Fernsehgeschichte Als Deutschland auf Sendung ging

Fernsehgeschichte: Als Deutschland auf Sendung ging Fotos
Ralf Klee

Ein Dackel, eine Schauspielerin und jeden Abend Marschmusik: Vor 75 Jahren lief Deutschlands erste öffentliche Fernsehübertragung. Für Hitlers NS-Regime war es ein Propagandacoup, das Programm allerdings lohnte das Einschalten kaum - der Durchbruch gelang dem neuen Medium erst dank Sport. Von Ralf Klee und Broder-Jürgen Trede

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Berlin im Jahre 1934. Vieles hat sich radikal verändert in den letzten Monaten. Adolf Hitler ist Reichskanzler, Demokratie und Reichstag sind in Flammen aufgegangen. Die Berliner Krolloper gegenüber des Brandenburger Tores wird zum Versammlungsort der Nationalsozialisten, der Begriff "Parlament" wäre ein Euphemismus. Wenn in dem imposanten Gebäudekomplex nicht gerade Hasstiraden gegen Kommunisten und Demokraten geschmettert werden, finden dort noch andere Großveranstaltungen statt.

Wie am 18. April 1934. An diesem Tag huschen Mitarbeiter der Reichspost und der Telefunken AG durch die Gänge der Oper. Sie wollen einer kleinen, technikinteressierten Besucherschaft die Leistung des im nahen Witzleben installierten UKW-Bildsenders demonstrieren. In der Krolloper bereiten sie den Empfang vor: Der Vorführraum wird abgedunkelt, das klobige Fernsehgerät eingeschaltet. Allmählich kann man das Fernsehen riechen, als sich die Kathoden der mächtigen Röhren und die Schaltkreise erhitzen. Ein Geruch der Zukunft. Ein Techniker justiert währenddessen den elektronischen Zauberkasten. Mit dem einen Drehknopf stellt er die Frequenz für das Bild ein, mit einem anderen den Ton.

Dann ist es soweit. Aus dem Lautsprecherfeld tönt Sprache, und auf der Bildröhre tanzen dazu bleiche Bilder. Im Dunkel der Krolloper wirken die Impressionen aus der Kathodenstrahlröhre wie ein elektronischer Spuk. Der neue UKW-Testsender hat seine Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt: Erstmals ist in Deutschland eine öffentliche Übertragung in Bild und Ton gelungen. Den 18. April 1934 wird man später als Geburtsstunde des deutschen Fernsehens feiern, obwohl in der Hauptstadt bereits seit Jahren Versuchssendungen durchgeführt wurden. Bis zum regelmäßigen Programmbetrieb soll noch knapp ein Jahr vergehen. Die Deutschen aber wollen der englischen BBC unbedingt zuvorkommen - und einen Propagandacoup landen.

Gedichte, Dackel, Marschmusik

Der "Reichssendeleiter" Eugen Hadamovsky gibt die politische Marschrichtung des neuen Mediums vor: "In dieser Stunde wird der Rundfunk berufen, die größte und heiligste Mission zu erfüllen: nun das Bild des Führers unverlöschlich in alle deutschen Herzen zu pflanzen."

Zu diesem Zweck soll das Fernsehen als eine deutsche Erfindung verkauft werden. Verdient gemacht hatten sich darum allerdings auch Ingenieure wie Takayanagi Kenjir? aus Japan, der Ungar Dénes von Mihály und Boris Lwowitsch Rosing aus der Sowjetunion. Das deutsche Propaganda-Ministerium will davon nichts wissen, über ausländische Entwicklungen darf zeitweise nicht berichtet werden. Stattdessen stilisieren die Verantwortlichen den greisen Paul Nipkow, Erfinder einer Scheibe zur optisch-mechanischen Bildabtastung und neben Manfred von Ardenne einer der deutschen Wegweiser des Fernsehen, zum völkischen Säulenheiligen: In einem Festakt anlässlich Nipkows 75. Geburtstag verleihen die Nationalsozialisten dem Sender am 29. Mai 1935 den Namen "Paul Nipkow". Der so Geehrte erhält zudem eine lebenslange Rente von 400 Reichsmark und einen wertvollen Telefunken-Empfänger.

