand versammelt sich mehr mit der Familie in Abendgarderobe vor den Fernseher, wenn eine Oper übertragen wird, die Werbung verspricht nun volle Kontrolle über die wachsende Zahl der Programme: Die Ära der "Zauberspiegel"-Fernseher ist vorbei, "Telecontrol" heißt 1969 ein Modell von Nordmende.

Anfang der achtziger Jahre funktionieren die Geräte immer noch mit Ultraschall. Robert Adlers Konzept war zwar elektronisch verfeinert (und natürlich mit Batterien versehen) worden, so dass Hunde nicht mehr beim Senderwechsel losheulten, weil sie die hohen Töne hören konnten - aber grundlegend hatte sich nichts geändert. Bis die Infrarot-Technik aufkommt und sich schnell durchsetzt. Auch, weil sich in den Achtzigern viele Deutsche einen neuen Fernseher kaufen, um Kabelfernsehen empfangen zu können. Die sind nun zumeist schwarz - und ihre Fernbedienungen natürlich auch.

Die Zepter der Neuzeit

Mit der Vielzahl der neuen Privatsender vervielfacht sich jetzt auch die Zahl der Knöpfe, Bild-in-Bild-Funktionen kommen hinzu oder Buttons für den raschen Wechsel zwischen zwei Programmen. Dazu liegen in den Wohnzimmern bald immer mehr (ebenso schwarze) Fernbedienungen für Videorecorder herum, verstecken sich zwischen Sofakissen oder werden sonst wo verkramt. Mitte der achtziger Jahre erfindet William Russell McIntyre bei Philips die erste Universal-Fernbedienung, die mehrere Geräte steuert und ebenso verkramt wird.

"Zapping" ist zur Kulturtechnik geworden und die Fernbedienung damit zum "Zepter der Neuzeit", wie sie der Philosoph József A. Tillmann nennt. 1997 werden Robert Adler und Eugene Polley für ihre Erfindung mit dem Fernsehpreis Emmy geehrt. Nach einer Studie des BAT-Freizeitforschungsinstituts vom Ende der neunziger Jahre zappt damals jeder zehnte deutsche Zuschauer pro Abend mindestens neun Mal durch das Programm.

Adler selbst hat nie gerne ferngesehen und stattdessen weiter geforscht. Sein letztes Patent für eine neue Touchscreen-Technologie wird ihm zwei Wochen vor seinem Tod zuerkannt. Im Februar 2007 stirbt der Vater der Fernbedienung mit 93 Jahren. "Heutige Geräte haben viel zu viele Knöpfe", hatte er sich einige Jahre zuvor beklagt, "aber ich kann das nicht mehr ändern. Ich würde nur gerne jemanden dafür anschreien, wenn ich die richtige Person fände."



insgesamt 3 Beiträge
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Robert Schneller-Wendelborn, 03.12.2008
1.
Diese ultraschallgesteuerten Fernbedienungen hatten auch noch einen originellen Nebeneffekt, der uns allerdings erst nach einer Weile klar geworden war. Zunächst dachten wir einige Zeit, daß das Gerät wohl defekt sein müsse. Ebenso wie die im Artikel erwähnten Lichtstrahlsteuerungen, die auch mal auf andere Lichtquellen reagieren konnten, gab es im normalen Alltag auch Geräusche, die den Fernseher wie von Zauberhand anschalten konnten. Bei uns waren das z. B. Stricknadeln aus Metall, die, wenn zwei davon zusammen auf den Tisch fielen, den Fernseher eingeschaltet haben.
Armin Ginschel, 03.12.2008
2.
Wir hatten ab 1974 einen futuristisch anmutenden Fernseher von Wega, ebenfalls mit einer Ultraschallfernbedienung. Durch Zufall entdeckte ich als Kind, dass meine Schlüsselringe wahlweise das Programm wechseln oder die Lautstärke verringern konnten. Mit ein wenig leisem Geklapper konnte ich vom dritten Programm ins zweite, vom zweiten ins erste und vom ersten Programm ausschalten. Ich gestehe zu meiner Schande, dass ich von nun an viel Spaß hatte mit meinem ahnungslosen Vater, der immer wieder drauf und dran war, den Reparaturdienst anzurufen.
Harald Kucharek, 03.12.2008
3.
Irgendwann ging einer der Programmknöpfe der Ultraschallfernbedienung kaputt. Laut Schaltplan erzeugte jeder Knopf einen Ton einer bestimmten Frequenz. Diese lagen 50 oder 500 (ist 30 Jahre her) auseinander. Ich machte mir dann den Dopplereffekt zunutze: Wenn ich die Taste links von der kaputten drückte und dabei die Fernbedienung schnell auf den Fernseher zubewegte, oder die Taste rechts von der kaputten drückte und die Fernbedienung schnell vom Fernseher wegbewegte, schaltete die Glotze auf den gewünschten Sender. Noch ein Tipp für Infrarotfernbedienungen: Handykameras "sehen" deren Infrarotlicht. Betrachtet man die Sende-LED also mit der Handykamera, kann man sehen, ob diese überhaupt angeht. Gut als Batterietest.
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