Viel zu sehen gibt es in jenen Anfangstagen des Fernsehens allerdings nicht. An drei Abenden in der Woche werden von 20 bis 22 Uhr einfache Unterhaltungs- und Informationssendungen ausgestrahlt. Die Schauspielerin Ursula Patzschke ist das Gesicht des neuen Senders. Sie sagt die kurzen Beiträge an, rezitiert Gedichte und füllt die übrige Zeit mit Kunststücken ihres Dackels. Um 22 Uhr entlässt sie die wenigen Zuschauer mit ihrer Standardabsage in die Nacht: "Hiermit beendet der Fernsehprogrammbetrieb der Reichssendeleitung sein heutiges Bildprogramm. Waren Sie zufrieden? Wenn ja, sagen Sie es bitte allen Ihren Bekannten weiter. Gefiel es Ihnen nicht, sagen Sie es bitte uns. Schreiben Sie an den Fernsehbetrieb der Reichssendeleitung, Berlin, Haus des Rundfunks. Zum Ausklang des Abends: Marschmusik. Auf Wiedersehen bei der nächsten Sendung. Heil Hitler!"

Durchbruch mit Olympia

Es ist offensichtlich: Das neue Medium muss erst mit Leben, genauer: mit geeigneten Darstellungsformen und Inhalten gefüllt werden. So haben die ersten Sendungen vor allem den Zweck, der Öffentlichkeit zu zeigen: Das deutsche Fernsehen funktioniert.

Die Olympischen Spiele 1936 in Berlin bringen die Wende. Akribisch hat sich deutsche Reichspost auf das Ereignis vorbereitet: Neue Kameras und Aufnahmeverfahren wurden entwickelt und für die zahlreichen Gäste im In- und Ausland weitere Fernsehstuben eingerichtet. Erstmals gelingt der Schritt heraus aus dem Studio im "Haus des Rundfunks" in Witzleben und hinein ins aktuelle Geschehen. Kameramänner an den schweren "Fernsehkanonen" fangen Olympia in elektronischen Bildern ein. Es ist ein voller Erfolg. Die Besucher in den überfüllten Fernsehstuben der Reichspost jubeln mit den Athleten. Rund 160.000 Menschen werden fernab des Olympiastadions Augenzeugen der Ereignisse. Aus dem elektronischen Puppentheater ist ein ernstzunehmendes Medium geworden.

Der "Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda" Joseph Goebbels beobachtet die Entwicklung des Fernsehens seit der Machtübernahme. Im August 1933 besucht er erstmals in offizieller Funktion die Funkausstellung in Berlin. Begeistert notiert er in sein Tagebuch: "Phantastisch, was man hier alles zu sehen bekommt. Fernsehen ist die große Zukunft." Im Februar 1935 bekommt der Propagandachef ein Gerät für seine Privatwohnung gestellt. Wenn es die Arbeit zulässt, schaltet er ein: "Abends ferngesehen. Es geht dort vorwärts. Wir sind führend. Bewunderung der Technik."

"Das Fernsehen ist nun sozusagen perfekt"

Hinter den Kulissen wird daran gearbeitet, das neue Medium zur Marktreife zu bringen. Die Reichweite der Sender und die Qualität der Empfänger müssen verbessert werden. Die Finanzmittel dafür sind im Vergleich zu denen des Hörfunks gering, dennoch gelingen große Fortschritte: Auf der Berliner Funkausstellung 1939 wird der "Deutsche Einheits-Fernseh-Empfänger E1" vorgestellt, ein Gemeinschaftsprodukt mehrerer Unternehmen, darunter Loewe und Telefunken - und ein technisches Meisterwerk. Der E1 besitzt eine Bilddiagonale von 29 Zentimetern und erstmals einen flachen, rechteckigen Leuchtschirm.

Der E1 soll der Volksempfänger fürs Auge werden, denn bislang stehen nur knapp 500 Geräte in privaten Haushalten. Sein Verkaufspreis beträgt 650 Reichsmark. Für einen einfachen Arbeiter sind das noch immer mehr als drei Monatslöhne. Doch das Fernsehen als Massenmedium scheint nun keine ferne Vision mehr zu sein. Goebbels notiert: "Die Ausstellung bietet sehr viel Neues. Vor allem ist das Fernsehen nun sozusagen perfekt. Da fehlt nichts mehr. Die neuen Apparate kommen gleich in den Handel."

Ausgeliefert werden allerdings nur knapp 50 Exemplare. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wird die Produktion zu Gunsten militärischer Zwecke eingestellt. Deutschland braucht nun Bildröhren für Radarschirme. Der Berliner Sender "Paul Nipkow" gilt dennoch als kriegswichtig. Er soll weiter Unterhaltung und Ablenkung in die Fernsehstuben und Lazarette liefern. Selbst nachdem die Sendeanlagen am 23. November 1943 durch Bomben zerstört werden, kann der Sendebetrieb über Breitbandkabel noch fast ein Jahr lang aufrechterhalten werden. Am 19. Oktober 1944 bleiben die Mattscheiben endgültig schwarz. Der Grund dafür sind keine technischen Probleme sondern der Mangel an ausreichendem Personal infolge des Fronteinsatzes.

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